Osteoporose-Kongress: Damit der Knochen nicht bricht

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Ein Niesen oder ein leichter Sturz genügen, um einen Knochenbruch auszulösen: An Osteoporose leiden Millionen Menschen in Deutschland. Auf dem europäischen Osteoporose-Kongress debattieren Ärzte über neue Therapien. Viele sind schon jetzt wirksam - doch es gibt noch einige Hürden.

Brüchige Knochen: Wie entseht Osteoporose? Fotos
Corbis

"Bin ich größer, oder du kleiner geworden?", fragte Martha Millers* Sohn als er seine Mutter nach sechs Monaten Auslandsaufenthalt in den Arm nimmt. Tatsächlich traf beides zu. Die sehr schlanke, einstmals 1,70 Meter große Martha Miller war nur noch 1,67 Meter groß. Das fand sie verwunderlich, verfolgte das Ganze aber nicht weiter. Dabei ist dieses Schrumpfen ein deutlicher Hinweis auf eine Osteoporose, wie Ärzte den Knochenschwund nennen. Zwei Jahre später schleppt eine Freundin sie mit zur Knochendichtemessung.

Das Ergebnis: Miller hat Osteoporose. Mit der Diagnose Osteoporose ist sie laut den jüngsten Statistiken der "Bone Evaluation Study", einer Analyse von Krankenkassendaten, eine von 6,3 Millionen Betroffenen in Deutschland - eine enorme Zahl. Die meisten Patienten sind über 60 Jahre, manchmal erkranken Frauen aber auch vor ihrem 30. Lebensjahr. Fünfmal mehr Frauen als Männer sind betroffen.

Osteoporose gilt deshalb längst als Volkskrankheit - ein Thema, mit dem sich jetzt Experten auf dem Europäischen Kongress für Osteoporose und Osteoarthritis in Rom beschäftigen werden, der diesen Mittwoch begonnen hat. Im Fokus der Ärzte steht neben der Vorbeugung von Osteoporose auch deren Behandlung. Ein Feld, auf dem sich in den vergangenen Jahren viel bewegt hat.

Neue Medikamente könnten sich durchsetzen

Außer Schmerzen sind vor allem Knochenbrüche gefürchtete Komplikationen des Knochenschwunds. Jeder achte Mann und jede dritte Frau erleiden im Alter mindestens einen durch Osteoporose verursachten Knochenbruch. Für Frauen nach den Wechseljahren und Männer, die nach einer operierten Prostataerkrankung an Testosteronmangel leiden, gibt es seit 2010 eine EU-weit zugelassene Alternative zu den herkömmlichen Medikamenten: Der Antikörper Denosumab, der einem körpereigenen Schutzmolekül für die Knochen nachempfunden ist, fängt das sogenannte RANKL-Molekül im Blutstrom ab, mit dessen Hilfe knochenabbauende Zellen entstehen. Denosumab wird alle sechs Monate als Spritze unter die Oberarmhaut verabreicht, Nebenwirkungen wie eine Neigung zu Ekzemen und Schädigungen des Ober- und Unterkiefers sind selten.

Mediziner und die Pharmaindustrie setzen große Hoffnungen in Antikörper. Ein zweiter wird derzeit in einer Phase-III-Studie erprobt. Dabei handelt es sich um einen Antikörper gegen das knochenspezifische Eiweiß Sklerostin. "Wird Sklerostin blockiert, steigert sich der Knochenaufbau, der Knochen wird stärker", erklärt der Osteoporose-Experte Lorenz Hofbauer vom Universitätsklinikum Dresden, der bereits an der Entwicklung von Denosumab beteiligt war. Vielversprechende Ergebnisse gibt es auch für den Hemmstoff Odanacatib, der ein Enzym blockiert, das beim Abbau der Knochenmatrix eine Rolle spielt. "Außerdem dürften Kombinationstherapien ein Kongressthema sein", sagt Hofbauer.

