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Palliativmedizin: Wie alternative Therapien Todkranken helfen

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Sterbepatient im Krankenhaus: Ätherische Öle und Massage statt Morphium Zur Großansicht
Corbis

Sterbepatient im Krankenhaus: Ätherische Öle und Massage statt Morphium

Immer mehr todkranke Patienten nutzen die alternative Medizin. Sie versprechen sich davon keine Heilung, sondern mehr Lebensqualität. Viele Methoden scheinen Angst und Schmerzen tatsächlich zu lindern.

Was können Misteln schon gegen Lungenkrebs ausrichten? Was nützt Ayurveda bei einem Hirntumor? Wie sollen Vitamine bei Amyotrophischer Lateralsklerose hilfreich sein? Die tödliche Krankheit an sich können sie genauso wenig heilen wie die klassische Schulmedizin. "Den Patienten ist das in den allermeisten Fällen klar", sagt Gustav Dobos, Direktor der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte. Dafür können die alternativen und natürlichen Heilverfahren laut Dobos etwas anderes: Die Lebensqualität in der letzten Lebensphase steigern.

Viele Patienten bekommen heute bis zu ihrem letzten Lebenstag Chemotherapie, auch wenn es hoffnungslos ist. "Das ist von Seiten der Ärzte manchmal nur eine Art Aktivismus aus Hilflosigkeit", sagt Dobos. Die alternative Medizin hingegen helfe den Patienten als unterstützende Therapie oft deutlich, mit zwei der größten Probleme umzugehen: Schmerzen und Angst.

Akupunktur beispielsweise könne die Schmerztherapie wirksam unterstützen, obwohl Schmerzen noch am besten konventionell mit Morphium behandelt würden, so Dobos. Am stärksten helfe die Komplementärmedizin aber gegen die Angst: "Hier können etwa regelmäßige Meditation, Aromatherapie, leichte Massagen oder die sogenannte Berührungstherapie die Angst verringern und ein Sterben in Würde erleichtern."

Alternative Therapien immer beliebter

Immer mehr todkranke Patienten nutzen inzwischen die alternative Medizin. "Das Thema hat in den letzten zehn, 15 Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen", sagt Marc Azémar, leitender Arzt in der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg. "Mehr als die Hälfte aller todkranker Patienten nimmt zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer Krankheit komplementärmedizinische Hilfe in Anspruch."

Die Bandbreite der Angebote ist riesig. In der Aromatherapie sollen ätherische Öle das Wohlbefinden und damit die psychische und körperliche Stabilität steigern. Massagetechniken werden eingesetzt, um Schmerzen zu mindern. Andere Methoden versprechen gar, den eigentlichen Krankheitsverlauf zu verlangsamen.

Bei der Misteltherapie etwa, die auf Krebserkrankungen abzielt, spritzen die Mediziner einen Extrakt der Mistel unter die Haut oder sogar in den Tumor. Weitere Methoden sind eine Behandlung mit dem Spurenelement Selen, Homöopathie, Chiropraxis, Meditation, Entspannungsübungen, Ernährungstherapie, Bewegungstherapie, Kräuter- und Vitamintherapie, Traditionelle Chinesische Medizin, die indische Heilkunst Ayurveda.

"Welche alternative Methode wo verbreitet ist, das ist auch stark kulturell beeinflusst", sagt Azémar. "Während in den USA Haifischknorpel beliebt sind bei der Krebstherapie, wird hierzulande Mistelextrakt bevorzugt." Das breite Spektrum an Anwendungen erschwert es, zu untersuchen, was wirkt und was nicht. Häufig werden auch verschiedene komplementärmedizinische Ansätze miteinander kombiniert.

Dennoch versuchen gerade in den letzten Jahren auch Schulmediziner zu ergründen, was für den Patienten hilfreich sein könnte. "Der eine oder andere klassische Krebsarzt hat noch Berührungsängste mit Methoden wie Ayurveda oder Misteltherapie, aber insgesamt betrachtet ist in der akademischen Medizin das Interesse geweckt", sagt Azémar.

Positive Wirkung nicht immer nachweisbar

Die Zahl der Studien zum Thema steigt, bei manchen alternativen Methoden lässt sich tatsächlich eine positive Wirkung auf den Krankheitsverlauf und auf das Befinden des Patienten nachweisen. Dies gilt vor allem dann, wenn die alternativen in Kombination mit klassischen Methoden eingesetzt werden.

