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Transplantationen: Skandal erschüttert Vertrauen in Organspende

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Organentnahme: Vertrauen in korrekten Ablauf des Transplantationsverfahrens zerstört Zur Großansicht
DSO/ Johannes Rey

Organentnahme: Vertrauen in korrekten Ablauf des Transplantationsverfahrens zerstört

Zu wenige Bürger sind bereit, Todkranken ihre Organe zu überlassen - das beklagen Mediziner immer wieder. Ein Skandal wie der an der Göttinger Uni-Klinik gefährdet da das gesamte System der Organspende. Jetzt fordern Ärzte stärkere Kontrollen der Kliniken.

Gerade einen Monat ist es her, da passierte das neue Organspendegesetz den Bundesrat. Sein Ziel: Mehr Menschen sollen sich dafür entscheiden, ihre eigenen Organe sterbenskranken Patienten zu überlassen, falls sie selbst als Spender in Frage kommen.

Der Skandal an der Göttinger Universitätsklinik, an der ein Oberarzt die Krankenakten mehrerer Dutzend Patienten gefälscht haben soll, um ihnen schneller eine Spenderleber zu verschaffen, richtet da einen Schaden an, dessen Ausmaß noch nicht abzuschätzen ist. "Ich hätte mir so etwas bisher nicht ausmalen können, ich bin erschüttert", sagt Andreas Pascher, Transplantationschirurg an der Berliner Charité. "Die Transplantationsmedizin beruht auf einem Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient, und dieses Vertrauen wird durch diese Vorkommnisse erheblich erschüttert."

Der Vertrauensbruch wirkt auf zwei Ebenen: Einmal bei den Menschen, die todkrank auf der Warteliste für ein Spenderorgan stehen und für die es vor allem darum geht, ob sie rechtzeitig eine neue Leber, Niere oder ein Herz erhalten. Sie müssen sich fragen, ob andere Patienten auf der Warteliste als dringlicher eingestuft werden könnten, obwohl diese das Organ weniger dringend brauchen.

Auf der anderen Seite steht die große Masse der potentiellen Spender, von denen heute nur ein kleiner Teil einen Organspendeausweis besitzt. Die Transplantationsmediziner versuchen seit Jahren, die Spendenbereitschaft in Deutschland zu erhöhen, das Thema hat in letzter Zeit durch das neue Gesetz mehr Aufmerksamkeit als üblich erhalten, auch wenn gerade die Ärzte skeptisch sind, ob das Ziel erreicht wird.

Wer heute noch gesund ist, wartet morgen vielleicht auf ein Organ

In Wahrheit sind die beiden Gruppen nicht zu trennen: Wer heute noch gesund ist, der kann morgen schon selbst auf einer der Wartelisten für ein lebensrettendes Organ landen. Transplantationsmediziner berichten, dass bei diesen schwerkranken Patienten die Frage nach dem Verfahren, mit dem die Organe verteilt werden, keine Rolle spiele. "Ich habe die Frage von einem Patienten noch nie gehört", sagt der Chirurg Wolf Bechstein von der Universität Frankfurt, der auch Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft ist. "Die Patienten fragen, wann sie mit dem neuen Organ rechnen können."

"Da steht der Leidensdruck im Vordergrund", sagt auch Andreas Pascher. "Aus unserer Sicht ist es daher enorm wichtig, die Spendenbereitschaft zu steigern, denn Transplantationsmedizin funktioniert nur als Solidarsystem. Die Menschen schätzen die Errungenschaften, wenn sie selbst erkrankt sind. Gerade deshalb trifft uns ein solcher Skandal umso mehr, weil dadurch letztendlich mehr Menschen auf der Warteliste versterben werden."

Wie der Skandal in Göttingen sich auf die Spendenbereitschaft der Menschen auswirken wird, können die Ärzte nur vermuten. "Wir haben immer den Eindruck, dass negative Schlagzeilen die Bereitschaft zur Organspende mindern", sagt der Frankfurter Chirurg Bechstein. "Wir spüren das aber nicht unmittelbar." In drei Monaten, so Bechstein, könne man bewerten, ob der Göttinger Skandal dafür sorgt, dass noch weniger Menschen als bisher zur Organspende bereit sind.

"Ein Akt der Nächstenliebe des Spenders über den Tod hinaus"

Auch ohne den Göttinger Skandal warten mehr Patienten auf eine Spende, als Organe zur Verfügung stehen. Dafür gebe es aber außer der mangelnden Spendenbereitschaft noch einen weiteren Grund, sagt der Mainzer Transplantationschirurg Michael Heise: "Besonders die Lebertransplantation ist eine Erfolgsgeschichte in der Behandlung von Lebererkrankungen im Endstadium. Dadurch wird die Gruppe der Patienten, die für eine Operation in Frage kommen, immer größer." Das heiße, die Ärzte müssten sich überlegen, in welchen Fällen eine Transplantation sinnvoll sei. Heise beklagt, dass es in Deutschland, anders als in den USA, kein Register gibt, mit dessen Hilfe die Ärzte im Nachhinein überprüfen können, welche Patienten am meisten von einer Organspende profitiert haben. Ein solches Register wäre aber eine Entscheidungshilfe, um entscheiden zu können, wer ein Spenderorgan erhält und wer eben nicht mehr.

