Neues Transplantationsgesetz: Organspender werden abgeschreckt

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Tausende Deutsche sterben jedes Jahr, weil sie zu lang auf ein Ersatzorgan warten müssen. Das neue Organspendegesetz soll die Zahl der Spender jetzt endlich erhöhen - doch das wird nicht funktionieren. Entscheidende Fragen zum Datenschutz bleiben ungeklärt, mangelnde Transparenz schürt Misstrauen.

Drei von vier Deutschen sagen in Umfragen, sie würden ihre Organe nach dem Tod spenden. Doch nur einer von vieren hat einen Organspende-Ausweis. Zugleich stirbt in Deutschland im Durchschnitt alle acht Stunden ein Mensch, dem ein Spenderorgan womöglich das Leben gerettet hätte - der aber keines bekommt, weil es zu wenige gibt.

Das neue Transplantationsgesetz soll die Bereitschaft zur Organspende nun endlich fördern. Doch das wird nicht passieren, so viel steht schon jetzt fest. Die Maßnahmen zur Abfrage der Spendebereitschaft greifen zu kurz, wichtige finanzielle Fragen der Kliniken werden nicht beantwortet, das Gesetz schürt sogar Misstrauen. Dabei ist Vertrauen die wohl wichtigste Voraussetzung, wenn mehr Menschen ihre Organe spenden sollen.

Zwar bewahrt die Neuregelung ein elementares Gut: Jeder Bürger behält die Freiheit, sich für oder gegen eine Organspende zu entscheiden. Eine Lösung wie in Spanien, bei der jeder Mensch so lange als potentieller Organspender gilt, bis er schriftlich widersprochen hat, bleibt den Deutschen erspart. Die unangenehme Frage der Organspende nach dem eigenen Tod schieben viele Menschen gern auf. Sterben sie, bevor sie eine Entscheidung getroffen haben, bestimmen andere, was mit ihrem Körper passiert. Die Selbstbestimmung aber ist für ein so sensibles Thema eine unverzichtbare Voraussetzung.

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Organe als Geschenk: Wie Nieren, Lebern und Herzen Leben retten
Die richtige Richtung haben die Abgeordneten zwar eingeschlagen: Die Krankenkassen werden ihren Versicherten nun regelmäßig die Möglichkeit geben, ihren Willen zur Organspende zu dokumentieren. Ob die regelmäßige Post aber der stete Tropfen sein wird, der den Stein höhlt, ist mehr als fraglich.

Transparenz? Fehlanzeige.

Vor allem das "Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes", in dem es um die Strukturen bei der Organspende geht, erweist sich als Hemmschuh für die Organspende. Obwohl es mehr Qualität, Sicherheit und Transparenz schaffen soll, nährt es Misstrauen. Das Gesetz stärkt zum einen die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), die als zentrale Koordinationsstelle alle Organspenden in Deutschland organisiert - und dabei keinerlei Kontrolle unterliegt. Die Ende 2011 anonym erhobene Vorwürfe, in der DSO herrsche Selbstbedienungsmentalität und die Führung wirtschafte nach Gutsherrenart, konnten durch eine Untersuchungskommission nicht vollständig entkräftet werden. Die Stiftung soll nun komplett neu organisiert werden. Transparenz? Fehlanzeige.

Zum anderen lockert das Gesetz mit einer Forschungsklausel auf verantwortungslose Weise den Datenschutz: Ärzte dürfen demnach Daten von Spendern und Empfängern zu Forschungszwecken freigeben - sogar an Pharmafirmen. Eine Zustimmung der Betroffenen ist dafür nicht zwingend erforderlich. Zwar verfolgt das Bundesgesundheitsministerium (BMG) das hehre Ziel, durch bessere Forschung vor allem Transplantierten zu dienen. Doch der Zweck heiligt nicht die Mittel: Es handelt sich um hochsensible Daten, die Auskunft über Infektionen wie HIV oder Hepatitis oder über Tumoren geben und daher in höchstem Maße geschützt werden sollten. Wer Organe spenden will, muss Vertrauen haben in die Transplantationsmedizin - der Bundestag hat hier den Holzpfad beschritten.

