Organspende Ärztepräsident beruft Spitzentreffen ein

Der Organspendeskandal hat in Deutschland eine Diskussion über die Vergabe von Spenderorganen entfacht: Wo liegen Lücken im System, können Mediziner mit rettenden Organen tricksen? Um die Fragen zu klären, hat Frank Ulrich Montgomery jetzt Spitzengespräche angekündigt.

Montgomery (Mai 2012): "Vier-Augen-Prinzip, damit die Liste nicht mehr gefälscht werden kann"
DPA

Montgomery (Mai 2012): "Vier-Augen-Prinzip, damit die Liste nicht mehr gefälscht werden kann"


Hamburg - Der Organspendeskandal und die aktuelle Diskussionen um die Vergabeverfahren beschäftigen Politiker, Mediziner und Organspende-Organisationen. Der Präsident der Ärztekammer Frank Ulrich Montgomery bittet nun die Beteiligten an einen Tisch: Am Donnerstag soll es ein Spitzengespräch von Bundesärztekammer, Deutscher Stiftung Organtransplantation und weiteren Experten geben. Eine Woche später sei ein Treffen mit Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) geplant, kündigte Montgomery am Mittwoch an.

Bei den anstehenden Gesprächen solle beraten werden, "ob wir bei der schnellen Organ-Zuteilung neue Regeln brauchen", sagte Montgomery der "Bild"-Zeitung. Der Präsident der Bundesärztekammer warnte aber zugleich vor "Schnellschüssen", diese würden nicht weiterhelfen. Ziel müsse vielmehr ein neues Prinzip bei der Vergabe von Spenderorganen sein. "Wir wollen das Vier-Augen-Prinzip einführen, bei dem ein unabhängiger Arzt feststellen muss, wie krank der Empfänger wirklich ist, damit die Liste nicht mehr gefälscht werden kann."

In den vergangenen Wochen war ein möglicher Organspende-Skandal in Deutschland bekannt geworden. Mehreren Ärzten wird vorgeworden, Krankenakten gefälscht zu haben, damit ihre Patienten in der Warteliste nach oben rutschen und eher ein Spenderorgan erhalten. Die Vorwürfe betreffen die Unikliniken Göttingen und Regensburg, die Justiz ermittelt bereits gegen einen Hauptverdächtigen.

Ebenfalls in der Kritik steht, dass bei der Vergabe von Spenderorganen immer häufiger ein Schnellverfahren angewendet wird, das eigentlich nur für Sonderfälle gedacht ist und den Verlust eines Spenderorgans verhindern soll. "Das beschleunigte Vermittlungsverfahren ist von den Krankenkassen, dem Bundesverband der Krankenhausträger und der Bundesärztekammer so gewollt, um die vorhandenen Organe bestmöglich zu nutzen", sagt Montgomery SPIEGEL ONLINE. Haben Ärzte einem Spender ein Organ entnommen, sollte dies möglichst schnell transplantiert werden. Würde das Organ aus organisatorischen oder logistischen Gründen nicht schnell genug zu den gewünschten Empfängern gelangen, kann die Klinik es an Ort und Stelle an selbst ausgewählte Patienten vermitteln. Mittlerweile wird etwa jedes vierte Herz und mehr als jede dritte Leber in einem beschleunigten Verfahren vergeben.

Lauterbach: Mehr beschleunigte Verfahren "höchst verdächtig"

Montgomery betonte mit Blick auf die vielen beschleunigten Verfahren: "Es gibt keinen Hinweis auf Mogeleien oder kriminelles Verhalten." Das beschleunigte Verfahren müsse aber unter die Lupe genommen werden, sagte er der "Passauer Neuen Presse". "Der Sonderfall darf nicht zum Regelfall werden." Grundsätzlich solle das beschleunigte Verfahren sicherstellen, dass möglichst viele Spenderorgane genutzt werden.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hingegen hält die hohen Zuwachsraten der Transplantationen im beschleunigten Verfahren nicht für plausibel. "Medizinisch gesehen sind etwa die Organe Älterer heute eher besser verwertbar als früher", sagte Lauterbach ebenfalls der "Passauer Neuen Presse". Die rasante Zunahme der beschleunigten Verfahren sei "höchst verdächtig".

Auch der Grünen-Gesundheitsexperte Harald Terpe sieht angesichts des "enormen Anstiegs" der Schnellverfahren Handlungsbedarf. "Das ganze Verfahren muss offengelegt und überprüft, jeder Verdacht muss ausgeräumt werden, sonst können wir die Spendenbereitschaft vergessen", sagte auch er der "Passauer Neuen Presse".

