Betrug in Leipzig: Staatsanwalt prüft Ermittlungen im Organspendeskandal

Im Transplantationszentrum in Leipzig wurden Patientendaten manipuliert, jetzt schaltet sich die Staatsanwaltschaft ein und prüft Ermittlungen. Der Ruf nach staatlicher Kontrolle wird immer lauter - bisher überwachen sich die Ärzte weitgehend selbst.

Leipzig - Im Transplantationsskandal am Universitätsklinikum Leipzig hat sich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. "Wir haben ein Prüfverfahren eingeleitet, um festzustellen, ob sich aus den mitgeteilten Mängeln und Unregelmäßigkeiten Anhaltspunkte für eine strafrechtliche Relevanz ergeben", sagte Behördensprecher Ricardo Schulz. Jedoch habe die Staatsanwaltschaft derzeit noch zu wenige Informationen, um das zu entscheiden.

Nach bisherigem Stand seien 38 Patienten (37 in den Jahren 2010 und 2011 sowie ein Fall im Jahr 2012) fälschlicherweise als Dialyse-Fälle ausgewiesen worden, um sie in der Warteliste für Organtransplantationen nach oben zu bringen. "Das ist ein für mich bestürzendes Ergebnis", sagte Wolfgang Fleig, medizinischer Vorstand des Uniklinikums Leipzig. "Ich bin fest davon ausgegangen, dass wir ein regelkonformes Verfahren haben."

Fleig kann sich das Motiv für die Vorfälle bei den Lebertransplantationen nach eigenen Angaben nicht erklären. "Ich kann nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass kein Geld geflossen ist", so Fleig. Soweit er die beschuldigten Ärzte und die betroffenen Patienten kenne, könne er sich eine Bestechung jedoch nicht vorstellen, ergänzte er.

"Dialyse oder nicht - das ist ein Kreuzchen am Computer"

Das Klinikum hat den Direktor der Transplantationsklinik sowie zwei Oberärzte beurlaubt. Nur diese beiden Ärzte hätten die Verantwortung dafür getragen, wie die Patientenunterlagen ausgefüllt worden seien, hieß es. "Ob Dialyse oder nicht ist ein Kreuzchen am Computer", sagte Fleig. Herausgekommen sind die Unregelmäßigkeiten durch Untersuchungen der Prüfungs- und der Überwachungskommission der Bundesärztekammer, der Deutschen Krankenhausgesellschaft und des GKV-Spitzenverbandes.

Trotz der Manipulationsfälle in Leipzig hält das Bundesgesundheitsministerium am bestehenden Kontrollsystem fest. "Es gibt Überwachungs-, Prüfungs- und Kontrollmechanismen, die funktionieren", sagte eine Sprecherin des Ministeriums und verwies auf die bisher aufgedeckten Fälle.

Gegner der derzeitigen Regelung kritisieren hingegen, dass die Prüfung der Transplantationszentren unter dem Dach der Bundesärztekammer stattfindet und es zu wenig staatliche Kontrollen gibt. "Die Richtlinien der Bundesärztekammer für Organtransplantationen müssen gesetzlich verankert werden", fordert Unionsfraktionsvize Johannes Singhammer (CSU). "Nur so gibt es die Möglichkeit für Sanktionen."

Dieselben Ärzte in allen Kontrollgremien

Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat im November 2012 einen Antrag im Bundestag gestellt, der deutlich weiter geht: Demnach fordern die Abgeordneten eine Kontrolle des Transplantationswesens durch eine "juristische Person öffentlichen Rechts", die der Rechtsaufsicht des Bundesministeriums für Gesundheit unterstehen solle. Die Kontrolle dürfe zudem nicht von am Transplantationsgeschehen beteiligten Akteuren erfolgen und die Kontrolleure sollten eigenständige Ermittlungsbefugnisse bekommen.

Derzeit ist das deutsche Organspendesystem in vier wichtige Gremien unterteilt, in denen mitunter dieselben Ärzte sitzen. Dazu zählen

  • die Deutsche Stiftung Organtransplantation, die für die Organspenden verantwortlich ist,
  • die internationale Organisation Eurotransplant, die die Organe verteilt,
  • die Transplantationszentren, die die Organe verpflanzen und in letzter Instanz entscheiden, ob ein Patient ein Organ bekommt oder nicht, und
  • die Ständige Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer, die die Richtlinien für Organtransplantationen verfasst und gleichzeitig deren Umsetzung kontrolliert.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz verlangt von der Bundesregierung nun eine Umstrukturierung. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) müsse jetzt endlich eine unabhängige Kommission aus Ärzten, Ethikern und Juristen einrichten, meinte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. Die unabhängigen Experten dürften nicht am Transplantationssystem beteiligt sein und damit Geld verdienen.

