Verstöße bei Organvergabe: Konsequenzen für Münchner Klinik

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Klinikum rechts der Isar der TU München: Falsche Patientendaten übermittelt

Gefälschte Patientendaten, unrechtmäßige Organvergaben: Am Klinikum der TU München verlieren die Chirurgen die Verantwortung für die Transplantationsmedizin. Ein eigenes Zentrum soll nach Unregelmäßigkeiten einen Neuanfang ermöglichen. Kritikern geht das nicht weit genug.

München - In den letzten Tagen häuften sich die Vorwürfe gegen das Transplantationszentrum des Klinikums rechts der Isar der TU München. Mediziner sollen falsche Daten übermittelt haben, um ihre Patienten auf den Wartelisten nach oben zu schieben. Ein Patient soll operiert worden sein, obwohl sein allgemeiner Gesundheitszustand es eigentlich nicht zuließ. Nun folgen die Konsequenzen: Der Klinikbetrieb soll komplett umstrukturiert werden, teilte Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) als Aufsichtsratsvorsitzender des Klinikums mit.

Die Transplantationsmedizin soll in Zukunft aus den bisher verantwortlichen Abteilungen herausgelöst werden und als selbstständiges Zentrum für Transplantationsmedizin agieren, bisher lag die Verantwortung bei der Klinik für Chirurgie sowie der Medizinischen Klinik II. Der Aufsichtsrat habe dort jedoch "organisatorische und kommunikative Defizite im Bereich der Lebertransplantation" festgestellt und ziehe mit der Neuaufstellung daraus die Konsequenzen, sagte Heubisch nach einer außerordentlichen Sitzung des Gremiums.

Um weiterhin eine lückenlose Versorgung der Patienten sicherzustellen, bestellte der Aufsichtsrat mit sofortiger Wirkung Eberhard Kochs - den Direktor der Klinik für Anaesthesiologie - zum kommissarischen Leiter des neuen Zentrums. "Es soll zeitnah eine Leitung bestellt werden", sagte Heubisch. Erste Gespräche mit einem externen Kandidaten würden bereits geführt.

Die Maßnahmen gehen vielen Patientenvertretern nicht weit genug: So kritisierte etwa der Vorstand der Deutschen Hospizstiftung, Eugen Brysch, die von Heubisch verkündeten Schritte als nicht ausreichend. "Besser wäre es jetzt gewesen, wenn die Landesregierung dieses Zentrum geschlossen hätte", sagte Brysch laut Mitteilung. In Deutschland gebe es mittlerweile zu viele Transplantationszentren. Dies fördere Missbrauch und Manipulationen. "Konkurrenzkampf darf im deutschen Transplantationssystem keine Rolle spielen", sagte Brysch.

Vorwürfe: Gefälschte Diagnosedaten, fahrlässige Tötung

An der Münchner Klinik sollen Mediziner Diagnosedaten gefälscht haben, nach Informationen des SPIEGELwurden mindestens vier Patienten bei der Vergabe von Spenderorganen unzulässig bevorzugt. Die Ärztekammer geht weiteren Fällen nach. Das Ausmaß des Skandals gilt als unklar, nach und nach werden jedoch immer mehr Details bekannt.

Die"Süddeutsche Zeitung" hatte etwa berichtet, dass ein Abteilungsleiter am Klinikum rechts der Isar offenbar seit mehr als zwei Jahren von kriminellen Machenschaften im Zusammenhang mit einer Lebertransplantation wusste, ohne daraus Konsequenzen zu ziehen. Wie eine Kliniksprecherin bestätigte, hatte der Arzt ein Gedächtnisprotokoll, das eine Organschieberei im Jahr 2010 aufdeckt, unter Verschluss gehalten.

Einem Bericht des SPIEGEL zufolge ermittelt zudem die Staatsanwaltschaft München I gegen vier Chirurgen am Klinikum rechts der Isar. Der Tatvorwurf lautet in diesem Fall fahrlässige Tötung wegen eines ärztlichen Kunstfehlers. Dem Bericht zufolge geht es um einen Patienten, der im vergangenen Sommer während einer Lebertransplantation auf dem Operationstisch starb. Jetzt solle geprüft werden, ob die behandelnden Ärzte möglicherweise eine Herzschwäche des Patienten übersehen hatten.

