Ein rätselhafter Patient: Trügerischer Ring

Von Dennis Ballwieser

Bauchschmerzen: Röntgenbild entlarvt vermeintlichen Tumor
Fotos
Corbis

Hüftschmerzen führen eine ältere Frau ins Krankenhaus. Schnell scheint eine niederschmetternde Diagnose festzustehen. Bis die Ärzte eine überraschende Entdeckung machen.

Zwei Monate lang bereiten der Patientin ihre Schmerzen schon Probleme, als sie sich auf den Weg ins "Queen Elizabeth The Queen Mother Hospital" der britischen Stadt Kent macht. Vor allem in der rechten Hüfte zieht es, hinzu kommen Darmbeschwerden, die ständig wechseln. Mal kämpft die 73-jährige Dame mit Durchfällen, im Moment dagegen leidet sie unter Verstopfung.

Neben Schmerzen in Hüfte und Bauch bemerken die behandelnden Ärzte, dass der Bauch der Frau gebläht ist, beschreibt die Chirurgin Laura Johnson im Fachmagazin "BMJ Case Reports". Auf Nachfrage gibt die Patientin an, bei sich kein Blut im Stuhl festgestellt zu haben. Auch abgenommen habe sie in den vergangenen Wochen oder Monaten nicht. Beides kann auf Tumoren im Bauchraum hinweisen, die zu einem Darmverschluss führen können - die Symptome würden dazu passen.

Der Darm selbst wurde bei der Patientin noch nie untersucht, das heißt, sie war trotz ihres Alters auch noch nie bei einer Darmspiegelung zur Krebsfrüherkennung. Sie wurde nie am Bauch operiert, leidet sonst aber an Arteriosklerose der Herzkranzgefäße, Bluthochdruck und Nierenversagen sowie Diabetes.

Johnson und ihre Kollegen untersuchen die Frau: auf der rechten Bauchseite fühlen sie den Darm prall unter der Bauchdecke, der Druck bei der Untersuchung bereitet der Patientin zusätzliche Schmerzen. Weil die Frau übergewichtig ist, gestaltet sich das Betasten schwierig. Um herauszufinden, was sich im Bauch verbirgt, lassen die Ärzte die Patientin von der Schulter bis zur Hüfte röntgen. Auf den ersten Bildern ist allerdings nichts zu sehen. Die Ergebnisse einer Blutuntersuchung im Labor hilft ebenfalls nicht weiter: Alle Werte liegen im Normalbereich, mit Ausnahme der Nierenwerte - doch das passt zum bekannten Nierenversagen der Patientin.

Das Röntgenbild gibt wenig Grund zur Hoffnung

Eine weitere Röntgenuntersuchung soll helfen: Die Ärzte spritzen Bariumbrei in den Dickdarm der Patientin, währenddessen durchleuchten sie den Bauch der Frau mit Röntgenstrahlen. Der Brei hebt den Darm auf den Bildern dunkel hervor, so können die Radiologen Form und Lage im Bauch beurteilen. Neben einer Vielzahl von Ausstülpungen im Enddarm der Patientin, einer Divertikulitis, fällt den Medizinern ein besorgniserregender Befund auf: auf der rechten Bauchseite, kurz nach dem Beginn des Dickdarms, ist der Darm ringförmig um mehr als die Hälfte seines Durchmessers eingeengt. Ein solches Bild legt eine schlimme Diagnose nahe: Darmkrebs, der ringförmig das Lumen einschnürt.

Johnson und ihre Kollegen scheinen einen Tumor bei ihrer Patientin gefunden zu haben. Als nächstes wollen sie die Ausmaße der Erkrankung bestimmen, um entscheiden zu können, wie sie die Frau weiter behandeln müssen. Hat der Krebs bereits Tochtergeschwulste (Metastasen) gestreut? Wie groß ist er schon gewachsen? Um das zu überprüfen, wird die Patientin im Computertomografen (CT) untersucht, der auch Hinweise auf Metastasen liefern kann.

Das Ergebnis der Tomografie stößt die Ärzte vor den Kopf. Auf den Bildern sehen sie nicht wie erwartet einen Tumor, der ringförmig um den Darm wächst, sondern eine Hernie: Durch eine kleine Lücke in den Muskelschichten der Bauchwand hat sich ein Stück Dickdarm gezwängt. Genau dort, wo im Röntgenbild mit Bariumbrei der Darm ringförmig eingeschnürt erscheint, klemmt der Beginn des Dickdarms auf der falschen Seite der Bauchmuskeln unter dem Fettgewebe. Das also ist die Ursache für Verstopfung und Schmerzen der Patientin.

Im Gegensatz zu einer Tumorerkrankung, die bei einem solchen Röntgenbild wahrscheinlich schon weit fortgeschritten wäre, können die Mediziner die Hernie relativ leicht behandeln. Bei einer Operation legen sie den Darm zurück in die Bauchhöhle, anschließend verschließen und stabilisieren sie die Bauchwand, damit der Darm sich nicht erneut durch die Muskelschichten drängen kann.

