Schwächen des Warteliste-Verfahrens Trickserei mit rettenden Organen

Darf ein Ex-Alkoholiker eine neue Leber erhalten? Kommt das Spenderherz nach Hamburg oder Stuttgart? Organe werden nach ausgeklügelten Regeln an Patienten verteilt - dennoch bleibt Raum für Manipulationen. Ein Blick auf Stärken und Schwächen der Vergabe-Praxis.

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Wer bekommt das Herz? Die Vergabeverfahren in Deutschland stehen in der Kritik
Corbis

Wer bekommt das Herz? Die Vergabeverfahren in Deutschland stehen in der Kritik


Hamburg - Bis zum Organspendeskandal in Göttingen und Regensburg galt das Vergabeverfahren von Organen nach Organspenden als unbeeinflussbar: Objektive medizinische Kriterien wie Blutwerte, die Blutgruppe und Gewebemerkmale fließen zusammen mit dem Alter des Patienten und seiner Wartezeit auf ein Organ ein, um den korrekten Rang in der Warteliste zu ermitteln.

Was in der Theorie nach gerechter Verteilung aussieht, ist in der Praxis anfällig für Manipulationen, wie die jüngste Vergangenheit zeigt: In Göttingen und Regensburg sollen mindestens zwei Ärzte Blutwerte ihrer Patienten verändert haben, damit diese schneller ein Spenderorgan bekommen. Ob finanzielle Anreize als Motivation dahinter steckten, klärt derzeit die Staatsanwaltschaft. Jetzt wird der Verdacht laut, dass bei der Organvergabe in zunehmender Zahl das sogenannte beschleunigte Vermittlungsverfahren angewendet wird, bei dem Krankenhäuser die Organe direkt an selbst ausgesuchte Patienten verteilt haben sollen. Bundesärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Diese Entwicklung beobachten wir kritisch, eine solche Vergabe darf nicht Überhand nehmen."

Montgomery: "Ich bin zutiefst betrübt über die Manipulationen"

Die Leidtragenden der Skandale und der Verdachtsmomente sind vor allem die Kranken: Schon jetzt stirbt hierzulande alle acht Stunden ein Mensch, weil er vergeblich auf ein Spenderorgan gewartet hat. Montgomery befürchtet mit Blick auf die Manipulationen: "Die Vorfälle werden die Bevölkerung verunsichern und sicherlich die Spendebereitschaft senken. Ich bin zutiefst betrübt über die Manipulationen." Trotz in Umfragen immer wieder geäußerter Spendebereitschaft, mangelt es in Deutschland schon jetzt an Organen. Das soll das kürzlich in Kraft getretene Transplantationsgesetz zwar ändern - doch die Durchschlagskraft ist vor allem vor dem Hintergrund der Skandale mehr als fraglich.

In Deutschland ist das Organspende-Verfahren auf drei Ebenen aufgeteilt:

  • Die Organspende wird vom Entnahmekrankenhaus und der DSO (Deutsche Stiftung Organtransplantation) koordiniert.
  • Die Vermittlung eines Organs wird über Eurotransplant innerhalb von sieben Ländern gesteuert (Deutschland, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Österreich, Slovenien und Kroatien). Eurotransplant erstellt und führt die Warteliste für alle Empfänger in den Mitgliedsländern, die von den Transplantationszentren gemeldet werden.
  • Die Transplantation wird in einem der rund 50 deutschen Transplantationszentren durchgeführt.

Diese Aufteilung soll dazu führen, dass Entnahme, Vergabe und Implantation unabhängig voneinander ablaufen. Als übergeordnete Einheit funktioniert eine Taskforce der Bundesärztekammer: Die aus 16 Mitgliedern bestehende Ständige Kommission Organtransplantation verfasst Richtlinien zur Organspende, -vermittlung und -verteilung sowie der Organtransplantation. Außerdem berät sie Regierungen und fördert die Qualitätssicherung.

Wie ein Organ tatsächlich vermittelt wird, ist ein höchst kompliziertes Verfahren, das sich standardmäßig zum einen an der Dringlichkeit einer Transplantation orientiert - wie krank also ein Patient ist - und zum anderen die Erfolgschancen berücksichtigt. Für jedes einzelne zu transplantierende Organ (Lunge, Leber, Herz, Niere, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm) hat die Ständige Kommission Organtransplantation ein jeweils viele Seiten starkes Dossier mit Kriterien erarbeitet, nach denen Empfänger ausgewählt werden sollen.

Organverlust vermeiden oder willkürlich manipulieren?

Bei der Leber etwa spielt der sogenannte Meld-Score (Model End-Stage Liver Disease) eine wichtige Rolle: Er setzt sich aus den drei Blutwerten von Bilirubin, Kreatinin und der Blutgerinnungszeit (INR) zusammen. Je höher der Wert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, in kurzer Zeit an der Lebererkrankung zu sterben - und umso dringlicher ist eine Transplantation. Bei der Niere wiederum spielen die Wartezeit an der Dialyse und die Übereinstimmung der Gewebeeigenschaften eine wichtige Rolle. Für Lungentransplantationen wurde 2010 der in den USA etablierte Lung allocation Score eingeführt, der die Vergabekriterien noch weiter objektivieren soll.

