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Legaler Organhandel in Iran: Ein Jahresgehalt für eine Niere

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Organspende in Iran: Brauche Niere, biete Geld Fotos
Francesco Alesi/ parallelozero

Weltweit benötigen weit mehr chronisch Kranke eine neue Niere, als es Organe von toten Spendern gibt. Ein einziges Land erlaubt, dass Menschen gegen Bezahlung ein Organ hergeben: Iran. Die Geschichte eines Spender-Empfänger-Paares.

Narin hat ihre Niere nicht gespendet, weil sie ihr Kind, ihren Ehemann oder ihre seit frühster Kindheit beste Freundin retten wollte. Narin hat sich eine ihrer Nieren entfernen lassen, weil sie dafür Geld bekommen hat. Das benötigt die 29-Jährige, um endlich das Haus ihrer Eltern zu verlassen und zu ihrem Mann zu ziehen. Sie hofft, dass sie und ihr Mann einen Job finden, ehe das Organ-Geld ausgegeben ist. Beide sind seit Jahren arbeitslos.

Narins Niere hat Ghaffar bekommen, ein junger Mann, der seit mehr als fünf Jahren nur noch durch die Dialyse überlebt. Die Geschichte von Ghaffar und Narin können Sie in der Fotoreportage verfolgen.

Niere gegen Geld: Solch ein Handel ist in fast allen Ländern der Welt illegal - nur Iran schlägt bereits seit Jahren einen anderen Weg ein. 1988 rief die Regierung das "Lurd"-Programm ins Leben. Lurd steht für Living unrelated renal donation - also Lebend-Nierenspende unter Nicht-Verwandten. 1997 kam das "Geschenk des Altruismus"-Programm dazu, durch das Nierenspender zusätzlich Geld und andere Vergünstigungen vom Staat erhalten. Eine gemeinnützige Stiftung organisiert die Kontakte zwischen Spendern und Empfängern und die Transplantationen.

Ghaffar und seine Familie konnten Anzeigen, die direkt an Krankenhauswände gemalt werden, nach einem passenden Organ absuchen: Auf diese Weise bieten Verkäufer ihre Nieren an, mit Angabe von Blutgruppe, Alter, Geschlecht und natürlich Telefonnummer.

Ein Jahresgehalt für ein neues Organ

Den Preis für die Niere handeln Spender und Empfänger direkt miteinander aus. Er beträgt meist zwischen 2000 und 5000 Euro, ein durchschnittliches Monatsgehalt liegt bei 350 Euro. Das Gesetz schreibt vor, dass beide iranische Staatsbürger sein müssen. Dadurch wird verhindert, dass sich reiche Ausländer im Land eine Niere kaufen oder Arme aus Nachbarländern einreisen, um ein Organ anzubieten.

Narin bekommt umgerechnet 4600 Euro für ihre Niere. Ghaffars Familie war nie wohlhabend. Sie hat einen Großteil ihrer Besitztümer verkauft, damit der Sohn sich das neue Organ leisten kann.

Eine lange Warteliste für eine Nierentransplantation, wie sie etwa in Deutschland existiert, gibt es in Iran nicht.

Mitra Mahdavi-Mazdeh von der Universität Teheran berichtet 2012 im Fachmagazin "Kidney International" unter anderem über die aus ihrer Sicht gut gelösten Aspekte des Programms. Es gebe keine Schwarzmarkthändler, die sich bereichern. Der Transplantation müssten nicht nur der Spender selbst, sondern auch seine nächsten Angehörigen zustimmen.

Hegen Ärzte den Verdacht, dass jemand von seiner Familie zur Organabgabe gedrängt wird, sollten sie dem potenziellen Spender beistehen: Man könne jederzeit medizinische Gründe vorschieben, wenn der Spender doch nicht wolle.

Mahdavi-Mazdeh nennt auch die umstrittenen Punkte, insbesondere die Basis des Programms, dass eben Organe gegen Geld getauscht werden.

"Verkäufer werden stigmatisiert"

In einem SPIEGEL-ONLINE-Interview sagte der Medizinethiker Nir Eyal zum iranischen System, die Ergebnisse seien gemischt: "Einerseits ist die Warteliste für Nierentransplantationen deutlich kürzer. Andererseits werden Verkäufer schrecklich stigmatisiert und als 'Halbmenschen' verunglimpft."

Narin hat die Entscheidung ihren Verwandten gegenüber verschwiegen, nur ihr Mann ist eingeweiht.

Zusätzlich zum Lurd-Programm gibt es in Iran ebenso die Möglichkeit, die Niere eines verwandten Spenders oder eines Toten zu erhalten - also die beiden Optionen, die international akzeptiert sind.

