Ein rätselhafter Patient Der Wurm an meiner Hand

Nach einem Unfall muss einem 47-jährigen Franzosen Haut vom Unterarm auf die Handfläche verpflanzt werden. Zunächst ist die Operation erfolgreich. Doch dann gefährdet ausgerechnet die vorsorgliche Blutegel-Therapie das Transplantat.

Operation: Haut vom Unterarm, um die Wunde in der Hand zu flicken
Corbis

Operation: Haut vom Unterarm, um die Wunde in der Hand zu flicken

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Ein 47-jähriger Mann wird im südfranzösischen Marseille in die Notaufnahme des Hôpital de la Conception gebracht. Seine linke Hand ist schwer verletzt, an der Handinnenfläche klafft eine große Hautwunde. Plastische Chirurgen operieren den Patienten sofort. Um die große Wunde seiner Handfläche decken zu können, müssen die Spezialisten Haut von seinem Unterarm in die Hand verpflanzen.

Die Mediziner sind zunächst erfolgreich, berichten Catherine Sartor und ihre Kollegen im Fachmagazin "The Lancet". Ob das Hauttransplantat tatsächlich wie vorgesehen an der Hand anwächst, zeigen allerdings erst die nächsten Tage und Wochen. Das Transplantat muss von Blutgefäßen ausreichend versorgt werden, die Wunde darf sich nicht infizieren.

Ein Risiko ist auch, dass sauerstoffarmes Blut sich in den Venen (zum Herzen führende Blutgefäße) staut, und der Hautlappen dadurch abstirbt. Um die Gefahr zu verringern, setzt man in der plastischen Chirurgie medizinische Blutegel ein. Sie produzieren in ihrem Speichel einen Stoff namens Hirudin, der gerinnungshemmend wirkt. So soll der Blutabfluss aus dem Transplantat verbessert werden. Insgesamt zehn solcher Egel, die Biologen als Hirudo medicinalis bezeichnen, setzen die französischen Mediziner ihrem Patienten nach und nach auf das Transplantat. Zusätzlich geben sie ihm vorbeugend ein Antibiotikum.

Blutegel nach der Behandlung: Blutverdünner im Speichel
REUTERS

Blutegel nach der Behandlung: Blutverdünner im Speichel

Sechs Tage nach der OP steigt die Körpertemperatur des Mannes und das Transplantat beginnt zu stinken. Die Chirurgen müssen erneut operieren, Teile des Hautlappens sind abgestorben, die Wunde eitert - Anzeichen einer Infektion. Sie nehmen Abstriche aus der Wunde, um dem Erreger auf die Schliche zu kommen. Um das Transplantat retten zu können, entschließen sich die Ärzte zunächst dazu, ihrem Patienten eine Kombination mehrerer Antibiotika zu verabreichen.

Im Abstrich entdecken die Kollegen im Labor das Bakterium Aeromonas hydrophila. Dabei handelte es sich jedoch um einen Stamm, der gegen jenes Antibiotikum resistent ist, das die Ärzte dem 47-Jährigen zunächst nur vorsorglich gegeben hatten - Ciprofloxacin. Deshalb war es trotz Prophylaxe zu einer Infektion gekommen.

Nun stehen die Ärzte aber vor der nächsten Frage: Wo kommt der ungewöhnliche Bakterienstamm her? Im Marseiller Krankenhaus war er noch nie aufgefallen. In der Zwischenzeit behandeln sie den Patienten für die nächsten 16 Tage mit einem Antibiotikum weiter, das die Aeromonaden erfolgreich bekämpft.

Aeromonas hydrophila unter dem Mikroskop: Auslöser der Transplantatinfektion
Corbis

Aeromonas hydrophila unter dem Mikroskop: Auslöser der Transplantatinfektion

Tatsächlich entdecken die Ärzte denselben Bakterienstamm noch bei einem weiteren Patienten: Ein 35-jähriger Mann, der ebenfalls ein Hauttransplantat an einer Hand erhalten hatte, infizierte sich damit. Auch er war mit insgesamt elf Blutegeln behandelt worden. Auch ihm verabreichten die Mediziner das Antibiotikum Ciprofloxacin, gegen das der Aeromonas-Stamm resistent ist.

