Ein rätselhafter Patient Wie Parkinson, nur anders

Eine Frau klagt über Beschwerden, die normalerweise bei Parkinson auftreten. Doch einige Symptome der Krankheit fehlen. Am Ende untersuchen die Ärzte auch den Sohn der Patientin - und stellen die richtige Diagnose.

Essen mit Stäbchen
Getty Images

Essen mit Stäbchen

Von


Mit Stäbchen essen, die Bluse zuknöpfen: Einer 52-jährigen Chinesin fallen plötzlich alltägliche Bewegungen schwer. Die Bewegungen der Frau sind langsam, ihre Arme und Hände zu steif, auch ihre Mimik ist beeinträchtigt. Nach sechs Monaten ohne Besserung sucht sie das Qilu- Krankenhaus der Shandong-Universität im chinesischen Jinan auf.

Die Ärzte dort kennen solche Symptome, sie passen zur Parkinson-Krankheit. Doch weitere typische Beschwerden, darunter das Muskelzittern, fehlen, schreiben Cheng-Yuan Song und Kollegen im Fachblatt "Medicine".

Sie bemerken, dass die Frau Brachydaktylie hat - ihre Finger sind auffällig kurz. Die Wissenschaftler notieren außerdem, dass sie mit 1,52 Metern eher klein ist. Vor vier Jahren erlitt sie eine Kohlenmonoxidvergiftung. In ihrer Familie gebe es keine Parkinson-Fälle, teilt die Frau mit. Aber ihr Sohn habe als Kind epileptische Anfälle gehabt.

Die Ärzte wollen sich das Gehirn der Patientin mithilfe von Computertomografie-Aufnahmen (CT) genauer ansehen, doch sie lehnt ab: Ein CT sei bereits in einer anderen Klinik erstellt worden und unauffällig gewesen. Die Frau will sich dem Verfahren nicht erneut unterziehen. Leider können die Mediziner das CT-Bild zunächst nicht auftreiben.

In folgenden Tests entdecken die Ärzte keinerlei Hinweise darauf, dass die Frau einen Tumor hat oder eine Autoimmunkrankheit - beides könnte unter Umständen die Beschwerden auslösen.

Verdächtige Verkalkung

Sie untersuchen das Gehirn der Frau mit einem anderen Verfahren, der Magnetresonanztomografie, und stellen dabei fest, dass die sogenannten Basalganglien verkalkt sind. Diese Bereiche, die recht zentral im Gehirn liegen, sind unter anderem an vielen Bewegungsabläufen beteiligt. Hängt die Verkalkung mit der Kohlenmonoxidvergiftung vor vier Jahren zusammen? Zuerst nehmen die Ärzte dies als wahrscheinlichste Ursache an.

Doch dann fallen auch Blutwerte auf: Die Frau hat einen deutlich zu niedrigen Kalzium- und einen viel zu hohen Phosphatspiegel.

Die Nebenschilddrüsen schütten ein Hormon aus, das mit dem Kalziumspiegel verknüpft ist. Produzieren sie zu wenig des sogenannten Parathormons, sinken die Kalziumwerte. Doch im Blut der Frau findet sich nicht etwa wenig Parathormon, sondern sehr viel.

Ursprung ihrer Probleme sind also nicht die Nebenschilddrüsen - sondern der Umstand, dass ihr Körper nicht hinreichend auf das Hormon reagiert. Pseudohypoparathyreoidismus nennt sich das. Die Kurzfingrigkeit der Patientin passt dazu, sie zählt zu den möglichen Symptomen.

Was Mutter und Sohn verbindet

Und weil Pseudohypoparathyreoidismus vererbt werden kann, untersuchen die Ärzte nun den 22-jährigen Sohn der Patientin. Auch bei ihm finden sich verkalkte Basalganglien sowie auffällige Blutwerte. Über Bewegungsstörungen, wie sie seine Mutter erlebt, klagt er nicht. Die Ärzte berichten auch nicht von anderen gesundheitlichen Beschwerden. Sie vermuten jedoch, dass die Störung die epileptischen Anfälle in seiner Kindheit erklären können.

Zwischenzeitig gelingt es, die CT-Aufnahme aus der anderen Klinik zu organisieren, die die Diagnose ebenfalls bestätigt.

Die Ärzte veranlassen einen Gentest, der offenbart, dass sich in einem Gen eine schädliche Mutation eingeschlichen hat. Sie beeinflusst den Hormonstoffwechsel - und findet sich bei Mutter und Sohn.

Nachdem sie sich sicher sind, die richtige Diagnose gestellt zu haben, behandeln sie die Patientin: Sie geben ihr Kalziumglukonat und Vitamin-D-Präparate, damit sich ihre Blutwerte normalisieren. Dies gelingt - schon fünf Tage nach Therapiebeginn sind die Bewegungen der Frau wieder deutlich flüssiger.

