Transplantation Wieso werden in Deutschland so wenige Organe gespendet?

Die Zahl der Organspender in Deutschland ist auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gesunken. Woran liegt das? Und wie kann man einer Spende zustimmen - oder sie ablehnen? Der Überblick.

Organspendeausweis (Archiv)
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Organspendeausweis (Archiv)

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Wie viele Menschen haben Organe gespendet?

In Deutschland wurden 2017 die Organe von 797 toten Spendern entnommen und transplantiert. Das waren weniger denn je, seit Jahren sinkt die Zahl der Organspenden. 2011 etwa gab es 1200 Spender.

  • Es ist denkbar, dass die 2012 bekannt gewordenen Organspendeskandale zu diesem Rückgang beigetragen haben. Gab es 2011 noch 14,7 Spender pro einer Million Einwohner, waren es 2012 nur noch 12,8 und 2013 nur noch 10,9.
  • Kliniken melden nicht jeden potenziellen Organspender. Ärzte beklagen, dass Transplantationsbeauftragte in den Krankenhäusern nicht ausreichend finanziert würden. Auffällig ist, dass die Krankenhäuser seit 2013 deutlich weniger mögliche Fälle an die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) melden.
  • In Deutschland müssen potenzielle Spender ihre Bereitschaft zu Lebzeiten erklärt haben oder ihre Angehörigen müssen zum Schluss kommen, dass dies der Wille des Verstorbenen war. In einigen anderen Ländern gilt eine andere Regelung: Wer nicht zu Lebzeiten widerspricht, gilt als potenzieller Organspender.

Wie kann ich meine Bereitschaft zur Organspende erklären - oder der Spende widersprechen?

Beides geht mit einem Organspendeausweis. Das Dokument können sich Interessierte gratis in Apotheken holen oder zum Beispiel hier herunterladen, ausdrucken und dann ausfüllen.

Der Ausweis ermöglicht es,

  • der Spende zuzustimmen,
  • sie abzulehnen,
  • nur die Spende bestimmter Organe zuzulassen bzw. einzelne Organe von der Spende auszuklammern
  • oder eine Person zu bestimmen, die die Entscheidung dann treffen soll.

Liegt kein Spendeausweis vor oder hat der Betroffene nicht anderweitig schriftlich seine Einstellung vermerkt, fragen Ärzte die Angehörigen, was der Wille des Patienten war. Auch wenn der Tod kein angenehmes Gesprächsthema sein mag, ist es deshalb sinnvoll, mit der Familie darüber zu sprechen, ob man seine Organe spenden würde oder nicht.

In einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gaben 58 Prozent der Befragten an, dass sie sich bereits entschieden haben, ob sie spenden würden oder nicht. Doch einen entsprechenden Ausweis hat nur etwa ein Drittel der Befragten - die anderen haben ihren Willen nicht dokumentiert. Von jenen, die sich entschieden haben, sind knapp drei Viertel zur Organspende bereit.

Wer kommt als Spender infrage?

Organe können in Deutschland nur gespendet werden, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: Zum einen muss eine Zustimmung vorliegen (s.o.), und zum anderen muss der Hirntod nach den Richtlinien der Bundesärztekammer festgestellt worden sein. Dazu zählt etwa, dass zwei speziell geschulte Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen, also den endgültigen und unumkehrbaren Ausfall der Gesamtfunktion von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm.

Dazu müssen die Mediziner vorgeschriebene Apparate verwenden. Außerdem dürfen die Ärzte weder an der Entnahme der Organe beteiligt sein noch an der Implantation beim Empfänger. Alle Untersuchungen und Entscheidungen müssen dokumentiert werden und dürfen von den Angehörigen eingesehen werden.

Bei bestimmten Infektionskrankheiten oder Krebserkrankungen ist eine Organspende nicht erlaubt. Außerdem entscheidet der allgemeine Gesundheitszustand, ob ein Mensch Organe spenden kann oder nicht. Das Alter ist dabei nicht allein ausschlaggebend. Eurotransplant hat ein spezielles Programm für ältere Menschen entwickelt, die ihre Organe an ebenfalls ältere Menschen weitergeben können.

Wie viele Menschen in Deutschland brauchen ein Organ?

Es gibt hierzulande einen akuten Organmangel: Mehr als 10.000 Menschen stehen bundesweit laut der DSO derzeit auf der Warteliste; die meisten benötigen eine Niere. Täglich sterben drei von ihnen, weil sie nicht rechtzeitig ein rettendes Organ bekommen konnten.

Wie werden die Organe verteilt?

Für die Organvergabe ist die Stiftung Eurotransplant zuständig. Die Organisation mit Sitz im niederländischen Leiden ist ein Zusammenschluss von acht europäischen Ländern (Deutschland, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Österreich, Ungarn, Slowenien und Kroatien). Bei Eurotransplant laufen die Daten von wartenden Patienten aus 81 Transplantationszentren und die Informationen über die Spenderorgane von den zuständigen Organisationen (in Deutschland die DSO) zusammen. Auf dieser zentralen Warteliste stehen rund 15.000 Patienten. Das Ziel der Stiftung ist, möglichst alle verfügbaren Organe mit der höchsten Erfolgsaussicht an Empfänger zu verteilen.

