Berlin - Die Aufklärungskampagne zur Organspende scheint zu wirken. Dennoch ist die Skepsis der Menschen gegenüber der Organspende gewaltig. 88 Prozent finden laut einer neuen Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK), der Ablauf müsse transparenter werden. 41 Prozent fühlen sich nicht ausreichend informiert, bei 35 Prozent der Bundesbürger ist die Spendenbereitschaft durch die Skandale gesunken.
Mit 31 Prozent der TK-Versicherten hätten zehn Prozentpunkte mehr als im Bundesschnitt einen Spenderausweis, teilt die Kasse außerdem mit. "Die Anschreibewelle hatte Erfolg", folgert TK-Chef Jens Baas. Die TK hatte als erste große Krankenkasse Aufklärungsmaterial an die Versicherten verschickt. Die meisten gesetzlich Versicherten bekommen ihre Post dazu erst noch.
Während 44 Prozent der TK-Versicherten in der vergangenen Woche von ihrer Kasse über die Organspende informiert worden sind, haben in der Umfrage nur acht Prozent aller Befragten von ihrer Versicherung etwas zum Thema erfahren. TK-Chef Baas geht davon aus, dass der Wert auch bei den Kunden anderer Krankenkassen ansteigen werde. Als Reaktion auf die Post hätten sich einige tausend Versicherte mit Fragen an Berater der Kasse gewandt.
Skandale in Regensburg, Göttingen, München und Leipzig
Das Vertrauen der Versicherten in die Organspende ist dennoch ruiniert, die Manipulationen hatten offensichtlich System. Im Regensburger Fall dauern die Ermittlungen seit fast acht Monaten an. Bei mehr als 40 Lebertransplantationen soll getrickst worden sein. Der verdächtigte Chirurg wurde im Januar in Göttingen in Untersuchungshaft genommen, wo er in der Zwischenzeit an der dortigen Universitätsklinik gearbeitet hatte. Hier wird inzwischen auch gegen viele weitere Mitarbeiter der Klinik ermittelt.
Im Münchner Fall soll es über Jahre manipulierte Blutproben gegeben haben, es sollen alkoholabhängige Patienten auf der Warteliste geführt worden sein, die nicht auf der Liste hätten stehen dürfen. Zuletzt kam heraus, dass in Leipzig Patienten auf dem Papier kränker gemacht worden sein sollen, um sie zu bevorzugen.
Ob das alle Fälle waren, ist noch unklar. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, teilt mit: "Nach der neuen gesetzlichen Grundlage wurden bislang 15 Leberprogramme überprüft." Demnach stehen Dutzende Prüfungen noch aus, denn in den fast 50 Transplantationskliniken gibt es meist mehrere Programme zu verschiedenen Organen. Krankenakten werden laut Montgomery medizinisch gründlich studiert und Klinikvertreter befragt. Bei Auffälligkeiten kämen ein Arzt und ein Jurist zum Einsatz.
Merkwürdig: Ärzte allein legen Richtlinien fest
Das Risiko neuer Fälle hält Montgomery im Moment für gering: "Nie war die Transplantationsmedizin sicherer als heute." Bereits 2012 habe es nur noch wenige Manipulationen gegeben. Auch Kassenchef Baas sagt: "Ich rechne nicht damit, dass es demnächst neue Skandale gibt."
Baas kritisierte allerdings, es sei merkwürdig, dass die Ärzteschaft allein die Richtlinien für die Organvergabe festlege: "Dabei geht es um die Grundsatzfrage, ob bei der Vergabe der wertvollen Organe eher Patienten berücksichtigt werden sollen, bei denen die Erfolgsaussicht größer ist, oder jene, die dem Tod nahe sind." Hier gebe es kein Falsch oder Richtig, doch Gesellschaft und Politik müssten das Thema diskutieren.
Fachleute fordern zudem weitere Reformschritte. Bei den zuständigen Staatsanwaltschaften gilt es als fraglich, ob die Manipulation von Daten überhaupt strafrechtlich zu ahnden ist. In Koalition, Opposition und Bundesärztekammer gibt es die Forderung, weniger Kliniken für Transplantationen zuzulassen. Das würde die Konkurrenz untereinander verringern. Der neue Chef der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), Rainer Hess, verlangt manipulationssichere Daten.
Das Bundesgesundheitsministerium lässt noch gesetzliche Änderungen prüfen. Es geht um Strafnormen und das Berufsrecht der Ärzte. Ein Rechtsgutachten soll bis Ende April folgen. "Das Ergebnis wird nach Abnahme im Internet des BMG veröffentlicht", heißt es. Dann rückt aber das Ende der Regierungsperiode, in der Gesetze verabschiedet werden können, immer näher.
Von Basil Wegener, dpa
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