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Hilfe für Anschlagsopfer: Blutsbrüderschaft

Aus Paris berichtet

Christoph Seidler

Um die vielen Verletzten der Anschläge von Paris zu versorgen, werden täglich 10.000 Blutkonserven benötigt. Tausende spenden ihr Blut in den Krankenhäusern - doch es könnte nicht reichen.

Rue Bichat, Ecke Rue Alibert - eine Kreuzung im zehnten Arrondissement von Paris. Ein Ort des Todes. An zwei der Straßenecken liegen Berge von Blumen, brennen Kerzen, stehen schweigende Menschen. Hier liegen das Hotel Le Carillon mit seiner Bar und das Restaurant Le Petit Cambodge. Terroristen haben hier am Freitagabend mit ihren Maschinengewehren 15 Menschen aus dem Leben gerissen.

Doch nun wollen Dutzende Pariserinnen und Pariser dafür sorgen, dass dies ein Ort des Lebens wird. Denn an der Kreuzung hinter grauen Mauern liegt auch das Krankenhaus Saint Louis mit seiner Niederlassung des französischen Blutspendediensts EFS. Zudem haben sich unzählige Menschen im ganzen Land versammelt, um ihren Beitrag für die Versorgung der schwer verletzten Überlebenden der Anschläge zu leisten - indem sie ihr Blut spenden.

Das tut auch Maia Toutlouyan. Die junge, schwarzhaarige Frau hat einen ganz persönlichen Grund für ihren Besuch: "Mein Vater war im Bataclan und hat durch ein Wunder überlebt." Andere Menschen hätten nicht so viel Glück gehabt. "Das Mindeste, was ich machen kann, ist, im Kleinen zu helfen. Dadurch, dass ich mein Blut spende."

Selfies vom Aderlass

Auch wenn nicht jeder so direkt von den Folgen der Anschläge betroffen ist, sehen viele Franzosen das ähnlich. Auf Twitter posten sie Selfies von ihrem Aderlass - unter dem Hashtag #jedonnepourparis, ich spende für Paris. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - das bedeutet in diesen Tagen eben auch Blutsbrüderschaft.

Schon am Samstag gab es einen landesweiten Ansturm: Der Blutspendedienst EFS erklärte, insgesamt 9000 Freiwillige hätten sich gemeldet. Wie viele es am Montag waren, ließ sich zunächst nicht sagen. Der Mediziner Denis Pagès, der beim EFS die Spenden in der Pariser Region koordiniert, spricht von einer "außergewöhnlichen Großzügigkeit und Solidarität." Klar ist: Das wird auch in den kommenden Tagen weitergehen müssen.

Beim EFS geht man davon aus, dass jeden Tag 10.000 Blutkonserven benötigt werden. Deswegen erklärt die Behörde vorsorglich: Es sei zwar wichtig, dass der unmittelbare Bedarf gedeckt worden sei - nun dürften aber auch die Blutreserven in den Kühllagern nicht abschmelzen. Normalerweise liegen dort Konserven für etwa 14 Tage. Andererseits bringt es auch nichts, wenn zu viel Blut eingelagert wird, weil sich bestimmte Bestandteile wie die Blutplättchen nur einige Tage lagern lassen.

Also muss ständig Nachschub her: Den Freiwilligen wird nach ärztlicher Prüfung ein halber Liter Blut abgenommen, also in etwa ein Zehntel der im Körper durchschnittlich vorhandenen Gesamtmenge. Das Blut wird kühl gelagert, später abtransportiert und anschließend in Labors auf Krankheitserreger getestet - und mit Zentrifugen in seine Bestandteile aufgeteilt. Diese werden dann den Unfallopfern zur Verfügung gestellt, die in den Pariser Krankenhäusern zum Teil mit schweren Verletzungen um ihr Leben kämpfen. "Den Ermittlern kann man nicht helfen, das ist schwierig. Wir wollen etwas machen, helfen, unterstützen", sagt Margot Boniart, die mit ihrer Freundin Maia zur Blutspende gekommen ist. Zum ersten Mal in ihrem Leben, wie die 19-Jährige sagt.

33 Prozent erfüllen alle gesundheitlichen Kriterien

Ihr Blut kann womöglich gleich mehreren Menschen helfen: Dass Verletzte Vollblutspenden bekommen, ist mittlerweile unüblich. Für die Versorgung nötig sind vor allem Konzentrate mit roten Blutkörperchen, aber auch die Blutplättchen. Die sind für die Gerinnung des Blutes wichtig - und damit auch für den Verschluss von Wunden. Bei schweren Unfällen benötigen Notfallmediziner laut Angaben des Deutschen Roten Kreuzes zum Teil mehr als zehn Blutkonserven pro Unfallopfer.

Wie schwierig die Mobilisierung von Spendern sein kann, wissen auch die deutschen Spendedienste. Rund 33 Prozent der Bevölkerung erfüllt nach Einschätzung der Experten alle gesundheitlichen Kriterien, um sich Blut abnehmen zu lassen - doch nur drei Prozent tun es im Schnitt. Dabei, so rechnen die Mediziner vor, benötigen rund 80 Prozent der Menschen mindestens einmal im Leben fremdes Blut oder daraus erzeugte Produkte.