Das Problem dieser Standardverfahren: Sie sind längst nicht in jedem Fall anwendbar. Hatte ein Spender etwa eine schwerwiegende Grunderkrankung wie einen Tumor oder litt unter Komplikationen einer Infektion, kann das Organ nur an jene Empfänger vergeben werden, die einer solchen Auswahl vorher zugestimmt haben.

Von diesem Vorgehen unterscheidet die Bundesärztekammer zusätzlich noch das beschleunigte Vermittlungsverfahren, das in den vergangenen Jahren in Deutschland so viel häufiger zum Einsatz gekommen ist. Im Kern geht es darum, einen Organverlust zu vermeiden. Dieser droht, wenn Ärzte den Kreislauf eines Spenders nach seinem Hirntod nicht aufrechterhalten können oder ein Organ aus organisatorischen oder logistischen Gründen nicht rechtzeitig zum Spender gebracht werden kann. "Es kann auch passieren, dass Ärzte ein Organ für einen ermittelten Empfänger ablehnen, weil er gerade nicht erreichbar ist oder an einer Infektion leidet, die eine Transplantation unmöglich macht", erklärt Wolf Bechstein, Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Lehnen drei Zentren das Organ ab, so kann die Klinik die entnommenen Organe an Ort und Stelle an selbst ausgewählte Patienten vermitteln - so wurden in Deutschland 2010 40 Prozent aller Lebern vergeben.

SPIEGEL ONLINE

Gezielt nach Ausreißern suchen

An dieser Stelle offenbaren sich die Stärken und Schwächen des Systems: "Das beschleunigte Vermittlungsverfahren ist von den Krankenkassen, dem Bundesverband der Krankenhausträger und der Bundesärztekammer so gewollt, um die vorhandenen Organe bestmöglich zu nutzen", sagt Montgomery. "Es ist schlimm, wenn ein Organ verworfen werden muss."

Auf der anderen Seite lässt diese Regelung Spielraum für Manipulationen, denn das beschleunigte Vermittlungsverfahren kommt auch dann zum Einsatz, wenn ein Organ als "eingeschränkt vermittelbar" eingeschätzt wird. Das ist etwa der Fall, wenn der Spender alt war - was in der Tat immer häufiger der Fall ist - und bestimmte Grundkrankheiten hatte. Aufgrund der Häufungen in den vergangenen Jahren besteht der Verdacht, dass Organe jedoch häufiger als notwendig mit dem Stempel "eingeschränkt vermittelbar" versehen worden sein könnten.

"Die Transplantationsmedizin entwickelt sich ständig weiter, und das müssen wir in den Richtlinien berücksichtigen", sagt Bechstein, der auch der Taskforce an der Bundesärztekammer angehört. Im Gegensatz zu früher können heute auch über 65-Jährige Organe spenden und Alkoholkranke dürfen eine neue Leber transplantiert bekommen, wenn sie sechs Monate trocken sind. "Die Regeln entwickeln sich zwar weiter, aber sie sind völlig klar", so Bechstein. "Die Frage ist eher, was man tun kann, damit diese auch eingehalten werden."

Eine Stellschraube sieht der Chirurg bei Eurotransplant, wo er im Beirat sitzt: Noch mehr Transparenz könne geschaffen werden, indem in der Statistik der Meldungen und Vermittlungen systematisch nach Ausreißern gesucht werde. "Angesichts der schon jetzt klar geregelten Kontrollen bin ich aber fassungslos, dass so lang und so systematisch manipuliert werden konnte", sagt Bechstein.