So konnte der Mediziner Ralph Mücke vom Klinikum Lippe 2010 zeigen, dass Selen die Nebenwirkungen von Chemo- und Strahlentherapie deutlich senkt. Zuvor hatten Kollegen herausgefunden, dass Selen die Wirkung von Chemo- und Strahlentherapie verstärkt. Bei der Misteltherapie hingegen ließen sich bisher Wirkungen nur in solchen Studien nachweisen, die Experten wegen methodischer Mängel nicht für aussagekräftig halten. In vielen Studien können die Versuche auch keine positive Wirkung nachweisen.

Der Einfluss alternativer Medizin auf das Befinden und die Stimmung und damit auf die Lebensqualität wurde hingegen noch relativ selten erforscht - dabei dürfte es hier den größten Effekt geben. Noch gibt es keine Antwort auf die Frage, wie viel der Wirkung sich tatsächlich auf die Alternativmedizin zurückführen lässt und wie viel auf den Placebo-Effekt. Geht es den Patienten nur deshalb besser, weil sie daran glauben, dass ihnen geholfen wird? "Das wird sich in den allermeisten Fällen wohl niemals vollständig klären lassen", sagt Azémar. Aber darum gehe es auch gar nicht. Wichtig sei schließlich, dass etwas wirkt und den Patienten hilft. Was immer dieses Etwas ist.

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1. Glaube versetzt Berge
Pfaffenwinkel 27.06.2014
Lieber eine Alternativ-Methode als Chemo, auch wenn letztendlich der Mensch an seiner Krankheit stirbt.
2. All
kugelsicher 27.06.2014
Zitat von PfaffenwinkelLieber eine Alternativ-Methode als Chemo, auch wenn letztendlich der Mensch an seiner Krankheit stirbt.
Sagen sei das mal einem Kind dass an Akuter lymphoblastische Leukämie (ALL) leidet. Mit Chemo und Schulmedizin können fast 80% dieser Kinder gerettet werden und können weiter leben. Ohne würden sie alle sterben. Natürlich ist Chemo keine schöne Sache, aber dieses Chemo Bashing was im Internet stattfindet ist ziemlich daneben.
3.
chestbaer 27.06.2014
Was für ein tendenziöser Artikel. "So konnte der Mediziner Ralph Mücke vom Klinikum Lippe 2010 zeigen, dass Selen die Nebenwirkungen von Chemo- und Strahlentherapie deutlich senkt." Das ist kompletter Humbug. Es mag einzelne Berichte dazu geben, eine zusammenfassende Analyse aller Daten zeigt aber keine Hinweise auf einen Nutzen von Selen bei Chemotherapie. Es gibt sogar immer wieder Fälle von Überdosierungen (http://summaries.cochrane.org/CD005037/selenium-supplements-for-alleviating-the-side-effects-of-chemotherapy-radiotherapy-and-surgery-in-cancer-patients). Das gleiche gilt für Misteln. Probieren kann man es ja dazu nach Absprache mit dem behandelnden Arzt. Am Krankheitsverlauf wird sich durch Akupunktur sicher nichts ändern, aber wenn sich das Befinden des Patienten verbessert, dann ist das ja ein ganz enormer Gewinn. Das sollte der Artikel betonen und nicht irgendwelchen Unsinn über angeblich gezeigten Nutzen verbreiten...
4. Im Grunde lautet die Botschaft:
professorA 27.06.2014
Alternative Therapien nützen nichts, aber sie beschäftigen den todgeweihten Patienten. Als Begründung für die Verordnung steht dann in der Akte: "Ut aliquid fiat" (Die für Nicht-Lateiner verschlüsselte Resignation des Arztes: "Damit irgendwas geschieht")Ganz konsequente Charaktere verzichten angesichts der Erkenntnis ihres nahenden Endes auf jede Art der Behandlung.
5. Okkulte Praktikendes 21. Jahrhunderds
taglöhner 27.06.2014
Klar, am Besten zum Abschied den Heilsversprechern und Esoterik-Fuzzis noch seine letzten Groschen in den Arsch schieben. Das hätten sie gerne. Mitnehmen kann man's ja nicht. Es gibt auch noch Aromatherapie in Form von z.B. Spätburgunder, Creme Brule oder meinetwegen Haschisch. Hilft mindestens so gut wie der peinliche Woodoo-Mist.
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Zum Autor
  • Christian Heinrich
    Christian Heinrich ging nach seinem Medizinstudium auf die Deutsche Journalistenschule. Seit 2010 arbeitet er als freier Journalist in Hamburg. Neben Gesundheits- und Wissenschaftsthemen schreibt er auch über Wirtschaft und Gesellschaft, Reise und Bildung.
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