Hohe Zuzahlungen Deutsche müssen immer mehr für ihre Pflege ausgeben

Die Pflege wird für die Betroffenen immer teurer, zeigt ein Report der Barmer GEK. Wer auf starke Hilfe und einen Heimplatz angewiesen ist, muss im Monat mehr als 1800 Euro aus eigener Tasche bezahlen. Fast jeder dritte Heimbewohner kann sich die hohen Kosten nicht leisten.

DPA


Berlin - Nicht mehr selbst kochen können, waschen können, auf die Toilette gehen können: Pflege bedeutet Einschränkung. Zu den körperlichen und den psychischen kommen allerdings auch enorme finanzielle Belastungen. Versicherte müssen für die Pflege immer tiefer in die Tasche greifen, zeigt ein aktueller Report der Krankenkasse Barmer GEK, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Demnach lag der Eigenanteil in der stationären Pflege bei Pflegestufe I 2011 im Durchschnitt bei 1380 Euro im Monat, Personen mit Pflegestufe III mussten im Schnitt sogar 1802 Euro monatlich hinzuzahlen. Zum Vergleich: 2009 waren es je 1351 und 1791 Euro. Demgegenüber blieben die Versicherungsleistungen in diesem Zeitraum konstant.

Insgesamt steuern Pflegebedürftige im stationären Bereich deutlich mehr Geld selbst bei, als sie aus der Pflegeversicherung erhalten. Den 1380 Euro Eigenanteil bei einer Pflegestufe I standen zum Beispiel 1023 Euro pro Monat vom Staat entgegen. Das Problem sei, dass die Versicherungsleistungen real immer weniger wert seien, sagte Professor Heinz Rothgang vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen, Autor des Pflegereports. Denn die Gesamtkosten für die Heimpflege sind seit 1999 kontinuierlich gestiegen. Diese Zunahme wird dann mit höheren Eigenanteilen ausgeglichen.

Experten fordern Pflegereform

Gestiegen ist auch der Eigenanteil am Pflegesatz, also den Ausgaben ohne die Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Investitionen wie Umbauten. "Da müsste eigentlich eine Null stehen", sagte Rothgang. Die Leistungen der Pflegeversicherung hätten allerdings nur bei ihrer Einführung 1995 teilweise ausgereicht, diese Pflegesätze zu deckeln.

Rothgang forderte daher die Versicherungsleistungen jährlich anzupassen, um den Wertverlust zu verhindern. Den Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD bewertete er in diesem Punkt als nicht ausreichend.

Auch der Sozialverband VdK verlangte eine "große Pflegereform" von der Koalition. Die Pflegeversicherung müsse komplett umgebaut werden. VdK-Präsidentin Ulrike Mascher sagte, ihr Verband prüfe Möglichkeiten, vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen, um die Pflege zu verbessern.

Auf das gesamte Leben gerechnet müssen Frauen der Studie zufolge im Durchschnitt mit 45.000 Euro an privaten Pflegekosten rechnen, Männer mit 21.000 Euro. Dies liegt an der durchschnittlich höheren Lebenserwartung von Frauen und daran, dass sie deswegen häufiger in Heimen betreut werden.

Rund ein Drittel der Heimbewohner empfängt Sozialhilfe

Eine Vielzahl der Pflegebedürftigen kann sich die hohen Kosten für seine Betreuung nicht leisten. Rund 30 Prozent der Bewohner von Heimen empfingen Sozialhilfe, sagt Rolf Müller, Co-Autor des Pflegereports. Die Zahl sei über die Jahre relativ konstant geblieben.

In der ambulanten Pflege beziehen deutlich weniger Personen die "Hilfe zur Pflege": 2011 standen hier rund 90.000 Empfängern etwa 240.000 im stationären Bereich gegenüber. Insgesamt ist der Anteil derer, die ambulante Pflege in Anspruch nehmen, gestiegen.

