Organspendeskandal: Minister will Sonderkontrolleure in den Kliniken

Mehr-Augen-Prinzip: Organspenden sollen durch mehrere Ärzte überwacht werden Zur Großansicht
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Mehr-Augen-Prinzip: Organspenden sollen durch mehrere Ärzte überwacht werden

Ein Mehr-Augen-Prinzip soll Manipulationen bei der Vergabe von Organspenden verhindern. Gesundheitsminister Daniel Bahr will diesen Vorschlag bei einem Krisentreffen am Montag durchsetzen. Derweil wird über neue Fehler bei der Vergabe von Spenderherzen berichtet.

Als Konsequenz aus den Manipulationen bei der Vergabe von Spenderorganen will Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr strengere Regeln durchsetzen. "Wir brauchen ein Mehr-Augen-Prinzip bei der Vergabe von Spenderorganen, damit noch eine unabhängige Person, die nicht Teil der Abläufe der Transplantation ist, alles prüft", sagte Bahr der "Rheinischen Post" ("RP"). Diese Person solle unmittelbar der Klinikleitung unterstellt sein, damit auch die Klinikleitung direkt Verantwortung trage.

Als Sonderkontrolleur könnte zum Beispiel ein Arzt aus einer anderen Abteilung eingesetzt werden. Bahr forderte zudem, das Personal der Prüfkommissionen aufzustocken, die unangemeldet in Transplantationskliniken gehen.

Am Montag ist wegen des Organspenden-Skandals ein neuerliches Krisentreffen mit Vertretern aus der Ärzteschaft, den Krankenkassen und Ländern angesetzt. An den Gesprächen in Berlin nehmen unter anderem Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery, der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, und eine Reihe von Gesundheitsministern der Länder teil. Bahr sagte, er erwarte weitere Vorschläge zur Verbesserung der Strukturen. Für Ärzte, die gegen Regeln verstießen, müsse es harte Strafen geben.

Überprüft werden soll auch, warum bei dem Vorfall in Regensburg keine Konsequenzen gezogen worden seien, sagte Bahr gegenüber der "RP". "Es kann nicht sein, dass solche Vorgänge keinerlei Folgen haben." Bei der Untersuchung der Strukturen werde auch die für die Organisation der Organspende zuständige "Deutsche Stiftung Organtransplantation" (DSO) nicht ausgenommen.

Die Kernkompetenz bei der Organspende müsse auch weiterhin bei den Ärzten liegen, sagte Bahr. "Da es bei der Organvergabe im Kern immer um medizinische Entscheidungen geht, können diese nur von Medizinern gefällt werden."

Manipulation bei Spenderherzvergabe

Die "Frankfurter Rundschau" ("FR") berichtet in ihrer Samstagsausgabe über neuerliche Auffälligkeiten bei der Verteilung von Spenderorganen. Neun von zehn Spenderherzen würden inzwischen mit einem Verfahren an Organempfänger vergeben, das selbst die Ärzteschaft als manipulationsanfällig ansehen.

Belegen würden dies neue Zahlen der europäischen Organvermittlungsstelle Eurotransplant, die der Zeitung vorliegen. Wurden noch vor zehn Jahren weniger als die Hälfte (43,5 Prozent) der Herzen an Patienten vergeben, die aufgrund von akuter Lebensgefahr auf der Warteliste einen "Hochdringlichkeitsstatus" hatten, sei der Anteil bis 2011 auf 88,5 Prozent hochgeschnellt. Chancen auf ein neues Herz hätte damit praktisch nur derjenige Patient, der diesen Status bekomme. Die Kriterien dafür seien jedoch nicht einheitlich. Damit läge es weitgehend im Ermessen des behandelnden Arztes, wie er den Patienten einstuft, so die "FR".

Die Bundesärztekammer hatte die neuen Daten mit der abnehmenden Zahl von Spenderorganen begründet. Sie betonte außerdem, die Prüfungskommission von Kassen, Ärzteschaft und Kliniken habe bei Kontrollen in Herztransplantationszentren im Zeitraum 2009/10 zwei und im Zeitraum 2010/11 keine Unregelmäßigkeiten bei den gemeldeten Patientendaten festgestellt.

