Organspendeskandal: Uni-Klinik Erlangen will weiter Lebern transplantieren

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Die bayerische Regierung hat das Ende für Lebertransplantationen an der TU München und in Erlangen besiegelt. Doch die Erlanger Universitätsklinik wehrt sich jetzt und will das Transplantationsverbot umgehen - mit einem Trick.

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Organtransplantation: Erlanger halten Prüfer Mühlbacher für nicht objektiv

Hamburg - Nach dem Organspendeskandal sollen in Bayern zwei der fünf Lebertransplantationszentren geschlossen werden. Sowohl die Universitätsklinik Erlangen als auch das Münchner Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität (TUM) verlieren ihre bestehenden Programme.

Doch die oberbayerischen Minister haben die Rechnung offenbar ohne die fränkische Universität gemacht. Statt sich dem Beschluss aus der Landeshauptstadt zu beugen, teilt das Erlanger Universitätsklinikum am Donnerstag trotzig mit, man plane Lebertransplantationen zukünftig "in Erlangen" durchzuführen. Und zwar im Rahmen einer engen Kooperation mit der Chirurgischen Klinik, ausgerechnet der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Die LMU ist der lokale Erzrivale der vom Schließbeschluss betroffenen TUM und ist die einzige Münchner Klinik, an der Lebertransplantationen künftig durchgeführt werden können.

Wie genau die Ankündigung, weiter "in Erlangen" transplantieren zu wollen, zu verstehen ist, dazu will sich ein Sprecher des Universitätsklinikums auf Nachfrage nicht äußern. Man befinde sich in Verhandlungen. "Wir werden nach Abschluss der Verhandlungen die Öffentlichkeit über alle Details umfassend informieren", lässt sich Heinrich Iro, der ärztliche Direktor des Erlanger Universitätsklinikums, in einer Mitteilung zitieren.

Den Chirurgen zum Patienten bringen oder umgekehrt

Damit ist zunächst offen, ob die Erlanger tatsächlich planen, in der Erlanger Klinik weiter Lebern zu transplantieren - und sich damit nicht von der Entscheidung durch Gesundheitsminister Marcel Huber (CSU) und Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) beirren zu lassen, das dortige Lebertransplantationsprogramm zu beenden.

Fraglich ist, wie die Erlanger das Verbot mit Hilfe einer Kooperation mit der LMU umgehen könnten: Sollen Transplantationschirurgen des LMU-Klinikums in Großhadern zur Transplantation eines Organs nach Erlangen geflogen werden? Oder will man die Patienten in Erlangen auf die Transplantation vorbereiten, um sie anschließend in München zu operieren und in Erlangen weiter zu betreuen? Beide Szenarien wären vorstellbar, die praktische Umsetzung allerdings trickreich.

Mit dem Bericht der Prüfungskommission der bayerischen Lebertransplantationszentren unter Vorsitz des Wiener Chirurgen Ferdinand Mühlbacher sind die Erlanger äußerst unzufrieden. Schließlich war es Mühlbacher, der die Schließung beider Leberprogramme empfohlen hatte. "Wir sind über das Votum von Herrn Mühlbacher sehr enttäuscht und halten es nicht für objektiv", sagt der Erlanger Klinikdirektor Iro.

Die Mühlbacher-Kommission war nach der Überprüfung aller seit 2007 in Bayern durchgeführten Lebertransplantationen zwar zu dem Schluss gekommen, dass in Erlangen gute Strukturen bestünden. Dennoch empfiehlt Mühlbacher in seinem Bericht, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, das Erlanger Lebertransplantationsprogramm zu beenden. Es fehle unter anderem an Personal, um die Struktur zu füllen. Der einzige Ausweg sei, ein bis zwei Chirurgen nach Erlangen zu holen, die das Lebertransplantieren bereits beherrschen. Das habe Erlangen auch angestrebt, die Umsetzung sei aber nicht in kurzer Zeit machbar.

Kampfansage an die bayerische Regierung

Anders als am Klinikum rechts der Isar gibt es in Erlangen keine Hinweise auf Manipulationen oder relevante Regelverstöße. Die Universitätsklinik wirft Mühlbacher vor, trotz niedriger Fallzahlen das Überleben der transplantierten Patienten der verschiedenen bayerischen Leberprogramme miteinander verglichen zu haben. Solche Vergleiche seien "grundsätzlich sehr problematisch". Das Überleben der Erlanger Patienten sei nicht grundsätzlich schlechter als in anderen Zentren, eine entsprechende Stellungnahme des Erlanger Chirurgie-Chefarztes Werner Hohenberger sei unberücksichtigt geblieben.

