Bilanz 2016 Pharmafirmen zahlten 562 Millionen Euro an Ärzte

Eine halbe Milliarde Euro hat die Pharmaindustrie 2016 an Ärzte und Kliniken gezahlt. Doch die Transparenz sinkt: Die Empfänger sind deutlich seltener einverstanden, dass ihre Namen bekannt werden.

Nimmt ein Pharmaunternehmen Einfluss darauf, was mein Arzt mir verschreibt?
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Nimmt ein Pharmaunternehmen Einfluss darauf, was mein Arzt mir verschreibt?


Die 54 größten Pharmaunternehmen in Deutschland haben im Jahr 2016 insgesamt 562 Millionen Euro an Ärzte und medizinische Fachkreisangehörige in Deutschland bezahlt. Das teilte der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA), die Lobbyorganisation der Pharmaindustrie, heute in Berlin mit.

Das meiste Geld (356 Millionen Euro) floss dabei als Honorar für die Durchführung von klinischen Studien und Anwendungsbeobachtungen (AWB). 105 Millionen Euro bekamen Ärzte als Vortragshonorar und für die Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen. Mit weiteren 101 Millionen Euro sponserte die Industrie Veranstaltungen und Institutionen.

Eine Unterscheidung zwischen Zulassungsstudien und AWB lehnt die Industrie ab, obwohl AWB unter Wissenschaftlern einen schlechten Ruf haben. Der Grund: Sie dienen häufig dazu, Ärzte mit finanziellen Anreizen dazu zu bringen, ihren Patienten ein ganz bestimmtes Präparat zu verordnen. Die Unternehmen wollen aber weder verraten, wie hoch der Anteil der AWB unter den Studienhonoraren ist, noch, welche Ärzte genau an AWB teilnehmen.

An den Pranger gestellt?

Die Gesamtausgaben der Zahlungen an Ärzte und medizinische Fachkreisangehörige liegen insgesamt rund zwei Prozent unter den Werten des Jahres 2015. Damals hatte die Industrie noch 575 Millionen Euro an insgesamt 70.000 Ärzte in Deutschland gezahlt. Nach Angaben des VfA waren im vergangenen Jahr 31 Prozent der Empfänger bereit, dass die Zahlungen an sie mit der konkreten Summe und der Namensnennung des Arztes auf der Website des Pharmaunternehmens veröffentlicht werden darf. In diesem Jahr erteilten nur noch 25 Prozent ihr Einverständnis, die Daten zu veröffentlichen.

Dass die Zahl der Ärzte dieses Jahr deutlich niedriger ist als im letzten Jahr, liegt nach Ansicht der Hauptgeschäftsführerin des Pharmaverbands, Birgit Fischer, an den Medien. "Es ist schlecht, dass Ärzte, die den Weg der Transparenz gehen, an den Pranger gestellt werden. Im Vorjahr ist das zu unserem Bedauern geschehen", sagte die VfA-Chefin, ohne die Vorwürfe zu konkretisieren. "Hier liegt ein Grund, dass die Zustimmungsquote der Ärztinnen und Ärzte zur namentlichen Veröffentlichung von rund einem Drittel im Vorjahr auf rund ein Viertel in diesem Jahr gesunken ist."

Als im vergangenen Jahr 31 Prozent der Ärzte ihre Zustimmung erteilt hatten, hatte Fischer erklärt, dass die Zahl in den nächsten Jahren steigen werde. "Ich gehe davon aus, dass in Zukunft mehr Ärzte der Transparenz zustimmen werden", sagte Fischer im Juni 2016 und ergänzte: "Heute ist, glaube ich, ein Wert von einem Drittel ein ganz guter Beginn. Die Zustimmungsrate wird sich in Zukunft noch verändern."

US-Ärzte müssen transparent sein

Holger Diener von der pharmaeigenen Freiwilligen Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA) erklärte am Mittwoch, dass ein Rückgang der Transparenz "natürlich zu erwarten" gewesen sei, dennoch liege die Zustimmungsrate "immer noch im erwartbaren Rahmen".

In den USA hatte die Regierung unter Barack Obama im Jahr 2010 ein Gesetz beschlossen, dass die Veröffentlichung der Pharmazahlungen an Ärzte verpflichtend festschreibt. Seit 2013 müssen die Firmen diese Zahlungen veröffentlichen, und Patienten können zum Beispiel nachschauen, wie viel Geld ihr Arzt im vergangenen Jahr von welchem Unternehmen bekommen hat.

In Europa versucht die Pharmaindustrie seit mehreren Jahren, ein solches Gesetz zu verhindern, in dem sie auf eine freiwillige Transparenz pocht. Angesichts einer Zustimmungsquote von mittlerweile nur noch 25 Prozent erscheint dieser Weg aber immer fragwürdiger.