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friedel_3 07.08.2012
1. Worthülsen
Zitat von sysopCorbisDarf ein Ex-Alkoholiker eine neue Leber erhalten? Kommt das Spenderherz nach Hamburg oder Stuttgart? Organe werden nach ausgeklügelten Regeln an Patienten verteilt - dennoch bleibt Raum für Manipulationen. Ein Blick auf Stärken und Schwächen der Vergabe-Praxis. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,848748,00.html
Montgomery und Bechstein sind meiner Auffassung nach über die Zahlen und auch Hintergründe der beschleunigten Vergabe von Spenderorganen voll im Bilde. Andernfalls hätten sie auf ihren Posten nichts verloren. Jetzt sind sie plötzlich bestürzt und "fallen aus allen Wolken". Immer nur soviel zugeben, wie ans Licht kommt, scheint mir die Devise. Persönlich bin ich mittlerweile der Meinung dass wirtschaftlich potente Organempfänger das Rennen auf den vordern Plätzen machen. Die Vergabe ohne Ansehen der Person erscheint mir nur noch als Feigenblatt, um der Öffentlichkeit vorzuspielen dass alles gerecht zugeht. Zudem sterben die Patienten an ihren Krankheiten, und nicht an fehlenden Spenderorganen.
abwaschhilfe 07.08.2012
2.
Zitat von sysopCorbisDarf ein Ex-Alkoholiker eine neue Leber erhalten? Kommt das Spenderherz nach Hamburg oder Stuttgart? Organe werden nach ausgeklügelten Regeln an Patienten verteilt - dennoch bleibt Raum für Manipulationen. Ein Blick auf Stärken und Schwächen der Vergabe-Praxis. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,848748,00.html
Bei welchem Krankenhaus muss man sich denn anmelden, wenn man seine Leber versoffen hat und wegen der Zirrhose nun möglichst schnell ein neues Organ haben möchte. Hat jedes Krankenhaus nun eigene Empfängerlisten für das sogenannte "beschleunigte Vermittlungsverfahren". Da wär es ja schon wichtig, zu wissen, wie lang die jeweilige Liste bei dem jeweiligen Krankhaus ist. Oder werden vielleicht Privatpatienten bei dem "beschleunigten Vermittlungsverfahren" auch schneller behandelt, analog der Wartezeiten in der Arztpraxis?
v.papschke 07.08.2012
3. Es sollte nicht so sein
aber auch hier ist nicht zu übersehen: wenn du arm bist, stirbst du früher.
cos74 07.08.2012
4. Viel moralisches Getue...
Zitat von friedel_3Montgomery und Bechstein sind meiner Auffassung nach über die Zahlen und auch Hintergründe der beschleunigten Vergabe von Spenderorganen voll im Bilde. Andernfalls hätten sie auf ihren Posten nichts verloren. Jetzt sind sie plötzlich bestürzt und "fallen aus allen Wolken". Immer nur soviel zugeben, wie ans Licht kommt, scheint mir die Devise. Persönlich bin ich mittlerweile der Meinung dass wirtschaftlich potente Organempfänger das Rennen auf den vordern Plätzen machen. Die Vergabe ohne Ansehen der Person erscheint mir nur noch als Feigenblatt, um der Öffentlichkeit vorzuspielen dass alles gerecht zugeht. Zudem sterben die Patienten an ihren Krankheiten, und nicht an fehlenden Spenderorganen.
Ja, nicht der Nicht-Organ-Spender ist Schuld wenn Totkranke ohne Humanes-Ersatzteil versterben sondern die Grenzen der Medizin! Mich stört seit langem, dass nach erfolgreichem werben um Humanes Gut schnell ein teures, lukratives Geschäft wird. Man bedenke einmal für welchen Umsatz allein 0,5 Liter Spenderblut sorgt ! Ohne mich!
medienvertreter 07.08.2012
5. "Hirntot" ist NICHT tot, Organe werden Lebenden entnommen
Bei jeder Diskussion über Organtransplantation sollte man folgendes nicht vergessen: "Jahrtausende-lang hat gegolten, dass ein Mensch erst dann verstorben, erst dann tot war, wenn sein gesamter Organismus – Herzatmung und damit der gesamte Kreislauf – zum Stillstand gekommen war. Der Körper des Verstorbenen erkaltete, Totenflecken zeigten sich, die Leichenstarre stellte sich ein, der Verwesungsprozeß folgte. Mit ihm lösten sich Geist und Seele durch Zerreißen des silbernen Bandes irreversibel vom irdischen Körper, dem Gehäuse und Werkzeug des Menschen auf Dauer seiner irdischen Inkarnation und kehrten zurück ins Jenseits, der wahren, ewigen Heimat des Menschen. Im Bereich atheistischer, materialistischer, medizinischer Wissenschaft existieren Geist und Seele eines Menschen jedoch nicht. Mediziner kennen darüberhinaus noch den sog. "klinischen Tod". Darunter versteht man den Status in einer Zeitspanne von etwa 3 Minuten nach einem Herz- oder Atemstillstand, während der im Prinzip eine Wiederbelebung u.a. durch Herzmassage und künstlicher Beatmung noch möglich ist. Im Bereich der Fragen zur Organtransplantation spielt er jedoch keine Rolle. Seit die Schulmedizin die Organtransplantation in ihr Programm aufgenommen hat, ist also der Todeszeitpunkt juristisch zeitlich vorverlegt worden und wird seitdem auch immer weiter vorverlegt, um dem "Toten" – in Wirklichkeit einem Sterbenden – lebendfrische Organe, wie z. B. das noch bis dahin schlagende Herz oder andere bis dahin voll durchblutete Organe, wie Niere, Leber, Lunge, Bauchspeicheldrüse und Augen etc. entnehmen zu können. Denn nach dem deutschen Transplantationsgesetz (TPG) dürfen lebenswichtige Organe nur von Toten entnommen werden. Im Interesse der Organtransplantation hat sich die Definition des „Hirntodes“ als Todeszeitpunkt des Menschen nahezu weltweit durchgesetzt. Behilflich wurde auch die Bundesärztekammer. Sie konstatierte, dass mit dem "Hirntod" angeblich naturwissenschaftlich–medizinisch der Tod des Menschen festgestellt sei." (Gelesen auf: Organspende (http://www.hygeia.de/meinecke-organspende))
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