Pfeiffersches Drüsenfieber Wenn Küssen krank macht

Hohes Fieber, geschwollene Lymphknoten und Halsschmerzen sind typisch für das Pfeiffersche Drüsenfieber, auch Kusskrankheit genannt. Auslöser ist das Epstein-Barr-Virus, das fast in jedem Menschen schlummert - und sogar Krebs verursachen kann.

  Paar beim Küssen: Epstein-Barr-Viren (EBV) werden vor allem über den Speichel übertragen
Corbis

Paar beim Küssen: Epstein-Barr-Viren (EBV) werden vor allem über den Speichel übertragen


Es ist ein Erreger, der leicht von Mensch zu Mensch überspringt, fast jeder kommt früher oder später mit ihm in Berührung - und doch kennen nur wenige seinen Namen: das Epstein-Barr-Virus, kurz EBV. Bekannter ist dagegen die Krankheit, die das Virus auslösen kann: "Dem Elternhaus entschlüpft und frisch am College eingeschrieben, erkranken etwa 20 bis 30 Prozent aller Erstsemester in den USA am Pfeifferschen Drüsenfieber", sagt der Virologe Wolfgang Hammerschmidt vom Helmholtz Zentrum in München.

Mediziner nennen die Krankheit infektiöse Mononukleose, im Volksmund ist es die Kusskrankheit - was die Ursache treffend beschreibt: Der Speichelkontakt beim Küssen kann genügen, um sich mit EBV zu infizieren. Viele Jugendliche, die ihre ersten Liebeserfahrungen sammeln, stecken sich so an oder Kleinkinder über den Speichel ihrer Mütter. "Aus Hygienegründen ist das heute viel seltener der Fall", sagt Hammerschmidt. Deshalb gebe es inzwischen viele EBV-negative Jugendliche. "Unter den Erwachsenen sind dann aber 95 bis 98 Prozent EBV-positiv."

Übertragung durch vorgekaute Nahrung

Anders ist die Situation etwa in China: Dort sind schon fast 90 Prozent der Acht- bis Neunjährigen mit EBV infiziert. "Der chinesische Brauch, Kleinkinder mit von Erwachsenen vorgekauter Nahrung zu füttern, wird jedoch zunehmend durch die Verwendung industriell gefertigter Babynahrung ersetzt", sagt Uta Behrends, oberärztliche Leiterin der Spezialsprechstunden für Hämatologie und Immunologie an der Kinderklinik München-Schwabing. Entsprechend sinken laut Behrends auch in China die Durchseuchungsraten im Kindesalter.

EBV zählt zur Familie der Herpesviren. Über den Rachenraum gelangen die Viren in den Körper, befallen dort Zellen der Nasen- und Mundschleimhaut sowie einen bestimmten Typ weißer Blutkörperchen: die B-Lymphozyten. "Die Infektion läuft bei Kindern unbemerkt oder zumindest vergleichsweise harmlos ab", sagt Thomas Mertens, Ärztlicher Direktor der Virologie des Universitätsklinikums Ulm. Bei Jugendlichen und Erwachsenen verursacht sie dagegen häufig schwerere Symptome: Mehr als die Hälfte aller Jugendlichen und Erwachsenen entwickelt das Pfeiffersche Drüsenfieber.

Manche Menschen sind resistenter gegen das Virus

Zwar heilt bei den meisten Patienten eine infektiöse Mononukleose innerhalb von vier bis sechs Wochen ohne Komplikationen aus. Es gibt aber auch Fälle mit deutlich schwererem Verlauf, bei denen die Betroffenen erst nach Monaten wieder einigermaßen auf die Beine kommen. Warum die anderen 50 Prozent nicht erkranken, ist noch unklar. Hammerschmidt vermutet, dass manche Menschen aufgrund ihres Immunsystems resistenter gegen die Viren sind als andere.

