Pflegemangel Chirurgen warnen vor mehr Komplikationen nach OPs

In Deutschland versorgt ein Pfleger oft 13 Patienten, in anderen Ländern sind es nur zwischen sechs und acht. Das hat Folgen.

Pfleger und Arzt im Gespräch (Symbolbild)
imago/ allOver-MEV

Pfleger und Arzt im Gespräch (Symbolbild)


Chirurgen gehen davon aus, dass ein Mangel an Pflegekräften Behandlungserfolge gefährden könnte. "Trotz der enormen Fortschritte in der Chirurgie gibt es in Deutschland erhebliche Defizite in der Patientenversorgung", sagte Tim Pohlemann, Präsident des 134. Chirurgenkongresses, der diese Woche in München stattfindet.

Patienten würden immer schlechter vor- und nachversorgt, so Pohlemann weiter. "Das entscheidet auch über eine höhere oder geringere Komplikationsrate." Je öfter Pfleger den Patienten sähen, desto eher bemerkten sie eine negative Entwicklung.

Untersuchungen belegen, dass Deutschland bei der Personalausstattung in Kliniken im internationalen Vergleich abfällt. "Die Pflege ist der größte Kostenfaktor in einem Krankenhaus", so Pohlemann. Folglich werde hier immer weiter gespart.

In Deutschland kümmert sich einer Ver.di-Analyse zufolge ein Pfleger im Schnitt um 13 Patienten, in den USA sind es 5,3, in der Schweiz und Schweden knapp acht. Die hohe Patientenzahl führt auch dazu, dass die Hygiene vernachlässigt wird. Dem Personal bleibt zu wenig Zeit für Desinfektionen, wie Untersuchungen zeigen.

Niedrige Löhne, kaum Anreiz

Auch bei den Löhnen bleibt die Pflegebranche nach Angaben des Deutschen Pflegerats hinter anderen Branchen zurück. Hinzu komme ein deutliches Lohngefälle in den Pflegeberufen, kritisiert der Präsident der Pflegerats, Andreas Westerfellhaus. Das Gehalt von Kranken- und Altenpflegern unterscheide sich in ostdeutschen Bundesländern um rund 30 Prozent, in westdeutschen Bundesländern liege der Unterschied bei rund 18 Prozent.

"Vom Ziel eines gleichen Lohns für die gleiche Arbeit sind wir daher weit entfernt", sagt Westerfellhaus. Dabei seien gute Bezahlung und attraktive Arbeitsbedingungen überaus wichtig, um den drohenden Pflegenotstand zu vermeiden. Angesichts einer alternden Gesellschaft und eines damit steigenden Bedarfs an Pflegepersonal komme auf Deutschland ein großes Problem zu, so Westerfellhaus.

Das Statistische Bundesamt und das Bundesinstitut für Berufsbildung gehen schon in den nächsten acht Jahren von einem Bedarf von 135.000 bis 214.000 Vollzeitkräften aus, der nicht abgedeckt werden kann.

Trotz des vor einem guten Jahr in Kraft getretenen Krankenhausstrukturgesetzes, das einen Ausbau der Pflege am Bett vorsieht, bestehe nach wie vor ein Nachholbedarf von rund 50.000 Mitarbeitern in der Krankenhauspflege, meint Westerfellhaus. Ein erster Schritt für mehr Personal sei eine geplante Bündelung von Fördermitteln, sagte Westerfellhaus. Künftig stünden jährlich immerhin 830 Millionen Euro für zusätzliche Pflegestellen in den Krankenhäusern zur Verfügung.