Das Vertrauen der Patienten kann die Transplantationsmedizin nur wiedererlangen, indem sie größtmögliche Transparenz schafft, da sind sich Ärzte einig. Bruno Meiser, Leiter des Transplantationszentrums an der LMU München und Präsident von Eurotransplant, wünscht sich stärkere Kontrollen der Kliniken: "Die Transplantationszentren sollten nicht nur im Rahmen der Qualitätssicherung, sondern auch darüber hinaus kontrolliert werden. Und nicht nur, wenn etwas Auffälliges passiert, sondern regelhaft." Bisher sei eine solche Kontrolle auch an den zusätzlichen Kosten gescheitert. Doch das dürfe jetzt kein Hindernis mehr sein. "Die gespendeten Organe sind einmalig, ein Akt der Nächstenliebe des Spenders über den Tod hinaus", sagt Meiser. "Es darf in keinem Fall der Anschein der Manipulation entstehen."

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1. eins
crocodil 20.07.2012
ist dochmal klar, wenn man genug Geld zur Verfügung stellt, erhält man halt mal schneller ein Organ! Will garnicht darüber sprechen, will schnell man auf illegale Weise eins aus China bekommen kann!!!
2. www.aerztepfusch.at
Laserstrahl 20.07.2012
Den Ärzten geht es nur noch um den Profit
3.
amuseemanc 20.07.2012
Zitat von sysopDSO/ Johannes Rey Zu wenige Bürger sind bereit, Todkranken ihre Organe zu überlassen - das beklagen Mediziner immer wieder. Ein Skandal wie der an der Göttinger Uniklinik gefährdet da das gesamte System der Organspende. Jetzt fordern Ärzte stärkere Kontrollen der Kliniken. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,845484,00.html
Das dürfte doch nur die Spitze des Eisberges sein.
4. Organe
Inuk 20.07.2012
Zitat von sysopDSO/ Johannes Rey Zu wenige Bürger sind bereit, Todkranken ihre Organe zu überlassen - das beklagen Mediziner immer wieder. Ein Skandal wie der an der Göttinger Uniklinik gefährdet da das gesamte System der Organspende. Jetzt fordern Ärzte stärkere Kontrollen der Kliniken. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,845484,00.html
Viel Geld zu haben, ist wirklich beruhigend, man kann sich damit nicht nur Freiheit erkaufen, sondern auch ein Organ. Es gibt jetzt tatsächlich ein Arzt, der sich auf solche düstere Machenschaften einlässt. Ich bin mal gespannt, wie solche Beratungs /Verkaufsgespräche zwischen Arzt und reichem Patient gelaufen sind. Wer war Auslöser für diese unglaublichen Intrigien? Man kann sich ein Bett kaufen, aber keinen Schlaf. Man kann sich Sex kaufen, aber keine Liebe. Man kann sich Organe kaufen und somit (vorläufig) sein Leben retten.
5.
atrejou 20.07.2012
ein selten schlecht geschriebener artikel. ich kann dem artikel entnehmen,dass ein arzt akten manipuliert hat...und dann kommt ein ellenlanges,sich zudem wiederholendes gepolter,warum jetzt angeblich spender abgeschreckt werden. es wäre hilfreich,wenn der schreibende herr doktor mal erklärt,was genau manipuliert wurde,wie er es gemacht hat,was dies genau bewirkt hat,welche gruppe von patienten hier nun bevorzugt wurde und immer so weiter.
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.


Warten auf eine Leber
Wann ist eine Lebertransplanation notwendig?
Eine Lebertransplantation ist notwendig, wenn der Patient unter einer lebensgefährlichen, fortschreitenden Lebererkrankung leidet, bei der es keine Aussicht darauf gibt, dass sich die Leber wieder erholen wird. Die meisten Patienten benötigen aufgrund einer Leberzirrhose ein neues Organ, gefolgt von Patienten mit bösartigen Lebertumoren. Weitere Ursachen für eine Transplantation können akute Leberversagen oder andere schwere Lebererkrankungen sein.
Wie läuft das Verfahren ab?
Da die Zahl der infrage kommenden Empfänger die der Organspender weit überschreitet, wird die Vergabe von Organen über ein Register zentral geregelt. Kommt ein Patient für eine Organspende in Frage, melden die Transplantationszentren seine Daten an die Vermittlungsstelle Eurotransplant im niederländischen Leiden. Dort werden für jedes Organ Wartelisten geführt.

