Organspende in den USA Zehnjährige bekommt Lunge von Erwachsenem

Neues Leben für ein kleines Mädchen: Eine Zehnjährige hat in den USA eine Spenderlunge von einem Erwachsenen bekommen - obwohl sie eigentlich auf ein Organ von einem Kind hätte warten müssen. Die Eltern zogen deshalb sogar vor Gericht.

Sarah mit ihren Eltern vor der Transplantation: "Der Tag ist gekommen"
AP

Sarah mit ihren Eltern vor der Transplantation: "Der Tag ist gekommen"


Sarahs Schicksal hatte die Nation seit Wochen erschüttert: Die Zehnjährige aus den USA leidet an Mukoviszidose, einer vererbbaren Stoffwechselkrankheit, bei der zäher Schleim die Bronchien und andere Organe verstopft. Ihr Zustand wurde in den vergangenen Wochen immer schlechter, wie der Sender CNN und andere Medien berichteten. Im Mai sagten ihre Ärzte, dass sie ohne neue Lungen nur noch bis zu fünf Wochen leben werde.

Nach bisherigen US-Regeln müssen Patienten, die jünger als 12 Jahre sind, auf Lungen warten, die von einem anderen Kind kommen. Erst wenn es keine Erwachsenen oder Jugendlichen auf den Wartelisten gibt, die als Empfänger in Frage kommen, kann ein Kind die Lungen eines Erwachsenen bekommen. Das Problem: Lungenspenden von Kindern sind rar - Sarahs Lage wurde immer verzweifelter.

Ihre Eltern und die Familie eines elfjährigen Jungen, der ebenfalls schwer lungenkrank ist, fochten daher die Beschränkungen vor Gericht an. Anfang Juni gab ihnen ein Richter in Philadelphia recht und erließ eine einstweilige Verfügung, nach der die Kinder auch Anspruch auf das Implantat von Erwachsenenlungen hätten.

Die Eltern sind außer sich vor Freude

Am Dienstagabend war dann ein Spender gefunden worden, Mittwochmorgen transplantierten die Ärzte Sarah die Organe, die ihr nun das Leben retten könnten. Die Familie sei außer sich vor Freude, dass Sarah die Operation überstanden habe, erklärte ihre Mutter Janet Ruddock Murnaghan am Mittwoch auf Facebook. "Ihre Ärzte sind sehr zufrieden sowohl mit ihren Fortschritten während des Eingriffs als auch mit der Prognose zu ihrer Erholung." Die Anpassung der beiden Lungen an den kindlichen Körper sowie die Transplantation seien kein Problem für die Ärzte der Kinderklinik in Philadelphia gewesen. Das Krankenhaus selbst wollte sich zunächst nicht äußern.

"Wir sind begeistert, dass dieser Tag gekommen ist, aber wir wissen auch, dass diese gute Nachricht eine Tragödie für eine andere Familie bedeutet", erklärte Murnaghan weiter. Diese Familie habe entschieden, Sarah das Leben zu schenken. "Sie sind heute die wahren Helden."

Das Mädchen muss sich nun von dem großen Eingriff erholen. Das kann lange dauern, dem Kind ging es vor der Operation sehr schlecht. Vor allem in den ersten Monaten aber auch später noch kann es zu einer Abstoßungsreaktion kommen, Sarah muss ihr Leben lang Medikamente schlucken, um das zu verhindern.

Sarahs Familie hatte in zahlreichen Interviews auf den Fall aufmerksam gemacht und die US-Regierung aufgefordert, eine Ausnahme für das kleine Mädchen zu machen. Auch Abgeordnete aus Philadelphia hatten US-Gesundheitsministerin Kathleen Sebelius gedrängt, die Regelung außer Kraft zu setzen, wonach Organe von erwachsenen Spendern nur an Patienten über zwölf Jahren vergeben werden dürfen.

In Deutschland haben Kinder Vorrang

Der Bioethiker Arthur Caplan vom New York University Langone Medical Center warnte davor, das bestehende Vergabesystem über Anwälte und Politiker in Frage zu stellen: "Im Allgemeinen sollte weiterhin das System entscheiden, wer am besten eines der wenigen lebensrettenden Organe bekommt", zitiert die britische BBC Caplan.

In Deutschland erhalten Kinder und Jugendliche bis zu einem Alter von 16 Jahren den sogenannten HU-Status (High Urgency - hohe Dringlichkeit). Gemeinsam mit den anderen HU-Patienten bekommen sie vorrangig vor allen anderen Wartenden ein Spenderorgan. So sehen es die Richtlinien der Bundesärztekammer zu Herz- und Herz-Lungen-Transplantationen (S. 13 ff.) vor. Diese Zuordnung gilt für die Dauer von acht Wochen und muss besonders begründet werden.

