Nach Skandal Anlaufstelle für Unregelmäßigkeiten bei Organspenden geschaffen

Eine neu geschaffene Anlaufstelle soll helfen, Unregelmäßigkeiten bei der Organspende in Zukunft früher zu erkennen und darauf zu reagieren. Bei der unabhängigen Vertrauensstelle "Transplantationsmedizin" kann jeder - auch anonym - Auffälligkeiten und mögliche Verstöße melden.

Organentnahme: Die Skandale der letzten Monate haben vielen Bürgern das Vertrauen in das System genommen
DSO/ Johannes Rey

Organentnahme: Die Skandale der letzten Monate haben vielen Bürgern das Vertrauen in das System genommen


Gefälschte Patientendaten und unrechtmäßig vergebene Organe: Die Transplantationsskandale an mehreren deutschen Kliniken haben vielen Bürgern das Vertrauen in das System der Organspende geraubt. Ärzte und Politiker suchen seitdem nach Möglichkeiten, Manipulationen in Zukunft im Keim zu ersticken. Ein weiterer Schritt auf dem Weg dahin ist jetzt gemacht: Ärzteschaft, Krankenhausträger und Kassen haben eine neue Anlaufstelle für Unregelmäßigkeiten bei der Organspende geschaffen.

Bei der Vertrauensstelle "Transplantationsmedizin" kann jeder, auch anonym, Auffälligkeiten und Verstöße gegen das Transplantationsrecht melden, wie Bundesärztekammer (BÄK), Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) am Montag in Berlin mitteilten.

Die unabhängige Vertrauensstelle soll Hinweise auf Unregelmäßigkeiten bei der Organspende und der Organtransplantation entgegennehmen und bei der Aufklärung mit der zuständigen Prüfungs- und Überwachungskommission zusammenarbeiten. Die Kommission wird von Ärzten, Kassen und Krankenhäusern getragen. Die Vertrauensstelle, die von der früheren Bundesrichterin Ruth Rissing-van Saan geleitet wird, agiert dabei unabhängig von den Strafverfolgungsbehörden.

Hinweise nehmen die Mitarbeiter der Anlaufstelle unter der Postanschrift der Bundesärztekammer in Berlin und über "vertrauensstelle_transplantationsmedizin@baek.de" entgegen.

Der Organspendeskandal kam vor mehreren Monaten ins Rollen: Mehreren deutschen Ärzten wird vorgeworfen, Krankenakten manipuliert zu haben, damit ihre Patienten bei der Organspende bevorzugt werden. Die Zahl der Organspenden ist seitdem deutlich zurückgegangen. Von Januar bis September 2012 zählte die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) 829 Organspender. Das sind 71 - oder knapp acht Prozent - weniger als im Vorjahreszeitraum.

