Es heißt, jemand verliere leichter die Furcht vor etwas, wenn er es erst einmal gesehen hat. Für die Anschauungsstunde zum Thema Krebs, wie sie in der Pathologie an der Berliner Charité möglich ist, gilt das nur bedingt. In einem der Räume hinter der roten Klinkerfassade bearbeiten Laboranten in weißen Kitteln Gewebeteile, die auf Plastikbrettchen liegen, es riecht beißend nach Konservierungsmittel. Mit einer Art Rasiermesser schneidet ein Mitarbeiter eine Niere auf - in ihr wucherte ein tennisballgroßer Zellhaufen so stark, dass er aus dem Organ quoll. Gleich am Tisch daneben liegt, scheibchenweise, eine Brust.
Die Arbeit des Teams ist aber durchaus das Hinschauen wert. In einem Projekt will die Charité Krebstherapie mit Computertechnologie verbinden, die bisher vor allem Firmen für ihr Rechnungswesen nutzen. Der erste Schritt ist die Laborarbeit.
Die Mitarbeiter markieren das Wachstum der Tumore mit verschiedenen Farben, um die Stadien der Ausbreitung zu kennzeichnen. "Das kommt alles direkt aus dem OP", erklärt Christian Regenbrecht, der die Projektgruppe mit leitet. Der Ansatzpunkt der Forscher: Tumor ist nicht gleich Tumor. Modernste Technik kann die Unterarten und ihre Ursachen immer genauer aufschlüsseln und so im Idealfall Therapieansätze verfeinern.
Nicht jeder Krebspatient profitiert von einer Chemo
"Der Schlüssel dazu liegt in der DNA", sagt Regenbrecht. So individuell wie das Erbgut bei jedem sei, so individuell könnten Therapien aussehen. Hierzulande gebe es etwa 60.000 neue Brustkrebsfälle pro Jahr. Nach einer OP bekämen die Erkrankten in der Regel Chemotherapien. "Aber nur etwa 40 Prozent profitieren davon auch im Nachhinein", sagt Regenbrecht. Der Rest leide an den Nebenwirkungen.
Mediziner arbeiten deshalb an der maßgeschneiderten Behandlung für jeden Patienten. Davon versprechen sie sich nicht nur eine bessere Wirkung. Im Idealfall erspart man sich unnötige Nebenwirkungen - und unnötige Kosten. In Deutschlands Gesundheitssystem mit der wachsenden Zahl alter Menschen ist auch das ein Treiber bei Projekten wie dem in der Charité. Eine Chemotherapie kann die Krankenkasse durchaus 100.000 Euro kosten.
An einem Schaubild einer Zelle erklärt der promovierte Biologe Regenbrecht, dass Standardtherapien wie die Chemo vieles über einen Kamm scherten und gleich den ganzen Körper belasteten. Mit Hilfe des Plakates verdeutlicht er die moderne Antikörpertherapie, die die Krebszellen direkt angreift. Das sei immer öfter möglich, denn das Entziffern des Erbguts werde günstiger und bei immer mehr Tumorarten wisse die Medizin, auf welche Mutationen in der DNA sie zurückzuführen sind.
Daten eines Krebskranken können ganze Festplatten füllen
Doch je genauer der Krebs eines Patienten analysiert werden kann, desto ausufernder werden die Datenfluten und Kombinationen diverser Behandlungsformen. Die Daten eines Krebskranken können ganze Festplatten füllen. Dort kommt die Verbindung des Projektes zur Computerwelt ins Spiel. Die Charité nutzt die Echtzeit-Technologie Hana vom Softwareriesen SAP, die riesige Datensätze blitzschnell im Arbeitsspeicher und nicht mehr auf Festplatten bewegt. Yodobashi, ein Handelsunternehmen in Japan, brauchte früher zur Berechnung von Treueprogrammen ganze drei Tage. Mit Hana sind es zwei Sekunden.
Dieser Zeitvorteil soll auch Medizinern helfen. Per Tablet-PC haben sie noch am Patientenbett in Sekundenschnelle Zugriff auf die Krankheitshistorie und zusätzlich auf relevante Studien etwa über Medikamentenwirksamkeit oder Therapieerfolge. "Im Alltag müssen Ärzte heute in Instituten anrufen, Akten und Präparate anfordern oder auf die Erreichbarkeit von Experten warten", sagt Regenbrecht. Die Zukunft könnte sein, dass Therapiedaten online global vereint sind.
Mehr Zeit für Ärzte und Patienten
Ärzte aus der Praxis der täglichen Krebstherapie bestätigen, dass vieles zeitraubend sein kann. "Das Bewältigen dieser Datenflut kostet die Assistenzärzte auf der Station viel Zeit", sagt Tim Brümmendorf, Krebsexperte an der Uniklinik Aachen. Zwar seien die relevanten klinikinternen Befunde schon in elektronischen Patientenakten enthalten. "Aber alles, was wir extern haben wollen, läuft immer noch überwiegend per Anforderung", der Professor, der in Aachen die Klinik mit Krebsforschungsschwerpunkt leitet.Für einzelne Befunde zu Tumorerkrankungen gibt es quer durch die Republik sogenannte Referenzzentren, wo Fachleute für die jeweilige Nische Auskunft geben. "Da werden dann Proben von Herrn Müller aus A zu Herrn Meyer nach B geschickt. Das Koordinieren dieser wichtigen Informationen und das Einholen der Befunde kann mitunter sehr nervenaufreibend sein", sagt Brümmendorf. "Aber vor allem kostet es Zeit für Ärzte und Patienten."