2010 wurden mehr als 2200 Nieren in Iran transplantiert. 69 Prozent der gespendeten Nieren stammten aus dem Lurd-Programm. 26 Prozent von toten Spendern, die übrigen Organe von lebenden Verwandten der Empfänger. Der Anteil der toten Spender ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, der der Lurd-Spender zurückgegegangen.

Im November 2014 wird eine von Narins Nieren entnommen und Ghaffar transplantiert. Die Geschichte der beiden nimmt zumindest für den jungen Mann kein gutes Ende. Sein Körper stößt das transplantierte Organ ab. Drei Wochen nach dem Eingriff stirbt er.

Hier geht es zur Fotoreportage.

Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 77 Beiträge
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1. Pragmatisch
schmuella 31.08.2015
Die Umstände bzw. den kommerziellen Beweggrund kann man kritisieren. Aber auf der anderen Seite steht die Bewahrung von Leben, ohne das dafür ein anderes Leben gefährdet wird, denn auch mit einer Nierenhälfte kann man anscheinend normal leben. Man kann es Pragmatismus nennen.
2. Situation in Deutschland
RD123 31.08.2015
Man sollte den Organspendeausweis mit Vergünstigungen bei der KK verbinden. Das ist derzeit vermutlich die einzige rechtlich halbwegs wasserdichte Lösung. Ich fände eine automatische Organspende bei Nichtverweigern besser, das dürfte sich jedoch auf Grund der schweren Beweisbarkeit nicht realisieren lassen.
3. Zeichen von Politikversagen und verantwortungslosen Medien
Tom Bas 31.08.2015
Der Mangel an Spenderorganen in Deutschland ist an erster Stelle auf die Einverständnislösung zurückzuführen. Wir haben schlichtweg viel zu wenige Bürger mit Organspendeausweis. Und von denjenigen, die sich einen Ausweis einmal haben aufstellen lassen, hat eine nicht unerhebliche Anzahl diese nach den "Skandalen" zurückgezogen. Stellt man die "Skandale" in Ihrer Anzahl ins Verhältnis zu den in Deutschland durchgeführten Transplantationen, dann sind sie ein unbestritten unethisches Fehlverhalten von sehr wenigen Einzelfällen. Doch die Medienberichterstattung der großen Leitmedien, darunter auch der Spiegel, haben die Bürger den Eindruck gewinnen lassen, dass sich eine breite und reiche Medizinerelite an den Organen schamlos bereichert. Der Deutsche Bundestag könnte den Mangel sehr schnell deutlich reduzieren, indem er a) wie in Österreich die Widerspruchsregel einführt b) Deutlich mehr Geld für die Aufklärung der Bürger und damit eine Versachlichung der Debatte ausgibt. Der Beitrag aus dem Iran als Denkanstoß für Deutschland oder andere Länder macht ja gerade deutlich, dass Organspende aus wirtschaftlicher Not nicht vertretbar ist. Was er bedauerlicherweise nicht aufführt ist die Problematik, wie es den Spendern mit nur noch einer Niere geht und wie viele von diesen nach einigen Jahren selbst ein Spendenorgan brauchen. Sehr viele Spender leiden dauerhaft unter einer verringerten Leistungsfähigkeit, dauerhafter Müdigkeit und weiteren Einschränkungen, wie etwa zusätzlichen Lebensmittelunverträglichkeiten. Wenn es durch die Einführung der Widerspruchsregelung eine Lösung gibt, dann sind solche Modelle ethisch nicht vertretbar.
4. Gruselig
doofbacke 31.08.2015
ich finde es gruselig. Kann man sich die Staatsangehörigkeit dort als reicher Ausländer kaufen?
5. Gute Lösung
uwe.kiefel 31.08.2015
Man sieht mal wieder das der Iran ein sehr fortschrittlicher Staat ist und das es den Leuten dort bald wirtschaftlich wieder sehr gut gehen wird. Die Lösung das Spender und Spendennehmer iranischer Staatsbürgerschaft sein müssen schliesst aus das man aus dem Ausland kommen kann und sich ein Organ kauft. Damit ist es keineswegs gruselig. Man sieht auch an den zunehmenden Zahlen von Tot-spender, das dieser gute Umgang mit Leben dazu führt das die Leute moderner und aufgeschlossener als Totspender auftreten. Wenn man sich dagegen den jämmerlichen Umgang mit Totspenden hier in Deutschland ansieht. Mal wieder ein Punkt mehr wo Deutschland rückständig ist und wir noch viel mehr Diskussion in der Gesellschaft brauchen.
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