Geldfragen dürfen eine Organspende nicht verhindern

Ein notwendige Änderung bringt die Organspendereform allerdings: Jede Klinik, in der eine Organspende möglich ist, muss in Zukunft einen Transplantationsbeauftragten (TPX) ernennen, der alles rund um eine Organspende organisieren soll. Bislang werden viele potentielle Organspender in Kliniken überhaupt nicht identifiziert. Die Idee ist daher gut - allein: An der Umsetzung wird es hapern. Das zeigt das Beispiel Baden-Württemberg, wo schon 2006 solche Beauftragte eingeführt wurden. Hier gibt es aber immer noch lediglich elf Organspender pro einer Million Einwohner - in der Stadt Bremen sind es 31.

Eine Benennung auf dem Papier reicht nicht aus, ein Transplantationsbeauftragter muss auch seinen Aufgaben nachkommen. Doch dafür mangelt es an Kapazitäten. Tausende von Ärzten müssen zunächst medizinisch und psychologisch geschult und freigestellt werden. Wer das finanzieren soll? Diese Frage beantwortet das neue Gesetz auf fahrlässige Weise unvollständig. Eine von der DSO für die Organentnahme gezahlte Aufwandsentschädigung reicht bei weitem nicht aus, um die tatsächlichen Kosten der Kliniken für Personal, Intensivstation und OP zu decken.

Man kann mit einigem Recht argumentieren, dass es bei Organspenden nicht allein ums Geld gehen darf. Doch solange die Finanzierung nicht geklärt ist, werden sich weiterhin Kliniken vor ihrer Verantwortung drücken. Selbst in einer renommierten Universitätsklinik in Deutschlands Süden stieß ein Transplantationsbeauftragter kürzlich auf massiven Widerstand bei einem Chirurgen, der seinen OP-Saal in der Nacht nicht für eine Organentnahme freigeben wollte. Das Personal dürfe am nächsten Tag nicht arbeiten, dadurch müssten andere Operationen ausfallen, das würde teuer werden, so die Begründung.

Damit Deutschland in Sachen Organspende in Zukunft trotz des zu kurz greifenden Gesetzes nicht auf der Stelle tritt, braucht es vor allem Engagement: Von Seiten der Ärzte, die sich mit Hingabe für die Organspende einsetzen müssen. Von Seiten der Politik, die die offenen Fragen zur DSO, dem Datenschutz und der Finanzierung klären muss. Und es bedarf des Engagements jedes Einzelnen, sich die Frage zu stellen, was mit seinem Körper nach dem Tod geschehen soll - und die Antwort auf einem kleinen hellbraunen Zettel festzuhalten.