Die Ankündigung des Erlanger Universitätsklinikums kann als Kampfansage an die bayerische Regierung verstanden werden. Deutlich wird, welche Widerstände seitens der Ärzte überwunden werden müssten, sollte die Politik tatsächlich planen, die Zahl der Transplantationszentren in Deutschland stark zu reduzieren. So hatte es zuletzt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Karl-Walter Jauch von der LMU München, vorgeschlagen: Statt heute 47 Standorten solle es nur noch sechs geben.

Mühlbacher stellt im Kommissionsbericht seiner Analyse der bayerischen Lebertransplantationszentren einen deutlichen Hinweis voran, worum es seiner Sicht nach bei der Neustrukturierung der bayerischen Transplantationsprogramme gehen muss: Nicht alleine die Struktur, auch die Menschen seien für erfolgreiche Operationen erforderlich. Selbst der "Urvater der Lebertransplantation" in den USA, Thomas Starzl, habe in Denver "mangels geeigneter Struktur einfach Schiffbruch erlitten". Erst in Pittsburgh sei er zum erfolgreichen Lebertransplanteur geworden.

Analog verhalte es sich im Fall des Uni-Klinikums Erlangen, das zwar über eine "sehr gut aufgestellte Struktur" verfüge - wo aber die Ergebnisse nicht stimmten. Und, so Mühlbacher in seiner Schlussfolgerung: Es sei wenig sinnvoll, um Patientenzahlen zu konkurrieren, das Ergebnis sei entscheidend.

Mitarbeit: Heike Le Ker

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Von mir
si tacuisses 16.05.2013
Zitat von sysopDPADie bayerische Regierung hat das Ende für Lebertransplantationen an der TU München und in Erlangen besiegelt. Doch die Erlanger Universitätsklinik wehrt sich jetzt und will das Transplantationsverbot umgehen - mit einem Trick. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/organspendeskandal-uni-erlangen-will-weiter-lebern-transplantieren-a-900322.html
gibt es nichts. Nada, niente, nix, nothing.
2. Tricksen
malu501 16.05.2013
Das sie das können, haben sie ja hinlänglich bewiesen.
3. Klar...
BettyB. 16.05.2013
Der Erlangerer ist ja angeblich pfiffig. Wenigstens, wenn es um Geld geht und er leitend im Klinikum arbeitet.
4. Fragen?
georoli 16.05.2013
Die Meldungen über den Bericht von Mühlbacher haben bei mir sofort Fragen aufgeworfen: 1. Wenn ein Krankenhaus sich strikt an die Regeln hält, operiert es vor allem sehr kritische Fälle deren Gesundheitszustand schon vor der OP kritisch geworden ist und somit unter nicht optimalen Bedingungen. Ein anderes Krankenhaus, das sich nicht an die Regeln hält operiert somit besser konditionierte Patienten. Wenn man also die aufgedeckten Fälle als Spitze des Eisbergs sieht und sich überlegt, dass eine weit unterdurchschnittliche Überlebensrate bedeutet, dass man im Vergleich zum Mittel aller Krankenhäuser, also auch all derer, die getrickst und gesündere Patienten behandelt haben, dann sagt die Statistik nichts aus. 2. Statistik gilt immer nur dann, wenn ich exakt gleiche Fälle hätte. Bei Menschen handelt es sich aber immer um unitäre Einzelfälle. Um eine Statistik vernünftig führen zu können bräuchte man abertausende von Fällen und dann wäre jeder einzelne trotzdem immer ein Einzelfall. 3. Wenn Erlangen viel Fälle hatte, dann ist die Statistik über deren Fälle ein klein wenig abgesicherter, aber all die anderen Zentren mit wenig Behandlungen sind dann überhaupt nicht vergleichbar, weil deren Fehlerbalken in der Statistik dann in der gleichen Größenordnung sind wie der Wert selbst ... Schlußfolgerung: Die Aussage könnte auch sein, dass Erlangen eines der wenigen europäischen Transplantationszentren war, dass sich an die Eurotransplant-Regeln gehalten hat. Diese Aussage wäre dann auch korrekt. Welchen Schluss soll man dann also ziehen => Erlangen ausschließen, damit niemand auf die Idee kommt zu begreifen, dass die Unregelmäßigkeiten die Regel sind und nicht die Ausnahme? Ich traue jedenfalls beim Thema Transplantationsmedizin niemanden mehr über den Weg. Der Oberhammer ist, dass ein Zentrum an dem nachweislich betrogen und illegal gearbeitet wurde nun erhalten bleibt, weil man die Stichprobe passend gewählt hat.
5.
apfeldroid 16.05.2013
Aus Sicht des Pat-n ist die Schließung eine dreiste Unverschämtheit. Ein Beschiss! Und dann wird der Chirurg mit dem Hubschrauber angeflogen. Geld/Zeit/Ressoursenvervschwedung durch nichts zu rechtfertigen!
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.
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Organspende: Sterblichkeit auf den Wartelisten Zur Großansicht
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Organspende: Sterblichkeit auf den Wartelisten


