Organspende: Neuer Verdacht auf Manipulation in München

Klinikum rechts der Isar in München (Archivbild): Unregelmäßigkeiten bei der Organvergabe entdeckt Zur Großansicht
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Klinikum rechts der Isar in München (Archivbild): Unregelmäßigkeiten bei der Organvergabe entdeckt

An einem Münchner Klinikum wird derzeit ein Verdacht geprüft: Auf den Wartelisten für Lebertransplantationen waren Auffälligkeiten festgestellt worden. Einzelheiten sind noch nicht bekannt. Der Präsident der Bundesärztekammer hat jetzt die bayerischen Behörden scharf kritisiert.

Hamburg - Zwei Monate nach dem Bekanntwerden von Manipulationen bei der Vergabe von Spenderorganen an Transplantationszentren gibt es jetzt im Klinikum rechts der Isar Unregelmäßigkeiten. Dort seien die Wartelisten für Lebertransplantationen überprüft worden, bestätigte der Präsident der Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery, am Donnerstag im Bayerischen Rundfunk. Es habe "Auffälligkeiten" gegeben. Montgomery sprach von einem Anfangsverdacht, der geprüft werden müsse. "Es geht in etwa in die Richtung wie in Göttingen und Regensburg." Weitere Einzelheiten wollte Montgomery nicht nennen.

Es ist nicht der erste Fall in diesem Jahr: Bereits im Juli war bekannt geworden, dass an den Uni-Kliniken in Göttingen und Regensburg ein Oberarzt Krankenakten manipuliert haben soll, um Patienten auf der Warteliste für Spenderorgane ganz vorn zu platzieren. Der Skandal hatte in Deutschland eine heftige Debatte über die Organvergabe ausgelöst, in deren Folge sich Bund, Länder, Krankenkassen, Krankenhäuser und Ärzte auf strengere Kontrollen verständigten.

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Nach Angaben der BÄK haben sich bei Prüfungen der Lebertransplantationszentren am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und an der Charité in Berlin im September keine Auffälligkeiten gezeigt. Wegen der Auffälligkeiten in dem Münchner Klinikum kritisierte Montgomery die bayerischen Behörden. "Mich irritiert sehr, dass aus der bayerischen Staatsregierung vor einiger Zeit vermeldet worden war, dass man die bayerischen Programme überprüft und nichts gefunden habe", sagte der Ärztepräsident.

Hier bewahrheite sich einmal mehr, dass eine unabhängige Prüfung durch eine Kommission der Selbstverwaltung gemeinsam mit den Ländern wahrscheinlich "genauer und besser prüft als eine reine Kommission der betroffenen Ministerien".

Nach Angaben der BÄK haben die Prüfungs- und die Überwachungskommission von Krankenhausgesellschaft, gesetzlicher Krankenversicherung und Bundesärztekammer am Mittwoch Verfahren für schärfere Kontrollen in den 47 Transplantationszentren festgelegt. Dort sollen die unterschiedlichen Transplantationsprogramme mindestens einmal in 36 Monaten vor Ort geprüft werden.

Organspezifische Prüfungsgruppen sollen gebildet werden

Ziel sei es, Auffälligkeiten im Zusammenhang mit dem Führen der Wartelisten von Transplantationspatienten und der Organvermittlung aufzuklären. Dazu werden laut BÄK voraussichtlich zwölf "organspezifische Prüfungsgruppen" gebildet. In jeder Gruppe würden mindestens zwei Mitglieder der Prüfungskommission oder der Überwachungskommission sowie zwei für das jeweilige Organtransplantationsprogramm sachverständige unabhängige Ärzte mitwirken. Zudem würden sie von Mitarbeitern der zuständigen Landesministerien begleitet.