Die Richtlinien der Bundesärztekammer für Lungentransplantationen legen zudem fest, dass ein Kind zwar bevorzugt von einem anderen Kind ein Spenderorgan bekommen sollte. Nach Angaben von Hermann Reichenspurner, Leiter der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie an der Universitätsklinik Hamburg Eppendorf, ist es in Deutschland aber durchaus erlaubt, dass ein Kind Spenderlungen von einem verstorbenen Erwachsenen bekommt. Axel Rahmel, Direktor der für die Verteilung von Organen zuständigen Stiftung Eurotransplant, teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit: "Ein Kind kann mit den Lungen eines verstorbenen Erwachsenen transplantiert werden, dann wird allerdings nicht die ganze Lunge, sondern nur ein oder zwei Lungenlappen der Spenderlunge transplantiert." Durch die beschriebenen Mechanismen werde gewährleistet, dass eine geeignete Spenderlunge bevorzugt kindlichen Empfängern angeboten werde.

hei/dpa/AFP

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
gandhiforever 13.06.2013
1. Entscheidung ueber Leben und Tod
Zitat von sysopAPNeues Leben für ein kleines Mädchen: Eine Zehnjährige hat in den USA Spenderlungen von einem Erwachsenen bekommen - obwohl sie eigentlich auf ein Organ von einem Kind hätte warten müssen. Die Eltern zogen deshalb sogar vor Gericht. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/organspende-in-den-usa-zehnjaehrige-bekommt-lungen-von-erwachsenem-a-905476.html
Natuerlich goenne ich dem Maedchen die neue Chance zum Leben, die es nun erhaelt. Ich verstehe auch die Eltern, die sich nicht damit abfinden wollten, dass die Chancen ihrer Tochter auf eine neue Lunge geringer sein sollten als bei Erwachsenen. Andererseits sehe ich auch eine Problematik darin, dass nun anscheinend Gerichte entscheiden koennen, wer ein neues Organ erhaelt und wer nicht. Am Ende entscheidet dann wohl das Geld ueber die Vergabe?
kleck 13.06.2013
2. Ach...
Und ich dachte, dass das Geld bis dato darüber entschieden hat, wer in Germanien eine neue Leber bekommt oder nicht....haben sie da etwas uebersehen?
gandhiforever 13.06.2013
3. Philly in Germanien?
Zitat von kleckUnd ich dachte, dass das Geld bis dato darüber entschieden hat, wer in Germanien eine neue Leber bekommt oder nicht....haben sie da etwas uebersehen?
Wer hat da wohl etwas uebersehen?
kreis_rund 13.06.2013
4.
Letztendlich ist mir ehrlich gesagt scheißegal (die Redaktion möge diesen Kraftausdruck bitte verzeihen), WER meine Leber oder welche Organe auch immer bekommt. Auch diejenigen, deren Ärzte gegen das hiesige Transplantationsgesetz verstoßen haben, brauchten dringend Organe zum Weiterleben. Ich weiß nur zu gut über die Brisanz dieser Straftaten Bescheid, da ich aus einer leukämiebehafteten Familie entstamme, und in den vergangenen 25 Jahren schon drei Familienmitglieder Knochenmarkspenden benötigten. Wenn sich Teile des Transplantations-Universums dann widergesetzlich verhalten, ist es harter Tobak, und gehört zurecht bestraft! Aber warum sollte ich wegen solcher Knallchargen (auch hier möge mir die Redaktion den Kraftausdruck verzeihen) all diejenigen bestrafen, die auf Spenderorgane angewiesen sind? Wie arrogant und selbstsüchtig ist eine derartige "Rache"-Einstellung bitteschön...? Mein Organspendeausweis bleibt unangetastet. Wenn ich tot bin (oder eben die lebenerhaltenden Geräte gemäß meiner notariell beurkundeten Patientenverfügung abgestellt werden sollen), dann brauche ich meine Organe nicht mehr. Wer auch immer sie bekommt, hatte sie nötig. Auch die Organe unserer Kinder werden gespendet, sollte eins unserer Kinder sterben. Der kleinen Patientin, die gestern operiert wurde, wünsche ich eine gute Genesung - und ein langes Leben!
Medienkenner 13.06.2013
5. optional
Gut, man fühlt mit dem Einzelnen, der vom Schicksal negativ betroffen ist. Man darf aber natürlich auch nicht vergessen, daß ein (Lungen-)Transplantierter zeitlebens ein sehr kranker Mensch mit eingeschränkter physischer Leistungskraft und stark reduzierter Lebenserwartung bleibt, dazu kommen dauerhaft hohe Medikamentengaben, regelmäßige medizinische Betreuung, Nachuntersuchungen, Kontrollen etcpp. Was die Organspende anbelangt, ist das eigentlich Schlimme, daß Organspender -meist Unfallopfer- oftmals gleich nach der der Einlieferung ins Krankenhaus als Spender eingestuft werden, daß heißt, die Behandlung wird einzig darauf abgestellt, die Organe zu erhalten. Eine Behandlung des Unfallopfers in Richtung seiner Genesung wird nicht ernsthaft durchgeführt. Diagnostische, administrative und sonstige Maßnahmen ("therapeutische") erfolgen einzig zur Vorbereitung der Organentnahme - und zwar ohne daß zunächst die Angehörigen davon in Kenntnis gesetzt werden. Parallel werden passende Organempfänger gesucht, wird einer gefunden, wird "Hirntod" diagnostiziert. Ärzte selektieren, wer weiterleben darf oder wer ausgeweidet wird.
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