Nicht jeder Osteoporose-Patient verträgt die Medikamente

Doch bereits jetzt gibt es eine Reihe wirksamer Medikamente gegen Osteoporose. Sie hemmen entweder den Knochenabbau, fördern den Knochenaufbau, oder auch beides. Bisphosphonate, SERMs (selektive Östrogen-Rezeptor-Modulatoren) und Strontiumranelat sind seit vielen Jahren im Einsatz, das Problem dabei: Sie werden nicht von jedem Patienten gut vertragen.

Eine weitere Schwierigkeit bei der Therapie ist der Versorgungsmangel, den die "Bone Evaluation Study" offenbarte: "Wir haben bei den therapeutischen Möglichkeiten zwar ein relativ hohes Niveau erreicht, sind aber in der Versorgung immer noch nicht gut genug", sagt der Osteoporose-Experte Matthias Schieker vom Universitätsklinikum der Ludwig-Maximilian-Universität München, der auch in der Leitlinienkommission ist. Nur jeder zweite Patient mit Osteoporose-bedingtem Knochenbruch würde richtig medikamentös therapiert. "Sie dürfen die Therapie nicht ganz aufgeben, wenn sie ein Medikament nicht vertragen, sondern sollten nach Alternativen fragen", sagt Schieker.

Tatsächlich stoppt die Hälfte der Patienten, die Bisphosphonate einnehmen, nach einem Jahr die Therapie, weil das Medikament Magen-Darm-Probleme verursacht. "Wir hoffen, dass die Versorgungssituation mit neuen nebenwirkungsarmen Medikamenten besser wird", sagt Hofbauer.

Mediziner sind aber auch aufgefordert, neben der Behandlung die Prävention des Knochenschwunds voranzutreiben. Als gesichert gilt bisher, dass viel Bewegung und eine ausreichende Versorgung mit Kalzium und Vitamin D der Osteoporose vorbeugen. Diskutiert wird aber die Frage nach der Menge. Während viele Menschen nach dem Prinzip "viel hilft viel" vorgehen, zeigte jüngst eine Studie, dass man es mit der Einnahme von Kalzium nicht übertreiben sollte: Wer mehr als ein Gramm pro Tag in Pillen- und Tablettenform zu sich nimmt, muss mit einem erhöhten Risiko für einen Herzinfarkt und Herzgefäßerkrankungen rechnen. "1200 Milligramm Kalzium täglich reichen vollkommen, und die nehmen wir normalerweise mit der Nahrung auf", sagt Schieker.

Knackende Gelenke

Corbis

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*Namen von der Redaktion geändert