Für die Linke forderte Parteichef Bernd Riexinger einen "Katalog vertrauensbildender Maßnahmen" mit drei Punkten: "Erstens müssen wir die Vergabe von Spenderorganen unter staatliche Aufsicht stellen", sagte er den Zeitungen der WAZ-Gruppe und dem Internetportal "DerWesten.de". Gesundheitsämter sollten dafür mehr Personal und Kompetenzen bekommen. "Zweitens muss regelmäßig ein Organspende-Report veröffentlicht werden, damit sicher gestellt wird, dass der Erhalt eines Spenderorgans nicht vom Geldbeutel abhängt." Drittens seien härtere Kontrollen für die Organspende und schärfere Strafen bei Missbrauch notwendig.

irb/afp

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HäretikerX 08.08.2012
1. Jetzt bin ich gespannt..
..auf die Konsequenz in den eigenen Reihen der Ärzte.. denn nur so kann der Schaden begrenzt werden. Vom Gesundheitsministerium erwarte ich eigentlich nichts als Beschwichtigungen bzw. die wohlwollende Behandlung der eigenen (FDP)Klienten.. obwohl es eine Chance zum Befreiungschlag ist.. ;-)
Wilh.Dietmar@web.de 08.08.2012
2. Bundesärztekammer
Die Bundesärztekammer ist eine Standesvertretung und als solche daran interessiert für ihre Mitglieder möglichst viele Einnahmequellen zu erschließen. Eine solche Organisation dürfte mit den Organspenden nichts aber auch gar nichts zu tun haben.
einsteinalbert 08.08.2012
3. ja . . . tricksen ist möglich
denn einige Ärzte taten es und einige Ärzte werden es auch weiterhin tun. Zu verlockend ist das Geld, das man damit machen kann. Freilich wird es nun nicht mehr so einfach sein. Um verlorenes Vertrauen zurück zu gewinnen, muss die Ärztekammer Nägel mit Köpfen machen. Lebenslanger sofortiger Entzug der Approbation bei Ärzten welche sich schuldig gemacht haben ist Forderung Nummer eins und das ohne langes wenn und aber. Die wirklichen Opfer sind Patienten, welche auf ein Spenderorgan angewiesen sind. Die Spendenbereitschaft wird immer mehr nachlassen.
papageienmusik 08.08.2012
4. Kostenloser Rohstoff Organ für max. Profit
Während den Bürgern mit dem Organspendeausweis das Spenden schmackhaft gemacht werden soll, geht es der kompletten Verwertungskette der Krankheitsindustrie nur um eins: sich KOSTENLOS den Rohstoff Organ vom Spender zu organisieren und daraus eine Wertschöpfung zu erzielen, die pro Organ in die Hundertausende geht. Das Ganze unter dem Vorwand, Patienten zu helfen, was ja in Einzelfällen stimmen mag. Aber es geht nicht um die Patienten, es geht um das ganz große Geld für Yachten, Villen, Allrad-Geländewagen für die Gattin und Pferde für die Töchter. Wenn schon Organe gespendet werden, dann darf damit kein Milliarden-Profit gemacht werden. Ohne Profit auch keine Motivation für die kriminelle Energie der Krankheitsindustrie.
karlsiegfried 08.08.2012
5. Was soll die ganze Aufregung
So lange die Organspender, dass sind diejenigen die sich aus humanitären kostenlos ausschlachten lassen, oder ihre Hinterbliebenen keinen einzigen lausigen Cent für ihre Großzügigkeit erhalten, werden Austauschorgane immer knapp und zu wenig von ihnen vorhanden sein. In Deutschland ist Organhandel verboten, doch der profitable Organhandel beginnt bereits bei der Organentnahme oder schon dann, wenn den Hinterbliebenen eine Einverständniserklärung zur Organentnahme oder Ausschlachtung abgenötigt wird. Es ist doch ein altes Lied: Wer viel Geld hat, kann sich auch viel kaufen. Kein Gesetz wird das jemals ändern können. Mann stelle sich vor, der oder die deutsche Bundeskanzler(in) benötigte umgehend ein Herz im Austausch. Was glauben Sie, wie lange müsste er oder sie wohl darauf warten müssen? Ein, zwei oder drei Jahre oder nur einen Monat? Angenommen Sie sind Nierenspezialist und Ihnen werden 100.000 Euro cash im Briefkuvert für eine neue Niere geboten. Wie würden Sie sich denn dann verhalten? Empört, nachdenklich oder handelnd. Na sehen Sie, das sind die Spielregeln im Organhandel. Was soll also die ganze Aufregung. Geändert wird doch nichts, weil per Gesetz nichts geändert werden kann. So sind die Menschenn.
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