Eine Besonderheit von EBV: Ist die Erkrankung überstanden, bleibt das Virus ein Leben lang im Körper. Zwar ist das im Normalfall kein Problem, weil das Immunsystem das Virus gut in Schach hält. Doch bei immungeschwächten Patienten, etwa nach einer Organ- oder Stammzellentransplantation, "kann sich aus einer EBV-Infektion eine lebensbedrohliche Erkrankung des Lymphsystems entwickeln", sagt Behrends. Bei dieser sogenannten PTLD ("post-transplant lymphoproliferative disease") teilen sich die mit EBV-infizierten B-Lymphozyten unkontrolliert - ein Tumor entsteht.

Doch auch bei gesunden Menschen kann EBV an der Entstehung von Krebs beteiligt sein: In Äquatorialafrika etwa wird EBV mit dem sogenannten Burkitt-Lymphom in Verbindung gebracht, in Südostasien mit dem sogenannten Nasopharynxkarzinom. "EBV ist auch bei der Entstehung des Hodgkin-Lymphoms beteiligt", sagt Hammerschmidt. Dabei handelt es sich um einen bösartigen Tumor des Lymphsystems, das sich durch schmerzlose, geschwollene Lymphknoten bemerkbar macht. In der Hälfte aller Hodgkin-Lymphome finde man die DNA des Virus. "Tatsächlich erhöht eine vorausgegangene infektiöse Mononukleose das Risiko beträchtlich, in den folgenden Jahren an einem Hodgkin-Lymphom zu erkranken", so der Münchner Wissenschaftler.

Folgekrankheiten möglich

Ebenso ist in fünf bis zehn Prozent der Fälle von Magenkrebs EBV-DNA im Tumorgewebe nachweisbar. Und bei vielen Menschen, die am Chronischen Erschöpfungssyndrom (CFS) leiden, beginnt die Krankheit mit einer EBV-Erstinfektion im Erwachsenenalter. "Etwaige Zusammenhänge sind aber noch nicht zufriedenstellend belegt", sagt Mertens, und Hammerschmidt zufolge auch nicht eindeutig.

Ein Zusammenhang zwischen Pfeifferschem Drüsenfieber und Multipler Sklerose (MS) wird ebenfalls diskutiert. Nach einer durchgemachten infektiösen Mononukleose sei das Risiko an MS zu erkranken, zwei- bis dreifach erhöht, sagt Behrends. Doch auch hier seien weder der Entstehungsmechanismus noch die Rolle von EBV in diesem Zusammenhang hinreichend aufgeklärt.

Die Experten setzen deshalb große Hoffnung in einen Impfstoff, an dem unter anderem das Team um Hammerschmidt bereits arbeitet: "Leere Virushüllen ohne genetisches Material des Virus sollen eine so starke Immunreaktion verursachen, dass das Immunsystem lernt, im Falle einer späteren Infektion mit EBV umzugehen", sagt Hammerschmidt. Die Impfung könne so möglicherweise das Pfeiffersche Drüsenfieber verhindern - und vielleicht auch das Risiko für all jene schweren Erkrankungen senken, die durch das Virus verursacht werden.

EBV - Symptome, Verlauf und Behandlung
    Symptome: Die Beschwerden des Pfeifferschen Drüsenfiebers beginnen bis zu 50 Tagen nach der Ansteckung mit EBV, meist aber nach etwa 8 bis 21 Tagen. Typische Symptome sind hohes Fieber, langanhaltende Halsschmerzen sowie geschwollenen Lymphknoten vor allem an Hals und Nacken. Zudem leiden viele Betroffene unter ausgeprägter Abgeschlagenheit. Die meisten Patienten haben auch eine mehr oder weniger vergrößerte Milz.

  • Nachweis einer EBV-Infektion: Die klinische Verdachtsdiagnose wird durch den Nachweis bestimmter EBV-spezifischer Antikörper im Blut gesichert. Charakteristisch sind darüber hinaus aktivierte Lymphozyten im Blutausstrich und erhöhte Leberwerte.

Behandlung: Menschen, die an einer infektiösen Mononukleose erkrankt sind, sollten sich vor allem körperlich schonen und viel schlafen. Bei schweren Krankheitsverläufen verabreichen Ärzte auch Kortikosteroide und andere Immunsuppressiva. In seltenen Fällen kommt bei Luftnot die Entfernung der Mandeln infrage. Bei lebensbedrohlichen Verläufen und PTLD kommen Antikörper zum Einsatz, die die EBV-infizierten B-Lymphozyten eliminieren.