Vernetzung bringt mehr Qualität
Der Mediziner findet das Projekt aus der Charité daher spannend. Zum einen könnte man in einem solchen System Behandlungspfade wie eine Art Gebrauchsanweisung hinterlegen. Sie erleichterten die Auswahl, Durchführung und Dokumentation bewährter Therapien, für die es allgemeine anerkannte Leitlinien gibt.
Das diene der Qualitätssicherung und würde auch in der Ausbildung hilfreich sein, sagt Brümmendorf. Andererseits könnte die Software bei der Recherche helfen, wenn Erkrankte unter seltenen Krebsformen leiden. "Hinweise zu passenden Studien, an denen sich die Patienten beteiligen könnten, wären da denkbar."
Theoretisch hält Brümmendorf es für möglich und wünschenswert, dass die Erkenntnisse der Krebsforschung künftig über Ländergrenzen hinweg stärker vernetzt werden. Vieles habe aber technische Hürden, das fange schon mit unterschiedlicher Klinik-EDV an. Manche Formate seien nicht kompatibel, was Schnittstellen erschwere. Mit Blick auf den Walldorfer Weltmarktführer für Unternehmenssoftware gibt Brümmendorf daher auch zu bedenken: "Ich glaube, viele Unikliniken arbeiten mit SAP." Das bestätigt der Konzern: Alle 36 Unikliniken hierzulande hätten SAP-Software im Einsatz.
Die Datenflut in der Krebstherapie beschäftigt auch Professor Christof von Kalle am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg. "Das ist ein enorm wichtiges Thema und es gibt dabei zwei wesentliche Probleme", erklärt der Experte. Erstens wachse die schiere Menge an Informationen stetig an, etwa wegen der immer höher aufgelösten Daten aus modernen Untersuchungsmethoden wie der Kernspintomografie, oder wegen des immer detaillierteren Wissens über Teilbereiche aus dem menschlichen Erbgut. "Aber es ist nicht nur dieses Mengenproblem, auch die Vielfältigkeit der Datenformate steigt", sagt von Kalle.
Vieles steckt noch in den Kinderschuhen
"Es geht zunehmend darum, Informationen aus mehreren Datenbanken, die man in der Klinik auf allen Ebenen hat, auch wirklich gemeinsam auf einem System und auf einem Bildschirm abrufen zu können. Die Herausforderungen dabei gehen schon mit dem Datenschutz los", sagt der Mediziner, der sich in Projekten unter anderem darum kümmert, bei der Krebstherapie verschiedene Fachrichtungen besser zu verzahnen oder klinische Studien zur Entwicklung neuer Krebstherapien einfacher zu gestalten. Vieles beim Umgang mit der wachsenden Datenflut stecke noch in den Kinderschuhen. "Man muss das Thema von der Wurzel aus angehen und sich zum Beispiel um die Abstimmung von Datenformaten kümmern." Nur so würden Arbeitsgruppen durchlässig für gemeinsame Arbeit. "Klinische Studien haben diese Datenverbünde heute schon."
Wie eine solche stärkere Vernetzung aussehen könnte, zeigt die Charité schon heute im kleinen Maßstab. Hana verknüpft Daten von 15.000 hauseigenen Patienten. Darin kann wie bei einer Google-Suche verglichen und überprüft werden - etwa dann, wenn ähnliche Patienten mit vergleichbarem Krebstyp schon einmal Behandlungen durchliefen.
SAP ist mit der Idee von Echtzeit-Technologie in der Medizin nicht alleine. Die Konkurrenz der Darmstädter Software AG etwa nennt ihre Lösung "BigMemory" und erprobt Einsatzszenarien in der Telemedizin, bei der es darum geht, den mitunter datenreichen Status von Patienten über mobile Medizingeräte auch fern vom Krankenbett abzufragen.
Ethische Fragen müssen noch geklärt werden
Wie oft bei neuen Wegen in der Medizin tauchen aber auch eine Menge ethischer Fragen auf. "Es wird in der personalisierten Medizin künftig Fälle geben, in denen wir klar ja oder nein sagen können - und Therapien damit auch ausschließen", sagt Regenbrecht. Bei aller Härte einer solchen Diagnose: Todkranken könne die Gewissheit, austherapiert zu sein, auch viel Leid ersparen.
Eine weitere wichtige Hürde ist der Datenschutz. Je zentralisierter die Daten vorliegen, umso verheerender wäre ein unbefugter Zugriff, bei dem beispielsweise Kriminelle die Informationen abgreifen könnten. Und nicht zuletzt wäre auch die Macht des Anbieters eines solchen Systems kritikwürdig.
Für Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der forschenden Pharma-Unternehmen, können individuellere Medizin und Fortschritte im Gesundheitswesen durchaus Hand in Hand gehen. "Denn die Qualität der Versorgung wird verbessert - bei höherer Effizienz", sagt sie. Dieser Trend bringe auch neue Geschäfte für die Branche, da nicht mehr nur die Diagnose allein, sondern auch weitere Vortests über die Therapie entschieden.
Eine Herausforderung bleibt für die Pharmafirmen aber: Durch die personalisierte Medizin schrumpft der Absatzmarkt für Arzneien. Je kleiner der Markt an möglichen Patienten, desto unwahrscheinlicher ist dort aus rein marktwirtschaftlicher Sicht eine teure Forschung. Und wenn Nischenmedikamente in der Tendenz kostenintensiver sind, wäre das eine denkbare Belastung für die Töpfe der Krankenkassen.
Heiko Lossie, dpa
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