Medizinskandal: Mindestens 60 verdächtige Organtransplantationen in Göttingen

Der Skandal um manipulierte Organspenden weitet sich aus. Nach Informationen des SPIEGEL ist es am Transplantationszentrum Göttingen in mindestens 60 Fällen zu Unregelmäßigkeiten gekommen: Patientendaten wurden manipuliert, Richtlinien missachtet.

Universitätsklinikum Göttingen: Neue Details im Organspendeskandal Zur Großansicht
dapd

Universitätsklinikum Göttingen: Neue Details im Organspendeskandal

Hamburg/Essen - Der verhaftete Göttinger Transplantationschirurg Aiman O. soll in mehr Fällen manipuliert haben, als bisher bekannt gewesen ist. Laut der Prüfungskommission der Bundesärztekammer gab es im Transplantationszentrum Göttingen in mindestens 60 Fällen Unregelmäßigkeiten: Manipulationen, falsch gestellte Indikationen oder Verstöße gegen die Richtlinien. Die Untersuchungsleiterin berichtet, dass dies rund 40 Prozent aller untersuchten Fälle ausmache.

Die Kommission geht zudem vom "Zusammenwirken mehrerer Akteure" aus. So seien einer krebskranken Frau von Mitte 20 noch zwei Lebern transplantiert worden, obwohl sie dem Tod bereits so nah war, dass die Eingriffe nach Ansicht der Prüfer sinnlos waren.

Nach Informationen des SPIEGEL hatten sich Ärzte im Münchner Klinikum rechts der Isar über die schleppende Aufklärung beschwert. In einem Brief wandten sie sich kurz vor Weihnachten an den bayerischen Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) sowie an den Klinikvorstand. Diesen forderten sie auf, "nach dem unerträglichen Zögern und Zaudern der letzten Monate, heute endlich glaubhafte personelle und strukturelle Änderungen zu beschließen".

Klinikverantwortliche waren nach Informationen des SPIEGEL bereits seit langem über zumindest eine Manipulation informiert, blieben jedoch untätig. In einem internen Gespräch soll ein weiterer beschuldigter Chirurg zugegeben haben, im Januar 2010 wissentlich falsche Werte an Eurotransplant übermittelt zu haben, um für seine Patientin schneller ein Organ zu bekommen. Der Mann, gegen den die Staatsanwaltschaft nun ermittelt, bestreitet die Vorwürfe. Er ist inzwischen Chefarzt in einer anderen bayerischen Klinik.

Der Organspendeskandal in Göttingen war im Sommer vergangenen Jahres aufgedeckt worden. 2012 wurden zudem mehrere weitere Transplantationsskandale bekannt. Es gab auch Unregelmäßigkeiten in Leipzig, in Regensburg und in München am Klinikum rechts der Isar. Gleichzeitig trat das neue Transplantationsgesetz in Kraft, das bei den Bürgern eigentlich mehr Vertrauen in die Organspende schaffen und so die Zahl der Spender erhöhen sollte.

Die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) pocht nun auf eine fälschungssichere Patientenakte. "Wir brauchen eine Patientenakte, in der alle relevanten Vorgänge fälschungs- und manipulationssicher dokumentiert werden", sagte Steffens den Zeitungen der WAZ-Gruppe. Die Grünen-Politikerin nannte dabei an die Weiterentwicklung einer elektronischen Patientenakte, die entsprechende Sicherheitsstandards erfüllt.

Es müsse jederzeit eindeutig nachvollzogen werden können, wer wann welche Eintragungen vorgenommen habe. Nachträgliche Änderungen dürften nicht möglich sein, sagte Steffens. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) und die Bundesärztekammer müssten die Voraussetzungen für eine bundeseinheitliche fälschungssichere Patientenakte schaffen.

Themen im neuen SPIEGEL
Was steht im neuen SPIEGEL? Das erfahren Sie im SPIEGEL-Brief - dem kostenlosen Newsletter der Redaktion.

mbe/dapd

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie
RSS
alles zum Thema Organspendeskandal
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback

Organspende: Sterblichkeit auf den Wartelisten Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Organspende: Sterblichkeit auf den Wartelisten

Fragen und Antworten zur Organvergabe in Deutschland
Welche Organisationen sind an der Organvermittlung beteiligt?
1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Transplantationsmedizin in drei finanziell und organisatorisch unabhängige Bereiche aufteilt: Für die Organisation der Organspende ist die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) zuständig. Die Vermittlung der Organe übernimmt die Stiftung Eurotransplant. Die eigentliche Übertragung des Organs auf den Empfänger findet in den bundesweit rund 50 Transplantationszentren statt.
Wie läuft die Zusammenarbeit?
Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf Hirntod, vermittelt ein regionales DSO-Zentrum bei Bedarf unabhängige Neurologen für die Abklärung. Die Stiftung unterstützt die Ärzte außerdem bei der Klärung der Frage, ob der Patient einer Organspende zugestimmt hat oder ob seine Angehörigen dies tun. Dann werden die Daten des gespendeten Organs von der DSO an die Stiftung Eurotransplant übermittelt.
Was ist die Aufgabe von Eurotransplant?
Die Stiftung vermittelt gespendete Organe in sieben europäische Länder mit insgesamt 124 Millionen Einwohnern: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich und Slowenien. Eurotransplant sitzt in Leiden in Südholland und führt in ihren Wartelisten rund 15.000 Menschen. Zum Vergleich: 2010 wurden in Zuständigkeitsbereich von Eurotransplant knapp 7000 Lebern, Herzen, Lungen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen gespendet und eingepflanzt.
Woher bekommt Eurotransplant seine Informationen?
Bei Eurotransplant läuft alles zusammen: die Daten der Menschen, die auf eine Transplantation warten, und die Daten der gespendeten Organe. Die Informationen über die Wartenden kommen von den Transplantationszentren, die Daten über die Organe von der DSO.
Hängt es vom behandelten Arzt ab, welche Informationen zu Eurotransplant gelangen?
Die Ärzte sind an die "Richtlinien für die Wartelistenführung" der Bundesärztekammer gebunden. Danach ist eine Organtransplantation medizinisch geboten, wenn Erkrankungen "nicht rückbildungsfähig fortschreiten oder durch einen genetischen Defekt bedingt sind und das Leben gefährden oder die Lebensqualität hochgradig einschränken". Weiter heißt es in den Richtlinien: "Die Gründe für oder gegen die Aufnahme in die Warteliste sind von dem darüber zu entscheidenden Arzt zu dokumentieren."
Was hat das mit Eurotransplant zu tun?
Entscheidend bei der Auswahl des geeigneten Empfängers sind die Dringlichkeit der Transplantation und die Erfolgsaussichten. Dafür wird etwa bei Lebertransplantationen aus Laborwerten der sogenannte MELD-Score berechnet. Er ist ein Maß für die Wahrscheinlichkeit des erkrankten Menschen, ohne Transplantation innerhalb der nächsten drei Monate zu sterben.
Wie ist es möglich, dass dabei geschummelt wird?
Dazu sagte der Präsident von Eurotransplant, Bruno Meiser, die Zuordnung der Organe sei jederzeit komplett nachvollziehbar. "Werden die Daten aber gefälscht übermittelt, ist auch Eurotransplant hilflos." Aus seiner Sicht kann aber ein Mensch allein nicht betrügen. "Irgendeinem Kollegen muss zumindest aufgefallen seien, dass Laborwerte unrealistische Schwankungen aufwiesen oder Werte nicht zueinanderpassten."

dapd