Prüfbericht der Ärztekammer Schwere Verstöße bei Organvergabe auch in Münster

Regensburg, Göttingen, München und Leipzig - vier Transplantationszentren standen im Verdacht, bei der Vergabe von Lebern manipuliert zu haben. Nach Prüfung aller 24 Zentren steht jetzt fest: In Regensburg gab es 2010 und 2011 doch keine Auffälligkeiten, dafür aber schwere Regelverstöße in Münster.

Verpflanzung von Lebern: Manipulationsverdacht an vier Transplantationszentren
DPA

Verpflanzung von Lebern: Manipulationsverdacht an vier Transplantationszentren


Hamburg - Was lief bei der Vergabe der begehrten Spenderorgane in den vergangenen Jahren an Deutschlands Kliniken schief? Monatelang untersuchte eine Kommission alle 24 Lebertransplantationsprogramme in Deutschland - jetzt hat die Bundesärztekammer in Berlin die Ergebnisse des Prüfberichts vorgestellt.

Demnach hat es an vier Zentren schwerwiegende Richtlinienverstöße "unterschiedlicher Ausprägung" gegeben, wie es in dem Bericht heißt. Er listet dazu die Universitätskliniken Göttingen, Leipzig, München rechts der Isar sowie Münster auf. Dort soll es sich jeweils um "systematische Regelverstöße" handeln. Insgesamt rund 1200 Krankenakten aus den Jahren 2010 und 2011 wurden intensiv überprüft. An der Universitätsklinik Regensburg, die ebenfalls unter dem Verdacht der Manipulationen stand, gab es dem Bericht zufolge 2010 und 2011 dagegen keine Auffälligkeiten.

Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, sagte bei der Vorstellung des Prüfberichts: "Es ist äußerst bedrückend, wie Vorgänge in einzelnen Zentren das ganze System ins Wanken bringen." Er sprach sich dafür aus, die Richtlinien der Organvergabe in Deutschland weiterzuentwickeln. "Sie sind nichts statisches", so Montgomery.

"Bewusste Falschangaben zur Bevorzugung bestimmter Patienten"

In Göttingen untersuchten die Kontrolleure insgesamt 105 Fälle von Lebertransplantationen. Bei 79 der Patienten stellte die Kommission Regelverstöße fest. "In diesem Transplantationszentrum ergab sich aufgrund der Art der Verstöße, der Umstände im Einzelfall sowie der Häufigkeit des Auftretens der Verdacht auf systematische oder bewusste Falschangaben zur Bevorzugung bestimmter Patienten", heißt es in dem Bericht.

Auch in Leipzig (241 geprüfte Fälle, 76 Regelverstöße), München (135 geprüfte Fälle, 38 Regelverstöße) und Münster (67 geprüfte Fälle, 25 Regelverstöße) gab es demnach "eindeutige Anhaltspunkte für systematische Falschangaben, wenn auch teilweise in zahlenmäßig geringerem Umfang".

Interaktive Karte: Transplantationszentren
Quelle: Deutsche Stiftung Organtransplantation
Im vergangenen Jahr waren an mehreren Transplantationszentren zahlreiche Manipulationen von Patientendaten aufgefallen: In Regensburg, Göttingen, in München am Klinikum rechts der Isar und zuletzt in Leipzig. Die Patienten waren kränker gemacht worden, um schneller an ein rettendes Spenderorgan zu kommen, in einigen Fällen wurde auch die vorgeschriebene Alkoholkarenz von sechs Monaten nicht eingehalten.

Die Aufklärung der Fälle verläuft seither schleppend. In München musste der Direktor der Klinik für Chirurgie gehen, gegen den ehemaligen Leiter der Transplantationschirurgie Göttingen wurde kürzlich Anklage wegen versuchten Totschlags erhoben. Aiman O. wird vorgeworfen, von Herbst 2008 bis Herbst 2011 Patientenakten an der Universitätsklinik Göttingen manipuliert zu haben, um seine Patienten auf der Warteliste nach oben zu katapultieren. Wie jetzt bekannt wurde, soll O. der Anklage zufolge zudem auch Lebern an Alkoholiker vergeben haben. Doch auch diese Verhandlung wird sich hinziehen: Erst im Mai 2014 soll die letzte Sitzung in diesem Prozess stattfinden.

Falsche Anreize

Die Skandale haben vor allem eines offenbart: Wer manipulieren will, fällt nicht unbedingt auf. Dabei hat Geld als Beweggrund vermutlich längst nicht immer eine Rolle gespielt. Am Montag sagte Gesundheitsminister Daniel Bahr bei der Präsentation eines neuen Fernsehspots zum Thema Organspende, dass Ärzte sich mit Manipulationen bei der Organvergabe offenbar nicht bereichert hätten.

Zwar gab es Anreize wie Bonuszahlungen. Doch auch der Wunsch, dem eigenen Patienten zu helfen, der ohne ein Organ sterben würde, dürfte eine wichtige Rolle gespielt haben. Auch Aiman O. wird vorgeworfen, den Tod anderer Menschen "billigend in Kauf genommen" zu haben.

Viele Ärzte finden die Vergabekriterien für Organe ungerecht. Diese sollen offiziell sowohl die Dringlichkeit einer Transplantation als auch die Erfolgschancen berücksichtigen. Das ist jedoch ein Widerspruch in sich, weil eine Transplantation umso bessere Ergebnisse erzielt, je gesünder der Organempfänger ist und nach der Logik des Systems also weniger dringend ein Organ braucht.

