Organspendeskandal: Bayern schließt zwei Transplantationszentren

Die bayerische Regierung zieht Konsequenzen aus dem Organspendeskandal: Die Lebertransplantationszentren im Münchner Klinikum rechts der Isar sowie der Universität Erlangen werden geschlossen. Die Behörden hoffen nun auf neues Vertrauen der Patienten.

Eingangsbereich des Klinikums rechts der Isar: Mehr Regelverstöße als gedacht Zur Großansicht
ddp images/ dapd

Eingangsbereich des Klinikums rechts der Isar: Mehr Regelverstöße als gedacht

Hamburg - In Bayern wird es künftig nur noch drei Zentren für Lebertransplantationen geben: Die Programme in Erlangen und im Münchner Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München (TUM) werden geschlossen. Das teilten Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) und Gesundheitsminister Marcel Huber (CSU) am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in München mit. Damit zieht die bayerische Landesregierung Konsequenzen aus dem Organspendeskandal.

Übrig bleiben fortan nur noch die Lebertransplantationsprogramme des Münchner Universitätsklinikums Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) sowie der Universitätskliniken in Regensburg und Würzburg. "Strukturell sind drei Lebertransplantationszentren in Bayern ausreichend, sowohl bezogen auf die Gesamtzahl von 160 Lebertransplantationen in Bayern pro Jahr, als auch bezogen auf die Fläche", sagte Ferdinand Mühlbacher. Der Wiener Mediziner ist Vorsitzender der Prüfungskommission für die bayerischen Lebertransplantationszentren. "Es macht keinen Sinn, um Patientenzahlen zu konkurrieren, in erster Linie zählt die Ergebnisqualität", so Mühlbacher.

Die Prüfkommission hatte in den vergangenen Monaten in Folge des Organspendeskandals alle seit 2007 in Bayern durchgeführten 896 Lebertransplantationen untersucht. Neben den drei Manipulationen am Klinikum rechts der Isar, die bereits vor der Überprüfung bekannt geworden waren, haben die Prüfer keine weiteren Manipulationen festgestellt. Am Erlanger Universitätsklinikum gibt es keine Hinweise auf Manipulationen. Allerdings registrierte die Mühlbacher-Kommission bayernweit 68 Transplantationen, bei denen gegen die Richtlinien für die Organspende verstoßen wurde.

Hoffnung auf neues Vertrauen

"Mit der Konzentration auf drei Zentren in Bayern können wir nachhaltige Konsequenzen ziehen", sagte Gesundheitsminister Huber. "Die strukturellen Änderungen sollen vor allem Transparenz, Effizienz und neues Vertrauen bringen." Von der Neustrukturierung erhoffe er sich, dass die Bevölkerung das Vertrauen in die Transplantationsmedizin wiedergewinne und sich die Bereitschaft zur Organspende erhöhe, so Huber.

Der Bewertung der Prüfkommission zufolge gibt es bei den 68 festgestellten Richtlinienverstößen keine Anhaltspunkte für systemische oder vorsätzliche kriminelle Regelverletzungen. Die Verstöße seien "aus dem ärztlichen Handlungsalltag nachvollziehbar" und stünden im Zusammenhang mit neuen Richtlinien, die Ende 2006 in Kraft getreten seien.

Die Manipulationen waren vor einigen Monaten bekannt geworden. Mediziner sollen bei mehreren Patienten der TUM bei mehreren Patienten Diagnosedaten gefälscht haben , damit sie bei der Vergabe von Spenderorganen bevorzugt werden. Um Patienten kränker erscheinen zu lassen, mischten die Mediziner offensichtlich sogar mehrfach Urin in Blutproben.

In elf weiteren Fällen sollen zudem Alkoholiker gelistet worden seien, die nicht auf die Warteliste gedurft hätten. Außerdem soll ein Patient operiert worden sein, obwohl sein allgemeiner Gesundheitszustand eigentlich zu schlecht gewesen sein soll. Der Aufsichtsrat der Klinik beschloss daraufhin, die Transplantationsmedizin neu zu organisieren und entzog den bis dahin zuständigen Chirurgen die Verantwortung. Schon damals forderten Patientenvertreter eine Schließung der Klinik.

