Palliativmedizin "Sterben funktioniert leider nicht so, wie wir uns das wünschen"

Viele Menschen wollen zu Hause sterben, die Palliativmedizinerin Hannah Haberland macht das möglich. Im Interview erzählt sie, was Angehörige erwartet und worauf Sterbende oft noch warten.

Rosen in einem Hospiz-Zimmer
DPA

Rosen in einem Hospiz-Zimmer


Ärzte haben in der Regel das Ziel, ihre Patienten zu heilen. Wenn Hannah Haberland kommt, ist es jedoch zu spät. Die Palliativmedizinerin begleitet Menschen auf ihrem letzten Weg. Sie tut das nicht im Krankenhaus, sondern dort, wo viele sterben möchten: zu Hause. Spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) nennt sich dieses Angebot. Rund 300 SAPV-Teams sind deutschlandweit unterwegs.

In ihrem Buch "Letzte Begegnungen" erzählt Haberland von ihrer Arbeit. Um ihre Schweigepflicht zu wahren, schreibt die Ärztin unter einem Pseudonym. Ein Interview darüber, was Sterbende und ihre Angehörigen brauchen, worauf sie vorbereitet sein müssen - und warum viele Menschen allein sterben.

Was genau tun Sie als Ärztin eigentlich, wenn Sie nicht heilen?

Es gibt noch viel zu tun, was kein Heilversuch mehr ist. Sterben funktioniert leider nicht so, wie wir uns das vielleicht wünschen. In der Regel ist das ein Prozess. Der Mensch wird schwächer. Es kommen Symptome hinzu: häufig Übelkeit, Schmerzen, Luftnot. Diese Symptome behandeln wir, um den Übergang zu erleichtern.

Mit "wir" meinen Sie die SAPV-Teams. Unter welchen Voraussetzungen können Patienten denn ein solches Team aus Ärzten und spezialisierten Pflegefachkräften um Hilfe bitten?

Es gibt ein paar Voraussetzungen dafür, dass wir tätig werden dürfen: Es muss eine Erkrankung sein, die nicht mehr heilbar ist. Es sollte auch keine Therapie mehr anstehen wie eine Chemotherapie. Der Patient muss außerdem bereit sein, diesen Weg zu gehen. Wer zwar austherapiert ist, aber noch nicht bereit ist, loszulassen, und lieber noch mal in die Klinik will, wird mit einer Versorgung durch uns nicht zufrieden sein. Und was auch entscheidend ist: Hat der Patient bereits Symptome, die wir behandeln können? Wenn all das der Fall ist, übernimmt die Krankenkasse die Kosten für ein SAPV-Team.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie manchmal mit den Worten "Da kommen die von der Sterbehilfe" begrüßt werden. Warum ist das nicht richtig?

Wir leisten keine Sterbehilfe. Aber wir sorgen dafür, dass der Mensch möglichst ohne Schmerzen gehen kann. In den letzten Tagen und Stunden zum Beispiel kommt meist die sogenannte terminale Unruhe. Das ist sehr quälend. Man sieht: Der Mensch ist nicht mehr kontaktfähig, scheint aber etwas zu suchen, zu wollen. Er setzt sich hin, er legt sich hin. Für die Angehörigen ist das sehr belastend. Sie fragen sich: "Was will er denn jetzt?" Da müssen wir eingreifen und zum Beispiel Beruhigungsmittel geben.

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Bereiten Sie Angehörige auf diese Dinge vor?

Nicht im Erstgespräch. Das wäre zu viel. Aber im Laufe der Betreuung bereiten wir die Angehörigen nicht nur auf die terminale Unruhe, sondern zum Beispiel auch auf das Todesrasseln vor. Kurz vor dem Tod sammeln sich Speichel und Schleim auf den Stimmlippen. Das erzeugt beim Atmen ein rasselndes Geräusch. Viele Angehörige haben dann Angst, dass der geliebte Mensch erstickt. Den Sterbenden stört das aber nicht mehr.

Sie begleiten schon ein paar Jahre Menschen beim Sterben. Gibt es Dinge, die Sie immer wieder beobachten?

Ich habe immer gedacht, dass ganz viele Menschen vor dem Tod noch etwas erledigen wollen oder dass sie resümieren. Aber das ist meistens nicht so. Was aber häufig passiert, ist, dass der Sterbende noch auf jemanden wartet. Da liegt jemand schon im Sterben und ist gar nicht mehr ansprechbar. Aber das Gehör ist das letzte, was geht, sagt man. Und dann kann der wirklich nicht gehen, bevor nicht der Bruder aus Nicaragua durch die Tür gekommen ist. Deswegen lohnt es sich, so einen Wunsch noch zu erfüllen.

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Heißt das auch, dass die Menschen nicht gern allein sterben?

Die meisten Menschen sterben allein. Auch das ist wichtig zu wissen. Angehörige haben oft diese romantische Vorstellung, dass sie dem Sterbenden die Hand halten, während er seinen letzten Atemzug tut. Das passiert auch. Aber mindestens genauso häufig geht der Ehepartner oder das Kind mal kurz auf die Toilette - und genau in dem Moment geschieht es. Bei den Angehörigen hinterlässt das häufig Schuldgefühle. Aber tatsächlich scheint mir Sterben einfach etwas sehr Intimes zu sein.

Worin liegt aus Ihrer Sicht der Vorteil, wenn man zu Hause stirbt und nicht im Krankenhaus?

Meine Erfahrung ist: Viele Menschen wünschen sich das, und dann sollte man als Angehöriger zumindest einmal darüber nachdenken. Mehr organisatorischer Aufwand ist es eigentlich nicht. Denn das Organisatorische übernehmen die SAPV-Teams. Was man aber wissen muss: Wenn jemand im Krankenhaus oder im Hospiz ist, dann kann ich als Angehöriger nach Hause fahren und eine Tür zumachen. So habe ich automatisch Freiräume. Das kann ich aber nicht, wenn mein Angehöriger zu Hause stirbt. Dann muss ich mir die Freiräume aktiv schaffen.

Freiräume schaffen, wenn der Partner im Sterben liegt - das hört sich schwierig an...

Viele Angehörige denken: Wenn meine Mutter oder mein Partner zu Hause sterben möchte, dann heißt das, dass ich alles machen muss. Angehörige müssen aber auch einfach mal Angehörige sein dürfen - und nicht auch noch Koch, Putzfrau, Pflegender. Ich rate daher unbedingt dazu, zusätzlich einen Pflegedienst zu beauftragen, der mit unterstützt. Meine Erfahrung ist, dass der Sterbende das akzeptiert.

Ihren letzten Besuch machen Sie, wenn Sie den Totenschein ausfüllen. Wie begegnen Ihnen die Angehörigen da?

Viele sind erleichtert, geradezu euphorisch. Und dann fragen sie sich, ob sie sich jetzt schlecht fühlen müssen. Aber das müssen sie nicht. Es ist ganz normal, dass man froh ist, dass alles halbwegs gutgegangen ist, dass der Mensch nicht gelitten hat, dass er so sterben konnte, wie er wollte. Die Trauer kommt dann noch - meist nach der Beerdigung.

Interview: Teresa Nauber, dpa/irb

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