Nur die dringendsten Fälle rutschen auf der Liste nach oben

Die Verteilung von Lebern erfolgt nach dem sogenannten Meld-Score (Model End-Stage Liver Disease). Darüber rutschen allerdings nur die besonders dringenden Fälle ganz nach oben auf der Warteliste, die Erfolgsaussichten bleiben dabei schlicht unberücksichtigt. Der Meld-Score setzt sich aus den Blutwerten Kreatinin, Bilirubin und der Blutgerinnungszeit zusammen. Je höher der Score, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Kranke innerhalb kurzer Zeit am Leberversagen stirbt - und umso eher bekommt er ein Organ.

Die Skandale hatten vor allem eine Folge: Sie haben das Vertrauen in das Organspendesystem in Deutschland tief erschüttert. Die Spendebereitschaft ist laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) 2012 auf den niedrigsten Stand seit 2002 gesunken. Im vergangenen Jahr hatten 1046 Menschen nach ihrem Tod Organe gespendet, 12,8 Prozent weniger als im Jahr zuvor.

MEHR ZUM THEMA ORGANSPENDE
Lesen Sie mehr zum Thema Organspende: Wartelisten - Trickserei mit den Organen +++ Organvergabe - Tödliches System +++ Leber, Niere, Herz und Co. - Wie Organe in Deutschland vermittelt werden +++ Sieben Gründe für einen Organspendeausweis

hei/cib

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 58 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
donnerfalke 04.09.2013
1. Solange es Zweiklassen-Medizin gibt...
Solange es Zweiklassen-Medizin gibt, wird es auch Korruption und Bestechung der Ärzte geben und die Patienen werden den Spendeausweis meiden. Eine Alternative wäre ein absout transparentes System für Spendeorgane, aber das wollen die Ärzte nicht.
lronmcbong 04.09.2013
2. optional
ein grund mehr, nicht zu spenden! letzten endes ist es immer das gleiche - es geht wieder um den bonus (für den arzt) oder direkt ums baksheesh. die einzige genugtuung dieses gedankengangs ist, dass die, die sich einen vorteil erkaufen es ohne vorhandene organe eben nicht können - und damit zwangsläufig auch ins gras beissen und ihren schnöden mammon nicht mitnehmen können! ist ja nicht so, dass ich hier gelesen hätte, dass die ärzte kleine kinder bevorzugt vor der 80jährigen oma transplantieren oder ähnliches.....
miruwa 04.09.2013
3.
Zitat von donnerfalkeSolange es Zweiklassen-Medizin gibt, wird es auch Korruption und Bestechung der Ärzte geben und die Patienen werden den Spendeausweis meiden. Eine Alternative wäre ein absout transparentes System für Spendeorgane, aber das wollen die Ärzte nicht.
Lesen Sie bitte die Artikel auch bevor Sie hier wieder Stammtischparolen absondern. Ich zitiere gerne nochmal für Sie: Am Montag sagte Gesundheitsminister Daniel Bahr bei der Präsentation eines neuen Fernsehspots zum Thema Organspende, dass Ärzte sich mit Manipulationen bei der Organvergabe offenbar nicht bereichert hätten. Es ist das kaputte System des MELD-Scores, das Ihnen moralisch fragwürdige Entscheidungen aufoktroyiert.
tstar 04.09.2013
4. bullshit
Zitat von donnerfalkeSolange es Zweiklassen-Medizin gibt, wird es auch Korruption und Bestechung der Ärzte geben und die Patienen werden den Spendeausweis meiden. Eine Alternative wäre ein absout transparentes System für Spendeorgane, aber das wollen die Ärzte nicht.
Offensichtlich haben Sie das Geschehene nicht richtig verstanden. Es ging in fast allen Fällen nicht um Kohle, sondern darum den eigenen Patieten zu retten. Dieses den Ärzten anzukreiden halte ich für falsch, natürlich ist es nicht korrekt, wenn dadurch andere Patienten sterben, die dringender ein Organ benötigen, aber mit Profitgier hat das nichts zutun. Übrigens wurde nirgends berichtet, dass ein Unterschied zwischen Privatpatienten und Gesetzlichen gemacht wurde. Das ist eine Aussage aus dem Bereich der Märchen!
tstar 04.09.2013
5. auch bullshit
Zitat von lronmcbongein grund mehr, nicht zu spenden! letzten endes ist es immer das gleiche - es geht wieder um den bonus (für den arzt) oder direkt ums baksheesh. die einzige genugtuung dieses gedankengangs ist, dass die, die sich einen vorteil erkaufen es ohne vorhandene organe eben nicht können - und damit zwangsläufig auch ins gras beissen und ihren schnöden mammon nicht mitnehmen können! ist ja nicht so, dass ich hier gelesen hätte, dass die ärzte kleine kinder bevorzugt vor der 80jährigen oma transplantieren oder ähnliches.....
Lesen macht frei, um die Boni ging es in der überwiegenden Anzahl der Fälle nicht, sondern darum den eigenen Patienten schneller ein Organ zu beschaffen. Das ist auch nicht korrekt, ja, aber in letzter Konsequenz eben doch altruistisch. Das die Leute den Ärzten immer Profitgier unterstellen! Die gesetzliche Krankenkasse zahlt dem durchschnittlichen Orthopäden 18€ pro 3 Monate pro Patient, egal wie oft er diesen behandelt. Das ist echt Profitgier, schäbig diese Diffamierungen. Würden Sie für 18€ 3 Monate arbeiten?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.