Zudem zeigt bei der PTLD und anderen EBV-assoziierten Tumoren die Behandlung mit EBV-spezifischen T-Zellen vielversprechende Erfolge. In vielen Fällen der PTLD kann allerdings bereits eine vorsichtige Reduktion der immunsuppressiven Therapie ausreichen, um die EBV-assoziierte Lymphknotenerkrankung zu heilen. Virusstatika wie Ganciclovir und Aciclovir sind im Gegensatz zum Einsatz bei anderen Viruserkrankungen im Kontext von EBV-assoziierten Erkrankungen nur sehr begrenzt wirksam.
Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.
insgesamt 22 Beiträge
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calexico55 21.04.2015
1. Unvollständig
Wenn es um im Zusammenhang mit EBV diskutierte parallele bzw. Folgekrankheiten geht, sollte man wenigstens auch ME/CFS erwähnen. An dieser zwar selten letalen, dafür bisher unheilbaren Erkrankung sollen immerhin geschätzt ca. 300.000 Menschen leiden.
DieAnton 21.04.2015
2. Schlimme Krankheit, die nicht zu unterschätzen ist!
Unsere Tochter hat seit Juni vergangenen Jahres mit dieser Krankheit zu tun. Es hat lange gedauert, bis die Ärzte überhaupt diese Krankheit diagnostizierten, sie ist nämlich nicht "einfach" durch eine normale Blutuntersuchung feststellbar. Sie schlief bis zu 16 Stunden am Tag und hat die Krankheit immer noch nicht überwunden. Chronische schlimmste Erschöpfungszustände, Unfähigkeit zur schnelleren Bewegung, Desinteresse etc. sollten Eltern eine Warnung sein! Eine wirklich schlimme Krankheit!
flippert0 21.04.2015
3. Nicht so ohne
Pfeiffersches Drüsenfieber verursachte bei mir den zweiten längeren KH-Aufenthalt (12 Tage), der erste war ein Unfall in der Kindheit. Erst sah es nach einer schweren Angina aus (so fing es wohl auch an), aber es wurde schlimmer und schlimmer mit den Halsschmerzen. Wenn man kein Essen schlucken kann, geht es ja noch. Aber wenn man kein Wasser schlucken kann, helfen nur Infusionen. So total abgebaut (und abgenommen) innerhalb weniger Tage hatte ich noch nie, beim ersten Aufstehen konnte ich mich vor Muskelschwäche kaum halten. Definitiv kein Spaß!
Khaled 21.04.2015
4. #1: Nein, sollte man sicher nicht
Der Artikel soll ausschließlich über GESICHERTE Erkenntnisse zu einer sehr häufigen Infektonskrankheit berichten und nicht irgendwelche Spekulationen in die Welt setzen.
fpwinter 21.04.2015
5. Was der Artikel zu erwähnen vergaß:
Bei dem EBV handelt es sich um das sogenannte humane Herpesvirus IV. Es kann, wie jedes andere Herpes-Virus, durch Streßfaktoren reaktiviert werden. Dann kann es Auto-Immun-Reaktionen, Störungen der organischen Steuerungszentren, Neuropathien und Lähmungen verursachen und stark das Immunsystem schwächen. Die Pharma-Industrie hat kein Heilmittel, daher sind EBV-Reaktivierungen bei Medizinern oft unbekannt und werden kaum diagnostiziert. Skandalöserweise werden bei Labortests nur Titter bis 600 gemessen, obwohl sie bei akuten Schüben weit höher liegen können; dadurch ist eine genaue Verlaufskontrolle unmöglich. Ich selbst litt gut vier Jahre an einer EBV-Reaktivierung und habe eine Hölle aus Infektionen, neurologischen und Auto-Immun-Beschwerden hinter mir, war drei mal dem Tode nahe und habe nur dank einer vorzüglichen Ärztin überlebt. Es wird höchste Zeit, daß die klinische Forschung EBV und insbesondere Reaktivierungen endlich ernst nimmt und vor allem endlich sensiblere Labortests eingeführt werden!
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