Ministerium will alle bayerischen Kliniken kontrollieren

Bestätigen sich die Verdachtsfälle, wäre die Klinik rechts der Isar, die zum Klinikum der Technischen Universität München gehört, nach dem Transplantationszentrum in Regensburg das zweite Universitätskrankenhaus in Bayern, das vom Skandal um manipulierte Organspenden betroffen ist. Auch in Regensburg und Göttingen soll ein Oberarzt Labordaten seiner Patienten gefälscht haben, damit diese schneller eine neue Leber bekamen.

Bereits im Sommer hatte das Wissenschaftsministerium in München beschlossen, alle Transplantationszentren in Bayern unter die Lupe zu nehmen. Die Inspektionen sollen noch im Oktober beginnen. Die Kontrolle soll nach einem Bericht des Magazins "Focus" vom Wiener Chirurgen Ferdinand Mühlbacher geleitet werden. Er sagte dem Magazin, es sei fraglich, warum "eine Stadt wie München" zwei Transplantationszentren benötige.

irb/dapd/dpa

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1. Gespendete Organe werden verscheuert wie Altkleider
fragel 08.10.2012
Immer mehr zeigt sich , es geht um Geld, um viel Geld. Der Vergleich mit Altkleidern drängt sich da regelrecht auf. Organe , die gespendet werden , finden Absatz , da es genug Leute mit Geld gibt , die diese dann kaufen , und die Ärzte die an die Organe rankommen , verkaufen sie an den Meistbietenden. Kontrollen sind nur kurzzeitig wirksam , dann siegt die Geldgier der Kontrolleure und es geht von vorn los.
2.
Ingmar E. 08.10.2012
Zitat von fragelImmer mehr zeigt sich , es geht um Geld, um viel Geld. Der Vergleich mit Altkleidern drängt sich da regelrecht auf. Organe , die gespendet werden , finden Absatz , da es genug Leute mit Geld gibt , die diese dann kaufen ,
Also in Anbetracht dieser kriminellen Machenschaften ist Kritik sicher angebracht. Man sollte aber nicht anfangen berechtigte Kritik durch unbelegte Behauptungen zu verzerren. Es geht um eine Handvoll Organe, von hunderten die in dem Zeitraum verpflanzt wurden. Dass Geld geflossen ist, wurde bei keinem der aktuellen Skandale gezeigt. Natürlich bekamen manche Operateure Prämien für viele OPs, das muss man kritisieren. Aber bisher gibts keinen Hinweis auf Organkauf. Das ist nun völliger Quatsch. Ein Patient wird für hirntot erklärt und erst dann dürfen wir die Angehörigen fragen ob er Organe spenden wollte. Bis dahin wissen wir das gar nicht. Nur ein Teil der Menschen stimmt zu. Erst dann wird festgelegt zu welchem Patienten die Organe passen würden. Der Arzt der einen Patienten für hirntot erklärt weiß weder ob er Spender wird, noch weiß er zu welchem Patienten die Organe gehen. In den meisten Fällen gehen sie zu Patienten in anderen Kliniken. Ihre Behauptung dass man Organe verkaufen würde, ist völlig abseits jeglicher Realität, und funktioniert auch gar nicht. Achso, gäbe es keine Aufdeckung von kriminellen Machenschaften, würden sie keine Kritik äußern, und wenn solche Machenschaften aufgedeckt werden, ist das für sie ein Hinweis, dass Kontrollen nicht funktionieren? Die Kontrollen sind doch offenbar ok, es werden kriminelle Aktivitäten aufgedeckt. Die Konsequenzen könnten sicher noch härter ausfallen. Dass man der Klinik verbietet für mehrere Jahre Organe einzupflanzen, und nicht dass das nur an andere Ärzte übertragen wird. Selbst wenn meine Organe über dunkle Wege verteilt würden, was ja nur im seltenen Einzelfall passiert, so retten sie ja dennoch Leben. Und am Ende kann es mir als Leiche völlig egal sein, wenn jemand damit Geld verdient, hauptsache sie erfüllen noch einen Sinn und werden nicht von den Würmern verspeisst. Diese ganzen kriminellen Machenschaften sind eh nur möglich, weil es zuwenig Organe gibt. Wenn ich als Konsequenz sage: ich spende nicht mehr, dann gibts nur noch nen größeren Mangel, und am Ende sterben dadurch Menschen.
3.
moev 08.10.2012
Also aus Sicht eines potentiellen Spenders lässt mich das völlig klar. Noch ist mir keine Mode unter Reichen bekannt sich gesunde Organe zum Spaß austauschen zu lassen, also bekommt das Organ am Ende einfach ein Mensch der Krank ist es und daher braucht. Ob das jetzt der Kranke ist der am längsten gewartet hat und danach eigentlich dran wäre oder eben der Kranke der den dicken Scheck ausstellen konnte, am Ende geht es so oder so zu nem Kranken.
4. Mich hätte es gewundert
Lemmi42 08.10.2012
wenn es anders gewesen wäre,Betrug ist in allen Bereichen dieser Gesellschaft so usus wie der Regen vom Himmel fällt,es gehört einfach zum Kapitalismus,alles andere ist unnormal.
5. nun auch hier?....
petrasha 08.10.2012
...das ist alles nicht zufällig. das hat methode u ich bin ziemlich sicher, an jedem zentrum. tja, naiv wie ich war, dachte ich an einen einzelfall. so ist das leben oder sterben eben, alles hängt vom geldbeutel ab.
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Sterblichkeit auf den Wartelisten

