Fernöstliche Heilkunst: "Mit chinesischer Tradition hat das wenig zu tun"

Akupunktur, Naturarzneien, Qigong: Was Therapeuten im Westen als Traditionelle Chinesische Medizin verkaufen, hat mit ihren Ursprüngen wenig zu tun, sagt der Medizinhistoriker Paul Unschuld. Vielmehr fänden hier Sehnsüchte und Hoffnungen von Skeptikern der Schulmedizin ihren Platz.

TCM: Die wahre chinesische Medizin Fotos
DPA

SPIEGEL ONLINE: Tausende Ärzte und Heilpraktiker in Deutschland behandeln ihre Patienten mit Traditioneller Chinesischer Medizin, kurz TCM. Gemeint ist damit vor allem Akupunktur und ein Denkgebäude, das das Gleichgewicht von Yin und Yang und die Harmonie der "fünf Elemente" preist. Was hat das noch mit der ursprünglichen chinesischen Medizintradition zu tun?

Unschuld: Recht wenig. Das, was den Patienten hierzulande als TCM angeboten wird, ist ein in China am grünen Tisch geschaffenes Konstrukt, das auf dem Weg in den Westen dann noch einmal kreativ verändert wurde.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das genau?

Unschuld: Schon Anfang des 20. Jahrhunderts drängten Reformer darauf, die traditionelle Medizin in China abzuschaffen und stattdessen die westliche Medizin einzuführen. Traditionelles Denken galt als rückständig und wurde für die drückende Überlegenheit des Westens verantwortlich gemacht. Nach Gründung der Volksrepublik China hielt man westliche Naturwissenschaft, Medizin und Technologie für unabdingbar, um das Land wieder konkurrenzfähig zu machen.

ZUR PERSON

Paul U. Unschuld ist Direktor des Horst-Görtz-Stiftungsinstituts für Theorie, Geschichte und Ethik Chinesischer Lebenswissenschaften der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Der Sinologe und Medizinhistoriker befasst sich seit mehr als vier Jahrzehnten mit dem Vergleich europäischer und ostasiatischer Heilkunde. Unter anderem hat er mit zwei Kollegen die knapp 90.000 Schriftzeichen der ältesten Textsammlung der chinesischen Medizin von vor 2000 Jahren ins Englische übersetzt. Vor kurzem erschien sein neues Buch "Traditionelle Chinesische Medizin".

Da aber die Traditionelle Chinesische Medizin vielen Menschen einen Lebensunterhalt bot, wurde sie stattdessen auf einen Kern reduziert, der mit der naturwissenschaftlichen Ausrichtung einer zukünftigen kommunistischen Gesellschaft gerade noch so vereinbar war. Daran hat in den fünfziger und sechziger Jahren eine eigens eingesetzte Kommission intensiv gearbeitet. Das Filtrat, das sie aus der ursprünglichen Medizintradition schuf, wurde fortan nach außen als TCM deklariert.

SPIEGEL ONLINE: Wie gelangte dieses Kunstprodukt in den Westen?

Unschuld: 1972 reiste der US-amerikanische Präsident Richard Nixon nach China. Während der Vorbereitung auf diese Reise musste ein US-Journalist in China am Blinddarm operiert werden. Seine Schmerzen nach der OP wurden mit Akupunktur behandelt. Der Bericht, den er darüber in der "New York Times" schrieb, weckte das Interesse westlicher Ärzte, Heilpraktiker und vieler Patienten.

SPIEGEL ONLINE: Warum war die Methode so faszinierend?

Unschuld: Die Nadeltherapie schien auf den ersten Blick exotisch. Aber, weil ihre theoretischen Grundlagen durch die Kommission ja bereits dem westlichen Denken angepasst worden waren, eben auch nicht völlig fremd. Es waren keinesfalls nur Esoteriker, die jetzt plötzlich Akupunktur lernen wollten. Sogar das US-amerikanische Militär interessierte sich dafür.

SPIEGEL ONLINE: Wohl kaum ernsthaft.