In Deutschland kommen jedes Jahr rund 4,3 Millionen Spenden zusammen, im Jahr 2011 waren es noch rund 4,9 Millionen. Kliniken gehen normalerweise so sparsam wie möglich mit Blut um. Dadurch sinkt der Bedarf langfristig - in Extremsituationen wie etwa den Anschlägen von Paris kann sich der Trend aber auch kurzfristig umkehren.

Wichtig wird es sein, die Freiwilligen von Paris auch in den kommenden Tagen und Wochen bei der Stange zu halten. Théo Simon-Lebailly will dabei helfen. Der schmale junge Mann ist am Montag in eine Blutspendestation im zwölften Arrondissement gekommen, in der Nähe liegt des Krankenhauses Saint Antoine. Um sein rechtes Handgelenk hat er die Tricolore gebunden.

Der Journalistikstudent hat beim Blutspendedienst erst einmal nur seine Daten aufnehmen lassen, um bei Bedarf als Spender kontaktiert zu werden. "Angesichts der aktuellen Lage wird das bald sein", glaubt er. Das wird die große Herausforderung für den französischen Blutspendedienst sein: Die momentane Welle der Hilfsbereitschaft zu kanalisieren und dafür zu sorgen, dass sie lange anhält.

Ermutigende Momente gibt es dazu an diesem Montagnachmittag. "Vielleicht mache ich das jetzt regelmäßig", sagt etwa Margot Boniart. "Man sollte nicht nur spenden, wenn etwas Dramatisches passiert ist. Man muss regelmäßig kommen, es gibt immer Leute, die es brauchen." Nach den Richtlinien des Blutspendediensts darf sie in acht Wochen wiederkommen.

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1. 10.000 Blutkonserven für 350 Verletzte pro Tag?
Shelly 17.11.2015
Gehen wir mal der Einfachheit halber von einer in etwa gleichen Verteilung der Blutgruppen zwischen Spendern und Verletzten aus, dann wären das 28 Blutkonserven pro Tag für jeden Verletzten. So ein Verhältnis wäre vielleicht bei der Erstversorgung nachvollziehbar, aber nicht 4 Tage danach.
2. Bei aller Trauer um die Opfer von Paris...
j2011 17.11.2015
ein Tag vor dem Terror in Paris starben in Beirut 41 Menschen bei einem Attentat des IS. Wo bleiben da die betroffenen Politiker, die medienwirksam trauernden, möglichst blonden und hübschen jungen Mädchen, die Blümchen vor den libanesischen Auslandsvertretungen und die weltweit in den Farben des Libanon angestrahlten Gebäude? Seit dem Tod von Lady Diana gibt es eine sehr selektive öffentliche Trauerverarbeitung, die nur noch auf die Nerven geht.
3. Völlig übertrieben, vermutlich aus dem Zusammenhang gerissen
srj 17.11.2015
Nicht mal in der Erstversorgung dürfte jeder der Verletzten soviel Blut benötigt haben, das beschränkt sich auf Einzelfälle - ansonsten müßte man an der Kompetenz der Ärzte dort zweifeln, Schußwunden und Gerinnungsprobleme zu behandeln. Der durchschnittliche Blutbedarf bei sogenannten Großschadensereignissen liegt irgendwo zwischen 2 - 6 Konzentraten pro Tag und Verletztem, der die Klinik lebend erreicht, das zeigen die Statistiken von 9/11 etc. Die bei solchen Ereignissen (auch Eschede...) zusätzlich gespendeten Konserven verfallen zum großen Teil, weil sie nicht benötigt werden, und haben ein deutlich größeres Risiko, infektiös zu sein.
4. Richtig..
competa1 17.11.2015
Zitat von j2011ein Tag vor dem Terror in Paris starben in Beirut 41 Menschen bei einem Attentat des IS. Wo bleiben da die betroffenen Politiker, die medienwirksam trauernden, möglichst blonden und hübschen jungen Mädchen, die Blümchen vor den libanesischen Auslandsvertretungen und die weltweit in den Farben des Libanon angestrahlten Gebäude? Seit dem Tod von Lady Diana gibt es eine sehr selektive öffentliche Trauerverarbeitung, die nur noch auf die Nerven geht.
..ebenso durften wir uns über eine 15 minütige (!)Sondersendung über die russischen Opfer des Flugzeugattentas freuen,währen wir nun gefühlte 24 Stunden mit Sondersendungen berieselt werden.Nutzlos ud zum Teil kriegstreibend.Ich werde heute abend den Fernseher nicht mehr einschalten.
5. Nicht reden - bitte einfach handeln!
MehrSeinalsSchein 17.11.2015
Bitte nicht auch hier wieder alles in Frage stellen - von den 3% Spendern zu den 33% Spendefähigen der Bevölkerung ist noch eine Menge Luft - einfach spenden. Den Rest übernehmen die Profis! Das gilt übrigens auch für die Spendebereitschaft für Organ- und Rückenmarksspenden - machen und helfen und Leben retten!! Ist ein tolles Gefühl, wenn man es macht - mal ausprobieren!!
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