Pflegebedürftige Eltern Diese Fragen sollten sich erwachsene Kinder stellen

Viele Eltern sind lange erstaunlich fit und unabhängig. Irgendwann aber ändert sich das - manchmal auch sehr plötzlich. Diese Zahlen und Statistiken helfen dabei, sich rechtzeitig auf diese Phase vorzubereiten.


SPIEGEL WISSEN hat ein achtwöchiges Pflege-Coaching entwickelt, das dabei hilft, alte Eltern kompetent zu begleiten. Dies ist der erste Teil. Die anderen Teile finden Sie in den folgenden Wochen hier.


Wenn erwachsene Kinder über die Lebenssituation ihrer Eltern sprechen, dominiert bei vielen der Eindruck, dass "eigentlich alles wie immer" ist. Besonders Eltern zwischen 60 und 75 Jahren sind oft noch selbstständig und fit - und entsprechen oft dem geschönten Bild des unternehmungslustigen "Best Agers".

Das Gefühl, dass die Lage im Elternhaus stabil ist, kann durchaus stimmen. Denn diese Phase des Alterns wird heute als "junges" oder "erstes Alter" bezeichnet, in dem ältere Menschen oft noch sehr unabhängig sind. Irgendwann ändert sich jedoch die Situation: Aus "jungen Alten" werden betagtere ältere Menschen, die ab etwa 75 Jahren in ein "zweites Alter" eintreten, in dem sie mehr und mehr Hilfestellung brauchen, weil Kräfte und Beweglichkeit nachlassen und sich chronische Erkrankungen einstellen.

Hier kann auch das Thema Pflege schon akut werden. Das sogenannte dritte Alter, meist ab 85 Jahren, ist dann von einem zunehmend kleineren Aktionsradius und immer mehr Einschränkungen bestimmt, es findet meist drinnen statt, das Ende des Lebens rückt näher.

Wenn die Eltern im "zweiten" oder "dritten Alter" sind, wird es für erwachsene Kinder wichtig, eine neue Rolle zu finden. Es geht darum, die Eltern zu unterstützen, aber auch für sich selbst zu klären, welche Art der Hilfestellung man angesichts der eigenen Lebenssituation geben kann und will. Manchmal kann es, nach einem Schlaganfall oder einem Sturz, sehr schnell gehen. Daher ergibt es für erwachsene Kinder viel Sinn, sich mit dem Alter der Eltern vorher bereits bewusst zu beschäftigen und sich damit auf diese Phase vorzubereiten.

Die Alterspsychotherapeutin und Neuropsychologin Katja Werheid hat deshalb gemeinsam mit SPIEGEL WISSEN ein achtwöchiges Coaching entwickelt, durch das erwachsene Kinder lernen können, einen guten Umgang mit den älter werdenden Eltern zu finden - und den Prozess des Rollentauschs der Generationen bewusst und aktiv zu gestalten. Das gelingt, wenn wir selbst eine Vorstellung davon haben, was wir konkret tun können, wenn unsere Eltern unsere Hilfe brauchen.

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In dieser ersten Woche des Coachings zur Begleitung alter Eltern geht es erst einmal darum, einen realistischen Blick auf Fakten und Zahlen zu werfen. Denn viele von uns haben verklärte oder angsterfüllte Vorstellungen vom Alter der eigenen Eltern - und können deshalb nicht richtig einschätzen, was auf sie und ihre Familien zukommt.

Übung 1: Ein paar Zahlen

Im Folgenden bekommen Sie eine Checkliste mit Fakten, die Ihnen ein Gefühl dafür geben, was Sie und Ihre Eltern in den nächsten Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartet. Lesen Sie diese Liste in Ruhe durch und achten Sie darauf, welche Punkte Sie überraschen oder erschrecken.