Zunächst würden sämtliche Lebertransplantationsprogramme geprüft, teilte die BÄK weiter mit. Die Erstvisitationen sollten bis Mitte 2013 abgeschlossen sein. Sofern sich dabei Auffälligkeiten ergeben, würden weitere Prüfungen jeweils einer zweiköpfigen Sonderprüfungsgruppe - die in der Regel aus einem Arzt und einem Juristen besteht - übertragen.

cib/dapd

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1. Da scheint halt die journalistische Investigation an
SpieFo 27.09.2012
ihre Grenzen zu stoßen: An welchen deutschen Kliniken werden Organverpflanzungen insbesondere an Personen aus den reichen Ölländern vorgenommen? Und woher stammen die Organe dafür? Kleiner Tipp: Es gibt auch noch andere Großkliniken in München. Es kann jedoch durchaus sein, daß sich der Transplantationstourismus schon wieder verlagert hat("Geld ist ein scheus Reh") und inzwischen in Ländern transferiert wird, die einfachere Organentnahmegesetze haben als Dtl. Z.B. nach Herzstillstand....
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Sterblichkeit auf den Wartelisten Zur Großansicht
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Sterblichkeit auf den Wartelisten


Fragen und Antworten zur Organvergabe in Deutschland
Welche Organisationen sind an der Organvermittlung beteiligt?
1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Transplantationsmedizin in drei finanziell und organisatorisch unabhängige Bereiche aufteilt: Für die Organisation der Organspende ist die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) zuständig. Die Vermittlung der Organe übernimmt die Stiftung Eurotransplant. Die eigentliche Übertragung des Organs auf den Empfänger findet in den bundesweit rund 50 Transplantationszentren statt.
Wie läuft die Zusammenarbeit?
Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf Hirntod, vermittelt ein regionales DSO-Zentrum bei Bedarf unabhängige Neurologen für die Abklärung. Die Stiftung unterstützt die Ärzte außerdem bei der Klärung der Frage, ob der Patient einer Organspende zugestimmt hat oder ob seine Angehörigen dies tun. Dann werden die Daten des gespendeten Organs von der DSO an die Stiftung Eurotransplant übermittelt.
Was ist die Aufgabe von Eurotransplant?
Die Stiftung vermittelt gespendete Organe in sieben europäische Länder mit insgesamt 124 Millionen Einwohnern: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich und Slowenien. Eurotransplant sitzt in Leiden in Südholland und führt in ihren Wartelisten rund 15.000 Menschen. Zum Vergleich: 2010 wurden in Zuständigkeitsbereich von Eurotransplant knapp 7000 Lebern, Herzen, Lungen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen gespendet und eingepflanzt.
Woher bekommt Eurotransplant seine Informationen?
Bei Eurotransplant läuft alles zusammen: die Daten der Menschen, die auf eine Transplantation warten, und die Daten der gespendeten Organe. Die Informationen über die Wartenden kommen von den Transplantationszentren, die Daten über die Organe von der DSO.
Hängt es vom behandelten Arzt ab, welche Informationen zu Eurotransplant gelangen?
Die Ärzte sind an die "Richtlinien für die Wartelistenführung" der Bundesärztekammer gebunden. Danach ist eine Organtransplantation medizinisch geboten, wenn Erkrankungen "nicht rückbildungsfähig fortschreiten oder durch einen genetischen Defekt bedingt sind und das Leben gefährden oder die Lebensqualität hochgradig einschränken". Weiter heißt es in den Richtlinien: "Die Gründe für oder gegen die Aufnahme in die Warteliste sind von dem darüber zu entscheidenden Arzt zu dokumentieren."
Was hat das mit Eurotransplant zu tun?
Entscheidend bei der Auswahl des geeigneten Empfängers sind die Dringlichkeit der Transplantation und die Erfolgsaussichten. Dafür wird etwa bei Lebertransplantationen aus Laborwerten der sogenannte MELD-Score berechnet. Er ist ein Maß für die Wahrscheinlichkeit des erkrankten Menschen, ohne Transplantation innerhalb der nächsten drei Monate zu sterben.
Wie ist es möglich, dass dabei geschummelt wird?
Dazu sagte der Präsident von Eurotransplant, Bruno Meiser, die Zuordnung der Organe sei jederzeit komplett nachvollziehbar. "Werden die Daten aber gefälscht übermittelt, ist auch Eurotransplant hilflos." Aus seiner Sicht kann aber ein Mensch allein nicht betrügen. "Irgendeinem Kollegen muss zumindest aufgefallen seien, dass Laborwerte unrealistische Schwankungen aufwiesen oder Werte nicht zueinanderpassten."

dapd
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