Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Parodontitis: Wenn gesunde Zähne den Halt verlieren

Von

Parodontitis vorbeugen: Gute Mundhygiene und regelmäßige Kontrollbesuche beim Zahnarzt Zur Großansicht
DPA

Parodontitis vorbeugen: Gute Mundhygiene und regelmäßige Kontrollbesuche beim Zahnarzt

Zahnausfall ist nur ein Problem älterer Menschen? Leider nein. Wer seine Beißer bis ins hohe Alter behalten möchte, muss sein Gebiss schon in jungen Jahren pflegen. Sonst drohen tückische Entzündungen.

Kraftvoll in einen Apfel beißen kann einen Zahn kosten, wenn man wie schätzungsweise etwa acht Millionen Deutsche Parodontitis hat. "Bezieht man alle Schweregrade mit ein, dann leidet sogar etwa jeder zweite Mensch in Deutschland an der Erkrankung", sagt der Zahnmediziner Matthias Folwaczny, Leiter der Sektion Parodontologie an der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie der LMU München.

Parodontitis ist eine Entzündung des sogenannten Zahnhalteapparates, die durch Bakterien verursacht wird. Die Mikroorganismen greifen nach und nach das Zahnfleisch, die Zahnwurzel, das umliegende Bindegewebe und die Knochen an. Die betroffenen Zähne werden mit der Zeit optisch länger und verlieren ihren Halt. Zahnausfall droht.

"In der zweiten Lebenshälfte ist Parodontitis die Hauptursache für Zahnverlust", warnt Folwaczny. Die Entzündungskrankheit erhöht aber auch das Risiko für einen Herzinfarkt und Rheuma sowie für andere systemische Erkrankungen.

Offenbar nehmen das zu wenige Menschen ernst. Dabei könnte jeder einer Parodontitis vorbeugen oder zumindest verhindern, dass die Erkrankung weiter fortschreitet. Das ist auch im Hinblick auf ein späteres Zahnimplantat wichtig, denn ein maroder Zahnhalteapparat vermindert die Haltbarkeit eines Implantates oder macht es von vornerein unmöglich, den Zahnersatz zu fixieren.

Wichtigstes Gegenmittel: Zähneputzen, aber richtig

Wichtigstes Gegenmittel sind saubere Zähne. In der gesunden Mundhöhle tummeln sich mehr als 700 zumeist harmlose Bakterienarten, aber auch diverse krankmachende in geringerer Zahl. Regelmäßige und gute Mundpflege verhindert das Wachstum der pathogenen Bakterien und beugt damit Parodontitis vor. "Das heißt, alle Zähne mit sämtlichen Flächen zweimal täglich gründlich bürsten", sagt Folwaczny.

Besonders leicht vergessen werden dabei die Zahnzwischenräume. Diese erreicht man am besten mit Zahnseide oder, wenn kein Zahnfleisch im Weg ist, mit sogenannten Interdentalraumbürstchen. Mundspülungen und Zungenschaber können den Kampf gegen die Bakterien unterstützen. Wer mit der Pflege nicht nachkommt oder bereits eine Parodontitis entwickelt hat, kann einmal jährlich eine professionelle Zahnreinigung nutzen. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten dafür allerdings nicht standardmäßig.

"Werden die Zähne nicht gut genug gereinigt, nehmen die Zahnbeläge zu. Die pathogenen Bakterien gewinnen dann die Oberhand", erklärt Folwaczny. Mit der Zeit lagern sich Mineralien in die Beläge ein und verhärten, Zahnstein entsteht. Er begünstigt das Wachstum der Bakterienansammlung in Richtung Zahnwurzel. Das tückische: "Alles läuft ganz schmerzlos und deshalb oft unbemerkt ab."

Von der Zahnfleischentzündung zur Parodontitis

Durch die Bakterienschicht entsteht zwischen Zahnwurzel und Zahnfleisch ein Spalt, die Zahnfleischtasche. "Sie stellt für die Bakterien eine fantastische Nische dar." Die Mikroorganismen produzieren Stoffe, die das Zahnfleisch reizen, es entzündet sich, schwillt an und blutet leicht beim Putzen.

Entzündetes Zahnfleisch allein führt nicht zwangsläufig zur Parodontitis, ist aber der erste Schritt: Infolge des Scharmützels zwischen krankmachenden Bakterien und Immunsystem in der Zahnfleischtasche wird Kollagen zerstört, das Material, aus dem Bindegewebe und Kieferknochen bestehen.

Zu allem Überfluss bekommen die krankmachenden Bakterien auf ihrer Zerstörungstour nun Unterstützung von eigentlich harmlosen Verwandten, wie Forscher des Helmholtz Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig herausgefunden haben. Die eigentlich gutartigen Bakterien fördern dann die Entzündungsreaktion.

Auch deshalb gilt: Je früher eine Parodontitis entdeckt wird, desto besser. Zur Vorsorge steht jedem Kassenpatienten alle zwei Jahre eine Untersuchung zu, bei der der Arzt mit einer Sonde prüft, ob es Zahnfleischtaschen gibt und wie tief diese sind. Auch, ob Zahnstein vorhanden ist, Kronen oder Füllungsränder überstehen und wie leicht das Zahnfleisch zu bluten anfängt, wird kontrolliert.