Die Justiz ermittelt derzeit an den Uni-Kliniken in Göttingen und Regensburg, ob im Zusammenhang mit Transplantationen Akten manipuliert und so bestimmten Patienten bevorzugt Spenderorgane verschafft wurden. Ein zu den jeweiligen Zeiträumen an den Kliniken arbeitender Arzt gilt als Hauptverdächtiger.

nik/dpa/AFP

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1. Hurra! Sollte jemals Fr.Timoschenko Organe benötigen, ist jetzt die Versorgung sicher
Privatier 25.08.2012
Zitat von sysopEin Mehr-Augen-Prinzip soll Manipulationen bei der Vergabe von Organspenden verhindern. Gesundheitsminister Daniel Bahr will diesen Vorschlag bei einem Krisentreffen am Montag durchsetzen. Derweil wird über neue Fehler bei der Vergabe von Spenderherzen berichtet. Organspenden-Skandal: Bahr will Kontrolleure in Kliniken - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,852034,00.html)
Dann müssen sich unsere Politiker, die sich noch vor wenigen Wochen um ihre Ex-Regierungsfreundin in kürzester Zeit mehr Gedanken machten, als um zehntausende Deutscher Patienten, nicht mehr damit begnügen, deutsche Ärzteteams zu schicken, sondern können die Listen, die im Bedarfsfall eine vorzügliche Ersatzteilversorgung regeln, bereits auf dem kleinen Dienstweg an keinerlei Aufschub duldenden staatstragenden Bedürfnissen anpassen. Und wie lange mag es wohl dauern, bis die Parteibücher das heimliche Gegengewicht zu den Spenderausweisen werden? Als Vorteilsscheine für den Bezug. MfG
2. Alles anonymisieren
leser008 25.08.2012
Das Problem ist doch der "Götter in Weiss" Wahn, dem man in D. vor allem seit der Nazizeit huldigt. Warum dürfen die Ärzte, die selber operieren, auch die Entscheidung über die Vergabe treffen; und zusätzlich daran verdienen. Das muss schiefgehen. Warum bekommt das Krankenhaus K. nicht von der Organbehörde B. das Organ für den Patienten P. nach den Daten und einem Punktsystem zugewiesen. Und Chirurg C. hat das Organ dann reinzubauen, ohne Spender und Patient namentlich zu kennen. Ein gutes Beispiel ist die Baubranche, sobald Handwerker oder Architekten zusätzlich einkaufen dürfen, geht es mit Kickbacks, Provisionen und Geschenken los. Deshalb trennt man das ob wo es irgend geht.
3. Das ist ja nicht mehr zum Aushalten
spiegelator 25.08.2012
Der junge Herr Bahr übertrifft ja noch die Frau Ilse Aigner. Wenn mit solcher Qualifikation die Spendenbereitschaft stark zurückgefahren wird, dann sterben Menschen. Vielleicht sollte mal jemand diesem Herrn die zum Amt gehörende Verantwortung etwas näher bringen.
4. @leser008
hingeschaut 25.08.2012
Wie halten Sie es denn wenn Sie mal operiert werden müssen? Möchten Sie nicht vorher mal mit dem Chirug reden und sich selber ein Bild machen ob er Ihnen zusagt? Status in D ist: Zum Prozedere um auf die Liste für ein Spenderorgan zu gelangen gehört auch, dass der Empfänger sich mit dem ganzen Team welches die Transplantation (TPX) durchführen wird ( wie bei mir [Niere]) weit vor der TPX mehrfach bespricht. Mir wäre es ein greuseliger Gedanke zu dieser, für mich wichtigen und lebensentscheidenen Op, nur von vollkommen Unbekannten behandelt zu werden. Als Vergleich die Baubranche heranzuziehen, entschuldigen Sie, das ist mir etwas weltfremd. Ware(n) und Menschen vergleiche ich ungern. Die Crux liegt wohl eher daran, dass nicht konsequent bei der Strafverfolgung der schwarzen "Schafe" vorgegangen wurde und wird! Die Lobby besitzten eben nie die "Schwachen" hier die Patienten.
5. Antwort auf hingeschaut
leser008 25.08.2012
Zitat von hingeschautWie halten Sie es denn wenn Sie mal operiert werden müssen? Möchten Sie nicht vorher mal mit dem Chirug reden und sich selber ein Bild machen ob er Ihnen zusagt? Status in D ist: Zum Prozedere um auf die Liste für ein Spenderorgan zu gelangen gehört auch, dass der Empfänger sich mit dem ganzen Team welches die Transplantation (TPX) durchführen wird ( wie bei mir [Niere]) weit vor der TPX mehrfach bespricht. Mir wäre es ein greuseliger Gedanke zu dieser, für mich wichtigen und lebensentscheidenen Op, nur von vollkommen Unbekannten behandelt zu werden. Als Vergleich die Baubranche heranzuziehen, entschuldigen Sie, das ist mir etwas weltfremd. Ware(n) und Menschen vergleiche ich ungern. Die Crux liegt wohl eher daran, dass nicht konsequent bei der Strafverfolgung der schwarzen "Schafe" vorgegangen wurde und wird! Die Lobby besitzten eben nie die "Schwachen" hier die Patienten.