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insgesamt 14 Beiträge
chauker 08.09.2012
Erstens hat die Frau nicht eine "Divertikulitis" sondern eine "Divertikulose" (was für das Leben der Patientin ein großer Unteschied sein kann und für das weitere Vorgehen essentiell!)!!! Zweitens können [...]
Zitat von sysopHüftschmerzen führen eine ältere Frau ins Krankenhaus. Schnell scheint eine niederschmetternde Diagnose festzustehen. Bis die Ärzte eine überraschende Entdeckung machen. Patientin: Darmkrebs-Verdacht stellt sich als harmlose Hernie heraus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,854553,00.html)
Erstens hat die Frau nicht eine "Divertikulitis" sondern eine "Divertikulose" (was für das Leben der Patientin ein großer Unteschied sein kann und für das weitere Vorgehen essentiell!)!!! Zweitens können die Ärzte nach einem Kontrasteinlauf des Dickdarms mit Barium nur ein Verdacht (sogenannte Differenzialdiagnose) auf einen Tumor äussern und die Computertomographie ist dann selbstverständlich der nächstlogische Schritt der sowohl zur Aufklärung der Progredienz der Erkrankung führt als auch die Diagnose bestätigt bzw. erhärtet oder widerlegen kann! So selten ist es nähmlich nicht dass die Differenzialdignose nicht zutrifft, das wichtigste ist dass die endgültige Diagnose richtig gestellt wurde. ...und drittens... wenn den Medizinern der dunkle Oval mit randständiger Verdichtung, welcher den Blinddarm und den aufsteigenden Dickdarm nach der Einschnürrung umschliesst (Was den eigentlichen Bruchsack darstellt), aufgefallen wäre, sowie die relativ glatten Ränder der Einschnürrung, was eher gegen die Differenzialdiagnose spricht, dann hätten sie auch auch an die Differenzialdiagnose der Hernie(Bruchsack der Bauchwand) denken können! (und so überraschend wäre das dann nicht)
Also gerade bei älteren Menschen liegt bei Darmverschluß/-verengung doch häufig der Fall vor, daß dieser zwischen Muskelschichten eingeklemmt ist. War auch bei meiner Oma der Fall. Frage mich also, wieso diese Möglichkeit nicht [...]
Also gerade bei älteren Menschen liegt bei Darmverschluß/-verengung doch häufig der Fall vor, daß dieser zwischen Muskelschichten eingeklemmt ist. War auch bei meiner Oma der Fall. Frage mich also, wieso diese Möglichkeit nicht ohnehin in Erwägung gezogen wurde.
Surgeon_ 08.09.2012
hätte den Verdacht einer Hernie mit Einklemmung auch ohne CT gestellt, nämlich wie der Vorredner chauker treffend bemerkt hat, an den glatten Rändern. Hauptsache ist aber eine schnelle Diagnose, bevor es zur Darmnekrose und einem [...]
hätte den Verdacht einer Hernie mit Einklemmung auch ohne CT gestellt, nämlich wie der Vorredner chauker treffend bemerkt hat, an den glatten Rändern. Hauptsache ist aber eine schnelle Diagnose, bevor es zur Darmnekrose und einem akuten Bauch kam.
Surgeon_ 08.09.2012
Unterlassen Sie doch als Neidhammel das Diskreditieren medizinisch Erfahrener oder gar Ärzte wie chaukner ! Ansonsten haben Sie hier nichts verloren ! wenn Sie keine Sachbeiträge schreiben !
Zitat von LeToubibSatzzeichen sind keine Rudeltiere! Wer naemlich mit "h" schreibt ist ... Und niemand, wirklich niemand mag Klugscheisser! ;-)
Unterlassen Sie doch als Neidhammel das Diskreditieren medizinisch Erfahrener oder gar Ärzte wie chaukner ! Ansonsten haben Sie hier nichts verloren ! wenn Sie keine Sachbeiträge schreiben !
LeToubib 08.09.2012
Wie Sie auf dem Bild 2 sehen koennen, ist ein relativ grosses Stueck Darm im Bruchsack. Und wie eben das Bild aussieht, war die Patientin sicherlich auch nicht komplett "verstopft", da gingen sicherlich noch Faeces [...]
Zitat von quark@mailinator.comAlso gerade bei älteren Menschen liegt bei Darmverschluß/-verengung doch häufig der Fall vor, daß dieser zwischen Muskelschichten eingeklemmt ist. War auch bei meiner Oma der Fall. Frage mich also, wieso diese Möglichkeit nicht ohnehin in Erwägung gezogen wurde.
Wie Sie auf dem Bild 2 sehen koennen, ist ein relativ grosses Stueck Darm im Bruchsack. Und wie eben das Bild aussieht, war die Patientin sicherlich auch nicht komplett "verstopft", da gingen sicherlich noch Faeces durch. Der Witz dieses Falles ist, dass man den Bruchsack bedingt durch die Koerperfuelle (siehe Bild 3) nicht tasten konnte ...
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  • Samstag, 08.09.2012 – 10:11 Uhr
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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