Ärzte sind laut Transplantationsgesetz dazu verpflichtet, alle Gründen, die für oder gegen eine Aufnahme auf die Warteliste sprechen, zu dokumentieren. Gegen eine Aufnahme sprechen unter anderem schwerwiegende Erkrankungen anderer Organe und ein auch sonst kritischer Gesundheitszustand.
Welche Faktoren entscheiden über den Warteplatz?
1. Blutgrupenkompatibilität: Die Blutgruppen von Spender und Empfänger müssen sich miteinander vertragen.

2. Dringlichkeit: Patienten, die ohne eine Transplantation innerhalb weniger Tage sterben könnten, werden bevorzugt behandelt. Darüber, wer in dieser Gruppe zuerst ein Spenderorgan erhält, entscheidet der Zeitpunkt der Meldung. Auch sonst erfolgt die Vermittlung der Organe anhand der Dringlichkeit. Dabei orientieren sich die Mediziner am sogenannten Meld-Score.

3. Regionale Faktoren: Bei gleichem Meld-Score werden Patienten in der Nähe des Spenderorgans bevorzugt, damit möglichst wenig Zeit zwischen Entnahme und Einsetzen des Organs vergeht.

4. Größe des Spenderorgans: Organe von Spendern unter einem Körpergewicht von 46 Kilogramm werden bevorzugt an Kinder vermittelt.
Wie lange ist in der Regel die Wartedauer?
Im Jahr 2011 gab es 1792 Neuanmeldungen für eine Lebertransplantation auf der Warteliste, die Zahl der Transplantationen betrug 1199. Wie lange man auf ein Organ warten muss, hängt vor allem von der Dringlichkeit ab: Personen, die sich in akuter Lebensgefahr befinden, werden bevorzugt berücksichtigt, bei gleicher Dringlichkeit fließt neben dem regionalen Faktor auch die Wartezeit mit ein. Aus diesem Grund lässt sich nicht genau sagen, wie lange die Wartedauer für ein Organ beträgt.
Quelle

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Hirntod
Definition
Der Hirntod bedeutet in Deutschland nach den Richtlinien der Bundesärztekammer, dass alle Funktionen des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstamms irreversibel erloschen sind. Nur durch eine kontrollierte Beatmung werden die Herz- und Kreislauffunktionen künstlich aufrechterhalten.
Bestimmung
Bei der Diagnostik müssen zwei erfahrene - von einer etwaigen Transplantation unabhängige - Intensivmediziner den Hirntod bestimmen. Zunächst müssen sie sich versichern, dass eine schwere primäre oder sekundäre Hirnschädigung (Blutung, Verletzung, Infarkt) vorliegt und keine Vergiftung, Drogenwirkung, Schock oder Ähnliches zum Ausfall der Hirnfunktionen geführt haben. Dann testen sie innerhalb von 12, 24 oder 72 Stunden zweimal, ob alle Funktionen, die über den Hirnstamm koordiniert werden, erloschen sind. Dazu zählen etwa der Lidschlussreflex, der Würgereflex, lichtstarre, weite Pupillen und der Ausfall der Spontanatmung. Ergänzend weisen sie mit einem Null-Linien-EEG, der fehlenden Durchblutung der Hirnarterien und mit weiteren speziellen Hirnstrommessungen nach, dass der Hirntod irreversibel eingetreten ist.
Kritik
Die Definition des Hirntods stammt aus dem Jahr 1968, in dem sich in den USA das sogenannte Ad Hoc Committee an der Harvard Medical School gründete. Es befürwortete den irreversiblen Ausfall aller Hirnfunktionen als neue Todesdefinition. Bis dahin war ein Mensch definitionsgemäß tot, wenn sein Herz und Kreislauf unwiederbringlich stillstanden. Kritiker halten entgegen, dass Hirntote noch schwitzen, ausscheiden und unter Umständen sogar ein Kind austragen können. Demnach ist das Gehirn nur eines von mehreren für den Erhalt der Lebensfunktionen wichtigen Organe. Der Deutsche Ethikrat hat im März 2012 vor dem Hintergrund des Transplantationsgesetzes über die Frage "Wann ist ein Mensch tot?" debattiert.
"Herztod"
Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Ländern wie den USA, der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Österreich, Tschechien, Slowenien, Italien, Spanien und Portugal die Möglichkeit, Menschen unter definierten Umständen nach einem Herzstillstand Organe zu entnehmen - ohne dass ein Hirntod eingetreten oder diagnostiziert wurde. In Deutschland wird diese Praxis der "Non-Heart-Beating-Donors" sowohl von Seiten der Bundesärztekammer also auch der Politik strikt abgelehnt.
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Zahlen, Fakten, Trends: Organspende in Deutschland und Europa

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