Selbst in der Industrie gibt es Stimmen, die ein Gesetz wie in den USA auch in Deutschland sinnvoll finden, weil damit klare und gleiche Bedingungen für alle gelten würden. Momentan machen ohnehin nur jene Firmen mit, die sich im Pharmaverband VfA zusammengeschlossen haben. Die kleinen und mittleren Unternehmen hingegen, die im Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI) zusammengeschlossen sind, veröffentlichen bisher ebenso wenig ihre Zahlungen an Ärzte und medizinische Fachkreisangehörige wie die großen Generikafirmen oder auch die Homöopathie-Unternehmen.

Im vergangenen Jahr haben SPIEGEL ONLINE und Correctiv die Daten jener Ärzte, die mit der Nennung ihres Namens einverstanden waren, erstmals in einer Datenbank zusammengeführt und veröffentlicht.

Euros für Ärzte

In den kommenden Tagen - bis 30. Juni - wollen die VfA-Firmen nun die einzelnen Namen jener 25 Prozent der Ärzte veröffentlichen, die in diesem Jahr der Transparenz zugestimmt haben.

  • Der Autor ist Chefredakteur des Recherche­zentrums Correctiv. Die Redaktion, mit der SPIEGEL ONLINE kooperiert, finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Ihr Anspruch: Mit gründlicher Recherche Missstände aufzudecken und unvoreingenommen darüber zu berichten. Wenn Sie Correctiv unterstützen möchten, werden Sie Fördermitglied. Informationen finden Sie unter Correctiv-Website.
insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
JerryKraut 21.06.2017
1. Falsch!
Wir, die Versicherten, zahlten über eine halbe Milliarde über im internationalen Vergleich überhöhte Medikamentenpreise. Bei meinen Hausärzten hängt im Eingangsbereich übrigens ein Poster, auf dem sich die Ärzteschaft gegen Regressansprüche verwahrt. Kassieren ja, Verantwortung nein?
Take it or leave it 21.06.2017
2. Wen wundert's?
Der Teil der Ärzte, die naiv genug sind, ihre Daten herzugeben, ohne zu berücksichtigen, dass diese für eine Medienkampagne gegen sie genutzt werden, hat sich eben reduziert. Auch dieser Artikel wird das Misstrauen nicht beseitigen. Wenn nicht einmal zwischen notwendigen klinischen Studien und diesen anrüchigen "Anwendungsbeobachtungens" (...so müsste es nach der Abkürzung AWBs nämlich heissen) getrennt wird, ist die Statistik ohnehin fragwürdig. Bleiben die kritisierten Fortbildungsveranstaltungen, bei denen Teilnahmegebühr und Ausrichtung von der Pharmaindustrie gesponsert werden. Sicher kein Problem mehr, wenn Fortbildungen, zu denen Ärzte gesetzlich verpflichtet sind, und die sie nach der Sprechstunde in ihrer Freizeit oder an den Wochenenden besuchen, künftig von den Krankenkassen ausgerichtet und bezahlt werden. Aber andere Frage: Wie ist das eigentlich mit Interessenskonflikten durch Zuwendungen und Reisen für Journalisten? Gibt es da auch so eine Datenbank? Wo sich der "Spiegel" in den letzten Jahren so durchgefuttert hat? (Bitte mit genauer Angabe der Kosten und der Kalorien ;-)
discprojekt 21.06.2017
3. Also,
der Geldfluss kennt nur die eine Richtung: stetig steigend weg vom Patienten. Dann kommt die Gier. Lobbyisten, Pharmakonzerne, Krankenkassen, und Ärzte teilen sich, mehr oder minder friedlich, die Beute.
Poco Loco 21.06.2017
4. Die Ärzte nutzen ihre Patienten....
....als Laborratten aus, und lassen sich diese "Anwendungstudien" von den Pharmakonzernen fürstlich entlohnen. Wenn man dann noch weiss, dass in Deutschland 5 mal mehr operriert wird wie im europäischen Ausland und das Krankenkassen Ärzte dazu auffordern, die Patienten auf dem Papier kränker zu schreiben als diese eigentlich sind, nur um mehr Geld aus dem Gesundheitsfond zu schöpfen, dann kann man sich denken wie korrupt, gierig und verlogen diese Krankenindustrie mittlerweile geworden ist bzw. immer schon war. Der mündige Bürger muss endlich mal lernen kritisch diese Operrationswut und den Medikamentenverbrauch zu hinterfragen, begreifen dass er zu 90 % ausgenutzt wird und er sollte nicht jedem schlechten Ratschlag von den "Göttern in weiss" und den falschen Versprechen der Pharmakonzerne auf den Leim gehen.
murksdoc 21.06.2017
5. Ähem
Phase IV-Studien sind Anwendungsbeobachtungen nach Zulassung eines Medikaments. Sie sind gesetzlich vorgeschrieben, aber niemand kann gezwungen werden, sie durchzuführen. Wenn Sie die, die sie machen, an den Pranger stellen, macht es entweder gar keiner mehr oder nur für sehr viel mehr Geld. Was haben Sie dann davon?
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