Schließlich überprüfen die französischen Ärzte alle Patienten, die mit Egeln aus derselben Charge behandelt worden waren. Sie züchten Bakterienkulturen aus dem Wasser des Aquariums, in dem die Blutegel gehalten werden und werden fündig: Die Aquarien enthalten dieselben resistenten Aeromonas-hydrophila-Stämme, obwohl das zum Befüllen der Aquarien verwendete Wasser steril ist. Als eine neue Charge von 50 Blutegeln eintrifft, testen die Mediziner auch diese. Wieder finden sie den ciprofloxacinresistenten Erreger.

Im Nachhinein leuchtet die Infektion mit den Bakterien ein: Die medizinischen Blutegel und die Aeromonaden leben symbiotisch, schreiben die französischen Ärzte in ihrem Bericht. Die Infektionsgefahr nach einer Blutegel-Therapie sei bekannt - doch in diesem Fall musste die Antiobiotika-Vorsorge wegen der Resistenz des Bakterienstammes versagen.

Von 2002 bis 2011 hatten die Marseiller Mediziner bis zu zwei Dutzend Patienten jährlich mit zwischen 150 und 650 Blutegeln jährlich behandelt. Die Vorsichtsmaßnahmen - Desinfektion, steriles Aquarienwasser, Antibiotikaprophylaxe - hatten Infektionen jahrelang verhindert. Als Konsequenz aus den beiden Fällen im vergangenen Jahr verwenden die französischen Ärzte mittlerweile ein anderes Vorsorge-Antibiotikum.

Auf der Suche nach der Ursache für die Resistenz der Bakterien mutmaßen die Mediziner, dass die Behandlung von Geflügel in der Tierzucht mit Antibiotika an der Auswahl der ciprofloxacinresistenten Erreger mit Schuld sein könnte. Denn die medizinischen Blutegel werden mit Geflügelblut ernährt. Und Geflügelbestände dürfen in Europa mit Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone behandelt werden, um Infektionen vorzubeugen - Ciprofloxacin ist ein Fluorchinolon. Eben diese prophylaktische Gabe bei Geflügel könnte die resistenten Aeromonaden in den Egeln begünstigt haben.

Der Patient, durch den die resistenten Erreger aufgefallen waren, hatte Glück: Bei der letzten Kontrolle sei alles in Ordnung gewesen, berichten die Ärzte.

