Schließung von Transplantationszentren: Bayerns Regierung düpiert Kliniken in München und Erlangen

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Nach den Organspendeskandalen schließt Bayern zwei von fünf Lebertransplantationszentren. Aber der Beschluss sorgt für Unmut - Ärzte vermuten politische Motive. Dabei sind vor allem die Patienten betroffen, sie stehen jetzt vor vielen offenen Fragen.

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Organtransplantation: Noch keine Qualitätsmessung möglich

Hamburg - Die Schließung der Lebertransplantationszentren in Erlangen und in München am Klinikum rechts der Isar wirft neue Fragen auf: Was geschieht mit den rund 70 Münchner Patienten, die auf der Warteliste für eine Lebertransplantation stehen? Wohin sollen sich die Betroffenen aus Erlangen wenden, wenn es ihnen plötzlich schlecht geht? Und: Werden bald noch mehr Zentren geschlossen oder bleibt es beim bayerischen Alleingang?

Weder die betroffenen Patienten noch Pflegepersonal und Ärzte wissen, wie es weitergehen soll. Die meisten haben von der Schließung aus den Medien erfahren. Sie wissen nicht, wann die Zentren abgewickelt werden, ob Patienten medizinisch dort weiter betreut werden können. Die Angestellten können nur mutmaßen, ob und wo sie weiterarbeiten, die bayerische Landesregierung hat sie vor vollendete Tatsachen gestellt.

Fakt ist jedoch: Nach den Manipulationen in Göttingen, Regensburg, München und Leipzig haben Patientenverbände, Transplantationsmediziner und Politiker immer wieder bemängelt, dass in Deutschland an zu vielen Zentren transplantiert wird. An 47 Standorten gibt es 140 organspezifische Transplantationsprogramme. Vor allem in München mutet es geradezu absurd an, dass an drei Kliniken Lebern, Nieren und Herzen verpflanzt werden: im Klinikum Großhadern, das zur Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) gehört, im Deutschen Herzzentrum und im Klinikum rechts der Isar, das der TU München (TUM) angegliedert ist.

Drei Transplantationsprogramme in einer Großstadt

Auch unter Fachleuten hat die Konstellation schon länger Kopfschütteln hervorgerufen. Mediziner fragten sich, ob eine Zusammenlegung der Programme in einem Zentrum nicht sinnvoller sei, als an verschiedenen Standorten nebeneinander zu arbeiten. Öffentlich hatte zuletzt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Karl-Walter Jauch, im April im "Focus" dafür plädiert, sich in Deutschland auf nur sechs übergeordnete Transplantationszentren zu beschränken: Essen, Heidelberg, Hamburg, Hannover, die Berliner Charité und die Münchner LMU - an der Jauch selbst in Großhadern Klinikdirektor ist. Die TU München fehlte bereits in dieser Aufzählung. Auch nach der Schließung der Leberprogramme wird es weiterhin drei Transplantationskliniken in München geben - für die übrigen Organe.

Von den bundesweit 1128 Lebertransplantationen im Jahr 2011 führte das LMU-Zentrum 41 durch, im Klinikum rechts der Isar verpflanzten die Mediziner 37 der Organe. Außer Lebern werden im Klinikum rechts der Isar noch Nieren und Bauchspeicheldrüsen transplantiert. Im Deutschen Herzzentrum, das als Klinikum zur Technischen Universität München (TUM) gehört, gibt es ein Herztransplantationsprogramm - seit 2010 in Kooperation mit der LMU-Klinik Großhadern.

Die ohnehin bestehende Rivalität zwischen TU München und LMU München und ihren Kliniken öffnet das Feld für Spekulationen, auch wenn die bayerische Staatsregierung die Schließung des TUM-Transplantationsprogramms als Reaktion auf den Organspendeskandal etikettiert.

"Das primäre Ziel war, Ruhe zu haben im Wahlkampf"

Einige Ärzte am Klinikum rechts der Isar befürchten, dass es weniger medizinische als vielmehr politische Motive waren, die bei der Entscheidung eine Rolle gespielt haben: "Das primäre Ziel war, Ruhe zu haben im Wahlkampf", sagte ein Münchner Transplantationsmediziner, der nicht namentlich genannt werden möchte, SPIEGEL ONLINE. "Und das wird vermutlich auch so passieren."

Dabei hatten einige Ärzte vom Klinikum rechts der Isar schon früh auf Missstände hingewiesen. Wie der SPIEGEL berichtete, informierten sie bereits 2010 den Ärztlichen Direktor der Klinik über eine Manipulation. Dieser jedoch beschwichtigte. Als die Prüfkommission sich im vergangenen Jahr erneut mit dem Fall beschäftigte, behaupteten die Verantwortlichen der Klinik, nichts von bewussten Täuschungen gewusst zu haben. Lediglich vom Chirurgie-Chef hat sich das Klinikum im März dieses Jahres getrennt, andere Verantwortliche sind weiterhin in ihren Positionen.

Einige Mediziner befürchten, dass die Unstimmigkeiten mit der Schließung des Transplantationszentrums jetzt beerdigt werden. Harald Terpe (Grüne), Obmann im Gesundheitsausschuss des Bundestages, hingegen meint: "Solange sich alle Beteiligten einig sind, dass die Schließung nicht die einzige Konsequenz sein kann, ist die Aufklärung nicht gefährdet. Die zuständigen Behörden und Kommissionen dürfen sich jetzt allerdings nicht zurücklehnen."

In Bayern bleiben fortan nur noch die Lebertransplantationsprogramme des LMU-Klinikums Großhadern sowie der Universitätskliniken in Regensburg und Würzburg übrig. Die Abwicklung des Erlanger Leberprogramms erscheint naheliegend: Am dortigen Klinikum werden Herz, Niere, Bauchspeicheldrüsen und Lebern transplantiert. 2011 verpflanzten die Erlanger 17 Lebern - die Schließung trifft das kleinste bayerische Lebertransplantationsprogramm.

Nach der bayerischen Entscheidung beginnt eine kritische Phase der Aufarbeitung des Organspendeskandals. Grünen-Gesundheitsexperte Terpe sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Nicht zuletzt der enorme Konkurrenzdruck hat zu den Manipulationen geführt." Allerdings fehlen nach Terpes Einschätzung noch entscheidende Informationen, um weitere Entscheidungen zur Zukunft der Organspende fällen zu können: "Leider gibt es bislang keine transparente Qualitätsmessung im Bereich der Transplantationsmedizin, um eine Reduzierung nach Qualitätsaspekten durchzuführen."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, es habe 2011 bundesweit 250 Lebertransplantationen gegeben. Dies bezog sich aber nur auf das erste Quartal. Im ganzen Jahr waren es 1128. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Na, welcher von dieser Politikmafia
ronald1952 15.05.2013
Zitat von sysopDPANach den Organspendeskandalen schließt Bayern zwei von fünf Lebertransplantationszentren. Aber der Beschluss sorgt für Unmut - Ärzte vermuten politische Motive. Dabei sind vor allem die Patienten betroffen, sie stehen jetzt vor vielen offenen Fragen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/organspendeskandal-in-bayern-aerzte-wittern-wahlkampf-manoever-a-900069.html
will sich denn die vielen Millionen einverleiben und vor allen Dingen für was. Mit immer mehr Deutlichkeit zeigt sich eines, diese Politiker die wir haben,daß allereletzte sind. Selbst den Schwerstkranken gönnen diese Leute nichts, nicht einmal die Hoffnung auf eventuelle Besserung ihres Zustandes. Nur eines dürfte klar sein, die Rechnung werden diese Herrschaften presentiert bekommen, jetzt oder Später. Aber Bezahlen werden sie für ihren Frevel den sie an ihren Wähler begehen, oder begangen haben. schönen Tag noch,
2. So ist das
derandersdenkende 15.05.2013
Zitat von sysopDPANach den Organspendeskandalen schließt Bayern zwei von fünf Lebertransplantationszentren. Aber der Beschluss sorgt für Unmut - Ärzte vermuten politische Motive. Dabei sind vor allem die Patienten betroffen, sie stehen jetzt vor vielen offenen Fragen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/organspendeskandal-in-bayern-aerzte-wittern-wahlkampf-manoever-a-900069.html
Wenn sich der Patient dem Geschäft mit den Organen verweigert, wird ihm halt ganz der Saft abgedreht. Ich denke, es ist für jedermann nachvollziehbar, wer am längeren Hebel sitzt!
3. Die kriminelle Gesundheits
Veterano48 15.05.2013
Logistik wird hoffentlich gestoppt. Keine Organe spenden an diese internationalen Mafiabanden. Organspenden sind ein Geschäftsmodell. In den 3. Weltländern und wahrscheinlich auch in Europa werden Menschen ermordet, um einigen Multimillionären ihre Säuferleber und anderes zu ersetzen. Und korrupte Med. verdienen. Ekelerregend.
4. 250 bundesweite Lebertransplantationen 2011?
Adlerauge 15.05.2013
... eigentlich sollte man sich an dieser von hoher Expertise getragenen absolut vorurteilsfreien Diskussion nicht beteiligen. Da ist jeder Buchstabe zu schade. 2011 wurden 1199 Lebern bundesweit transplantiert, also mehr als das Vierfache. Und mehr als 1.650 Schwerkranke warten auf eine lebensrettende Leber. Und da sind viele Menschen dabei, die die staatlich geförderte Droge Alkohol nicht einmal angefasst haben. Eigenlich sollte der Anstand verbieten, auf diese Weise zu lästern. Eigentlich ...
5. vorbildfunktion?
ännchen27 15.05.2013
anstatt jetzt die armen patienten auf die strasse zu setzten, sollten die politiker lieber das hauptsächliche problem angehen, nämlich das es immer noch zuwenig organspender gibt!! die politiker haben doch zum grössten teil keine ahnung was es für den betroffen patienten heisst, seine klink zuwechseln, die menschen zu denen man über jahre vertrauen aufgebaut hat, die mit einem geweint und gelacht. gäbe es mehr organspender würde der mangel nicht so etwas zulassen. villt einfach mal selber einen organspendeausweis ausfüllen liebe politiker und damit als vorbild dienen!!! es wird leider nie die perfekte lösung geben mit der alle zufrieden sind. aber die schliessung von abteilungen in einer klink ist lächerlich und vorallem nur eine ausrede, damit man irgendwas tut!
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Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.
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  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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Organspende: Sterblichkeit auf den Wartelisten Zur Großansicht
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Organspende: Sterblichkeit auf den Wartelisten