Fragen und Antworten zur Organvergabe in Deutschland
Welche Organisationen sind an der Organvermittlung beteiligt?
1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Transplantationsmedizin in drei finanziell und organisatorisch unabhängige Bereiche aufteilt: Für die Organisation der Organspende ist die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) zuständig. Die Vermittlung der Organe übernimmt die Stiftung Eurotransplant. Die eigentliche Übertragung des Organs auf den Empfänger findet in den bundesweit rund 50 Transplantationszentren statt.
Wie läuft die Zusammenarbeit?
Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf Hirntod, vermittelt ein regionales DSO-Zentrum bei Bedarf unabhängige Neurologen für die Abklärung. Die Stiftung unterstützt die Ärzte außerdem bei der Klärung der Frage, ob der Patient einer Organspende zugestimmt hat oder ob seine Angehörigen dies tun. Dann werden die Daten des gespendeten Organs von der DSO an die Stiftung Eurotransplant übermittelt.
Was ist die Aufgabe von Eurotransplant?
Die Stiftung vermittelt gespendete Organe in sieben europäische Länder mit insgesamt 124 Millionen Einwohnern: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich und Slowenien. Eurotransplant sitzt in Leiden in Südholland und führt in ihren Wartelisten rund 15.000 Menschen. Zum Vergleich: 2010 wurden in Zuständigkeitsbereich von Eurotransplant knapp 7000 Lebern, Herzen, Lungen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen gespendet und eingepflanzt.
Woher bekommt Eurotransplant seine Informationen?
Bei Eurotransplant läuft alles zusammen: die Daten der Menschen, die auf eine Transplantation warten, und die Daten der gespendeten Organe. Die Informationen über die Wartenden kommen von den Transplantationszentren, die Daten über die Organe von der DSO.
Hängt es vom behandelten Arzt ab, welche Informationen zu Eurotransplant gelangen?
Die Ärzte sind an die "Richtlinien für die Wartelistenführung" der Bundesärztekammer gebunden. Danach ist eine Organtransplantation medizinisch geboten, wenn Erkrankungen "nicht rückbildungsfähig fortschreiten oder durch einen genetischen Defekt bedingt sind und das Leben gefährden oder die Lebensqualität hochgradig einschränken". Weiter heißt es in den Richtlinien: "Die Gründe für oder gegen die Aufnahme in die Warteliste sind von dem darüber zu entscheidenden Arzt zu dokumentieren."
Was hat das mit Eurotransplant zu tun?
Entscheidend bei der Auswahl des geeigneten Empfängers sind die Dringlichkeit der Transplantation und die Erfolgsaussichten. Dafür wird etwa bei Lebertransplantationen aus Laborwerten der sogenannte MELD-Score berechnet. Er ist ein Maß für die Wahrscheinlichkeit des erkrankten Menschen, ohne Transplantation innerhalb der nächsten drei Monate zu sterben.
Wie ist es möglich, dass dabei geschummelt wird?
Dazu sagte der Präsident von Eurotransplant, Bruno Meiser, die Zuordnung der Organe sei jederzeit komplett nachvollziehbar. "Werden die Daten aber gefälscht übermittelt, ist auch Eurotransplant hilflos." Aus seiner Sicht kann aber ein Mensch allein nicht betrügen. "Irgendeinem Kollegen muss zumindest aufgefallen seien, dass Laborwerte unrealistische Schwankungen aufwiesen oder Werte nicht zueinanderpassten."

dapd