Organspende Zweifel an korrekter Hirntoddiagnose

Wenn Mediziner vor einer Organspende den Hirntod feststellen, müssen sie sich an klare Regeln halten. Das tun in Deutschland aber offenbar nicht alle: Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, gab es zwischen 2011 und 2013 mehrere Fälle, in denen Ärzte Fehler gemacht haben.

Wirklich tot? In Deutschland müssen zwei Mediziner unabhängig den Hirntod eines Menschen feststellen
Corbis

Wirklich tot? In Deutschland müssen zwei Mediziner unabhängig den Hirntod eines Menschen feststellen


Ein Mensch ist hirntot, wenn die Funktionen seines Großhirns, Kleinhirns und Hirnstammes unwiederbringlich erloschen sind. Um das im Zusammenhang mit einer Organspende sicher festzustellen, hat die Bundesärztekammer klare Richtlinien für Ärzte formuliert. Dennoch kommt es in Deutschland mitunter vor, dass die Hirntoddiagnostik nicht korrekt durchgeführt wird, berichtet die "Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf Dokumente, die dem Blatt vorliegen.

Demnach habe es zwischen Anfang 2011 und Anfang 2013 acht Fälle in Nordrhein-Westfalen und Bayern gegeben, in denen Ärzte Fehler bei der Hirntoddiagnostik gemacht hatten. Diese waren von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) entdeckt worden, die von Medizinern immer dann informiert wird, wenn es einen potentiellen Organspender gibt.

Zu den Fehlern zählten Fälle, in denen der Hirntod angegeben wurde, obwohl die Betroffenen Medikamente bekamen, die das Zentrale Nervensystem dämpften. Das ist laut den Richtlinien nicht erlaubt. In einem anderen Fall sei der sogenannte Apnoe-Test nicht durchgeführt worden, der bei der Hirntoddiagnostik aber vorgeschrieben ist. Dabei unterbrechen Ärzte die Sauerstoffzufuhr und überprüfen, ob der Betroffene doch noch spontan atmet. DSO-Vorstand Rainer Hess gibt gegenüber der "SZ" zu bedenken, dass die Organspende in den bekannten Fällen gestoppt worden sei.

Der ehemalige DSO-Koordinator Gundolf Gubernatis moniert in der "SZ", dass in Deutschland auch jene Ärzte eine Hirntoddiagnostik vornehmen, die "kaum ausreichende Erfahrung mit diesem Tod haben". Die Richtlinien der BÄK schreiben allerdings vor, dass die Mediziner "eine mehrjährige Erfahrung in der Intensivbehandlung von Patienten mit schweren Hirnschädigungen verfügen müssen".

2012 war bekannt geworden, dass Ärzte in mehreren deutschen Kliniken Daten von Patienten manipuliert hatten, die auf der Warteliste für ein lebensrettendes Organ standen. Die Vorfälle haben das Vertrauen der Bevölkerung in das deutsche Organspendewesen tief erschüttert. 2013 spendeten laut DSO nur noch 876 Menschen Organe, 16 Prozent weniger als noch 2012.

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insgesamt 171 Beiträge
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Seite 1
hajo52 18.02.2014
1.
Die Organspendenbereitschaft sinkt nicht wegen der berichteten Fehler, sondern wegen der groß aufgemachten Berichte, die unsere Sensationslust befriedigen wollen!
gierig_master 18.02.2014
2. Tod
Und genau aus diesem Grund habe und werde ich keinen Organspendeausweis besitzen. Solange es in "Deutschland" nur ums Geld geht ist der Organspendeausweis das Todesurteil, wenn man wirklich ernsthaft krank ist. Für die Menschen, die auf Organe warten, tut es mir leid, aber mit Organspendeausweis diagnostiziert niemand (oder die Wenigsten) mehr den richtigen Tod.
Olaf 18.02.2014
3.
Zitat von sysopCorbisWenn Mediziner vor einer Organspende den Hirntod feststellen, müssen sie sich an klare Regeln halten. Das tun in Deutschland aber offenbar nicht alle: Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, gab es zwischen 2011 und 2013 mehrere Fälle, in denen Ärzte Fehler gemacht haben. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/organspende-zweifel-an-korrekter-hirntod-diagnose-a-954167.html
Das wird die Spendenbereitschaft sicherlich weiter dämpfen. Obwohl es eigentlich beweist, dass die Überwachung in dem System funktioniert. Aber das reicht nicht, will man dieses Vertrauenskrise wirklich überwinden, wird man das ganze System der Organvergabe neu überdenken und reformieren müssen. Ich denke nicht, dass man diese Krise aussitzen kann. Man wird es aber wahrscheinlich versuchen.
moemoe 18.02.2014
4. schlecht abgeschrieben
Liebes SPIEGEL-Team, man ist ungern Zweiter, in diesem Fall ist das aber ein Vorteil. Wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist, hat die SZ den Artikel schon weit unten hinter einem kleinen Link vergraben, weil er so grottenschlechter Journalismus ist. Es wäre zielführender, nicht von diffus von "häufigen" Fehldiagnosen zu reden, sondern die konkreten Fehler aufzuführen und sie bitte auch in den richtigen Kontext zu stellen. So dringend die Aufklärung der Fehler ist, so wenig hilfreich ist es, das Thema mit der Beißzange anzufassen, nur um ein paar hundert Klicks mehr zu generieren. Sie haben wenigstens die Möglichkeit, das unbeschreiblich schlechte Niveau der SZ-Medizinredaktion hinter sich zu lassen ;)
ksail 18.02.2014
5. Vorschlag für eine Reform der Organspende
Artikel, die die derzeitige Situation der Organspende beschreiben, sind i.d.R. folgendermassen aufgebaut: Erst werden Probleme in der Durchführung beschrieben, dann die nachlassende Bereitschaft zur Organspende beklagt. Mein Vorschlag für eine Reform: Jeder willige Organspender wird in einer Datenbank registriert und erhält bei Bedarf selbst vorrangig eine Spende vor Nicht-Spendern. Damit steht dem Restrisiko des Spendens eine Vorzugsbehandlung gegenüber und ich bin mir sicher, dass sich dann doch viele zur Spende entschliessen würden. Für mich würde das schon mal gelten.
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