Welcher Patient ein Organ bekommt, hängt zum einen davon ab, wie dringlich eine Transplantation ist, und zum anderen, wie groß die Erfolgsaussichten sind. Daher spielen neben der Wartezeit auch die Gewebeeigenschaften von Spender und Empfänger eine wichtige Rolle: Bei einem sogenannten perfect match stimmen besonders viele Merkmale überein, was ein besseres Ergebnis und eine höhere Lebensqualität verspricht. So kann es passieren, dass nicht immer der Erste auf der Warteliste ein Organ zugeteilt bekommt.

Warum gibt es in manchen Ländern deutlich mehr Organspender?

In den acht Eurotransplant-Ländern gilt in den fünf mit der höchsten Spenderquote die sogenannte Widerspruchslösung: In Kroatien, Belgien, Österreich, Slowenien und Ungarn ist jeder Bürger Organspender. Wer seine Organe nach dem Tod nicht spenden möchte, muss widersprechen. In manchen Ländern können auch die Angehörigen nachträglich gegen eine Spende stimmen. In den genannten Staaten lag die Spenderquote 2016 bei mindestens 18 pro eine Million Einwohner, in Kroatien sogar bei knapp 36.

In Luxemburg waren es lediglich 5,2 Spender pro einer Million Einwohner, obwohl dort ebenfalls die Widerspruchslösung gilt. Kritiker bemängeln jedoch, dass diese in der Praxis zu selten angewendet wird. Stattdessen würden häufig die Angehörigen befragt, die sich dann eher gegen eine Spende entscheiden, wenn sie den Wunsch des Verstorbenen nicht kennen.

Auffällig ist Spanien, das nicht Mitglied von Eurotransplant ist. Dort kamen im vergangenen Jahr 46,9 Organspender auf eine Million Einwohner. Das lässt sich nicht allein mit der Widerspruchslösung erklären.

Vielmehr sind dort alle Abteilungen in Krankenhäusern angehalten, mögliche Organspender zu identifizieren und zur intensivmedizinischen Behandlung zu überweisen - wo das Therapieziel in den letzten Lebensstunden dann auch beinhaltet, die Organe für eine Transplantation zu erhalten. Gilt ein Patient aus medizinischen Gründen nicht als Spender, wird eine zweite Meinung eingeholt, ob die Spende nicht doch möglich ist, auch Menschen über 80 kommen noch als Spender infrage.

Zudem ist es in Spanien erlaubt, Organe zu entnehmen, wenn ein Patient für tot erklärt wurde, nachdem er einen Herzkreislaufstillstand erlitten hat und die Wiederbelebung fehlschlug. Das ist in Deutschland verboten.

insgesamt 224 Beiträge
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Seite 1
gaerry 15.01.2018
1. Weil
in Deutschland Solidarität falsch verstanden wird. Es geht zunächts darum etwas zu bekommen, ohne zu geben. Das ist eben keine Solidarität. Man muss zuerst überlegen was man geben kann bevor man ans nehmen denkt. Wer kein Orgam spenden möchte, kann auch keines bekommen. So sehe ich das.
lupo62 15.01.2018
2.
Ich kann nur jeden raten, das Kärtchen auszufüllen und bei sich zu tragen. Wenn die Verfügungen darauf einmal umgesetzt werden sollten, tut das dem Ausfüller bestimmt nicht mehr weh....
libertina 15.01.2018
3. Viele Vorerkrankungen schließen Organspende aus
... das wird hier mal wieder vergessen - nämlich wie hoch die Latte für eine Spende tatsächlich hängt. Bei uns in der Familie wollten wir uns mal kollektiv um einen Spenderausweis bemühen und auch registrieren lassen. Ergebnis: Wir hatten alle vor Jahrzehnten mal was gehabt - lauter lange überstandene, eher banale Erkrankungen - die Ausschlussgründe für die Organspende darstellten.
Brathering 15.01.2018
4. Vielleicht weil weniger Menschen sterben?
Hirntod, akzeptabler Organzustand und keine ansteckenden Krankheiten. So jemand muss erst einmal auf dem Untersuchungstisch liegen. Zudem wird es teilweise eine natürliche Entwicklung sein. Autos werden sichere, die Straßen voller. Es ist da nicht mehr so leicht sich umzubringen. Oder möchte jemand, dass wieder mehr Menschen im Straßenverkehr umkommen?
jj2005 15.01.2018
5. Vertrauen ist der Schlüssel
Nein, ich habe keinen Spenderausweis, und werde mir auch keinen zulegen - es sei denn, er ist so konstruiert, dass die Ärzte erst NACH meinem Tod erfahren können, ob ich spenden will oder nicht. Etwa indem sie im Beisein von Angehörigen den von mir versiegelten Personalausweis aufbrechen und nachsehen, was ich da angekreuzt habe. Man mag das paranoid nennen, aber warum sollte ich, nach all den einschlägigen Skandalen, zu wildfremden Personen Vertrauen haben...? Da ist viel zu viel Geld im Spiel.
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