Fragen und Antworten zur Organvergabe in Deutschland
Welche Organisationen sind an der Organvermittlung beteiligt?
1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Transplantationsmedizin in drei finanziell und organisatorisch unabhängige Bereiche aufteilt: Für die Organisation der Organspende ist die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) zuständig. Die Vermittlung der Organe übernimmt die Stiftung Eurotransplant. Die eigentliche Übertragung des Organs auf den Empfänger findet in den bundesweit rund 50 Transplantationszentren statt.
Wie läuft die Zusammenarbeit?
Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf Hirntod, vermittelt ein regionales DSO-Zentrum bei Bedarf unabhängige Neurologen für die Abklärung. Die Stiftung unterstützt die Ärzte außerdem bei der Klärung der Frage, ob der Patient einer Organspende zugestimmt hat oder ob seine Angehörigen dies tun. Dann werden die Daten des gespendeten Organs von der DSO an die Stiftung Eurotransplant übermittelt.
Was ist die Aufgabe von Eurotransplant?
Die Stiftung vermittelt gespendete Organe in sieben europäische Länder mit insgesamt 124 Millionen Einwohnern: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich und Slowenien. Eurotransplant sitzt in Leiden in Südholland und führt in ihren Wartelisten rund 15.000 Menschen. Zum Vergleich: 2010 wurden in Zuständigkeitsbereich von Eurotransplant knapp 7000 Lebern, Herzen, Lungen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen gespendet und eingepflanzt.
Woher bekommt Eurotransplant seine Informationen?
Bei Eurotransplant läuft alles zusammen: die Daten der Menschen, die auf eine Transplantation warten, und die Daten der gespendeten Organe. Die Informationen über die Wartenden kommen von den Transplantationszentren, die Daten über die Organe von der DSO.
Hängt es vom behandelten Arzt ab, welche Informationen zu Eurotransplant gelangen?
Die Ärzte sind an die "Richtlinien für die Wartelistenführung" der Bundesärztekammer gebunden. Danach ist eine Organtransplantation medizinisch geboten, wenn Erkrankungen "nicht rückbildungsfähig fortschreiten oder durch einen genetischen Defekt bedingt sind und das Leben gefährden oder die Lebensqualität hochgradig einschränken". Weiter heißt es in den Richtlinien: "Die Gründe für oder gegen die Aufnahme in die Warteliste sind von dem darüber zu entscheidenden Arzt zu dokumentieren."
Was hat das mit Eurotransplant zu tun?
Entscheidend bei der Auswahl des geeigneten Empfängers sind die Dringlichkeit der Transplantation und die Erfolgsaussichten. Dafür wird etwa bei Lebertransplantationen aus Laborwerten der sogenannte MELD-Score berechnet. Er ist ein Maß für die Wahrscheinlichkeit des erkrankten Menschen, ohne Transplantation innerhalb der nächsten drei Monate zu sterben.
Wie ist es möglich, dass dabei geschummelt wird?
Dazu sagte der Präsident von Eurotransplant, Bruno Meiser, die Zuordnung der Organe sei jederzeit komplett nachvollziehbar. "Werden die Daten aber gefälscht übermittelt, ist auch Eurotransplant hilflos." Aus seiner Sicht kann aber ein Mensch allein nicht betrügen. "Irgendeinem Kollegen muss zumindest aufgefallen seien, dass Laborwerte unrealistische Schwankungen aufwiesen oder Werte nicht zueinanderpassten."

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