Fragen und Antworten zur Organvergabe in Deutschland
Welche Organisationen sind an der Organvermittlung beteiligt?
1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Transplantationsmedizin in drei finanziell und organisatorisch unabhängige Bereiche aufteilt: Für die Organisation der Organspende ist die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) zuständig. Die Vermittlung der Organe übernimmt die Stiftung Eurotransplant. Die eigentliche Übertragung des Organs auf den Empfänger findet in den bundesweit rund 50 Transplantationszentren statt.
Wie läuft die Zusammenarbeit?
Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf Hirntod, vermittelt ein regionales DSO-Zentrum bei Bedarf unabhängige Neurologen für die Abklärung. Die Stiftung unterstützt die Ärzte außerdem bei der Klärung der Frage, ob der Patient einer Organspende zugestimmt hat oder ob seine Angehörigen dies tun. Dann werden die Daten des gespendeten Organs von der DSO an die Stiftung Eurotransplant übermittelt.
Was ist die Aufgabe von Eurotransplant?
Die Stiftung vermittelt gespendete Organe in sieben europäische Länder mit insgesamt 124 Millionen Einwohnern: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich und Slowenien. Eurotransplant sitzt in Leiden in Südholland und führt in ihren Wartelisten rund 15.000 Menschen. Zum Vergleich: 2010 wurden in Zuständigkeitsbereich von Eurotransplant knapp 7000 Lebern, Herzen, Lungen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen gespendet und eingepflanzt.
Woher bekommt Eurotransplant seine Informationen?
Bei Eurotransplant läuft alles zusammen: die Daten der Menschen, die auf eine Transplantation warten, und die Daten der gespendeten Organe. Die Informationen über die Wartenden kommen von den Transplantationszentren, die Daten über die Organe von der DSO.
Hängt es vom behandelten Arzt ab, welche Informationen zu Eurotransplant gelangen?
Die Ärzte sind an die "Richtlinien für die Wartelistenführung" der Bundesärztekammer gebunden. Danach ist eine Organtransplantation medizinisch geboten, wenn Erkrankungen "nicht rückbildungsfähig fortschreiten oder durch einen genetischen Defekt bedingt sind und das Leben gefährden oder die Lebensqualität hochgradig einschränken". Weiter heißt es in den Richtlinien: "Die Gründe für oder gegen die Aufnahme in die Warteliste sind von dem darüber zu entscheidenden Arzt zu dokumentieren."
Was hat das mit Eurotransplant zu tun?
Entscheidend bei der Auswahl des geeigneten Empfängers sind die Dringlichkeit der Transplantation und die Erfolgsaussichten. Dafür wird etwa bei Lebertransplantationen aus Laborwerten der sogenannte MELD-Score berechnet. Er ist ein Maß für die Wahrscheinlichkeit des erkrankten Menschen, ohne Transplantation innerhalb der nächsten drei Monate zu sterben.
Wie ist es möglich, dass dabei geschummelt wird?
Dazu sagte der Präsident von Eurotransplant, Bruno Meiser, die Zuordnung der Organe sei jederzeit komplett nachvollziehbar. "Werden die Daten aber gefälscht übermittelt, ist auch Eurotransplant hilflos." Aus seiner Sicht kann aber ein Mensch allein nicht betrügen. "Irgendeinem Kollegen muss zumindest aufgefallen seien, dass Laborwerte unrealistische Schwankungen aufwiesen oder Werte nicht zueinanderpassten."

dapd