Unschuld: Doch! Die Amerikaner wussten, dass ich einer der wenigen westlichen Menschen war, die etwas von chinesischer Medizin verstanden. Kurz nachdem der Artikel in der "New York Times" erschienen war, klingelte bei mir ein CIA-Mann und sagte: "I am James Quinn, CIA. Tell me about the military use of acupuncture." Noch heute finanziert das US-Militär umfangreiche Programme etwa zur Behandlung von traumatisierten Kriegsveteranen.

SPIEGEL ONLINE: Vor allem erfüllte die TCM aber doch eine tiefe Sehnsucht nach einer sanften, ganzheitlichen Medizin.

Unschuld: Das stimmt natürlich auch. In den siebziger Jahren wuchs die Unzufriedenheit mit der Schulmedizin. Die chinesische Medizin bot sich da wie eine weiße Folie an, auf die westliche Skeptiker ihre Sehnsüchte und Hoffnungen auf eine bessere Heilkunde projizieren konnten. In der TCM sahen sie viele Defizite der westlichen Heilkunde ins Gegenteil verkehrt. Die Unkenntnis der historischen Medizin führte allerdings zu zahlreichen Missverständnissen und Übersetzungsfehlern.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Unschuld: Es fängt schon bei "Qi" an. Bis heute wird das in Deutschland mit "Lebensenergie" übersetzt. Dabei heißt "Qi" wörtlich übersetzt "Speisedampf". Damit ist in der chinesischen Medizintradition eher so etwas wie das Pneuma in der antiken Medizin gemeint, das in der damaligen Vorstellung zusammen mit dem Blut durch den Körper strömte und gemeinsam mit diesem die Lebensgrundlage bildete.

Doch der französische Akupunktur-Pionier George Soulié de Morant hatte Qi bereits in den zwanziger Jahren als "Energie" gedeutet. In der Energiekrise der Siebziger war es dann plötzlich ganz selbstverständlich, diese Übersetzung zu übernehmen. Mit dem Ziel, die Lebensenergie eines Menschen zu stärken und zu harmonisieren, wurden damals geradezu gesamtgesellschaftliche Ängste gemildert.

SPIEGEL ONLINE: Wie sah denn die Medizin im alten China tatsächlich aus?

Unschuld: Es gab immer viele Sichtweisen nebeneinander - aber nie eine einheitliche chinesische Medizin. In den ungefähr 15.000 medizinischen Texten, die noch aus der Kaiserzeit erhalten sind, findet sich die Sichtweise einer kleinen Oberschicht. Der ging es darum, den Körper nach denselben Prinzipien "in Ordnung zu halten" wie den Staat. Daher waren Verhaltensregeln für die Menschen besonders wichtig. Im Vordergrund aber stand stets die ausgefeilte Arzneitherapie - mit Zigtausenden von Rezeptvorschriften. Es gab auch immer wieder Modeströmungen, wie zum Beispiel im 18. Jahrhundert, als ein bestimmter Käfer als Wundermittel gepriesen wurde.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielte die Akupunktur?

Unschuld: Akupunktur spielte meistens nur eine marginale Rolle. Lediglich im 13. und 14. Jahrhundert gab es einen kleinen Akupunktur-Boom: Schriftgelehrte, die keine Stellen mehr fanden, wurden zunehmend Ärzte. Das Gedankengut der Akupunktur stand ihnen als Konfuzianern am nächsten. Das Interesse nahm dann wieder ab. 1822 wurde die Akupunktur am Kaiserhof sogar verboten.

SPIEGEL ONLINE: Was halten die Chinesen davon, dass ihre Medizintradition im Westen so verfremdet wird?

Unschuld: Es besteht die Befürchtung, dass die westliche Begeisterung für das Gedankengut der TCM als Alternative zur wissenschaftlich legitimierten Medizin nach China zurückschwappen könnte. Wer an all die Konzepte von Harmonie und Energieausgleich aus dem Westen glaubt, so die Meinung, der ist für das moderne China verloren. 2007 etwa lud die chinesische Regierung deshalb die Wissenschafts- und Gesundheitsminister von 50 Staaten ein - um ihnen klarzumachen: Die Zukunft der TCM liegt in der Molekularbiologie. Viele TCM-Anhänger im Westen macht das fassungslos.

Buchtipp

Das Interview führte Veronika Hackenbroch

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