Mehr zum Thema
Newsletter
Ein rätselhafter Patient


insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
carinesophie 19.03.2017
1. Wie immer: gute med. Diagnose ist wichtig
Das Häufige ist häufig - aber das Seltene kommt auch vor; da braucht es dann aber auch ein diagnostisches Umfeld, neben der richtigen Fährte bei den Blutwerten dann die richtige Apparatemedizin beim CT oder Kernspin - und natürlich auch die passenden Ärzte, die die Befunde auch richtig übersetzen können und eine wissenschaftlich nachvollziehbare Behandlung durchführen. Da hat es der Quacksalber leichter: er suggeriert jedem Kunden erst einmal eine Krankheit, die es oft garnicht gibt oder nicht vorhanden ist, dann kommt eine vielleicht schädliche bzw. nicht wirksame Behandlung und die echte Krankheit wird verschleppt... Hier hätte ja keine sog. Chin. Medizin oder eine Kräutermischung geholfen; für westliche Leser wohl fast schon erstaunlich, daß gerade China ja auf echte Medizin setzt.
l.michael 19.03.2017
2. Echte Medizin?
Für Sie ist die klassische Chinesische Medizin keine echte Medizin?
Christian Svenssson 20.03.2017
3. Ct
Man sollte wissen, das alle medizinischen Untersuchungen und Konsultationen, also auch CT, gegen Vorkasse gemacht werden. Ein CT kostet zirka 150€. Ein Drittel eines normalen Monatseinkommen.
chalchiuhtlicue 20.03.2017
4.
Zitat von carinesophieDas Häufige ist häufig - aber das Seltene kommt auch vor; da braucht es dann aber auch ein diagnostisches Umfeld, neben der richtigen Fährte bei den Blutwerten dann die richtige Apparatemedizin beim CT oder Kernspin - und natürlich auch die passenden Ärzte, die die Befunde auch richtig übersetzen können und eine wissenschaftlich nachvollziehbare Behandlung durchführen. Da hat es der Quacksalber leichter: er suggeriert jedem Kunden erst einmal eine Krankheit, die es oft garnicht gibt oder nicht vorhanden ist, dann kommt eine vielleicht schädliche bzw. nicht wirksame Behandlung und die echte Krankheit wird verschleppt... Hier hätte ja keine sog. Chin. Medizin oder eine Kräutermischung geholfen; für westliche Leser wohl fast schon erstaunlich, daß gerade China ja auf echte Medizin setzt.
Oh, China setzt nicht nur auf traditionelle Medizin. Die moderne evidenzbasierte Medizin wird in China auf einem Niveau praktiziert, das dem der westlichen Welt entspricht. In entlegenen ländlichen Regionen mag die Verfügbarkeit moderner Medizin erheblich schlechter sein, aber in städtischen Bereichen kriegt man die gleiche Diagnostik und die gleichen Therapien wie bei uns auch. Was den Fall anbetrifft: Bei Basalganglienverkalkungen dachte ich sofort an (Pseudo)Hyperparathyreoidismus, weil ich als in der Inneren Medizin tätiger entsprechend denke. Die Kollegen, auf die die Patientin zuerst traf, waren aber wohl Neurologen und dachten zuerst an Verkalkungen von vormals nekrotischen (abgestorbenen) Arealen. Dies zeigt, dass die frühzeitige Erkennung einer Erkrankung auch sehr davon abhängt, ob man gleich zu Ärzten des richtigen Fachgebietes kommt. Ein auffällig niedriger Kalziumwert wäre in einer internistischen Abteilung in weniger als einer Stunde erkannt worden, evtl. sogar schon nach Minuten (Blutgasanalyse mit Elektrolybestimmung oder auch spezifische Veränderungen im EKG).
isikat 20.03.2017
5. Bei uns
würde niemals so gründlich und umfangreich untersucht werden - und es würden schon gar nicht Familienangehörige einbezogen werden. Kommt man heute zum Beispiel mit tierischen Schulter-Arm-und Rückenschmerzen sowie starken Bewegungseinschränkungen ins Krankenhaus, wird einem eine Magen- und Darmspiegelung angeboten sowie evtl. noch ein Herzecho, bestenfalls noch eine Röntgenaufnahme vom Rücken und ein Gespräch mit einem Rheumatologen - alles Dinge, die mit den vorhandenen Schmerzen in keinem Zusammenhang stehen. Das wars dann aber auch und man wird als gesetzlich Versicherter mit "Verdacht auf somatoforme Störung" nach einer Woche entlassen. Auf dieser "somatoformen Störung" ruhen sich danach sämtliche ambulanten Ärzte aus und drängen einen dazu, Psychopharmaka zu nehmen. Das ist die Folge der "Fallpauschalen". Die KH-Untersuchungen richten sich nach der Höhe der Fallpauschale. MRT wird meistens im KH verweigert, da zu teuer. Nach einem Jahr unerträglicher Schmerzen und Kämpfe mit unwilligen ambulanten Fachärzten um MRTs stellt sich dann heraus: 3 Bandscheibenvorfälle in der HWS, beginnende Rückenmarkschädigung, Schleimbeutelentzündungen in den Schultern, Sehnen-Teilruptur, Sehnenentzündungen etc. Von wegen "somatoforme Störungen" Zu allem Übel wird man auch noch als Patient mit schwieriger Persönlichkeit eingestuft, wenn man die Einnahme von Psychopharmaka verweigert, weil man selbst ja ganz genau weiß, dass man psychisch keinesfalls labil ist.....So ist das bei uns seit der Gesundheitsreform dank Rösler........ Wird man wirklich krank, ist man aufgeschmissen - ganz besonders, wenn mehrere Dinge zusammenkommen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.