Erblichkeit und andere Faktoren

Neben schlechter Mundhygiene haben viele Menschen ein von Natur aus erhöhtes Parodontitis-Risiko. "Es gibt eine erhebliche Erblichkeit der Parodontitis. Nach Zwillingsstudien sind für das individuelle Erkrankungsrisiko 30 bis 50 Prozent genetische Faktoren verantwortlich", sagt Folwaczny.

Zudem hätten Raucher ein drei- bis fünfmal höheres Risiko als Nichtraucher. Diabetes-Erkrankungen vom Typ 1 und Typ 2 sind ebenfalls problematisch. Sie schwächen die lokale Immunabwehr.

"Epidemiologische Studien haben Hinweise geliefert, dass auch Fettleibigkeit das Parodontitis-Risiko erhöht, weil die Entzündungsbereitschaft aufgrund der vom Fettgewebe produzierten Entzündungsstoffe insgesamt erhöht ist", erklärt Folwaczny. Osteoporose und chronischer Stress begünstigen ebenfalls eine Zahnbetterkrankung.

Wer ein insgesamt erhöhtes Risiko hat, sollte auf besonders gute Pflege achten. Und auch, wenn die Parodontitis-Diagnose bereits steht, gilt: "Die künftige Mundhygiene muss gut sein. Daneben bestimmen regelmäßige Kontrollbesuche beim Zahnarzt und eine gute Nachsorge den Erfolg der Behandlung", sagt Folwaczny.

Behandlung der Parodontitis?
Das macht der Zahnarzt

Der Zahnarzt reinigt die Zahnfleischtaschen, indem er Zahnbeläge und Zahnstein unterhalb der Zahnfleischgrenze entfernt, er säubert die Wurzeloberflächen und glättet sie. Mundspülungen oder Antibiotika helfen, das Bakterienwachstum zu begrenzen. Allerdings sind die Bakterien in ihrem Biofilm auf dem Zahn meist gut geschützt.

Kann die Entzündung wegen zu tiefer Taschen nicht vollständig ausheilen, muss der Zahnarzt operieren. Mitunter verändert er die Form der Zahnfleischtaschen dabei so, dass diese sich leichter reinigen lassen. Es besteht zusätzlich die Möglichkeit, die Taschen so umzuformen, dass der Arzt die erkrankte Zahnwurzeloberfläche leichter einsehen kann. Damit ist die Standard-Therapie abgeschlossen.

Als Privatleistung bieten Zahnärzte zudem mehrere Methoden an, die die Schäden am Zahnhalteapparat reparieren sollen. Diese funktionieren bislang allerdings nur eingeschränkt. „Grundsätzlich zeigen die einschlägigen Studien zu allen regenerativen Ansätzen sehr variable Ergebnisse“, sagt Zahnmediziner Folwaczny.

Methode 1 zur Regeneration (Privatleistung)
Eine synthetische Membran wird auf den angegriffenen Knochen gelegt. Sie verhindert, dass sich Zellen der Mundschleimhaut an die Zahnoberflächen anheften. Die langsamer wachsenden Zellen aus der Wurzelhaut und dem Knochen können so theoretisch ungestört neue Strukturen bilden. Schäden am Knochen sollen auf diese Weise aufgefüllt werden. In der Praxis wird dieses Ziel aber nicht regelmäßig erreicht.
Methode 2 zur Regeneration (Privatleistung)
Ein Eiweißstoff (Emdogain), der aus tierischen Zahnanlagen gewonnen wird, wird in einer Operation auf die freigelegte und gereinigte Wurzeloberfläche aufgetragen. Das Verfahren soll die Neubildung von Zahnfleisch und Knochen anregen. In der Praxis gelingt das bislang allerdings nicht zuverlässig.
Methode 3 zur Regeneration (Privatleistung)
Der geschädigte Knochen wird mit einem Knochenersatzmaterial oder eigenem Knochen aufgefüllt. Im Gegensatz zu Methode 1 und 2 ist hier allerdings auch theoretisch schwer vorstellbar, dass sich der Zahnhalteapparat so wiederherstellen lässt. Das Problem: Nur der Knochen wird aufgefüllt, das umliegende Gewebe regeneriert nicht. Meist wachse in den Spalt Zahnfleisch ein, was einer nichtregenerativen Heilung entspreche, erklärt Folwaczny.

Zusammengefasst: Eine Entzündung des Zahnhalteapparates ist besonders tückisch, da sie ohne Schmerzen verläuft, die Zähne aber langfristig den Halt im Kiefer verlieren. Eine gründliche Mundhygiene ist die einzige Möglichkeit, das Parodontitis-Risiko zu senken. Dazu gehören der regelmäßige Einsatz von Zahnseide, am besten täglich, und Kontrolluntersuchungen beim Zahnarzt, bei denen der Zahnstein entfernt wird.

Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel:



Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: