Studie: Hirnschrittmacher bremst Parkinson früher
Hirnschrittmacher sind für manche Parkinson-Patienten die letzte Hoffnung. Sie kommen aber nur bei Älteren zum Einsatz, und wenn Medikamente nicht mehr helfen. Das könnte sich ändern. Eine Studie zeigt: Auch jüngere Kandidaten kommen für die heikle Operation in Frage.
Mit kleinen schlurfenden Schritten trippelt der 61-jährige Patient leicht nach vorne gebeugt in die Praxis. Zur Sicherheit hat er seinen Rollator und einen Angehörigen dabei. Jederzeit kann ihn eine Starre übermannen, gegen die er machtlos ist. Zehn Stunden täglich im Off sind für ihn keine Seltenheit. Off nennen Mediziner den Zustand, in den Parkinson-Kranke mitunter verfallen. Seit elf Jahren lebt der Mann mit der sich ständig verschlimmernden Krankheit.
Ein 52-Jähriger kommt allein in die Praxis, er ist noch berufstätig und erzählt seinem Arzt, dass er bei Sitzungen nicht mehr richtig mitkommt. Nicht nur sein Denken, auch seine Bewegungen sind verlangsamt, oft kann er das Zittern in den Händen nicht mehr kontrollieren. In den sieben Jahren, seitdem er Parkinson hat, haben ihm die Medikamente gut geholfen, seine Off-Phasen beschreibt er als Bewegungshemmung, nicht als Starre.
Die beiden Männer sind fiktiv. Der erste von beiden ist der Durchschnittspatient, der heute typischerweise einen Hirnstimulator bekommen würde. Der zweite bekäme normalerweise nur Medikamente. Jetzt könnte auch er ein Kandidat für die Operation sein. Denn eine aktuelle Studie hat ein unerwartetes Ergebnis zutage gefördert: Die höchst komplizierte - und auch gefährliche - Implantation eines Hirnschrittmachers hilft demnach nicht nur Patienten, bei denen Medikamente mittlerweile wirkungslos sind. Sie verbessert in Kombination mit Medikamenten auch das Leben von jüngeren Parkinsonkranken mit weniger Symptomen und kürzerer Krankheitsdauer - und ist sogar der alleinigen medikamentösen Therapie überlegen.
Weniger Medikamente, besseres Leben
Bisher bekommen Parkinsonkranke erst einen Schrittmacher, wenn sie älter als 60 sind und Medikamente nicht mehr wirken. Für die aktuelle Studie jedoch haben deutsche und französische Neurologen 251 Patienten zwei Jahre lang begleitet, die im Durchschnitt nur 52 Jahre alt waren und erst seit 7,5 Jahren unter Parkinson litten. Die eine Hälfte der Patienten erhielt nach zufälliger Auswahl allein Medikamente. Die andere Hälfte schluckte Arzneien und unterzog sich zusätzlich dem heiklen neurochirurgischen Eingriff.
"Die Lebensqualität der Patienten mit Hirnschrittmacher hat sich im Vergleich zu den Patienten, die nur Medikamente nahmen, deutlich verbessert", sagt der Neurologe Günther Deuschl vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, der die Studie jetzt mit seinen Kollegen im "New England Journal of Medicine" veröffentlicht hat. "Sie wurden mobiler, konnten ihr alltägliches Leben wieder besser beherrschen und brauchten weniger Medikamente." Die Mobilität verbesserte sich demnach um 53 Prozent, die Lebensqualität um 26 Prozent und die Aktivitäten des täglichen Lebens um 30 Prozent.
Doch der Eingriff ist heikel und aufwendig: Die Neurochirurgen müssen zahlreiche Schichtaufnahmen vom Gewebe und den Gefäßen im Gehirn machen, eine Blutung wäre lebensbedrohlich. Der Patient schläft dabei zunächst. Bei dem Eingriff selbst aber muss er wach sein, denn seine Reaktionen sollen den Ärzten zeigen, ob sie am richtigen Ort angekommen sind, dem sogenannten Nucleus subthalamicus im Zwischenhirn.
Bei Parkinson-Patienten verkümmern jene Nervenzellen im Gehirn, die den Botenstoff Dopamin produzieren. Fehlt der, gerät das fein abgestimmte Regelwerk von aktivierenden und hemmenden Impulsen aus dem Lot. Die Muskeln erstarren, die Hände zittern, Bewegungen sind verlangsamt oder unmöglich.
Schwerwiegende Komplikationen ohne Dauer
Nach der Operation kann sich die Wunde infizieren, Epilepsien oder Störungen der Sprechmotorik drohen. Von den 124 Operierten der Studie hatten 68 schwere Nebenwirkungen, 27 davon waren durch die Operation bedingt. Manche Patienten mussten erneut operiert werden, bei einigen verrutschte der Stimulator. "Aber nach zwei Jahren war mit Ausnahme einer Patientin, die unter den Folgen durch die Narben litt, von all diesen Problemen nichts mehr übrig", sagt Deuschl.
Auch in der Medikamentengruppe gab es 56 schwerwiegende Nebenwirkungen. "Unsere Studie zeigt daher, dass trotz möglicher schwerer Nebenwirkungen der Nutzen der tiefen Hirnstimulation klar überwiegt", so der Neurologe, der den positiven Effekt auf das junge Alter der Patienten zurückführt.
In einem begleitenden Kommentar schreibt Caroline Tanner vom Parkinson's Institute der Stanford University: Die Studie sei so präzise durchgeführt wie keine andere. Doch die ausgewählten Probanden, die höchstens 60 Jahre alt und auch sonst gesund waren, spiegelten nicht den typischen Parkinson-Patienten wider, so ihre Kritik.
Lukratives Geschäft
Zudem gibt es die Befürchtung, dass die Hirnstimulation die Suizidrate erhöhen könnte. Auch drei Studienteilnehmer töteten sich (zwei aus der Stimulatorgruppe, einer aus der Medikamentengruppe). In beiden Gruppen gab es zudem je zwei Suizidversuche. "Wir legen diese Ergebnisse so aus, dass nicht der Neurostimulator die Ursache ist", so Deuschl. "An solchen Untersuchungen nehmen mehr risikobereite Menschen teil, die wahrscheinlich ein höheres Suizidrisiko haben." Er spricht sich daher für eine besonders sorgsame Auswahl der Patienten aus.
Finanziert wurde die Studie nicht nur vom deutschen Forschungsministerium und französischen Behörden, auch der Hersteller Medtronic war beteiligt. Eingriff und Stimulator kosten an einer deutschen Klinik etwa 30.000 Euro. Mehrere Studienautoren geben an, dass sie von Medtronic Honorare erhalten haben. Deuschl jedoch betont, Medtronic habe weder Einfluss auf die Art der Datenerhebung und -auswertung gehabt, noch habe das Unternehmen die Daten je gesehen. "Die Studie ist ein Beispiel dafür, wie man auf Augenhöhe mit der Industrie zusammenarbeiten und seine Unabhängigkeit bewahren kann", so der Co-Studienleiter.
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- Freitag, 15.02.2013 – 06:42 Uhr
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- Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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Follow @SPIEGEL_GesundDer englische Chirurg James Parkinson hat die nach ihm benannte Krankheit 1817 erstmals beschrieben. Die langsam fortschreitende "Schüttellähmung" betrifft als neurologische Erkrankung vor allem die sogenannten Basalganglien, jene Gehirnbereiche, die für die Kontrolle menschlicher Bewegungsabläufe zuständig sind. Die langsame Degeneration von Zellen der Substantia nigra (schwarze Substanz) verursacht einen Mangel des Botenstoffes Dopamin im Gehirn. Dieser Mangel führt zu den klassischen Symptomen der Krankheit wie Bewegungsarmut, Zittern in Ruhe, Muskelsteifheit und schweren Gang- oder Gleichgewichtsstörungen. Therapie: Seit einigen Jahren praktizieren Neurologen eine medikamentöse Behandlungsform, welche die Krankheit nicht besiegen, aber den Gesamtzustand des Patienten wesentlich verbessern kann. Melatonin- und DHEA-Präparate sollen Verbesserungen bringen. Seit einigen Jahren laufen Versuche mit Serotonin-Präparaten. Gymnastik, Bäder, Sprachtraining und Ergotherapie ergänzen die Gabe von Pharmazeutika.
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