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1. Zweifel an der Organspende
Sandygirl 06.06.2012
Zitat von sysopTausende Deutsche sterben jedes Jahr, weil sie zu lang auf ein Ersatzorgan warten müssen. Das neue Organspendegesetz soll die Zahl der Spender jetzt endlich erhöhen - doch das wird nicht funktionieren. Entscheidende Fragen zum Datenschutz bleiben ungeklärt, mangelnde Transparenz schürt Misstrauen. Organspende: Warum das Transplantationsgesetz nicht hilft - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,835895,00.html)
Die Frage, die ich mir stelle, ist ob hier die richtigen Fragen gestellt werden. Meiner Meinung nach, existieren zwei Hauptpunkte, die vom Unterschreiben eines Organspendeausweises abhalten: 1. Möglichkeit einer Fehldiagnose von Gehirnversagen ("Hirntod"). 2. Fraglichkeit, ob der Gehirntod (Versagen eines einzelnen Organs) mit dem Tod gleichzusetzen ist. Zum ersten Punkt gibt es Beispiele - aber nur wenige. (Durch die Organentnahme, wachen die Menschen nicht mehr auf.) Zum zweiten Punkte zerbrechen sich derzeit viele denk Kopf. Fakt ist, die Organentnahme aus einem "echten Toten" klappt nicht. Als argumentiert man: Wenn das Gehirn nicht mehr funktioniert, wird er nicht mehr aufwachen, also ist das gleich dem Tod. Also für mein eigenes Leben würde mich schon freuen, wenn man mich noch ein paar Tage am Apparat hängen lässt, falss das Gehirn doch wieder "anspringt". Es gab ja auch bei Schlaganfällen eine unmögliche Heilungen, wo "kaputte" Hirnareale ihr Tätigkeit wieder aufgenommen haben. Es gibt auch ein paar Quellen, die das untermauern, deren Glaubwürdigkeit aber zumindest in Frage gestellt wird. Viele Grüße Sandygirl
2.
Verun 06.06.2012
Zitat von sysopTausende Deutsche sterben jedes Jahr, weil sie zu lang auf ein Ersatzorgan warten müssen. Das neue Organspendegesetz soll die Zahl der Spender jetzt endlich erhöhen - doch das wird nicht funktionieren. Entscheidende Fragen zum Datenschutz bleiben ungeklärt, mangelnde Transparenz schürt Misstrauen. Organspende: Warum das Transplantationsgesetz nicht hilft - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,835895,00.html)
Wenn man tot ist, ist man tot. Es gibt weder Seele noch ein "Leben" danach. Daß jeder ein Spender sein muss, sollte auch hier gesetzlich verankert werden. Sogar ein Wiederrufsrecht erscheint wenig sinnvoll.
3. Datenschutz ...
Stegreif 06.06.2012
Die fragliche Definition des "Hirntods" (ich finde allein schon den Begriff schrecklich), mögliche Fehldiagnosen und andere potentielle Probleme sind das eine. Das andere ist, dass Ärzte die persönlichen Daten von Spendern an Pharmafirmen weitergeben dürfen. Und zwar ohne zu fragen oder auch nur darüber zu informieren. Hallo?!? Geht's noch? Wollte sich die FDP nicht für den Datenschutz einsetzen, um sich der Konkurrenz der Piratenpartei zu erwehren? Sind wohl mal wieder umgefallen ...
4.
grauwolf47 06.06.2012
Wenn man tot ist, ist man tot. Doch wann ist man tot? Wenn 2 oder mehr Ärzte der Meinung sind, ein Mensch wäre es? Wie sich gerade erst wieder inUK als Fehler herausgestellt hat. Apparatemedizin ist auch in D nicht zwingend vorgeschrieben. In einer Studie der Universität Bonn, Abteilung Neurochirurgie heißt es, dass von 113 Probanden, die exakt nach den Regeln der Bundesärztekammer für hirntot erklärt waren, immerhin zwei überlebten. Interessantes Video zum Thema: http://tv.doccheck.com/de/movie/1176/tot-oder-doch-lebendig/ Auch wie das mit der Würde ist, kann man erfahren: http://www.transplantation-information.de/organspende_organspender/organspende_wuerde.html Das grösste Problem ist, dass es keine wirklich offene
5.
WürgerKing 06.06.2012
Ich habe einen Organspendeausweis. Wegen des neuen Gesetzes werde ich den aber vernichten und ein Dokument hinterlegen, aus welchem hervorgeht, dass ich mit einer Organspende nicht einverstanden bin. Die Forschungsklausel, auf die ich keinen Einfluss nehmen kann, sowie die Tatsache, dass die Organspendewilligkeit auf meiner Versichertenkarte gespeichert werden soll, stoßen mich ab. Ich würde eigentlich gern Organspender bleiben. Aber die Ignoranz der Politiker ist einfach zum Kotzen, die Art der Umsetzung das Allerletzte. Organspende? Nein, danke! - Nicht mehr.
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Hirntod
Definition
Der Hirntod bedeutet in Deutschland nach den Richtlinien der Bundesärztekammer, dass alle Funktionen des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstamms irreversibel erloschen sind. Nur durch eine kontrollierte Beatmung werden die Herz- und Kreislauffunktionen künstlich aufrechterhalten.
Bestimmung
Bei der Diagnostik müssen zwei erfahrene - von einer etwaigen Transplantation unabhängige - Intensivmediziner den Hirntod bestimmen. Zunächst müssen sie sich versichern, dass eine schwere primäre oder sekundäre Hirnschädigung (Blutung, Verletzung, Infarkt) vorliegt und keine Vergiftung, Drogenwirkung, Schock oder Ähnliches zum Ausfall der Hirnfunktionen geführt haben. Dann testen sie innerhalb von 12, 24 oder 72 Stunden zweimal, ob alle Funktionen, die über den Hirnstamm koordiniert werden, erloschen sind. Dazu zählen etwa der Lidschlussreflex, der Würgereflex, lichtstarre, weite Pupillen und der Ausfall der Spontanatmung. Ergänzend weisen sie mit einem Null-Linien-EEG, der fehlenden Durchblutung der Hirnarterien und mit weiteren speziellen Hirnstrommessungen nach, dass der Hirntod irreversibel eingetreten ist.
Kritik
Die Definition des Hirntods stammt aus dem Jahr 1968, in dem sich in den USA das sogenannte Ad Hoc Committee an der Harvard Medical School gründete. Es befürwortete den irreversiblen Ausfall aller Hirnfunktionen als neue Todesdefinition. Bis dahin war ein Mensch definitionsgemäß tot, wenn sein Herz und Kreislauf unwiederbringlich stillstanden. Kritiker halten entgegen, dass Hirntote noch schwitzen, ausscheiden und unter Umständen sogar ein Kind austragen können. Demnach ist das Gehirn nur eines von mehreren für den Erhalt der Lebensfunktionen wichtigen Organe. Der Deutsche Ethikrat hat im März 2012 vor dem Hintergrund des Transplantationsgesetzes über die Frage "Wann ist ein Mensch tot?" debattiert.
"Herztod"
Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Ländern wie den USA, der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Österreich, Tschechien, Slowenien, Italien, Spanien und Portugal die Möglichkeit, Menschen unter definierten Umständen nach einem Herzstillstand Organe zu entnehmen - ohne dass ein Hirntod eingetreten oder diagnostiziert wurde. In Deutschland wird diese Praxis der "Non-Heart-Beating-Donors" sowohl von Seiten der Bundesärztekammer also auch der Politik strikt abgelehnt.
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Zahlen, Fakten, Trends: Organspende in Deutschland und Europa

