Krankenkassen-Studie Zahnarztversorgung ist in Pflegeheimen mangelhaft

Je größer die Pflegebedürftigkeit desto weniger wird auf die Zähne geschaut: Die Hälfte aller Heimbewohner hat zwei Jahre lang keinen Zahnmediziner mehr gesehen, so eine neue Studie. Patientenschützer sehen die Heime in der Pflicht.

Zahnarztbesuch für Pflegebedürftige: Schlechte Versorgungslage
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Zahnarztbesuch für Pflegebedürftige: Schlechte Versorgungslage


Berlin - Die Zähne Pflegebedürftiger werden deutlich seltener medizinisch versorgt als die anderer Menschen. Die Hälfte aller Pflegeheimbewohner wurde zwei Jahre lang nicht mehr vom Zahnarzt behandelt. Bei einigen Pflegebedürftigen liege der letzte Zahnarztbesuch sogar schon Jahrzehnte zurück. Zu diesem Ergebnis kommt der Pflegereport 2014 der Barmer GEK, der am Dienstag vorgestellt wurde. Besonders in Heimen sei ein leichterer Zugang zur Zahnbehandlung nötig, forderte Barmer-Vorstandsmitglied Rolf-Ulrich Schlenker.

Ein zentrale Aussage des Reports: Je pflegebedürftiger jemand ist, desto seltener bekommt er eine Zahnbehandlung. Im Jahr 2012 nutzte je Quartal etwa ein Drittel (30,4 Prozent) der Nicht-Pflegebedürftigen konservierende, chirurgische und Röntgenleistungen zur Zahnbehandlung. Bei den Pflegebedürftigen habe diese Quote um 9,8 Prozent niedriger gelegen. Mit den Pflegestufen stiegen die Zahlen noch weiter an. In der Pflegestufe I und bei familiärer Pflege betrug der Unterschied lediglich 5,1 Prozentpunkte; bei Pflegeheimbewohner mit Pflegestufe III waren es 16,5 Prozent.

Für den Pflegereport verglich die Krankenkasse anhand von Routinedaten die zahnmedizinischen Leistungen für Pflegebedürftige mit denen Nicht-Pflegebedürftiger gleichen Alters, Geschlechts und gleicher Morbidität. Bei Erkrankungen des Zahnhalteapparates, sogenannten Parodontopathien, seien 0,35 Prozent der nicht pflegebedürftigen Versicherten behandelt worden. Bei Pflegebedürftigen sei die Inanspruchnahme um etwa zwei Drittel niedriger gewesen. Und auch bei der Versorgung mit Zahnersatz und Zahnkronen schnitten vor allem Menschen in der Pflegestufe III schlecht ab.

Patientenschützer sehen Pflegeheime in der Verantwortung

Eine mögliche Ursache der Unterversorgung könne sein, dass die aktuellen zahnmedizinischen Behandlungsleitlinien kaum auf ältere und pflegebedürftige Menschen eingingen. Auch häufige psychische Störungen, insbesondere Demenz, würden in den Leitlinien nicht aufgegriffen.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz beklagt ebenfalls die Zustände. Rund 468.000 Heimbewohner hätten im vergangenen Jahr keinen Zahnarzt gesehen, "obwohl die Kassen seit April 2013 rund 20 Millionen Euro zusätzlich für die Zahnarztversorgung von immobilen Pflegebedürftigen bereitstellen", sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. Die Patientenschützer verlangen, dass die Verantwortung für die Facharztversorgung für Pflegebedürftige vom Hausarzt an das Pflegeheim übergeht. Zudem müsse die Facharztversorgung in das oft kritisierte Bewertungssystem des Pflege-TÜV aufgenommen werden.

Wie der Pflegereport weiter ergab, ist die Zahl der Pflegebedürftigen auch 2013 weiter angestiegen, und zwar um 3,5 Prozent auf 2,5 Millionen pflegebedürftige Versicherte. Nach Schätzung der Barmer GEK wird sich die Zahl bis zum Jahr 2050 auf 4,5 Millionen erhöhen.

joe/AFP/dpa



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insgesamt 10 Beiträge
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Phoenix2006 25.11.2014
1. Zahnarztversorgung ist in Pflegeheimen mangelhaft
Worüber sind Sie erstaunt? Ich habe mal ein Paar wissenschaftliche Fragen( Soziologie,Rechtswissenschaften, Politologie) Wer trägt fuer diese Entwicklung die Verantwortung? Was ist eine Supervision? Warum wurde der Experte Claus Fussek aus dem Beraterausschuss der Bundesregierung geschasst?
franxinatra 25.11.2014
2. Sehr aufschlussreich!
Wie kann man säumige Heime anschwärzen, ohne dass betroffene Insassen dafür gemobt werden?
haltetdendieb 25.11.2014
3. Wer kann sich denn noch einen Besuch beim Zahnarzt leisten!
Es ist doch nicht nur in Pflegeheimen so. Auch Otto Normalverdiener macht jeder Zahnarztbesuch pleite. Da gehen leicht einige tausend Euro über den Tisch. In den 60gern hat jeder noch ein ganzes Gebiss für seinen Krankenkassenbeitrag bekommen. Wann haben die Krankenkassen ihre Zahler verraten und diesem System Zahnarzt ausgeliefert! Kein anderer Arzt darf und kann so hinlangen wie die Zahnärzte: muss sein, ist gut für Sie usw. Wer sagt da nicht gleich ja und hat den Mut zu widerstehen. Die Krankenkassen haben ihre Mitglieder den Zahnärzten zum Fraß hingeworfen. Zahlen können es schon viele nicht mehr. Und das ist eines der reichsten Länder der Erde.
gmbr 25.11.2014
4. Im Punkto Pflege ist alles...
mangelhaft! Es wird viel Geld ausgegeben und das wenigste kommt bei den Pflegebedürftigen an. Das risige Amtapparat dahinter frisst alles weg.
Kurbelradio 25.11.2014
5.
abgesehen davon, dass Kronen und Prothesen ja auch von den Krankenkassen, die ja so kritisieren, nicht 100 Prozent übernehmen und richtig Geld kosten, das nicht jeder hat, sind Patienten mit Pflegestufe 3 kaum körperlich in der Lage, sich einer Prozedur die da heißt: 1. Zähne präparieren 2. Abdrücke nehmen 3. Provisorien anpassen 4. Anprobe oder Einsetzen 5. Kontrolle zu unterziehen. Sie würden es nicht durchhalten. Ich arbeite in einem Pflegeheim, war Zahnarzthelferin (damals hieß das noch so), und kann sagen: Die Kritik ist nicht wirklich berechtigt. Einen Heimbewohner Stufe III mit einem Patienten zu vergleichen mit Stufe I der zu Hause gepflegt wird, ist Äpfel mit Birnen verglichen. In unser Heim kommt halbjährlich ein Zahnarzt. Der macht die Befunde. Zumindest bei denen, die sich überhaupt in den Mund schauen lassen (Stichwort Demenz). Und dann ist es ein geringer Bruchteil, der sich einer Behandlung unterzieht. Das sind ausnahmslos die Bewohner, die Pflegestufe I oder max. II haben. Der mit III hat andere Sorgen. Schwerwiegendere und auch nicht mehr die körperliche Konstitution, das auszuhalten. Es mag Ausnahmen geben, möglich. Aber es ist nicht die Regel.
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