  • Viele Menschen wünschen sich, dass ihre Eltern nicht lange leiden oder Krankheitszeiten durchleben müssen, bevor sie sterben. Ein plötzlicher Tod ohne lange Pflegezeiten tritt allerdings heute nur bei 10 Prozent der Senioren ein.
  • Wer heute über 65 Jahre alt wird, der wird im Schnitt noch 17 Jahre (Männer), beziehungsweise noch 21 Jahre (Frauen) leben. Hier zeigt sich, dass Menschen viele Jahrzehnte lang "alt" sind. Diese Lebenszeit gilt es, gemeinsam zu gestalten.
  • Früher waren Eltern und Kinder gemeinsam etwa 30 Jahre auf der Welt. Heute sind es im Schnitt 50 Jahre. Das führt dazu, dass "Kinder" oft selbst schon 40, 50 oder 60 Jahre alt sind, wenn sie anfangen, für hochbetagte Eltern pflegerisch tätig zu werden.
  • Die Bildungsreformen der Siebzigerjahre haben dazu geführt, dass Frauen besser ausgebildet sind denn je. Diese an sich erfreuliche Entwicklung sorgt dafür, dass viele Töchter heute - wie die Söhne auch - nicht mehr in der Nähe des Elternhauses wohnen und/oder anspruchsvolle Jobs haben, die sich schwer mit pflegerischen Tätigkeiten vereinbaren lassen. Die Verantwortung dafür, für die Eltern zu sorgen, fällt also in vielen Familien nicht mehr automatisch den Töchtern und Schwiegertöchtern zu.
  • Bis vor einigen Jahren waren nur 10 Prozent Männer - also Söhne und Ehe- oder andere Lebenspartner - in Pflegesituationen mit eingebunden. Heute sind es 20 Prozent.
  • In Deutschland sind derzeit 3,3 Millionen Menschen pflegebedürftig, davon werden 2,5 Millionen zu Hause gepflegt.

Reflektieren Sie nun einmal in Ruhe: Hat Sie eine Zahl erstaunt? Oder erschreckt? Was bringt Sie zum Nachdenken? Und gehen Sie dann einen Schritt weiter:

Überlegen Sie sich, wie Sie gern die Begleitung Ihrer Eltern gestalten würden. Beantworten Sie sich die Frage, wie und in welchem Umfang Sie für Ihre Eltern sorgen wollen, wenn diese ins zweite und dritte Alter kommen. Wie möchten Sie sich dem Thema nähern, mit wem möchten Sie zunächst am liebsten darüber sprechen? Was wäre wünschenswert und denkbar?

Denken Sie bei so einem Blick in die Zukunft nicht darüber nach, was "man" tun sollte - sondern wie Sie selbst es sich vorstellen können. Wenn Sie wollen, notieren Sie sich ein paar Stichpunkte in einem Notizbuch oder auf einem Zettel.

Übung 2: Was geht noch?

Rufen Sie sich nun zum Abschluss noch einmal die Situation ins Gedächtnis, in der Sie Ihre Eltern das letzte Mal gesehen oder gesprochen haben: Sind Ihre Eltern wirklich "so wie immer"? Sind sie ganz souverän und selbstständig? Oder fällt Ihnen auch etwas auf, das Ihre Eltern vielleicht nicht mehr so gut können, was langsamer geht, wo sie Hilfe brauchen könnten?

Nehmen Sie auch diese Bilder und die Frage "Wo stehen meine Eltern eigentlich im Moment?" in den kommenden Wochen in die weiteren Einheiten des Coachings mit. Sorgen Sie sich nicht, wenn Sie bemerken, dass es Handlungsbedarf gibt. Sie bekommen dafür in den nächsten Wochen einige Tipps an die Hand.

Wir wünschen Ihnen Mut und Freude auf dem Weg zu neuen Plänen und Lösungen mit Ihren Eltern.

Ihr SPIEGEL-WISSEN-Team

Zu jeder Ausgabe bietet SPIEGEL WISSEN ein praktisches, leicht im Alltag umsetzbares Online-Coaching passend zu seinem jeweiligen Heftthema an. Jedes Coaching dauert acht Wochen. Während dieser Zeit erhalten Sie immer freitags per E-Mail eine Übungseinheit, die Ihnen helfen kann, Ihr Leben besser zu gestalten. Hier den Newsletter bestellen:

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