Palliativversorgung Die meisten sterben im Krankenhaus

Drei von vier Deutschen wünschen sich, zu Hause zu sterben. Doch für die Mehrheit endet das Leben im Krankenhaus oder Pflegeheim. Zwischen den Bundesländern gibt es deutliche Unterschiede, zeigt eine aktuelle Studie.

Krankenhaus: Fast jeder zweite ältere Mensch stirbt in einer Klinik
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Krankenhaus: Fast jeder zweite ältere Mensch stirbt in einer Klinik


Über die Vorstellung, wie sie ihre letzte Lebensphase verbringen wollen, klaffen bei den Bundesbürgern Wunsch und Wirklichkeit meist auseinander. Das zeigt ein von der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh veröffentlichter "Faktencheck Gesundheit". Demnach möchten nur sechs Prozent der Deutschen ihre letzten Tage im Krankenhaus verbringen und 76 Prozent lieber zu Hause. Allerdings stirbt nach wie vor fast jeder zweite ältere Mensch in einer Klinik - und nur jeder Fünfte in den eigenen vier Wänden.

Jeder Zehnte würde in der letzten Lebensphase in ein Hospiz gehen - in der Realität sind dies aber nur drei Prozent. Fast jeder Dritte (31 Prozent) stirbt indes in einem Pflegeheim, obwohl nur zwei Prozent dies wollen.

Wie ein schwer kranker Mensch betreut wird und ob er im häuslichen Umfeld bleiben kann, entscheidet auch das medizinische und pflegerische Angebot vor Ort. In Baden-Württemberg, Hessen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein arbeiten besonders viele ambulant arbeitende Palliativmediziner, die ihre Patienten zu Hause versorgen. Hier ist die Quote der Menschen, die im Krankenhaus sterben, entsprechend geringer. In Bundesländern mit großen stationären Angeboten, wie etwa Nordrhein-Westfalen, sterben mehr Menschen in Kliniken als im Bundesschnitt.

Wäre in allen Bundesländern das regionale Versorgungsangebot vergleichbar organisiert wie in Baden-Württemberg, müssten der Studie zufolge "jährlich rund 37.000 Menschen weniger im Krankenhaus sterben". Für ein würdevolles Sterben zu Hause müsse die ambulante Palliativversorgung weiter ausgebaut werden. Zurzeit fehlen in einem Viertel aller Kreise in Deutschland spezialisierte Palliativmediziner.

Nur knapp 30 Prozent werden palliativ versorgt

In den vergangenen 20 Jahren wurden die Versorgungsangebote für schwer kranke und sterbende Menschen stark ausgebaut. Trotzdem erhielten 2014 lediglich knapp 30 Prozent der Verstorbenen eine palliativmedizinische Behandlung, wie Lukas Radbruch von der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin für den "Faktencheck Gesundheit" ermittelte. Dies weise auf eine Unterversorgung hin. "Fast 90 Prozent aller Menschen brauchen am Lebensende eine palliative Begleitung", sagt Radbruch.

Die Bertelsmann-Stiftung sieht nach wie vor einen hohen Aufklärungsbedarf: Nur wenigen Menschen sei bewusst, dass eine gut organisierte ambulante Palliativversorgung zu weniger Krankenhauseinweisungen kurz vor dem Tod führe.

Palliativmedizin wird dann eingesetzt, wenn bei einer weit fortgeschrittenen Krankheit keine Chance mehr auf Heilung besteht und das Lebensende abzusehen ist. Dabei geht es um die Verbesserung der Lebensqualität und nicht um die Verlängerung der Lebenszeit. Die Behandlung verringert nicht nur Schmerzen und Depressionen, sondern verhindert auch unnötige, belastende Therapien am Lebensende.

Der Bundestag will am Donnerstag das Hospiz- und Palliativgesetz beschließen, das eine bessere Betreuung sterbender Menschen ermöglichen soll. Dafür ist unter anderem vorgesehen, stationäre Hospize für Kinder und Erwachsene finanziell besser auszustatten.