irb/afp

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insgesamt 14 Beiträge
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assurnassirpal 05.11.2012
1. Ärzteschaft, Krankenhausträger und Kassen
wollen eine "unabhängige" Vertrauensstelle schaffen? Welche dieser drei Instanzen hat sich denn bei der Aufklärung der aktuellen Skandale verdient gemacht? Interessant auch, dass man unabhängig von den Strafverfolgungsbehörden arbeiten will. Wie soll man sich eine Aufklärung in dieser Konstellation denn vorstellen? Da wird der Bock zum Gärtner gemacht.
Neurovore 05.11.2012
2.
Brilliant! Sowas brauchen wir auch für Unregelmäßigkeiten beim Betrieb von Kernkraftwerken. Oder für Unregelmäßigkeiten bei Aktionen des Verfassungsschutzes...
Juro vom Koselbruch 05.11.2012
3. Organspende auch trotz Ablehnung lebensverlängernder Maßnahmen möglich
Zitat von sysopDSO/ Johannes Rey Eine neu geschaffene Anlaufstelle soll helfen, Unregelmäßigkeiten bei der Organspende in Zukunft früher zu erkennen und darauf zu reagieren. Bei der unabhängigen Vertrauensstelle "Transplantationsmedizin" kann jeder - auch anonym - Auffälligkeiten und mögliche Verstöße melden. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/organspenden-anlaufstelle-fuer-unregelmaessigkeiten-geschaffen-a-865453.html
Ich begrüße die Anlaufstelle sehr. Nach langem Zögern und früherer Vernichtung eines Organspendeausweises stehe ich jetzt wieder zur Organspende. Man kann damit trotz aller Skandale Leben retten. Der Grundgedanke, mit Organspenden Leben zu retten, ist und bleibt richtig. Man kann übrigens auch Organspende erlauben, obwohl man sich in einer Patientenverfügung gegen lebensverlängernde Maßnahmen ausgesprochen hat. Besser als der zitierte Fachmann von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) kann ich den Sachverhalt nicht ausdrücken: "*Die Zustimmung zur Organspende steht nicht im Widerspruch zu einer Patientenverfügung“*, betont Professor Dr. Günter Kirste, Medizinischer Vorstand der DSO. Für eine Organentnahme nach Eintreten des Todes müssen intensivmedizinische Maßnahmen beibehalten werden. „Dies darf jedoch nicht mit einer lebensverlängernden Maßnahme verwechselt werden,“ so Kirste weiter. Die medizinische Voraussetzung für eine Organentnahme in Deutschland ist der eindeutig nachgewiesene Hirntod, also der vollständige und irreversible Ausfall aller Gehirnfunktionen. Zur Vorbereitung der Organentnahme wird der Kreislauf des verstorbenen Spenders kurzfristig durch Maschinen künstlich aufrechterhalten, um die Organe zu schützen. „Diese Maßnahme dient lediglich der Aufrechterhaltung der Funktionen der Organe und bedeutet keine Lebensverlängerung“, erläutert der Mediziner. *Dementsprechend sollte in der Patientenverfügung der Organspende Vorrang vor dem Abbruch der intensivmedizinischen Maßnahmen eingeräumt werden. Das Bundesministerium für Justiz schlägt beispielsweise in seiner Broschüre zur Patientenverfügung konkrete Formulierungen vor, mit denen die persönliche Entscheidung zur Organspende hinreichend dokumentiert werden kann.“* Um Unsicherheiten und Missverständnissen vorzubeugen, wirbt die die DSO für eindeutige Formulierungen in die Patientenverfügung. Vorschläge dazu gibt es beispielsweise vom Bundesjustizministerium. Kirste empfiehlt die Formulierung des Deutschen Ärztetages, in der auch die christliche Patientenverfügung enthalten ist: "Denn das ist einfach und für jeden verständlich formuliert." "Grundsätzlich bin ich zur Spende meiner Organe und Gewebe bereit. Es ist mir bewusst, dass Organe nur nach Feststellung des Hirntodes bei aufrechterhaltenem Kreislauf entnommen werden können. Deshalb gestatte ich ausnahmsweise für den Fall, dass bei mir eine Organspende medizinisch in Frage kommt, die kurzfristige (Stunden bis höchstens wenige Tage umfassende) Durchführung intensivmedizinischer Maßnahmen zur Bestimmung des Hirntodes nach den Richtlinien der Bundesärztekammer und zur anschließenden Entnahme der Organe." Selbstverständlich kann man in der Verfügung auch eindeutig eine Organspende ablehnen.
herr_kowalski 05.11.2012
4. Wer von denen war nochmal an den Manipulationen beteiligt ?
Zitat von sysopDSO/ Johannes Rey Eine neu geschaffene Anlaufstelle soll helfen, Unregelmäßigkeiten bei der Organspende in Zukunft früher zu erkennen und darauf zu reagieren. Bei der unabhängigen Vertrauensstelle "Transplantationsmedizin" kann jeder - auch anonym - Auffälligkeiten und mögliche Verstöße melden. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/organspenden-anlaufstelle-fuer-unregelmaessigkeiten-geschaffen-a-865453.html
Ärzteschaft, Krankenhausträger und Kassen.... Na dann ist ja alles gut. So ähnlich wie die freiwillige Selbstverpflichtung der Mafia in Sizilien.
jadota 05.11.2012
5. Die Logik des Geldes
Die TK saniert sich. Macht Kampagne. Sucht Organe. Von ehrenamtlichen Spendern. Rasch und kostenlos. (Vermutlich nach Hirntod mit Spendenquittung absetzbar.) Die Gesundheit ist Profit orientiert. Es herrscht Abhängigkeitskrieg zwischen Pharmaindustrie, Ärzte und eigene KK-Verwaltung. „Wer kann die anderen am besten überrumpeln?“ Deshalb ist diese neue „Organspende Anlaufstelle“ nur ein zusätzlicher Ort für mögliche Korruption. Wetten dass?...
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