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insgesamt 20 Beiträge
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mischpot 18.05.2013
1. Die medizinischen Blutegel und die Aeromonaden leben symbiotisch
nur der kranke Mensch passt dazu nicht.
criticalck 18.05.2013
2. Achtung Cyprofloxacin
Sollten Sie Cyproflaxocin verschrieben bekommen, bitte Sie um ein anderes Antibiotikum. Dieses ist nämlich äusserst ototoxisch. Die Schäden sind nicht reversibel. Manche vertragen eine einmonatige Behandlung, viele aber nicht - bei 2 Behandlung am Stück ist dann bei den meisten Schluss und man muss mit Hörverlust rechnen. Es handelt sich dabei um ein -cin Antibiotikum neuerer Generation. Alle Antibiotika welche auf -cin enden sind ototoxisch. Bei älteren ist das in der Packungsbeilage so vermerkt - aber es braucht immer stets eine Menge Leute die Schaden nehmen, bevor sowas unter Ärzten zur Kenntnis genommen wird. Es gibt bessere Antibiotika mit weniger Nebenwirkungen. Es gibt sogar ein hochwirksames Antibiotikum (fängt mit A. an, vollständigen Namen habe ich vergessen) welches gespritzt werden muss und kaum Nebenwirkungen hat. Dieses wird aber nur zur Behandlung von Ärzten selbst empfohlen (steht so im Katalog) - ist doch krank sowas.
krititscher_beobachter 18.05.2013
3. Achtung Criticalck
Zitat von criticalckSollten Sie Cyproflaxocin verschrieben bekommen, bitte Sie um ein anderes Antibiotikum. Dieses ist nämlich äusserst ototoxisch. Die Schäden sind nicht reversibel. Manche vertragen eine einmonatige Behandlung, viele aber nicht - bei 2 Behandlung am Stück ist dann bei den meisten Schluss und man muss mit Hörverlust rechnen. Es handelt sich dabei um ein -cin Antibiotikum neuerer Generation. Alle Antibiotika welche auf -cin enden sind ototoxisch. Bei älteren ist das in der Packungsbeilage so vermerkt - aber es braucht immer stets eine Menge Leute die Schaden nehmen, bevor sowas unter Ärzten zur Kenntnis genommen wird. Es gibt bessere Antibiotika mit weniger Nebenwirkungen. Es gibt sogar ein hochwirksames Antibiotikum (fängt mit A. an, vollständigen Namen habe ich vergessen) welches gespritzt werden muss und kaum Nebenwirkungen hat. Dieses wird aber nur zur Behandlung von Ärzten selbst empfohlen (steht so im Katalog) - ist doch krank sowas.
Hallo Criticalc, es braucht keine Menge Leute die Schäden nehmen, bevor die Ototoxizität von Ciprofloxacin unter Ärzten zur Kenntnis genommen wird. Die gibt es nämlich nicht in diesem Ausmaße, wie geschildert. Ciprofloxacin gehört zur Gruppe der Chinolone bzw. Gyrasehemmer. Aminoglykosid-Antibiotika sind heftig ototoxisch. Bekannteste Vertreter: Gentamicin und Streptomycin. Die Indikationsstellung zum Einsatz dieser Antibiotika ist äußerst streng und die Nebenwirkungen sind jedem Arzt, der Pharmakologie im Studium hatte, bekannt. Nur weil Chinolone und Aminoglykoside auf -cin enden besteht keine chemische Verwandtschaft. Streng genommen enden Aminoglykoside auf "mycin", wenn ihr Wirkstoff aus der Gattung Streptomyces gewonnen wurde und auf "-micin", wenn sie aus der Gattung Micromonospora isoliert wurden. Demnächst bitte besser informieren, bevor gepostet wird.
rattentier@gmx.de 18.05.2013
4. Sollten sie
Antibiotika überhaupt bekommen sollten sie sich im klaren darüber sein dass sämtliche Medikamente auch Nebenwirkungen haben, in den unterschiedlichsten Variationen. Dass sie sich jetzt ciprofloxacin (wohlgemerkt nicht ciproflaxocin hihi) ausgesucht haben um davor zu warnen, führe ich auf schlechte Erfahrungen ihrerseits zurück. Es hat manchmal schon einen Sinn ein bestimmtes Antibiotikum zu nehmen, man kann nicht immer sagen ach dann nehmen wir eben ein anderes. So einfach ist das nicht immer, bei Nebenwirkungen wird dannnatürlich nach einem anderen Präparat gesucht aber grundsätzlich denken die sich da schon was dabei wenn sie ihnen ein bestimmtes Antibiotikum verschreiben. Aber deshalb sind die ja Gottseidank verschreibungspflichtig, sonst würde jeder der sowas liest hingehen und sich n anderes holen weil Antibiotikum ist Antibiotikum da kann ja nix schiefgehen,
bariskorn 18.05.2013
5. Selten...
so einen absoluten Schwachsinn gelesen wie in vorigem Kommentar. Ich spare mir medizinische Hinweise, wer mag, findet ausreichend Info bei Wikipedia o.ä. Selbst unter der falschen Schreibweise Cyprofloxacin!! Criticalck ist herzlich eingeladen, ein Medizinstudium zu beginnen, dann käme vielleicht auch er in den Genuss des Wunderantibiotikums "mit A." - ohne Nebenwirkungen und nur für Ärzte. Ich spritz mir gleich noch eine Ampulle, sicher ist sicher. Und höre endgültig damit auf, solche Kommentare zu lesen.
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