Pille danach Gröhe will Länder von Rezeptfreigabe abbringen

Mit oder ohne Rezept? Der Koalitionsstreit um die Pille danach spitzt sich zu: Gesundheitsminister Gröhe will laut "FAZ" eine Blockade des Bundesrats umgehen. Dieser hatte für die Aufhebung der Rezeptpflicht gestimmt.

Pille danach: Gesundheitsminister Gröhe hält an Rezeptpflicht fest
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Pille danach: Gesundheitsminister Gröhe hält an Rezeptpflicht fest


Berlin - Im Koalitionsstreit über die Rezeptpflicht für die Pille danach will Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) die SPD und die Länder von einer Freigabe des Medikaments abbringen. Das berichtete die "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Samstagsausgabe). Derzeit kann Gröhe mehrere Verordnungen der EU zu anderen Themen der Gesundheitspolitik nur in Kraft setzen, wenn er die Rezeptpflicht für das Notfallkontrazeptivum aufhebt. Diese Blockade hatte der Bundesrat 2013 beschlossen.

Gröhe will diese demnach umgehen und die alten Entwürfe neu vorlegen. "Wir werden die Verordnungen noch einmal in den Bundesrat einbringen", heißt es laut "FAZ" im Bundesgesundheitsministerium. Ziel sei es, die EU-Vorgaben ohne die Länderforderung nach Freigabe der Pille danach beschließen zu lassen. Der Bundesrat hatte im November dafür gestimmt, die Verschreibungspflicht für die Pille danach mit dem Wirkstoff Levonorgestrel aufzuheben.

SPD-Politiker sehen keinen Grund für eine neue Lageeinschätzung. Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) sagte der "FAZ", die Mehrheit der Länder habe für die Verschreibungsfreiheit der Pille danach gestimmt. "Deshalb gibt es für mich keinen Grund, zu einer anderen Einschätzung zu kommen."

Zu dem "FAZ"-Bericht teilte das Gesundheitsministerium lediglich mit, bisher sei zu den Verordnungen kein neues Verfahren eingeleitet worden. Eine Bestätigung dafür, dass dies geplant sei, gab es zunächst nicht.

Die Pille danach ist in der schwarz-roten Koalition umstritten. Während SPD-Politiker ein Ende der Rezeptpflicht fordern, lehnt Gröhe dies mit Verweis auf mögliche schwere Nebenwirkungen ab. Er will an der ärztlichen Beratung festhalten.

Ein Expertenausschuss des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hatte vor kurzem empfohlen, die Verschreibungspflicht für ein Präparat auf Basis des Wirkstoffs Levonorgestrel aufzuheben. Es kann eine Schwangerschaft verhindern, wenn es bis spätestens 72 Stunden nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen wird.

PILLE DANACH: ARGUMENTE FÜR UND GEGEN DIE REZEPTFREIGABE

Pro:

  • Die Arzneimittel-Experten vom BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) haben in einer Prüfung keine medizinischen Argumente gefunden, die zwingend gegen eine Entlassung aus der Rezeptpflicht sprechen.
  • Die Familienberatung pro Familia argumentiert, in ländlichen Gebieten sei der Zugang zu Ärzten am Wochenende, an Feiertagen oder in der Nacht nicht immer gewährleistet.
  • Die Weltgesundheitsorganisation WHO schreibt in einem Factsheet: "Für einen korrekten Gebrauch ist eine medizinische Überwachung nicht notwendig." Die Levonorgestrel-Präparate seien sicher, führten nicht zu einem Schwangerschaftsabbruch und Nebenwirkungen seien selten und normalerweise gering.
  • Der von rot-grünen Bundesländern dominierte Bundesrat hatte im November die Rezeptfreiheit verlangt, um gerade jungen Frauen einen schnellen Zugang zu dem Präparat ohne Arztbesuch zu ermöglichen. Auf diese Weise würden letztlich auch Abtreibungen verhindert.
  • Laut pro Familia gibt es noch immer "sehr viele" Krankenhäuser, die Frauen abweisen, wenn sie die Pille danach haben möchten.

Contra:

  • Die Katholische Kirche argumentiert, das Präparat könne befruchtete Eizellen daran hindern, sich in die Gebärmutterschleimhaut einzunisten. Wissenschaftlich nachgewiesen in das nicht. Deutsche Bischöfe billigen die Pille danach für Vergewaltigungsopfer.
  • Gröhe sagt, das Medikament habe in Einzelfällen schwere Nebenwirkungen und müsse daher von einem Arzt nach ausführlicher Beratung verschrieben werden.
  • Deutsche Frauenärzte warnen ebenfalls vor schweren Nebenwirkungen. Zudem argumentieren sie, dass 50 Prozent der Betroffenen gar keiner Notfallkontrazeption bedürfen. Diese setzten sich umsonst dem Nebenwirkungsrisiko aus.
  • Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery ist ebenfalls für die weitere Rezeptpflicht, weil das deutsche System mit Beratung durch Ärzte so gut funktioniere. Es gebe in Deutschland trotz Verschreibungspflicht die wenigsten Teenager-Schwangerschaften aller Industrieländer der Welt. Zudem werde die Pille danach oft von jungen Mädchen nach dem ersten Geschlechtsverkehr nachgefragt: "Da geht es nicht einfach, dass man eine Pille über den Tresen der Apotheke schiebt."