REPORTAGE AUS DEUTSCHLANDS NOTAUFNAHMEN

irb/dpa



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dreamrohr2 20.03.2017
1.
Man gewinnt den Eindruck, dass die Einsparungen der Pfleger auf Kosten der Patienten dahingehend ausgelegt ist, als man der Meinung ist, man hat genügend Alte Menschen die ein horrendes Geld in der Pflege kosten und die Rentenkassen eh nicht mehr hergeben, daher muss es eben irgendwo einen Schwund geben, damit man die Finanzen irgendwie in den Griff kriegt. Eine Schande, angesichts der Abermilliarden an Beiträgen für das Gesundheitssystem. Es wird ausgebeutet von der Pharmaindustrie und teils auch von den Krankenkassen, welche in Palazzos ihre Angestellten walten lässt. Für eine ordentliche Gesundheitspolitik ist genügend Geld vorhanden, aber man verschwendet es indem man den Wolf als Schäfer in der Schäfchenherde gewähren lässt...Wucherpreise für Medikamente und täglich neue "Patente" von teils alten Medikamenten, welche nur neu benannt werden... nur weil man eine zufällig andere Erkenntnis auf mögliche Behandlung anderer Gebrächlichkeiten durch Vergabe an den Patienten gefunden hat.
Nordstadtbewohner 20.03.2017
2. Finanzierungrundlage des Gesundheitssystems erneuern.
Natürlich könnten mehr Pflegekräfte angestellt werden, um damit den Betreuungsschlüssel zu verbessern. Die Frage ist nur, wie das allerdings finanziert werden soll. Ein großes Problem der gesetzlichen Krankenkassen ist das Missverhältnis zwischen Beitragszahlern und Leistungsempfängern. Den Beitragszahlern steht eine stetig steigende Anzahl an Leistungsempfängern gegenüber. Das führt dann zu solchen Auswüchsen. Um mehr Pflegekräfte anzustellen, müsste die beitragsfreie Mitversicherung abgeschafft werden.
telos 20.03.2017
3. Wer selbst.....
in der Pflege gearbeitet hat, aus Erfahrung weiß, was es heißt bei Fehlzeiten von Kollegen/innen sehr oft einspringen zu müssen, sich während der ganzen Schicht nur noch gehetzt fühlt, kann nachempfinden, weshalb so viele ihren Beruf aufgegeben haben. Und ich möchte nicht wissen, wieviele Pfleger/innen innerlich schon gekündigt haben, es aber nicht fertigbringen, endgültig auszusteigen wegen fehlender Alternativen oder auch finanzieller Abhängigkeit. Die Krankenhäuser verdienen ihr Geld mit Diagnosestellung und Operationen, Pflege ist zeitaufwendig und daher teuer. Rentabilität und die schwarzen Zahlen stehen im Vordergrund- nicht aber die Menschen. Mit kranken und betagten Menschen auch noch reichlich viel Kohle scheffeln, solange sie noch leben. Jeder, der in diesem irrsinnigen Gesundheitswesen noch tätig ist trägt dazu bei, dass diese Mißstände weiter Bestand haben. Ist es daher erstrebenswert, alt und hilfebedürftig zu werden?
steffen.ganzmann 20.03.2017
4. Vorbild Schweiz
Man könnte natürlich auch - wie in der Schweiz schon lange üblich -, Pflegekräfte nach ihrem Können bezahlen. Warum muss eine Schwester, die ständig nur Betten rumschiebt, Essen verteilt und Steckpfannen leert , genauso viel verdienen, wie eine Schwester, die ihrem Arzt in der Notaufnahme den Rücken freihält (mit grossem Dank an alle meine Schwestern dort, insbesondere Joceline und die kleine Kaschka), die Verbände erneuert und dabei auch die Wundheilung registriert oder Blutkonserven anhängt (ja, in der Schweiz darf das eine so hoch ausgebildete Pflegekraft durchaus, nur der erste Verband, die erste Opiat-, Antibioticum- und Blutgabe sind obligate Aufgaben des behandelnden Arztes, ansonsten sieht man die Wunde nur nach Wunsch)? Als Funktionsoberarzt zum Beispiel bekommt auch man ja zurecht mehr Geld als sein sich noch in der Fachausbildung befindender Kollege, da man ohne Aufsicht arbeiten/operieren darf, aber eben weniger als ein "Planstellen"-Oberarzt ...
sam07 20.03.2017
5. Es geht immer nur ums Geld
Wir haben kein Gesundheitswesen mehr, sondern eine Gesundheitsindustrie. Wir haben keine Patienten mehr, sonder Kunden. Wir haben keine Ärzte und Pfleger mehr, sondern Dienstleistungspersonal. Usw. Wenn im sozialen Bereich nicht mehr das Soziale, sondern nur noch der Gewinn zählt - wozu die "Reformen" und Privatisierungen erheblich beigetragen haben - dann hat der Staat bei seiner primären Aufgabe, für das Wohl und die Sicherheit des Volkes zu arbeiten, versagt. Da alles gewinnorientiert arbeiten muss (wer kassiert übrigens die Gewinne?), bleibt das Personal als wichtigster Kostenfaktor auf der Strecke. Das liegt nicht an der Gesundheitsindustrie, sondern am System.
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