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10. Januar 2013, 16:31 Uhr

Verhütung

"Männer sind bequem"

Die Datenlage für die Männerpille ist noch nicht sicher genug. Eberhard Nieschlag, Ex-Direktor des Instituts für Reproduktionsmedizin der Universität Münster, forscht seit Jahrzehnten daran - und erklärt im Interview, was die Pille für den Mann verhindert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Nieschlag, sie wurde so oft angekündigt - warum gibt es die Pille für den Mann noch nicht?

Nieschlag: Weil es bisher nicht genügend Forschung gab und die Pharmakonzerne sich zurückhalten.

SPIEGEL ONLINE: 2011 hat die WHO in einer großen klinischen Studie, die sich weltweit über zehn Zentren erstreckte, ein Empfängnisverhütungsmittel an Männern getestet. Erfolgreich. Trotzdem wurde die Studie abgebrochen. Warum?

Nieschlag: Zunächst einmal: Die erwünschte Wirkung des Testosteron- und Gestagen-Kombi-Präparates war sehr gut, die Spermienzahl der Probanden sank unter den kritischen Bereich. Aber es gab offenbar Nebenwirkungen.

SPIEGEL ONLINE: Welche waren das?

Nieschlag: Es waren angeblich in erster Linie psychische Störungen wie Depressionen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen angeblich - warum?

Nieschlag: Weil wir das bis heute noch immer nicht so genau wissen. Manche der beteiligten Zentren haben ihre Daten noch nicht vorgelegt. Die Nebenwirkungen in den einzelnen Zentren waren sehr unterschiedlich ausgeprägt. Das macht mich stutzig, denn es zeigt, dass die Nebenwirkungen offenbar nicht einheitlich bewertet wurden. Ob man es wirklich mit einer echten Depression zu tun hatte oder vielleicht nur mit einer Stimmungsschwankung - dafür waren die Standards vorher offenbar nicht ausreichend genug einheitlich festgelegt worden. Wir haben in Münster Vorversuche zu dieser Studie mit dem gleichen Präparat gemacht. Depressionen haben wir keine feststellen können.

SPIEGEL ONLINE: War es voreilig, die Studie abzubrechen?

Nieschlag: Man hätte das gute Ergebnis retten und versuchen können, über die Dosierung die Nebenwirkungen in den Griff zu kriegen.

SPIEGEL ONLINE: Ein weiterer Umstand ist bemerkenswert: In der Gruppe der Männer, die nur ein Placebo erhielten, klagten viele über die gleichen Nebenwirkungen.

Nieschlag: Auch hier warten wir noch auf die genauen Zahlen, deswegen muss man da vorsichtig sein mit Interpretationen. Aber es bestärkt mich in der Annahme, dass auf Seiten der WHO-Kommission, die die Studie suspendiert hat, zu wenig Erfahrungen mit derartigen Studien vorhanden war.

SPIEGEL ONLINE: Die Nebenwirkung Depression kennen Frauen doch von ihrer Pille schon lange. Warum stellen wir Männer uns so an?

Nieschlag: Oder besser gefragt: Warum stellten sich die Gutachter der WHO-Studie so an?

SPIEGEL ONLINE: Waren das denn alles Männer?

Nieschlag: Ja. Und keiner von ihnen hatte Erfahrungen mit Studien zu männlicher Verhütung. Und da kommen dann auch noch finanzielle Interessen mit ins Spiel, die im Übrigen auch ein Grund sind, warum wir die Pille für den Mann noch immer nicht haben: Die Gynäkologen fürchten schlicht Konkurrenz. Die Urologen wiederum haben Angst, dass die lukrativen Vasektomien durch die Pille für den Mann ins Hintertreffen geraten könnten. Das sind nicht nur Behauptungen von mir, das lässt sich belegen. In Japan haben Gynäkologen jahrzehntelang die Einführung der Pille für die Frau verhindert, weil sie mit Abtreibungen viel besser verdient haben als mit Pillenverschreibungen.

SPIEGEL ONLINE: Erklärt das auch das Desinteresse der Pharmakonzerne?

Nieschlag: Natürlich, die Pille für die Frau ist immer noch ein Blockbuster. Weshalb sich selbst Konkurrenz machen? Außerdem: Mit ihren Nebenwirkungen haben die Konzerne schon genug Probleme. Wieso sich also auf ein neues Wagnis einlassen?

SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren, dass die Männer die Verhütung kampflos an die Frauen abgegeben haben. Woran liegt das?

Nieschlag: Damit meine ich weniger die Verhütung sondern die "reproduktive Oberhoheit". Männer sind bequem und offenbar nicht dazu bereit, im gleichen Maße Verantwortung zu übernehmen wie die Frauen. Zudem hat die Natur die Risiken ungleich verteilt: Eine Frau kann an einer Schwangerschaft sterben. Männer müssen im schlimmsten Fall Alimente zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Es fehlt auch an Vorkämpfern für die Männerpille, schreiben Sie. Glauben Sie nicht, dass das auch daran liegen könnte, dass Männer die Männerpille mit Impotenz gleichsetzen?

Nieschlag: Nein, das haben wir schon lange im Griff. Im Gegenteil: Bei unseren Studien gab es auch immer wieder Studienteilnehmer, die von einer erhöhten Erektionsfähigkeit berichteten.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht ist es aus medizinischer Sicht kein Problem. Aber stellen Sie sich einen Boris Becker oder einen Dieter Bohlen vor, die für eine Männerpille werben. Glauben Sie nicht, dass die sich um ihr Image als Frauenhelden sorgen?

Nieschlag: Das kann natürlich sein. Aber vielleicht würden sie noch mehr Zulauf bekommen, wenn die Frauen wüssten, dass sie von den Herren nicht schwanger werden können. In früheren Jahrhunderten waren Kastraten bei Frauen auch höchst begehrte Liebesgespielen.

SPIEGEL ONLINE: Was bleibt uns Männern - außer Vasektomie und Kondom?

Nieschlag: Nicht viel. Und eigentlich sind Kondome auch keine Alternative. Sie sind viel zu unsicher.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Hodenbaden?

Nieschlag: Das bringt nicht viel. Es gab noch weitere Studien dazu in den USA. Die Spermienzahl sank aber nicht ausreichend genug.

SPIEGEL ONLINE: Ich habe gehört, dass Papaya-Samen bei Männern zeugungsverhütend wirken sollen.

Nieschlag: Ach, es tauchen immer wieder irgendwelche Mittelchen auf. Erst kürzlich las ich etwas von einer indonesischen einheimischen Pflanze. Es ist immer das gleiche: Man liest einmal was und dann kommt nichts mehr nach. Wenn es da ein wirkungsvolles Mittel gäbe, hätte es die Naturmedizin doch schon längst eingesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Wunsch an die Männerschaft?

Nieschlag: Übernehmt Verantwortung, entlastet die Frauen und spielt eine aktivere Rolle bei der Familienplanung.

Das Interview führte Jens Lubbadeh

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