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06. Juni 2012, 07:49 Uhr

Neues Transplantationsgesetz

Organspender werden abgeschreckt

Ein Kommentar von

Tausende Deutsche sterben jedes Jahr, weil sie zu lang auf ein Ersatzorgan warten müssen. Das neue Organspendegesetz soll die Zahl der Spender jetzt endlich erhöhen - doch das wird nicht funktionieren. Entscheidende Fragen zum Datenschutz bleiben ungeklärt, mangelnde Transparenz schürt Misstrauen.

Drei von vier Deutschen sagen in Umfragen, sie würden ihre Organe nach dem Tod spenden. Doch nur einer von vieren hat einen Organspende-Ausweis. Zugleich stirbt in Deutschland im Durchschnitt alle acht Stunden ein Mensch, dem ein Spenderorgan womöglich das Leben gerettet hätte - der aber keines bekommt, weil es zu wenige gibt.

Das neue Transplantationsgesetz soll die Bereitschaft zur Organspende nun endlich fördern. Doch das wird nicht passieren, so viel steht schon jetzt fest. Die Maßnahmen zur Abfrage der Spendebereitschaft greifen zu kurz, wichtige finanzielle Fragen der Kliniken werden nicht beantwortet, das Gesetz schürt sogar Misstrauen. Dabei ist Vertrauen die wohl wichtigste Voraussetzung, wenn mehr Menschen ihre Organe spenden sollen.

Zwar bewahrt die Neuregelung ein elementares Gut: Jeder Bürger behält die Freiheit, sich für oder gegen eine Organspende zu entscheiden. Eine Lösung wie in Spanien, bei der jeder Mensch so lange als potentieller Organspender gilt, bis er schriftlich widersprochen hat, bleibt den Deutschen erspart. Die unangenehme Frage der Organspende nach dem eigenen Tod schieben viele Menschen gern auf. Sterben sie, bevor sie eine Entscheidung getroffen haben, bestimmen andere, was mit ihrem Körper passiert. Die Selbstbestimmung aber ist für ein so sensibles Thema eine unverzichtbare Voraussetzung.

Die richtige Richtung haben die Abgeordneten zwar eingeschlagen: Die Krankenkassen werden ihren Versicherten nun regelmäßig die Möglichkeit geben, ihren Willen zur Organspende zu dokumentieren. Ob die regelmäßige Post aber der stete Tropfen sein wird, der den Stein höhlt, ist mehr als fraglich.

Transparenz? Fehlanzeige.

Vor allem das "Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes", in dem es um die Strukturen bei der Organspende geht, erweist sich als Hemmschuh für die Organspende. Obwohl es mehr Qualität, Sicherheit und Transparenz schaffen soll, nährt es Misstrauen. Das Gesetz stärkt zum einen die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), die als zentrale Koordinationsstelle alle Organspenden in Deutschland organisiert - und dabei keinerlei Kontrolle unterliegt. Die Ende 2011 anonym erhobene Vorwürfe, in der DSO herrsche Selbstbedienungsmentalität und die Führung wirtschafte nach Gutsherrenart, konnten durch eine Untersuchungskommission nicht vollständig entkräftet werden. Die Stiftung soll nun komplett neu organisiert werden. Transparenz? Fehlanzeige.

Zum anderen lockert das Gesetz mit einer Forschungsklausel auf verantwortungslose Weise den Datenschutz: Ärzte dürfen demnach Daten von Spendern und Empfängern zu Forschungszwecken freigeben - sogar an Pharmafirmen. Eine Zustimmung der Betroffenen ist dafür nicht zwingend erforderlich. Zwar verfolgt das Bundesgesundheitsministerium (BMG) das hehre Ziel, durch bessere Forschung vor allem Transplantierten zu dienen. Doch der Zweck heiligt nicht die Mittel: Es handelt sich um hochsensible Daten, die Auskunft über Infektionen wie HIV oder Hepatitis oder über Tumoren geben und daher in höchstem Maße geschützt werden sollten. Wer Organe spenden will, muss Vertrauen haben in die Transplantationsmedizin - der Bundestag hat hier den Holzpfad beschritten.

Geldfragen dürfen eine Organspende nicht verhindern

Ein notwendige Änderung bringt die Organspendereform allerdings: Jede Klinik, in der eine Organspende möglich ist, muss in Zukunft einen Transplantationsbeauftragten (TPX) ernennen, der alles rund um eine Organspende organisieren soll. Bislang werden viele potentielle Organspender in Kliniken überhaupt nicht identifiziert. Die Idee ist daher gut - allein: An der Umsetzung wird es hapern. Das zeigt das Beispiel Baden-Württemberg, wo schon 2006 solche Beauftragte eingeführt wurden. Hier gibt es aber immer noch lediglich elf Organspender pro einer Million Einwohner - in der Stadt Bremen sind es 31.

Eine Benennung auf dem Papier reicht nicht aus, ein Transplantationsbeauftragter muss auch seinen Aufgaben nachkommen. Doch dafür mangelt es an Kapazitäten. Tausende von Ärzten müssen zunächst medizinisch und psychologisch geschult und freigestellt werden. Wer das finanzieren soll? Diese Frage beantwortet das neue Gesetz auf fahrlässige Weise unvollständig. Eine von der DSO für die Organentnahme gezahlte Aufwandsentschädigung reicht bei weitem nicht aus, um die tatsächlichen Kosten der Kliniken für Personal, Intensivstation und OP zu decken.

Man kann mit einigem Recht argumentieren, dass es bei Organspenden nicht allein ums Geld gehen darf. Doch solange die Finanzierung nicht geklärt ist, werden sich weiterhin Kliniken vor ihrer Verantwortung drücken. Selbst in einer renommierten Universitätsklinik in Deutschlands Süden stieß ein Transplantationsbeauftragter kürzlich auf massiven Widerstand bei einem Chirurgen, der seinen OP-Saal in der Nacht nicht für eine Organentnahme freigeben wollte. Das Personal dürfe am nächsten Tag nicht arbeiten, dadurch müssten andere Operationen ausfallen, das würde teuer werden, so die Begründung.

Damit Deutschland in Sachen Organspende in Zukunft trotz des zu kurz greifenden Gesetzes nicht auf der Stelle tritt, braucht es vor allem Engagement: Von Seiten der Ärzte, die sich mit Hingabe für die Organspende einsetzen müssen. Von Seiten der Politik, die die offenen Fragen zur DSO, dem Datenschutz und der Finanzierung klären muss. Und es bedarf des Engagements jedes Einzelnen, sich die Frage zu stellen, was mit seinem Körper nach dem Tod geschehen soll - und die Antwort auf einem kleinen hellbraunen Zettel festzuhalten.

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