Zwei Monate lang bereiten der Patientin ihre Schmerzen schon Probleme, als sie sich auf den Weg ins "Queen Elizabeth The Queen Mother Hospital" der britischen Stadt Kent macht. Vor allem in der rechten Hüfte zieht es, hinzu kommen Darmbeschwerden, die ständig wechseln. Mal kämpft die 73-jährige Dame mit Durchfällen, im Moment dagegen leidet sie unter Verstopfung.
Neben Schmerzen in Hüfte und Bauch bemerken die behandelnden Ärzte, dass der Bauch der Frau gebläht ist, beschreibt die Chirurgin Laura Johnson im Fachmagazin "BMJ Case Reports". Auf Nachfrage gibt die Patientin an, bei sich kein Blut im Stuhl festgestellt zu haben. Auch abgenommen habe sie in den vergangenen Wochen oder Monaten nicht. Beides kann auf Tumoren im Bauchraum hinweisen, die zu einem Darmverschluss führen können - die Symptome würden dazu passen.
Der Darm selbst wurde bei der Patientin noch nie untersucht, das heißt, sie war trotz ihres Alters auch noch nie bei einer Darmspiegelung zur Krebsfrüherkennung. Sie wurde nie am Bauch operiert, leidet sonst aber an Arteriosklerose der Herzkranzgefäße, Bluthochdruck und Nierenversagen sowie Diabetes.
Johnson und ihre Kollegen untersuchen die Frau: auf der rechten Bauchseite fühlen sie den Darm prall unter der Bauchdecke, der Druck bei der Untersuchung bereitet der Patientin zusätzliche Schmerzen. Weil die Frau übergewichtig ist, gestaltet sich das Betasten schwierig. Um herauszufinden, was sich im Bauch verbirgt, lassen die Ärzte die Patientin von der Schulter bis zur Hüfte röntgen. Auf den ersten Bildern ist allerdings nichts zu sehen. Die Ergebnisse einer Blutuntersuchung im Labor hilft ebenfalls nicht weiter: Alle Werte liegen im Normalbereich, mit Ausnahme der Nierenwerte - doch das passt zum bekannten Nierenversagen der Patientin.
Das Röntgenbild gibt wenig Grund zur Hoffnung
Eine weitere Röntgenuntersuchung soll helfen: Die Ärzte spritzen Bariumbrei in den Dickdarm der Patientin, währenddessen durchleuchten sie den Bauch der Frau mit Röntgenstrahlen. Der Brei hebt den Darm auf den Bildern dunkel hervor, so können die Radiologen Form und Lage im Bauch beurteilen. Neben einer Vielzahl von Ausstülpungen im Enddarm der Patientin, einer Divertikulitis, fällt den Medizinern ein besorgniserregender Befund auf: auf der rechten Bauchseite, kurz nach dem Beginn des Dickdarms, ist der Darm ringförmig um mehr als die Hälfte seines Durchmessers eingeengt. Ein solches Bild legt eine schlimme Diagnose nahe: Darmkrebs, der ringförmig das Lumen einschnürt.
Johnson und ihre Kollegen scheinen einen Tumor bei ihrer Patientin gefunden zu haben. Als nächstes wollen sie die Ausmaße der Erkrankung bestimmen, um entscheiden zu können, wie sie die Frau weiter behandeln müssen. Hat der Krebs bereits Tochtergeschwulste (Metastasen) gestreut? Wie groß ist er schon gewachsen? Um das zu überprüfen, wird die Patientin im Computertomografen (CT) untersucht, der auch Hinweise auf Metastasen liefern kann.
Das Ergebnis der Tomografie stößt die Ärzte vor den Kopf. Auf den Bildern sehen sie nicht wie erwartet einen Tumor, der ringförmig um den Darm wächst, sondern eine Hernie: Durch eine kleine Lücke in den Muskelschichten der Bauchwand hat sich ein Stück Dickdarm gezwängt. Genau dort, wo im Röntgenbild mit Bariumbrei der Darm ringförmig eingeschnürt erscheint, klemmt der Beginn des Dickdarms auf der falschen Seite der Bauchmuskeln unter dem Fettgewebe. Das also ist die Ursache für Verstopfung und Schmerzen der Patientin.
Im Gegensatz zu einer Tumorerkrankung, die bei einem solchen Röntgenbild wahrscheinlich schon weit fortgeschritten wäre, können die Mediziner die Hernie relativ leicht behandeln. Bei einer Operation legen sie den Darm zurück in die Bauchhöhle, anschließend verschließen und stabilisieren sie die Bauchwand, damit der Darm sich nicht erneut durch die Muskelschichten drängen kann.
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