Organspendeskandal Ärztepräsident fordert schärfere Kontrollen

Harte Sanktionen für Ärzte, mehr Geld für Kontrolleure und mehr Personal: Nach dem Organspendeskandal in Göttingen fordert Frank Ulrich Montgomery weitreichende Konsequenzen. Von einer staatlichen Aufsicht des Verfahrens bei Transplantationen hält der oberste Ärztefunktionär aber nichts.

Montgomery (Juni 2011): "Die bekannt gewordenen Manipulationen haben nichts mit der Notwendigkeit zur Organspende zu tun."
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Montgomery (Juni 2011): "Die bekannt gewordenen Manipulationen haben nichts mit der Notwendigkeit zur Organspende zu tun."


Berlin - Seit Mittwoch ist das neue Transplantationsgesetz in Kraft. Doch angesichts des Organspendeskandals in Göttingen und Regensburg fordert der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, noch schärfere Kontrollen - und mehr Geld für zusätzliche Prüfer.

Außerdem müsse es scharfe berufsrechtliche Konsequenzen geben. "Was die Selbstverwaltung braucht, sind weitere Kompetenzen", sagte der Ärztepräsident der Tageszeitung "Die Welt". Es solle nach dem amerikanischen Vorbild spezielle Prüfer geben, die flächendeckend kontrollieren, aber auch ganze Verläufe von Transplantationen begutachten könnten. "Dafür ist mehr Personal und mehr Geld nötig, darüber müssen wir sprechen", sagte Montgomery der Zeitung. Bisher könnten Prüfer nur Einzelfällen nachgehen.

"Ich halte überhaupt nichts von einer staatlichen Aufsicht oder von staatlichen Gremien", fügte der oberste Ärztefunktionär hinzu. Als Beleg führte er an, dass "weder das bayerische Wissenschaftsministerium noch die Strafverfolgungsbehörden ein Interesse gezeigt haben", die Unregelmäßigkeiten an der Uni-Klinik Regensburg vor rund sieben Jahren aufzuklären.

Als weitere Maßnahme forderte Montgomery, das berufsrechtliche Instrumentarium der Ärzte zu schärfen: "Wir müssen zu stärkeren Sanktionen kommen. Man könnte Ärzten, die sich nicht korrekt verhalten, bestimmte Tätigkeiten wie etwa Transplantationen verbieten."

Das neue Transplantationsgesetz beinhaltet unter anderem folgende zentrale Punkte:

  • Entnahmekrankenhäuser müssen fortan einen Transplantationsbeauftragten bestellen, der eine Organspende in seiner Klinik organisiert und überwacht, die Arbeit mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) koordiniert und die psychologisch schwierigen Gespräche mit den Angehörigen der verstorbenen Spender führt.
  • Die Kontrollmechanismen bei einer Organspende sollen verbessert werden. Dabei nimmt eine bei der Bundesärztekammer (BÄK) angesiedelte Prüfungskommission die Abläufe genau unter die Lupe, von der Feststellung des Hirntods eines Spenders über die Vermittlung durch die DSO bis hin zur Implantation des Organs. Die Transplantationszentren und die Entnahmekrankenhäuser sind ausdrücklich gesetzlich verpflichtet, der Prüfungskommission Unterlagen über getroffene Vermittlungsentscheidungen zur Verfügung zu stellen. Verstöße gegen das Transplantationsgesetz müssen an die Länderbehörden gemeldet werden.
  • Die sogenannte Entscheidungslösung, nach der sich jeder Bürger für oder gegen eine Organspende entscheiden kann, tritt erst am 1. November in Kraft. Dann fällt auch der Startschuss zur vorgesehenen Befragung der Bürger über ihre Bereitschaft zur Organspende im Todesfall. Die Versicherten sollen ihre Einstellung zu einer Organspende dokumentieren - das soll zukünftig sogar auf der Gesundheitskarte möglich sein.

Hinter der Reform steht das Ziel, die Zahl der Organspender in Deutschland zu erhöhen. Hierzulande spenden noch deutlich weniger Menschen Nieren, Herz oder Leber als etwa in Spanien, den USA oder Frankreich.

Montgomery rief potentielle Spender auf, sie sollten sich nicht von ihrem Willen zur Organspende abbringen lassen. Es gebe viele Patienten, die "dringend auf eine Spende angewiesen" seien, sagte er. "Die bekannt gewordenen Manipulationen haben nichts mit der Notwendigkeit zur Organspende zu tun."

cib/dpa



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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
wwwwalter 03.08.2012
1. Kaputtes System
Jaja diese Funktionäre, wie Montgomery, die dafür sorgen müssen, dass immer noch mehr Geld in die Kassen ihrer Mitglieder fließt. Logisch, dass so ein Mann keine staatliche Aufsicht haben möchte. Der ganze Beruf des Arztes ist inzwischen hauptsächlich darauf ausgerichtet, für sich, oder für die Klinik möglichst viel Geld zu generieren. Ist doch klar, dass so etwas dabei herauskommen muss. Ich fühle mich bei Ärzten inzwischen generell nicht mehr wohl. Viel zu oft werden einem Leistungen aufgeschwatzt, die von den Kassen gar nicht übernommen werden. Und man kann das meist gar nicht richtig einschätzen, ob die entsprechenden Leistung überhaupt sinnvoll und notwendig ist. Das zerstört das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten. Eine üble Entwicklung. Inzwischen bin ich so weit, dass ich gerne staatlich angestellte Ärzte hätte. Selbstverständlich müssten die gut bezahlt sein, mindestens wie Richter oder Oberstudienräte. Aber FDP und Co. haben ja genau das gewollt, was wir jetzt haben. Das ist die tolle Freiheit - die Freiheit, möglichst viel Kohle machen zu dürfen. Dieses Prinzip mag bei der Herstellung von Konsumprodukten sinnvoll sein, für das Gesundheitssystem ist aber tödlich.
christian0061 03.08.2012
2. optional
tja, das kommt davon, wenn man die dinge ganz neoliberal den märkten überlässt. und wenns um leben und tod geht und soviel geld im spiel ist, dann wird der mensch zum tier. die einen wollen leben, die anderen reich werden udn jeder nutzt seine chance. mit geld lässt sich gott spielen. deshalb: schmeisst eure organspendeausweise weg, holt euch nie einen neuen und wartet auf ein besseres organspendesystem!
ElRaton 03.08.2012
3. Entnahmekrankenhäuser
Zitat von sysopDPAScharfe Sanktionen für Ärzte, mehr Geld für Kontrolleure und mehr Personal: Nach dem Organspendeskandal in Göttingen fordert der Frank Ulrich Montgomery weitreichende Konsequenzen. Von einer staatlichen Aufsicht des Verfahrens bei Transplantationen hält der oberste Ärztefunktionär nichts. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,847985,00.html
Den Begriff hatte ich so noch nicht gehört, schon ein bischen gruselig. Die Frage liegt nahe, ob es da auch solche Machenschaften gibt. Da sollte überhaupt keine Form von Kontrolle abgelehnt werden, und schon gar nicht von den finanziellen Nutzniessern dieses Geschäfts. Denen kann man nicht genug auf die gierigen Finger schauen!
geku 03.08.2012
4. Geldgier
Mittlerweile kommt bei mir der Berufsstand der Mediziner mit deren Geldgier gleich hinter dem der Banker.
Sventek 03.08.2012
5. Selbstverwaltung mit mehr Kompetenzen?
Da sind sie wieder...die Hunde, die den Schlüssel für die Speisekammer bewachen wollen.
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