Parkinson: Physiotherapie hilft für kurze Zeit

Frau beim Krafttraining: Nach der Physiotherapie bewegen die Patienten sich schneller Zur Großansicht
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Frau beim Krafttraining: Nach der Physiotherapie bewegen die Patienten sich schneller

Parkinson-Patienten sind im Kopf voll da, verlieren aber die Kontrolle über ihren Körper. Ob Physiotherapie die Symptome bremsen kann, war bisher weitgehend unklar. Britische Forscher stellen jetzt fest: Wenigstens kurzfristig hilft die Bewegung tatsächlich.

Eine Weile lang können die Patienten ihre Krankheit kaschieren. Langsam verlieren Parkinsonkranke die Kontrolle über ihre Muskulatur, sie setzen sich nur noch mühsam in Bewegung, ihr Körper zittert in Ruhe. Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London konnten Fernsehzuschauer einen wie versteinert wirkenden Muhammad Ali sehen, der nur mit großer Hilfe die olympische Flagge berühren konnte.

Einer Krankheit, die wie die Schüttellähmung Parkinson die Bewegungsfähigkeit des Patienten betrifft, sollte man gerade mit Aktivität begegnen können. Das ist ein Gedanke, der hinter der zunehmenden Zahl an Untersuchungen zur Physiotherapie steht. Mehr als die Hälfte von 13.000 befragten Mitgliedern der britischen Parkinson-Patienten-Vereinigung "Parkinson's UK" gab bereits 2008 an, von einem Physiotherapeuten behandelt zu werden. Allerdings ist bis heute kaum bekannt, ob die Bewegungstherapie bei Parkinson tatsächlich etwas bringt.

Ja, bestätigen britische Forscher um Claire Tomlinson von der University of Birmingham jetzt im Fachmagazin "British Medical Journal", wenigstens für ein paar Monate nützt die Physiotherapie den Patienten. Doch leider seien die aus Studien verfügbaren Daten so schlecht, dass sie keine Empfehlung abgeben könnten, welche Form der Bewegung besonders nützlich sei, klagen die Wissenschaftler in ihrer Übersichtsarbeit. Sie appellieren stattdessen an ihre Kollegen, bessere Studien anzufertigen, damit endlich klar werde, ob und wie Therapeuten Parkinson-Patienten am besten fördern können.

Behandelte Patienten können die Balance besser halten

Insgesamt bewerteten die Wissenschaftler 39 Studien mit 1827 Patienten. Bei neun bei Parkinson wichtigen Punkten kamen die untersuchten Studien zum Ergebnis, dass eine Physiotherapie eine Verbesserung erreichen kann. Beispielsweise bewegen behandelte Patienten sich schneller, können die Balance besser halten oder schneiden in einem Punkte-System besser ab als unbehandelte Parkinsonkranke. Allerdings fanden Tomlinson und Kollegen keine Hinweise darauf, dass eine bestimmte Physiotherapie-Methode besonders gute Ergebnisse brächte. Und die Patienten selbst gaben in Fragebögen nach der Physiotherapie keine statistisch auffällige verbesserte Lebensqualität an.

Ein großes Manko der meisten in der aktuellen Meta-Analyse untersuchten Studien ist die kurze Zeitspanne, die die Parkinsonpatienten begleitet wurden. So ist auf Basis der Arbeiten nur die Schlussfolgerung möglich, dass eine Physiotherapie Parkinsonpatienten kurzzeitig nutzen kann, da viele Studien die Kranken nur drei Monate lang begleiteten. Ganz allgemein beklagen Tomlinson und ihre Kollegen die mangelhafte Qualität vieler der Untersuchungen.

Große, gut geplante Studien seien dringend notwendig, um herauszufinden, welche Form der Physiotherapie welchen Patienten helfen könne. Denn die eine Bewegungstherapie, die allen Parkinson-Patienten gleichermaßen hilft, werde es nicht geben, schreiben die Wissenschaftler. Der Physiotherapeut müsse die Krankengeschichte eines Parkinson-Patienten kennen und verstehen, um ihm seinen alltäglichen Beschwerden und Bedürfnissen entsprechend helfen zu können. Hinweise darauf, dass eine physiotherapeutische Methode bessere Ergebnisse erbringen würde als andere Behandlungen, fanden die britischen Forscher in den verfügbaren Daten allerdings ebenso wenig.

dba

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Ja und...
blowup 06.08.2012
...wundert das jemanden? Bewegung scheint ja gegen fast alles zu helfen, bzw. Symptome zu lindern. Seit einem Jahr findet man immer mehr diesbezügliche Studien. Warum erst jetzt? Weil wir an unserem pervers bewegungsarmen Lebenswandel festahlten wollen? Weil wir nicht erkennen wollen, dass so ein Bürojob zumindest alf lange Sicht schlicht vollkommen pervers und schädlich ist? Weil die Gesundheitsindustrie drastisch weniger verdienen würde?
2.
jan_althoff 06.08.2012
...stimmt. Und würden wir mal anfangen, gescheite Studien dazu zu machen, würde es uns auch endlich mal jemand glauben! Woanders gehts doch auch...
3. und hier noch ein konstruktiver Beitrag...
oldharold 07.08.2012
...für Parkinson-Patienten: Probieren Sie es im Bewegungsbad, in Begleitung eines Physiotherapeuten.
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Morbus Parkinson

Der englische Chirurg James Parkinson hat die nach ihm benannte Krankheit 1817 erstmals beschrieben. Die langsam fortschreitende "Schüttellähmung" betrifft als neurologische Erkrankung vor allem die sogenannten Basalganglien, jene Gehirnbereiche, die für die Kontrolle menschlicher Bewegungsabläufe zuständig sind. Die langsame Degeneration von Zellen der Substantia nigra (schwarze Substanz) verursacht einen Mangel des Botenstoffes Dopamin im Gehirn. Dieser Mangel führt zu den klassischen Symptomen der Krankheit wie Bewegungsarmut, Zittern in Ruhe, Muskelsteifheit und schweren Gang- oder Gleichgewichtsstörungen. Therapie: Seit einigen Jahren praktizieren Neurologen eine medikamentöse Behandlungsform, welche die Krankheit nicht besiegen, aber den Gesamtzustand des Patienten wesentlich verbessern kann. Melatonin- und DHEA-Präparate sollen Verbesserungen bringen. Seit einigen Jahren laufen Versuche mit Serotonin-Präparaten. Gymnastik, Bäder, Sprachtraining und Ergotherapie ergänzen die Gabe von Pharmazeutika.