Ich bin noch nie operiert worden. Aber wenn, kann man sich auch als Privatpatient den Chirurg eh nicht aussuchen. Ein Gespräch, nächste Woche operieren wir sie soundso, Chancen usw. führen die Ärzte sowieso wegen der Haftung. Transplantation ist eine OP und keine Psychotherapie. Ausser der ihnen missliebigen Baubranche können sie jeden Bereich ranziehen wo Kunden Druck machen und Geld daist. Justiz, Prüfungsämter, Polizei, Zoll, Gewerbeaufsicht, Ausländerämter und besonders korrupt, Konsulate und Botschaften. Usw. Und da hat die von Ihnen favorisierte "konsquente Strafverfolgung" die Misstände noch nie beseitigen können.
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Fragen und Antworten zur Organvergabe in Deutschland
Welche Organisationen sind an der Organvermittlung beteiligt?
1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Transplantationsmedizin in drei finanziell und organisatorisch unabhängige Bereiche aufteilt: Für die Organisation der Organspende ist die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) zuständig. Die Vermittlung der Organe übernimmt die Stiftung Eurotransplant. Die eigentliche Übertragung des Organs auf den Empfänger findet in den bundesweit rund 50 Transplantationszentren statt.
Wie läuft die Zusammenarbeit?
Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf Hirntod, vermittelt ein regionales DSO-Zentrum bei Bedarf unabhängige Neurologen für die Abklärung. Die Stiftung unterstützt die Ärzte außerdem bei der Klärung der Frage, ob der Patient einer Organspende zugestimmt hat oder ob seine Angehörigen dies tun. Dann werden die Daten des gespendeten Organs von der DSO an die Stiftung Eurotransplant übermittelt.
Was ist die Aufgabe von Eurotransplant?
Die Stiftung vermittelt gespendete Organe in sieben europäische Länder mit insgesamt 124 Millionen Einwohnern: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich und Slowenien. Eurotransplant sitzt in Leiden in Südholland und führt in ihren Wartelisten rund 15.000 Menschen. Zum Vergleich: 2010 wurden in Zuständigkeitsbereich von Eurotransplant knapp 7000 Lebern, Herzen, Lungen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen gespendet und eingepflanzt.
Woher bekommt Eurotransplant seine Informationen?
Bei Eurotransplant läuft alles zusammen: die Daten der Menschen, die auf eine Transplantation warten, und die Daten der gespendeten Organe. Die Informationen über die Wartenden kommen von den Transplantationszentren, die Daten über die Organe von der DSO.
Hängt es vom behandelten Arzt ab, welche Informationen zu Eurotransplant gelangen?
Die Ärzte sind an die "Richtlinien für die Wartelistenführung" der Bundesärztekammer gebunden. Danach ist eine Organtransplantation medizinisch geboten, wenn Erkrankungen "nicht rückbildungsfähig fortschreiten oder durch einen genetischen Defekt bedingt sind und das Leben gefährden oder die Lebensqualität hochgradig einschränken". Weiter heißt es in den Richtlinien: "Die Gründe für oder gegen die Aufnahme in die Warteliste sind von dem darüber zu entscheidenden Arzt zu dokumentieren."
Was hat das mit Eurotransplant zu tun?
Entscheidend bei der Auswahl des geeigneten Empfängers sind die Dringlichkeit der Transplantation und die Erfolgsaussichten. Dafür wird etwa bei Lebertransplantationen aus Laborwerten der sogenannte MELD-Score berechnet. Er ist ein Maß für die Wahrscheinlichkeit des erkrankten Menschen, ohne Transplantation innerhalb der nächsten drei Monate zu sterben.
Wie ist es möglich, dass dabei geschummelt wird?
Dazu sagte der Präsident von Eurotransplant, Bruno Meiser, die Zuordnung der Organe sei jederzeit komplett nachvollziehbar. "Werden die Daten aber gefälscht übermittelt, ist auch Eurotransplant hilflos." Aus seiner Sicht kann aber ein Mensch allein nicht betrügen. "Irgendeinem Kollegen muss zumindest aufgefallen seien, dass Laborwerte unrealistische Schwankungen aufwiesen oder Werte nicht zueinanderpassten."

dapd
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Organe als Geschenk: Wie Nieren, Lebern und Herzen Leben retten