"Es wird noch mehr ans Licht kommen"

Die meisten Ärzte aber wehren sich gegen eine Kontrolle von außen mit dem Argument, ein Nicht-Mediziner könne ärztliche Entscheidungen nicht adäquat hinterfragen oder überprüfen. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, hält das Transplantationssystem in Deutschland außerdem für sicher: "Die Transplantationsmedizin in Deutschland war wahrscheinlich noch nie so sicher und vor Schummeleien geschützt wie derzeit", sagte Montgomery dem "Tagesspiegel". Die Vorkommnisse von Leipzig seien ausschließlich "Fälle aus der Vergangenheit", die jetzt aufgearbeitet werden müssten, und es sei bezeichnend, dass sie im vergangenen Jahr "schlagartig" aufgehört hätten.

Gleichzeitig erwartet Montgomery, dass noch weitere Unregelmäßigkeiten entdeckt werden: "Die Prüfkommission untersucht etwa 140 Transplantationsprogramme, was etwa drei Jahre dauern wird. Deshalb rechnen wir damit, dass noch mehr ans Licht kommt", sagte er der "Bild"-Zeitung. Ärzteschaft, Krankenhausträger und Kassen hatten erst im November eine neue Anlaufstelle für Unregelmäßigkeiten bei der Organspende geschaffen.Bei der unabhängigen Vertrauensstelle Transplantationsmedizin kann jeder - auch anonym - Auffälligkeiten und mögliche Verstöße melden.

Im vergangenen Jahr wurden mehrere Transplantationsskandale aufgedeckt: Es gab Unregelmäßigkeiten bei Organtransplantationen in Göttingen, in Regensburg und in München am Klinikum Rechts der Isar. Gleichzeitig trat das neue Transplantationsgesetz in Kraft, das bei den Bürgern eigentlich mehr Vertrauen in die Organspende schaffen und so die Zahl der Spender erhöhen sollte.

hei/dpa/dapd

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1. Ist doch kein Wunder
karlsiegfried 02.01.2013
Solange nur die Organvermarkter verdienen - bis zu 250.000 Euro pro Leiche, von der Haut bis ... habe ich gelesen - wird sich das immer wiederholen. Die einen sollen nur spenden, damit die anderen nur kassieren können. Ausserdem, wem steht was (Organ) und wann zu? Wer bestimmt das? Ich spende nicht, weil a) mein toter Körper mir gehört, b) mein toter Körper keine kostenlose Handelsware ist, c) weil ich für meinen toten Körper keinen einzigen Cent erhalte. Weiterhin d) weil die Medizin aus meiner Sicht ihre Grenzen weit überschritten hat und niemals Halt machen wird, e) weil ich meinen Körper liebe, so wie er ist - gleich ob krank oder gesund. Ich will so gehen, wie ich gekommen bin - komplett und nicht zerkleinert oder zerstückelt.
2. Organspendeskandal
Nachtheinigte 02.01.2013
Zitat von sysopIm Transplantationszentrum in Leipzig wurden Patientendaten manipuliert, jetzt schaltet sich die Staatsanwaltschaft ein und prüft Ermittlungen. Der Ruf nach staatlicher Kontrolle wird immer lauter - bisher überwachen sich die Ärzte weitgehend selbst. Organspende Leipzig: Staatsanwaltschaft ermittelt nach Manipulationen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/organspende-leipzig-staatsanwaltschaft-ermittelt-nach-manipulationen-a-875385.html)
Solange es diese "freie" Marktwirtschaft total gibt und beispielsweise keíne Soziale), wo der Raffgier und der Profit das Maß aller Dinge sind, wird es immer Betrug und Tricksereien geben, in der dieser Marktwirtschaft regelt eben Angebot und Nachfrage den Preis und wer am meisten bietet oder am besten trickst bekommt das Organ zuerst. Da diese freie Marktwirtschaft das "beste" Modell ist, nach Meinung der meisten Parteien, wird sich dabei nichts grundlegendes ändern. Da weniger Spender gezählt werden, denn wer will schon, dass sein Organ verhökert wird, Kontrollen sind zu lasch, die Koalition will keine scharfen Kontrollen, der Markt regelt eben alles wie von selbst.
3. Schlimm!
derandersdenkende 02.01.2013
Zitat von sysopIm Transplantationszentrum in Leipzig wurden Patientendaten manipuliert, jetzt schaltet sich die Staatsanwaltschaft ein und prüft Ermittlungen. Der Ruf nach staatlicher Kontrolle wird immer lauter - bisher überwachen sich die Ärzte weitgehend selbst. Organspende Leipzig: Staatsanwaltschaft ermittelt nach Manipulationen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/organspende-leipzig-staatsanwaltschaft-ermittelt-nach-manipulationen-a-875385.html)
Mein Schwager starb 30-jährig weil er jahrelang vergeblich auf eine Lebertransplantation warten mußte. An Gerechtigkeit in der Transplantationsmedizin habe ich nie geglaubt und die Veröffentlichungen der letzten Zeit geben mir Recht!
4.
XXYYZZ 02.01.2013
Liebe SPON-Journalisten, ich hatte Hoffnung, daß Sie in 2013 sich mit der deutschen Sprache befassen würden und endlich OrganTRANSPLANTATIONSskandal schreiben würden: der Skandal ist die erschlichene Berechtigung auf ein gespendetes Organ; nicht die Spende an sich ist der Skandal! Ist das korrekte Beherrschen der deutschen Sprache kein Anforderungskriterium mehr für Ihren Job?
5. Nach dem Organ-Spenden-Skandal in Göttingen, Regensburg und München
Roßtäuscher 02.01.2013
Zitat von sysopIm Transplantationszentrum in Leipzig wurden Patientendaten manipuliert, jetzt schaltet sich die Staatsanwaltschaft ein und prüft Ermittlungen. Der Ruf nach staatlicher Kontrolle wird immer lauter - bisher überwachen sich die Ärzte weitgehend selbst. Organspende Leipzig: Staatsanwaltschaft ermittelt nach Manipulationen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/organspende-leipzig-staatsanwaltschaft-ermittelt-nach-manipulationen-a-875385.html)
Darf doch Leipzig nicht fehlen, wäre sonst vollkommen unrealistisch. Nach jetzt vier Kliniken wird sich schon noch mehr über die Bundesrepublik verteilt aufdecken lassen.
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Sterblichkeit auf den Wartelisten

