Parkinson Medikamentenvergleich endet unentschieden

Welches Medikament hilft Parkinson-Patienten auf lange Sicht am besten? Eine britische Studie räumt mit einer alten Angst auf.

Verschiedene Medikamente: Womit leitet man die Parkinson-Therapie am besten ein?
DPA

Verschiedene Medikamente: Womit leitet man die Parkinson-Therapie am besten ein?

Von


Parkinson ist bislang nicht heilbar. Während sich Betroffene zu Beginn vielleicht nur etwas zittrig, müde oder unglücklich fühlen, setzt mit zunehmender Dauer der Erkrankung ein viel stärker werdendes Zittern ein. Der Tremor ist eines der Hauptsymptome der Krankheit.

Ärzte verschreiben so früh wie möglich Medikamente, die die Krankheitssymptome mildern. Allerdings haben sämtliche Mittel auch Nebenwirkungen. Welche der Alternativen ist langfristig am besten für die Patienten mit einem sogenannten idiopathischen Parkinson-Syndrom, die den Großteil der Erkrankten ausmachen? Eine britische Forschergruppe, die "PD MED Collaborative Group", hat mithilfe von 1620 Patienten drei Wirkstoffklassen miteinander verglichen:

  • L-Dopa, auch bekannt als Levodopa, wird seit Jahrzehnten eingesetzt. Bei der Langzeitanwendung kommt es vermehrt zu unwillkürlichen Bewegungen, sogenannten Dyskinesien.
  • Dopamin-Agonisten, zu deren Nebenwirkungen Tagesmüdigkeit und die Einlagerung von Wasser in den Beinen zählen.
  • Monoaminooxidase-Hemmer (MAO-B-Hemmer), die vor allem im Frühstadium der Erkrankung mild wirksam sind.
Wer hat es bezahlt?
Die Studie wurde von zwei staatlichen Geldgebern finanziert: dem britischen Gesundheitsministerium sowie dem "Health Technology Assessment"-Programm.

Bis zu sieben Jahre lang begleiteten die Forscher die Therapie der Patienten, wie sie im Fachmagazin "Lancet" berichten. Die Teilnehmer wussten, welches Medikament sie nahmen. Wenn Nebenwirkungen auftraten oder die erwünschte Wirkung ausblieb, wurde das Mittel gewechselt oder ein zusätzliches Medikament eingenommen (im Fachjargon heißt das, es war ein open-label, pragmatic randomised trial). Die Probanden, die mit einem Dopamin-Agonisten oder MAO-B-Hemmer gestartet waren, bekamen deutlich häufiger ein zusätzliches Mittel, meist L-Dopa, verschrieben. Bei rund 75 beziehungsweise 80 Prozent blieb das erste Medikament nicht das einzige.

Die Studie kommt zum Schluss: Bekommen die Patienten als erstes Mittel L-Dopa verschrieben, bleibt ihre Mobilität ein wenig besser erhalten, als wenn sie zuerst MAO-B-Hemmer oder Dopamin-Agonisten einnehmen. Bei vielen anderen Punkten, etwa der Zahl der Demenzerkrankungen oder der Zahl frühzeitiger Todesfälle, zeigten sich keine Unterschiede zwischen den Gruppen.

Morbus Parkinson

Der englische Chirurg James Parkinson hat die nach ihm benannte Krankheit 1817 erstmals beschrieben. Die langsam fortschreitende "Schüttellähmung" betrifft als neurologische Erkrankung vor allem die sogenannten Basalganglien, jene Gehirnbereiche, die für die Kontrolle menschlicher Bewegungsabläufe zuständig sind. Die langsame Degeneration von Zellen der Substantia nigra (schwarze Substanz) verursacht einen Mangel des Botenstoffes Dopamin im Gehirn. Dieser Mangel führt zu den klassischen Symptomen der Krankheit wie Bewegungsarmut, Zittern in Ruhe, Muskelsteifheit und schweren Gang- oder Gleichgewichtsstörungen. Therapie: Seit einigen Jahren praktizieren Neurologen eine medikamentöse Behandlungsform, welche die Krankheit nicht besiegen, aber den Gesamtzustand des Patienten wesentlich verbessern kann. Melatonin- und DHEA-Präparate sollen Verbesserungen bringen. Seit einigen Jahren laufen Versuche mit Serotonin-Präparaten. Gymnastik, Bäder, Sprachtraining und Ergotherapie ergänzen die Gabe von Pharmazeutika.

"Angst vor L-Dopa nicht gerechtfertigt"

Aufgrund des Dyskinesie-Risikos hatten Ärzte einige Jahre lang insbesondere jüngeren Parkinson-Patienten, also jenen unter 60, zuerst kein L-Dopa verschrieben. Die nun veröffentlichte Arbeit gibt an dieser Stelle Entwarnung.

"Wir sehen, dass die Angst vor L-Dopa nicht gerechtfertigt ist", sagt Wolfgang Oertel von der Universität Marburg, einer der Autoren der deutschen Parkinson-Leitlinie. Dies hätte allerdings eine andere größere Untersuchung bereits 2009 gezeigt.