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1. Gilt nicht als gesichtert
temp1 17.04.2013
"Als gesichert gilt bisher, dass ...und eine ausreichende Versorgung mit Kalzium und Vitamin D der Osteoporose vorbeugen" Das gilt keineswegs als gesichert !!! Es gibt gegenteilige Studien, z.B. eine vom letzten Jahr aus Großbritannien über ca. 20 Jahre, die darlegen, daß die beliebten Vitamin D plus Calcium Präparate keineswegs die Zahl der Knochenbrüche ändern, wohl aber von einem signifikanten Anstieg der Demenz begleitet sind. Die Vermutung das Präparate Vit.D Calcium hilfreich seien, beruht auf der Beobachtung, daß beides häufig im Alter geringere Blutspiegel hat und daß im Alter häufiger die Knochen brechen. Weiterhin birgt eine Ernährung mit ZU WENIG Calcium brüchige Knochen. Aber es ist nirgends belegt, daß die künstliche Vitamin D-Zufuhr etwas Positives bewirkt. Das ist nur eine veraltete Lehr-Meinung der Schulmediziner. ... nun scheint es eher im Gegenteil schädlich zu sein.
2.
ceisen 17.04.2013
Diese Aussage ist nicht korrekt. Es gibt Placebo-kontrollierte Doppelblind-Studien, die gezeigt haben, dass eine Supplementation mit Calcium und Vitamin D die Häufigkeit von Knochenbrüchen verringert (z.B. N Engl J Med. 1992 Dec 3;327(23):1637-42). Entsprechende Meta-Analysen der gesammelten einschlägigen Studien habe diesen Befund bestätigt (z.B. N Engl J Med. 2012 Jul 5;367(1):40-9. doi: 10.1056/NEJMoa1109617.). Es ist auch nicht korrekt, dass mit Supplementen "künstliches Vitamin D" zugeführt wird. Es handelt sich um Cholecalciferol (Vitamin D3), das aus der Wolle von Schafen gewonnen wird. Allerdings ist die Dosierung von Calcium und Vitamin D und auch die Dosierungshäufigkeit nach neueren Studien entscheidend. Während die erforderliche Menge von Calcium in den meisten Fällen mit der Nahrung aufgenommen werden kann, lässt die Bildung von Vitamin D über die Haut mit dem Alter um ca. 75 % nach, so dass hier in der Regel eine Ergänzung von ca. 1000 internationalen Einheiten (25 Microgramm) pro Tag erforderlich ist. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei der genannten Studie in obigem Kommentar (temp 1) um eine reine Beobachtungsstudie (Nutr Res. 2008 ; 28(5): 285–292), die die Vitamin D-Aufnahme jährlich(!) anhand eines Fragebogens ermittelt hat (wissen Sie was Sie letztes Jahr alles gegessen haben???). Die Vitamin D-Aufnahme war mit durchschnittlich 340 internationale Einheiten noch geringer als von den in der Regel sehr konservativen Ernährungsgesellschaften für gesunde Menschen (diese gelten nicht für Osteoporosepatienten!) empfohlen wird. Die Aussage eines signifikanten Anstiegs von Demenz findet sich in der Studie ebenfalls nicht. Es wird lediglich eine Assoziation der Calcium und Vitamin D-Aufnahme mit Gehrinveränderungen beschrieben und diskutiert, dass derartige Gehirnveränderungen gemäß anderen Beobachtungsstudien möglicherweise in einem Zusammenhang mit verschiedenen Erkrankungen (u.a. Demenz) stehen könnten. Fazit: erstaunlich, was man in der Originalpublikation findet, wenn man einem journalistischen Beitrag in der Laienpresse (Focus) auf den Grund geht.
3. Komisch...
vivv 17.04.2013
dass Osteoporose hauptsächlich in den Ländern ein Problem ist, in denen Milchprodukte konsumiert werden! Tierisches Eiweiss hemmt nachgewiesenermaßen die Aufnahme von Kalzium! Aber die Milch macht's ja!
4. Problem Antibabypille,
Modest 17.04.2013
Untersuchungen geben auch den Hinweis das durch die Hormonvorsorge die Knochendichte erheblich reduziert wird.
5. Bewegung
colindavis 17.04.2013
das Bewegung hilft sollte aber niemand hinterfragen. Wenn man sich Risikogruppen beschaut stellt man fest, dass es überwiegend Frauen sind die betroffen sind. Da weiß man meines wissens noch nicht wieso aber eine weitere Risikogruppe sind ganz einfach Übergewichtige genau wie zum Beispiel bei der Athrose die auch als Volkskrankheit beschrieben werden kann. Wer mehr Sport treibt hat meistens gesündere Gelenke und Knochen. Vorallem der positive Einfluss von High Himpact Sportarten wie Basketball oder Volleyball im Kindes und Jugendalter ist schon häufig mit erhöhter Knochendichte bis lange ins Erwachsenenalter in verbindung gebracht worden. Warum sollten also immer wieder nur Medikamente entwickelt werden für viel geld die schon bestehende krankheiten bekämpfen oder einfach geld in mehr und bessere sportangebote investiert werden um die Krankheiten und Beschwerden gar nicht erst aufkommen zu lassen
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Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix hatte bereits während ihres Physikstudiums in Karlsruhe und den USA mit Biologie und Medizin zu tun. Sie arbeitet als freie Wissenschafts- und Medizinjournalistin.

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