Fragen und Antworten zur Organvergabe in Deutschland
Welche Organisationen sind an der Organvermittlung beteiligt?
1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Transplantationsmedizin in drei finanziell und organisatorisch unabhängige Bereiche aufteilt: Für die Organisation der Organspende ist die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) zuständig. Die Vermittlung der Organe übernimmt die Stiftung Eurotransplant. Die eigentliche Übertragung des Organs auf den Empfänger findet in den bundesweit rund 50 Transplantationszentren statt.
Wie läuft die Zusammenarbeit?
Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf Hirntod, vermittelt ein regionales DSO-Zentrum bei Bedarf unabhängige Neurologen für die Abklärung. Die Stiftung unterstützt die Ärzte außerdem bei der Klärung der Frage, ob der Patient einer Organspende zugestimmt hat oder ob seine Angehörigen dies tun. Dann werden die Daten des gespendeten Organs von der DSO an die Stiftung Eurotransplant übermittelt.
Was ist die Aufgabe von Eurotransplant?
Die Stiftung vermittelt gespendete Organe in sieben europäische Länder mit insgesamt 124 Millionen Einwohnern: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich und Slowenien. Eurotransplant sitzt in Leiden in Südholland und führt in ihren Wartelisten rund 15.000 Menschen. Zum Vergleich: 2010 wurden in Zuständigkeitsbereich von Eurotransplant knapp 7000 Lebern, Herzen, Lungen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen gespendet und eingepflanzt.
Woher bekommt Eurotransplant seine Informationen?
Bei Eurotransplant läuft alles zusammen: die Daten der Menschen, die auf eine Transplantation warten, und die Daten der gespendeten Organe. Die Informationen über die Wartenden kommen von den Transplantationszentren, die Daten über die Organe von der DSO.
Hängt es vom behandelten Arzt ab, welche Informationen zu Eurotransplant gelangen?
Die Ärzte sind an die "Richtlinien für die Wartelistenführung" der Bundesärztekammer gebunden. Danach ist eine Organtransplantation medizinisch geboten, wenn Erkrankungen "nicht rückbildungsfähig fortschreiten oder durch einen genetischen Defekt bedingt sind und das Leben gefährden oder die Lebensqualität hochgradig einschränken". Weiter heißt es in den Richtlinien: "Die Gründe für oder gegen die Aufnahme in die Warteliste sind von dem darüber zu entscheidenden Arzt zu dokumentieren."
Was hat das mit Eurotransplant zu tun?
Entscheidend bei der Auswahl des geeigneten Empfängers sind die Dringlichkeit der Transplantation und die Erfolgsaussichten. Dafür wird etwa bei Lebertransplantationen aus Laborwerten der sogenannte MELD-Score berechnet. Er ist ein Maß für die Wahrscheinlichkeit des erkrankten Menschen, ohne Transplantation innerhalb der nächsten drei Monate zu sterben.
Wie ist es möglich, dass dabei geschummelt wird?
Dazu sagte der Präsident von Eurotransplant, Bruno Meiser, die Zuordnung der Organe sei jederzeit komplett nachvollziehbar. "Werden die Daten aber gefälscht übermittelt, ist auch Eurotransplant hilflos." Aus seiner Sicht kann aber ein Mensch allein nicht betrügen. "Irgendeinem Kollegen muss zumindest aufgefallen seien, dass Laborwerte unrealistische Schwankungen aufwiesen oder Werte nicht zueinanderpassten."

dapd

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