Neues Organspendegesetz: Sieben Gründe für einen Spendeausweis

Von Heike Le Ker

Heute tritt die neue Regelung für die Organspende in Kraft: Jeder Versicherte wird von seiner Krankenkasse aufgefordert, einen Spendeausweis auszufüllen. Sieben subjektive Argumente, warum man es tun sollte.

Ein Organspendeausweis: Eine Entscheidung treffen und die Familie entlastenZur Großansicht
DPA

Ein Organspendeausweis: Eine Entscheidung treffen und die Familie entlasten

Ab sofort gilt in Deutschland die Entscheidungslösung im Transplantationsgesetz: Jeder Versicherte wird von seiner Krankenkasse aufgefordert zu dokumentieren, ob er nach seinem Tod Organe spenden möchte oder nicht. Damit wird weder eine Entscheidung erzwungen, noch gilt - wie etwa in Spanien - jeder Bürger bis zu seinem Widerspruch automatisch als Spender. Der deutsche Konsens war nach langem Ringen im Bundestag gefunden und mit dem Ziel verabschiedet worden, die Organspendezahlen in Deutschland zu erhöhen.

Das ist mittlerweile dringender denn je: Mindestens seit Anfang 2012 geht die Zahl der Organspender in Deutschland kontinuierlich zurück. Der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) zufolge wurden allein im Oktober weniger als 60 Organe gespendet - normalerweise waren es monatlich mehr als 100. Schuld sind vermutlich die vielen Skandale, die die Transplantationsmedizin seit Monaten erschüttern: die Vorwürfe gegen die DSO und die Manipulationen in Göttingen, Regensburg und vermutlich auch in München am Klinikum Rechts der Isar.

Trotzdem gibt es zahlreiche gute Gründe, warum Sie den Spendeausweis, den die Krankenkasse Ihnen zuschicken wird, ausfüllen sollten. Hier sind sieben davon:

  1. Statistisch gesehen stirbt alle acht Stunden ein Mensch in Deutschland, den ein Spenderorgan hätte retten können. Der wohl wichtigste Grund, warum es sich lohnt, eine Entscheidung zu treffen.
  2. Gehören Sie zu den vielen Menschen, die zwar zu einer Organspende bereit sind, aber keinen Ausweis haben? Dann sollten Sie den Ausweis jetzt ausfüllen. Denn wenn Sie Ihren Wunsch, Organe zu spenden nicht dokumentieren, weiß im Zweifelsfall im Krankenhaus niemand, wie Sie zu dieser Frage standen. Bei der Suche nach der Antwort geht kostbare Zeit verloren, die einem anderen Menschen das Leben retten könnte.
  3. Wenn Sie nach Ihrem Tod Organe spenden wollen und dies dokumentieren, entlasten Sie Ihre Familie. Andernfalls müssen Angehörige diese Frage in einer sehr schwierigen Situation beantworten.
  4. Bevor Sie eine Entscheidung treffen, stellen Sie sich folgende Frage: Wie würde ich die Frage beantworten, wenn ich selber, mein Partner, oder mein Kind ein Organ bräuchte? Ärzte berichten immer wieder, dass Menschen ihre Meinung zur Organspende ändern, wenn sie selbst oder ein Familienmitglied ein Organ brauchen.
  5. Die Frage nach dem Tod: Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern dürfen in Deutschland Organe erst dann entnommen werden, wenn der Spender hirntot ist. Diese Definition ist unter der Vorstellung entstanden, dass Körper und Geist eine Einheit sind. Wenn das Gehirn vollständig und unwiderruflich ausfällt, gibt es kein zurück zu dem Dasein davor. Dass ein potentieller Spender nach Feststellung des Hirntods wieder aufwacht, ist ausgeschlossen.
  6. Die Manipulationen sind falsch - keine Frage. Sie haben dazu geführt, dass ein Patient, der eigentlich an der Reihe gewesen wäre, das ihm zustehende Organ nicht bekommen hat. Vermutlich sind dadurch Menschen gestorben. Gleichzeitig wurde aber ein anderer Mensch mit dem Organ gerettet. Man könnte sich zumindest die Frage stellen, ob es für den Organspender wichtig ist, ob sein Organ der Nummer eins oder der Nummer 20 auf der Warteliste das Leben rettet.