Organspende-Gesetze in Europa
Erweiterte Zustimmungsregelung
Der Verstorbene muss zu Lebzeiten, z.B. per Organspendeausweis, einer Organentnahme zugestimmt haben. Liegt keine Zustimmung vor, können die Angehörigen über eine Entnahme entscheiden. Entscheidungsgrundlage ist der ihnen bekannte oder der mutmaßliche Wille des Verstorbenen. Dieses Recht gilt in Deutschland, Dänemark, Griechenland, Großbritannien, Irland, der Schweiz und in den Niederlanden.
Widerspruchsregelung
Hat der Verstorbene einer Organentnahme zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen, z.B. in einem Widerspruchsregister, so können Organe zur Transplantation entnommen werden. In einigen Ländern (Belgien, Finnland, Norwegen) haben die Angehörigen ein Widerspruchsrecht. Dieses Recht gilt in Belgien, Finnland, Italien, Luxemburg, Norwegen, Österreich, Portugal, Slowenien, Spanien, Tschechien und Ungarn.
Informationsregelung
Auch hier geht der Gesetzgeber grundsätzlich von einer Bereitschaft zur Organspende bei fehlendem Widerspruch zu Lebzeiten aus. Allerdings müssen die Angehörigen in jedem Fall über die geplante Entnahme unterrichtet werden. Ein Einspruchsrecht steht ihnen jedoch nicht zu. Dieses Recht gilt in Frankreich und Schweden.

quelle: deutsche stiftung für organtransplantation (dso); bundesministerium für gesundheit und soziale sicherung


DER SPIEGEL: Organspende