In der Therapieleitlinie in Deutschland wird empfohlen, dass Arzt und Patient gemeinsam entscheiden, mit welchem Medikament man die Therapie beginnt. "Wer zuerst einen Dopamin-Agonisten oder MAO-B-Hemmer nimmt, braucht in der Regel wenige Jahre zusätzlich L-Dopa", erklärt Oertel. Dyskinesien treten demnach im Verlauf der Erkrankung unter der Behandlung so oder so auf. Allerdings fallen diese laut Oertel nur noch selten so heftig aus, dass sie den Betroffenen einschränken, da grundsätzlich hierzulande mit eher niedrigen L-Dopa-Dosen behandelt wird.

Die Studie, so Oertel, wird daher keine Auswirkungen auf die Therapieempfehlungen in Deutschland haben, sondern bestätigt die existierenden Leitlinien.

Hierzulande leiden Schätzungen zufolge rund 120.000 Menschen an Parkinson, bei den über 65-Jährigen sind 18 von 1000 Menschen betroffen.

MEHR ZUM THEMA
Die Balance ist schwerer zu halten, das Gehen bereitet Mühe. Sport hilft Parkinson-Patienten zumindest etwas - aber welcher ist optimal? US-Forscher geben nach einer Studie eine klare Empfehlung.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mario V. 12.06.2014
1. Cannabis
Hätte gerne gesehen, wie sich Cannabis im Vergleich zu diesen Medikamenten schlägt. Es gibt mittlerweile einige ernstzunehmende Studien, die eine deutliche Wirksamkeit von Cannabis in diesem Zusammenhang nachweisen. Aber wahrscheinlich kann nicht sein was nicht sein darf, dass es einen natürlichen Wirkstoff gibt, der genauso gut oder sogar besser ist, aber mit dem nichts verdient werden kann.
dt.busch 12.06.2014
2. optional
Die Diagnose Morbus Parkinson verändert für die Betroffenen und deren Angehörige nahezu alle Lebensbereiche, negativ. Die gängigen medikamentösen Therapien bei Morbus Parkinson, besonders die dopaminerge Behandlung, greifen mit den Jahren immer weniger und zeigen mehr störende Nebenwirkungen als Vorteile. Eine Studie der Universität Prag aus dem Jahre 2002, welche die Wirkung von Cannabis bei Patienten, die an der Parkinson-Krankheit leiden untersuchte zeigte, dass: - das Muskelzittern (Tremor. bei 31 Prozent), - die Bewegungsverlangsamung (Akinese, bei 45 Prozent), - die Muskelstarre (Rigor, 38 Prozent) - bei einigen die Bewegungsstörungen, die durch Levodopa verursacht worden waren (Dyskinese) gebessert wurden. und - Cannabis befreite die Betroffenen von ihren vielschichtigen Schmerzen. Warum kann man nicht, durch Gewährung von Behandlungsmöglichkeiten im Off – Label – Use den Parkinson Betroffenen den Zugriff zu cannabinoiden Arzneimitteln (z. B. Sativex) ermöglichen? Es geht hier nicht nur um die Verbesserung der Lebensqualität von Parkinson Betroffenen, sondern auch um unser Gesundheitssystem, dem die Kosten für unnötige Pflege erspart oder zumindest gemindert werden.
holzo 12.06.2014
3. Cannabis als Therapie?
Wer näheres zu der oben angesprochenen Studie wissen möchte: http://www.cannabis-med.org/german/bulletin/ww_de_db_cannabis_artikel.php?id=138&search_pattern=Depressionen Schwächen der Studie: kleines Kollektiv (weniger als 100 Konsumenten), keine Aussage über die Dauer der Symptomverbesserung, kein Hinweis auf das Vorhandensein oder Fehlen von Nebenwirkungen. Wer einen Link zu einer genaueren Auswertung der Studie hat, möge ihn doch bitte posten. Zum Vergleich: L-Dopa verbessert die Symptomatik nach 30 Minuten, Cannabis braucht 1,7 Monate. L-Dopa wirkt also ca. 2500mal schneller http://flexikon.doccheck.com/de/L-Dopa-Test was die Verfechter von Cannabis gerne verschweigen oder negieren sind die Nebenwirkungen http://www.pille-palle.net/Pille-Palle/cannabis.php
brainbox 12.06.2014
4. Ein Mangelstoff wurde vergessen
Es wäre interessant gewesen zu erfahren, bei welchen als Parkinson-Patienten eingestuften Menschen die Symptome bei Normalisierung ihres Vitamin D Spiegels durch Zufuhr von Sonnenlicht und aktivem Vitamin D zurückgegangen wären. Das erhöhte Risiko mit einem niedrigen Vitamin D Spiegel an Morbus Parkinson zu erkranken, wurde in Studien bereits ermittelt.
Braingainer 31.08.2015
5. Natürliches L Dopa
Neben dem künstlichen L-Dopa gibt es auch natürliche Quellen, sofern man das L-Dopa auch mit einem DOPA-Decarboxylase-Hemmer kombiniert, ist es ebenfalls wirksam, auch hier gibt es natürliche Alternativen: http://neurofreak.com/mucuna-pruriens-wirkung-nebenwirkung-wissenswertes/ Warum immer zur Chemiekeule greifen? LG
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.