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18. Januar 2013, 14:34 Uhr

Organspendeskandal in München

Ärzte sollen Blutproben mit Urin gepanscht haben

Schon wieder gibt es Meldungen über Tricksereien bei der Vergabe von Organen: Am Klinikum rechts der Isar in München wurde offenbar noch häufiger manipuliert als bekannt. Laut "Süddeutscher Zeitung" mischten Mediziner offenbar mehrfach sogar Urin in Blutproben, um Patienten kränker erscheinen zu lassen.

München - Ob Göttingen, Leipzig oder München - die Muster sind gleich: Immer wieder wurden Patienten kränker gemacht, als sie tatsächlich waren, um sie auf der Warteliste für neue Organe nach oben zu schieben. Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) ist die Zahl solcher Unregelmäßigkeiten am Klinikum rechts der Isar in München höher als bisher bekannt. Demnach gab es zwischen 2007 und 2012 insgesamt knapp 30 Verstöße gegen die Richtlinien für Lebertransplantationen.

Wie die Zeitung berichtet, sind drei Fälle besonders ungewöhnlich. Dabei wurden Blutproben mit erheblichem Fälschungsvorsatz manipuliert: Offenbar sei Urin ins Blut gemischt worden, um so die Chancen auf eine Transplantation zu erhöhen. Andere Patienten auf der Warteliste seien dadurch benachteiligt worden. Sie erhielten demnach später ein Spenderorgan oder starben, bevor ihnen eines zugeteilt wurde.

In elf weiteren Fällen sollen zudem Alkoholiker gelistet worden seien, die nicht auf die Warteliste gedurft hätten. Sie waren noch nicht lange genug trocken. Ebenso seien fälschlicherweise Dialysen angegeben worden, die die Transplantation dringlicher erscheinen ließen. Außerdem wurden Krebspatienten transplantiert, bei denen sich bereits Metastasen gebildet hatten.

Noch immer werden die Fälle in München untersucht - ein abschließender Bericht seitens externer Prüfer liegt bisher noch nicht vor. Weder die Prüfkommission noch die Bundesärztekammer haben bisher ihre Ergebnisse vorgelegt. Laut "SZ" steht die Zahl der Manipulationen aber inzwischen fest. Die Zeitung beruft sich dabei auf Fachkreise. Demnach sollen die Prüfer noch uneinig sein, wie die Verstöße gegen Recht und Richtlinien bewertet werden müssen.

Das Ausmaß ist größer als gedacht

Im Fall des Göttinger Organspendeskandals, der im vergangenen Jahr aufgeflogen war, hat das Amtsgericht Braunschweig bereit eine Entscheidung gefällt - und Haftbefehl gegen den früheren leitenden Transplantationsmediziner der Göttinger Universitätsmedizin erlassen. Der Arzt sitzt seit 11. Januar in Untersuchungshaft.

Auch in Göttingen war am Wochenende bekannt geworden, dass die Zahl der Manipulationen höher war als zuvor angenommen. Wie der SPIEGEL berichtete, gab es im Transplantationszentrum Göttingen nach Angaben der Prüfungskommission der Bundesärztekammer in mindestens 60 Fällen Unregelmäßigkeiten. Auch hier handelte es sich in den meisten Fällen um falsch gestellte Indikationen, Manipulationen oder Verstöße gegen die Richtlinien.

Das Münchner Klinikum äußerte sich laut der "SZ" nicht zu den neu bekannt gewordenen Details. Die Untersuchungen seien "in vollem Gange", hieß es demnach. Erst nach deren Abschluss werde man "die Ergebnisse bewerten, die Konsequenzen daraus ziehen und diese veröffentlichen".

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