Hier finden Sie eine interaktive Karte zur Palliativversorgung in Deutschland.

wbr/AFP/dpa



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oidahund 02.11.2015
1.
Zu Hause sterben können setzt vorraus, dass jemand da ist, der sich um den Sterbenden kümmert. Sei es Partner/in, Kinder, Geschwister oder in einzelnen Fällen auch Eltern. Doch solche intakten Familienstrukturen findet man selten bzw. das Umfeld kann aus beruflichen Gründen die Ganztagsbetreuung nicht übernehmen. Ich selbst habe das beim Tod des Lebensgefährten meiner Mutter erlebt. Meine Mutter konnte ihn pfelgen, da sie selbst Renterin ist und noch körperlich dazu in der Lage war. Weder seine Kinder noch wir konnten dabei meine Mutter wesentllich entlasten. Wir alle mussten arbeiten. Hilfe konnte nur am Feierabend oder am WE geleistet werden - wo wohnen denn die Kinder noch nahe bei den Angehörigen? Das Sterben zog sich lange hin - ALS tötet langsam, aber sicher. Er war dankbar, dass es so war, wie es war und konnte ruhig sterben. Dieses Umfeld ist aber heute nicht mehr oft gegeben
olli0816 02.11.2015
2. Es ist klar, dass die meisten nicht zu Hause sterben
Wie die Vorschreiberin richtig geschrieben hat, sind die meisten nicht in der Lage, eine komplette Betreuung bis zum Tot zu leisten. Daneben ist aufgrund der ärztlichen Möglichkeiten eine Behandlung im Krankenhaus plausibel. Viele Menschen sterben, aber es ist nicht immer so eindeutig, dass der Mensch tatsächlich an der gegenwärtigen Krankheit sterben muß. Daneben kann ich mir vorstellen, dass viele in einer Intensivstation sterben. Was das Sterben im Pflegeheim betrifft, ist das wie ein Zuhause anzusehen. Beim Umzug in ein Altenheim oder Pflegeheim sollte man sich bewusst sein, dass dies die letzte Station ist. Deswegen würde ich hier sagen, das ist wie zu Hause sterben. Sterben, wenn die Familie um einen steht, ist eher ein Klischee. Die meisten Menschen sterben einsam. Aber ist das wirklich so schlimm? Sterben müssen wir alle und den Prozess muß jeder Mensch für sich gehen, egal wie mutig oder ängstlich er ist. Ob das durch eine Anzahl Menschen erträglicher ist, kann ich nicht beurteilen. Wahrscheinlich ist es anstrengender, da man zusätzlich mit der Trauer konfrontiert wird. Aber wir werden das alle einmal durchleben, egal ob im Krankenhaus, Pflegeheim oder zu Hause.
johannesmapro 02.11.2015
3.
Ambulante Hospizdienste helfen weiter und stationäre Hospize helfen weiter, wenn man zu Hause nicht mehr kann, das ist die beste Lösung und wenn man mit dabei ist, weil man eines Tages sich um ein Hospiz kümmert, ändert sich der Blick aufs Sterben, Leben bis Zuletzt sagt man dann, es ist etwas ganz anderes sich um Hospizfragen zu kümmern als um etwas anderes, es ght immer um sterbende Menschen
c.PAF 02.11.2015
4.
Meine Mutter hat es wenigstens vom Krankenhaus in ein Hospiz geschafft - für 48 Stunden. Was mich aber wirklich erschreckt hat war die Feststellung, daß es für ganz München wohl nur 28 (oder waren es 34) offizielle Hospizplätze gibt. Mehr nicht! Wir mußten 4 Wochen auf einen Platz warten...
Don_Draper 02.11.2015
5. Bei diesemThema ist
auch viel Sozialromantik dabei, angeblich sind früher (in welchem Jahrhundert soll das gewesen sein und wie sind die Menschen dann wiklich gestorben) die Menschen alle friedlich im Kreise ihrer Liebsten gestorben. Meine Mutter ist 20 Jahre tot und mein Vater ist Anfang des Jahres im Krankenahus gestorben, nachdem er sich Jahrelang geweigert hatte, in ein Seniorenheim zu gehen und mehr schlecht als recht von seinem einzigen Sohn mit externer Unterstützung mehr oder weniger zu Hause gepflegt wurde. gestorben ist er aber im Krankenhaus, weil sich sein Zustand rapide verschlechert hat und was tut man dann? Man ruft den Rettungsdienst und was tun die? Sie bringen den Patienten ins Krankenhaus. Denn den Zustand, den mein Vater hatte, habe ich davor schon ein paar Mal erlebt, da sagt man sich ja nicht, den lasse ich jetzt zum Sterben zu Hause und dann noch mit Schmerzen, nein, man möchte, dass der geliebte Mensche weiter lebt, oder zumindest eine gute medizinische Betreuung zum Ende hin hat.
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