dba/hei

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insgesamt 20 Beiträge
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1. gustl gollath
tomkatto 15.05.2013
und der Gustl mollath sitzt in der psychiatrie ....
2. Nicht auf andere Ärzte schließen
plagiatejäger 15.05.2013
Nur weil einzelne Schwarze Schafe der Medizin Schaden sind nicht alle so korrupt - auch sind nicht alle Bayern so kriminell wie Hoeneß.
3.
bartholomew_simpson 15.05.2013
Wenn das Transplantationszentrum der TUM geschlossen wird, können die freigewordenen Kapazitäten für die Entwicklung einer künstlichen Leber, die absolut alkoholtolerant wäre, verwendet werden. Ironie aus.
4. Richtiger Schritt
aramcoy 15.05.2013
Das ist ein richtiger Schritt, so erreichen die 3 verbleibenden Zentren Fallzahlen, die es möglich machen überhaupt neues Wissen und Erfahrung zu sammeln.
5. Und wer nun eine Leber benötigt?
derweise 15.05.2013
Zitat von sysopDie bayerische Regierung zieht Konsequenzen aus dem Organspendeskandal: Die Leber-Transplantationszentren im Münchner Klinikum rechts der Isar sowie der Universität Erlangen werden geschlossen. Die Behörden hoffen nun auf neues Vertrauen der Patienten. Organspende-Skandal: Aus für Transplantationszentrum TU München - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/organspende-skandal-aus-fuer-transplantationszentrum-tu-muenchen-a-900012.html)
Und wer nun eine Leber benötigt, was macht der?!
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Organspende: Sterblichkeit auf den Wartelisten Zur Großansicht
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Organspende: Sterblichkeit auf den Wartelisten

Fragen und Antworten zur Organvergabe in Deutschland
Welche Organisationen sind an der Organvermittlung beteiligt?
1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Transplantationsmedizin in drei finanziell und organisatorisch unabhängige Bereiche aufteilt: Für die Organisation der Organspende ist die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) zuständig. Die Vermittlung der Organe übernimmt die Stiftung Eurotransplant. Die eigentliche Übertragung des Organs auf den Empfänger findet in den bundesweit rund 50 Transplantationszentren statt.
Wie läuft die Zusammenarbeit?
Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf Hirntod, vermittelt ein regionales DSO-Zentrum bei Bedarf unabhängige Neurologen für die Abklärung. Die Stiftung unterstützt die Ärzte außerdem bei der Klärung der Frage, ob der Patient einer Organspende zugestimmt hat oder ob seine Angehörigen dies tun. Dann werden die Daten des gespendeten Organs von der DSO an die Stiftung Eurotransplant übermittelt.
Was ist die Aufgabe von Eurotransplant?
Die Stiftung vermittelt gespendete Organe in sieben europäische Länder mit insgesamt 124 Millionen Einwohnern: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich und Slowenien. Eurotransplant sitzt in Leiden in Südholland und führt in ihren Wartelisten rund 15.000 Menschen. Zum Vergleich: 2010 wurden in Zuständigkeitsbereich von Eurotransplant knapp 7000 Lebern, Herzen, Lungen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen gespendet und eingepflanzt.
Woher bekommt Eurotransplant seine Informationen?
Bei Eurotransplant läuft alles zusammen: die Daten der Menschen, die auf eine Transplantation warten, und die Daten der gespendeten Organe. Die Informationen über die Wartenden kommen von den Transplantationszentren, die Daten über die Organe von der DSO.
Hängt es vom behandelten Arzt ab, welche Informationen zu Eurotransplant gelangen?
Die Ärzte sind an die "Richtlinien für die Wartelistenführung" der Bundesärztekammer gebunden. Danach ist eine Organtransplantation medizinisch geboten, wenn Erkrankungen "nicht rückbildungsfähig fortschreiten oder durch einen genetischen Defekt bedingt sind und das Leben gefährden oder die Lebensqualität hochgradig einschränken". Weiter heißt es in den Richtlinien: "Die Gründe für oder gegen die Aufnahme in die Warteliste sind von dem darüber zu entscheidenden Arzt zu dokumentieren."
Was hat das mit Eurotransplant zu tun?
Entscheidend bei der Auswahl des geeigneten Empfängers sind die Dringlichkeit der Transplantation und die Erfolgsaussichten. Dafür wird etwa bei Lebertransplantationen aus Laborwerten der sogenannte MELD-Score berechnet. Er ist ein Maß für die Wahrscheinlichkeit des erkrankten Menschen, ohne Transplantation innerhalb der nächsten drei Monate zu sterben.
Wie ist es möglich, dass dabei geschummelt wird?
Dazu sagte der Präsident von Eurotransplant, Bruno Meiser, die Zuordnung der Organe sei jederzeit komplett nachvollziehbar. "Werden die Daten aber gefälscht übermittelt, ist auch Eurotransplant hilflos." Aus seiner Sicht kann aber ein Mensch allein nicht betrügen. "Irgendeinem Kollegen muss zumindest aufgefallen seien, dass Laborwerte unrealistische Schwankungen aufwiesen oder Werte nicht zueinanderpassten."

dapd