  1. Kreuzen Sie "Nein" an, wenn Sie keine Organe spenden wollen! Auch damit entlasten Sie Ihre Angehörigen und ersparen ihnen unangenehme Fragen im Krankenhaus, falls Sie jemals als Organspender in Frage kommen sollten.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 709 Beiträge
meinmein 01.11.2012
Ja das ist mir wichtig. Wenn Nr. 20 vor Nr.1 drankommt, dann ist er mit großer Wahrscheinlichkeit ein korrupter Geldsack und sein Arzt verdient sich an meinem Organ eine goldene Nase. Das ist so, als ob ich für hungernde [...]
Zitat von sysopMan könnte sich zumindest die Frage stellen, ob es für den Organspender wichtig ist, ob sein Organ der Nummer eins oder der Nummer 20 auf der Warteliste das Leben rettet.
Ja das ist mir wichtig. Wenn Nr. 20 vor Nr.1 drankommt, dann ist er mit großer Wahrscheinlichkeit ein korrupter Geldsack und sein Arzt verdient sich an meinem Organ eine goldene Nase. Das ist so, als ob ich für hungernde Kinder spende und die Spendenorganisation sich davon die Gehälter bezahlt.
sr11 01.11.2012
dass der Spiegel für den Organspendeausweis wirbt? Die letzten Skandale haben wohl zu viele Deutsche aufgeschreckt und man muss jetzt medial gegensteuern.
Zitat von sysopHeute tritt die neue Regelung für die Organspende in Kraft: Jeder Versicherte wird von seiner Krankenkasse aufgefordert, einen Spendeausweis auszufüllen. Sieben subjektive Argumente, warum man es tun sollte. Organspendeausweis ausfüllen: Transplantationsgesetz in Kraft - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/organspendeausweis-ausfuellen-transplantationsgesetz-in-kraft-a-864546.html)
dass der Spiegel für den Organspendeausweis wirbt? Die letzten Skandale haben wohl zu viele Deutsche aufgeschreckt und man muss jetzt medial gegensteuern.
hop 01.11.2012
Jedesmal wenn von dem Organspendeskandal berichtet wird, fehlt der Hinweis, dass der Skandal durch fehlende Spendebereitschaft erst entstehen konnte und das trotzdem ein Mensch gerettet wurde, wenn auch nicht der, der vorne in der [...]
Jedesmal wenn von dem Organspendeskandal berichtet wird, fehlt der Hinweis, dass der Skandal durch fehlende Spendebereitschaft erst entstehen konnte und das trotzdem ein Mensch gerettet wurde, wenn auch nicht der, der vorne in der Liste gestanden hätte...Super, dass Ihr dieses klarstellt! Der Skandal sollte die Mitbürger erst recht zur Zustimmung zur Organspende bewegen!
jjcamera 01.11.2012
Solange Ärzte, die nämlich auch nur Menschen sind, durch ihr Gutachten auf eine Organzuteilung Einfluß nehmen können, solange wird es zu Unregelmäßigkeiten kommen. Ein sehr reicher Patient würde auch mehrere Millionen bieten, um [...]
Solange Ärzte, die nämlich auch nur Menschen sind, durch ihr Gutachten auf eine Organzuteilung Einfluß nehmen können, solange wird es zu Unregelmäßigkeiten kommen. Ein sehr reicher Patient würde auch mehrere Millionen bieten, um sein Leben zu retten. Welche Strafe bekommen denn die Ärzte, die bisher Organe verschoben haben? Bestimmt deutlich unter dem Betrag, den sie dafür erhalten haben. Ich habe meine Zustimmung zur Organspende widerrufen, denn die Vorstellung, dass jemand damit einen fetten Deal macht, finde ich unerträglich...
mallemalle 01.11.2012
Diese Diskussion würde es überhaupt nicht geben, wenn man seine Organe verkaufen dürfte. Aber dies ja illegal.
Diese Diskussion würde es überhaupt nicht geben, wenn man seine Organe verkaufen dürfte. Aber dies ja illegal.
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie
alles zum Thema Organspendeskandal

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Donnerstag, 01.11.2012 – 09:22 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
  • Kommentieren | 709 Kommentare
Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Fragen und Antworten zur Organvergabe in Deutschland
1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Transplantationsmedizin in drei finanziell und organisatorisch unabhängige Bereiche aufteilt: Für die Organisation der Organspende ist die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) zuständig. Die Vermittlung der Organe übernimmt die Stiftung Eurotransplant. Die eigentliche Übertragung des Organs auf den Empfänger findet in den bundesweit rund 50 Transplantationszentren statt.

Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel:

Hirntod
Der Hirntod bedeutet in Deutschland nach den Richtlinien der Bundesärztekammer, dass alle Funktionen des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstamms irreversibel erloschen sind. Nur durch eine kontrollierte Beatmung werden die Herz- und Kreislauffunktionen künstlich aufrechterhalten.




TOP



TOP