Auch die Gesamtzahl der Pflegebedürftigen ist rasant angewachsen: 2011 zählten die Autoren des Reports 2,5 Millionen Bedürftige, 1999 waren es noch 2 Millionen. Für 2050 werde wegen der demografischen Entwicklung mit 4,5 Millionen gerechnet, sagte der Vizepräsident der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker.

irb/dpa/Reuters



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
smartphone 18.12.2013
1. Anpassung ?
Wer soll sich hier anpassen ? Offenkundig stellt man sich das so vor , daß die KV Beiträge ins uferlose steigen ohne - Stichwort PKV mal drüber nachzudenken ,ob die Leute sich solche "Versicherungen" überhaupt leisten können ..... u.a angesichts von Arbeitlosigkeit ( > 14 Mio hierzulande effektiv betroffen der ca 50 Mio arbeitsfähigen ) oder eben der Prekärgehälter .....So ein Politika mit Beamtenstatus hat offenbar recht wenig Ahnung vom Realen Leben da drausen . Das BGE ist überfällig ( Inkl KV +PV )
sanook 18.12.2013
2. :)
Da würde mich brennend interessieren wo das Geld bleibt?! Fast 3000.- Euro in der Pflegestufe 1 (wo praktisch nicht viel zu tun ist). Da könnte man sich ja quasi 2 Hilfsplegekräfte anstellen ;) Aber wenn man sieht, das alleine eine Wohnung in Hasenstallgrösse im "betreuten Wohnen" kostet, dann sieht man deutlich: da macht sich wer die Taschen voll und kommt aus dem Lachen nicht mehr raus!
imlattig 19.12.2013
3. wie werden...
diese horrenden pflegekosten errechnet? die loehne der beschaeftigten sind in den letzten jahren so gut wie nicht gestiegen. im gegenteil wenn man die 450 euro jober mit einrechnet sind die loehne sogar gesunken, weil aldieweil diese berufsgruppe speziell im kirchlichen bereichkeine lohnerhoehungen bekommen haben. 450 euro jober machen in der pflege 40 prozent der be- schaeftigten.
Gedankenmacherin 19.12.2013
4. Wie weit noch?
Dieses Thema scheint mittlerweile leider so abgedroschen, dass kaum noch jemand sich dafür interessiert. in dem Buch Otto und Charlotte auf dem Pfad der Altenpflege" von Karl&Betta Kamp wird eindrucksvoll geschildert, was in unserer Altenpflege abgeht. Und dafür bezahlen Bewohner der Häuser und deren Angehörige ein kleines oder (alles relativ) großes Vermögen. Das Einzige, was unserer Politik einfällt, ist das besorgen von billiger Pflegekraft aus dem Ausland. Im Gegenzug werden die Zuzahlungen erhöht, weil der arme, kleine, "uneigennützige" Betreiber der Pflegeanstalt, (oder sollten wir es doch besser "Altenaufbewahranstalt" nennen?) mit seinem Geld so schlecht klarkommt. Wieso, frage ich mich immer wieder, ist das alles so uneingeschränkt möglich? Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, wo dies noch alles hinführen soll. Unter dem scheinheiligen mantel der Menschenliebe werden Heime nicht nur von privaten Unternehmen geführt, als wären sie deren Goldesel, die täglich vorn und hinten die klingenden Taler von sich geben, natürlich mit geringstmöglichem Kostenaufwand...
kub.os 19.12.2013
5. Und wer ist der Dumme?
"Die Pflege wird für die Betroffenen immer teurer, zeigt ein Report der Barmer GEK. Wer auf starke Hilfe und einen Heimplatz angewiesen ist, muss im Monat mehr als 1800 Euro aus eigener Tasche bezahlen. Fast jeder dritte Heimbewohner kann sich die hohen Kosten nicht leisten." ---------------------------------------------------------------- Fast richtig. Zumindest in NRW sind es schon über die Hälfte aller Bewohner. Und wer dann noch die Empfänger von Sozialleistungen (z.B. Pflegewohngeld, das ist keine Sozialhilfe!) mitzählt, kommt auf weit höhere Prozentwerte. Und für die Laien dieses Forums: 1. Die hohen Kosten im vollstationären Bereich enstehen im Übrigen durch die lückenlose 365 Tage-Rund-um-die-Uhr-Versorgung. 2. Vor 18 Jahren gab es noch keine Pflegeversicherung!! Wer hat das denn damals bezahlt? Man denke einmal nach. 3. In Pflegeheimen sind doch alle Mitarbeiter - so die landläufige Meinung - chronisch unterbezahlt. Dann soll doch bitte einmal derjenige diesen Knoten lösen: Beste Bezahlung bei billigsten Heimentgelten. Danach wären alle Probleme gelöst.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.