Warum die Pille danach keine Abtreibung ist

cib/AFP

insgesamt 35 Beiträge
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zypern 21.02.2014
1. pille danach -
da wehren sich die interessenverbände mal wieder, kirche und cdu aus bekannten gründen und ärzte, weil ihnen honorar entgeht. das argument der nebenwirkungen lasse ich nicht gelten, denn bei verschriebenen produkten nimmt man die in kauf.
atech 21.02.2014
2. Notfall-Verhütungsmittel
Zitat von sysopDPAMit oder ohne Rezept? Der Koalitionsstreit um die Pille danach spitzt sich zu: Gesundheitsminister Gröhe will laut "FAZ" eine Blockade des Bundesrats umgehen. Dieser hatte für die Aufhebung der Rezeptpflicht gestimmt. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/pille-danach-groehe-will-blockade-im-bundesrat-umgehen-a-954969.html
mit welchem Recht meint ein Mann namens Gröhe Frauen ein Notfall-Verhütungsmittel vorenthalten zu können, das in anderen Ländern längst rezeptfrei erhältlich ist und dort nachweislich die Abtreibungsrate gesenkt hat? Mit welchem Recht meint Herr Gröhe Frauen, die die Notfall-Pille möglichst innerhalb von 24h nach dem ungeschützten (möglicherweise erzwungenen) Verkehr die Pille danach benötigen, einen Gang zum Arzt aufzwingen zu müssen, der - möglicherweise in einem katholischen Krankenhaus tätig - ihr statt dem Rezept einen Vortrag darüber hält, dass die katholische Kirche jede Art von Verhütung ausser der "natürlichen" Methode ablehnt? Und - falls sie vom (erzwungenen?) Verkehr schwanger sei - es wohl Gottes Wille wäre, dass sie nun ein Kind bekommt? Oder wie will Herr Gröhe sicherstellen, dass JEDER, absolut jeder Arzt, einer Frau, die gerne ein Rezept für die Pille danach hätte, es auch bekommt? Der nächste "Kölner Skandal" scheint vorprogrammiert...
raphaela45 21.02.2014
3. Diese Regierung
ist eine Katastrophe für Frauen (und Kinder!): Mit der Beibehaltung der Rezeptpflicht werden Frauen entmündigt und man hofft, durch den erschwerten/verzögerten Zugang nach Verhütungszwischenfällen mehr (ungewollte!) Schwangerschaften zu provozieren (was immer auch zu Lasten der Kinder geht)...Auf der anderen Seite wird zugelassen, daß die Frauen, die Kinder haben wollen, demnächst keine Betreuung und Geburtshilfe durch Hebammen mehr bekommen können: http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/fehlende-haftpflicht-fuer-hebammen-gefaehrdet-geburten-und-vorsorge-a-954436.html#js-article-comments-box-pager - An diesem Ende ihrer Sexualität werden Frauen ebenfalls entmündigt, in dem sie zur Geburt dann in die verbleibenden, "industriellen" Geburts (abfertigungs) zentren gezwungen werden. - In beiden Fällen profitiert "nebenbei" wer von dieser Politik? Richtig: Die Ärztelobby und die Medizinindustrie. Zufall? - Wohl kaum.
Bonneville78 21.02.2014
4. was reitet den Gröhe?
Von der medizinishcen Seite gibt es doch anscheinend keine Begründung für die Rezeptpflicht. Das sehen doch die zuständigen Stellen bei den Vereinten Nationen, der Euröpäischen Gemeinschaft, des Bundes und ganz vieler anderer nationaler Gesundheits-behörden genauso!? Und selbst Herr Montgommery bestätigt "medizinisch /pharmakologisch keinen Grund für eine Rezeptpflicht". Die Frauen, die mir von ihrem Erlebnis mit dieser Pille erzählt haben, sagen beide "... das machst Du ohne Not kein 2. Mal ...". Also bestimmt keine Gefahr, dass diese Pilleals Ersatz / an Stelle der "Pille davor" genommen wird. Die Zahlen in den Ländern ohne Rezeptpflicht zeigen in die gleiche Richtung. Es geht offensichtlich um die Kontrolle der weiblichen Sexualität. Für Konservative ist die Vorstellung, dass Frauen sich ohne weiteres in erotische Abenteuer stürzen könnten, ohne Angst vor Schwangerschaft, so wie Männer das schon immer tun, ein Gräuel. Die Moral verfällt, überall wird gevö.... , jeder jederzeit mit jeder/jeden. Gott der Herr sieht es mit Grausen .....
raphaela45 21.02.2014
5. Diese Regierung
ist eine Katastrophe für Frauen (und Kinder!): Mit der Beibehaltung der Rezeptpflicht werden Frauen entmündigt und man hofft, durch den erschwerten/verzögerten Zugang nach Verhütungszwischenfällen mehr (ungewollte!) Schwangerschaften zu provozieren (was immer auch zu Lasten der Kinder geht)...Auf der anderen Seite wird zugelassen, daß die Frauen, die Kinder haben wollen, demnächst keine Betreuung und Geburtshilfe durch Hebammen mehr bekommen können: http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/fehlende-haftpflicht-fuer-hebammen-gefaehrdet-geburten-und-vorsorge-a-954436.html#js-article-comments-box-pager - An diesem Ende ihrer Sexualität werden Frauen ebenfalls entmündigt, in dem sie zur Geburt dann in die verbleibenden, "industriellen" Geburts (abfertigungs) zentren gezwungen werden. - In beiden Fällen profitiert "nebenbei" wer von dieser Politik? Richtig: Die Ärztelobby und die Medizinindustrie. Zufall? - Wohl kaum.
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