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30. August 2012, 15:16 Uhr

Die Pille gegen Akne

Verbotene Versprechen

Von Marita Vollborn und Vlad Georgescu

Die Pille dient zur Verhütung? Nicht nur: Pharmahersteller und Ärzte preisen sie gerne auch als Mittel gegen Akne und fettige Haut an. Vor allem junge Mädchen werden so in die Frauenarztpraxen gelockt. Dabei ist diese Art der Werbung untersagt - doch die gängige Methode wird stillschweigend geduldet.

Den ersten Bericht über die Pille als Mittel gegen Akne las Nadine* in der Online-Ausgabe der "Bravo", danach besuchte die 15-Jährige erstmals eine Frauenärztin. Nicht Sex oder die Aussicht auf einen Freund trieben das Mädchen ohne Wissen der Eltern zur Gynäkologin - sondern die Hoffnung auf eine bessere Haut.

Was folgte, war ein Fünf-Minuten-Gespräch. Ob Thrombosen und Stoffwechselerkrankungen in Nadines Familie vorlägen, wollte die Ärztin kurz wissen. Dann stellte sie das Rezept für ein orales Verhütungsmittel aus und drückte ihr eine Infobroschüre "Über die Liebe und über die Pille" in die Hand.

Verfasst ist diese Schrift vom Verein der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau ÄGGF. Vertrieben wird sie vom Gynäkologie-Service von Gedeon Richter, einem in Budapest ansässigen Pharmakonzern. Die Broschüre informiert über die Pille als Verhütungsmittel - wirbt aber auch mit dem dermatologischen Nutzen der Pille: "Wenn du Probleme mit der Haut hast, zum Beispiel unreine oder fettige Haut und Akne, dann lässt sich das durch bestimmte Pillen deutlich lindern."

Keine Pille ist gegen Akne zugelassen

Was sich in zahlreichen Frauenpraxen abspielt, betrachten Zulassungsbehörden und Ärzte mit großer Sorge. Der Grund: Laut Heilmittelwerbegesetz (HWG) ist die Bewerbung von Medikamenten verboten, wenn diese für die entsprechende Indikation nicht zugelassen sind. Wie jedoch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bestätigt, ist in Deutschland kein orales Verhütungsmittel bei Patientinnen unter 18 Jahren als Medikament gegen Akne oder sprödes Haar zugelassen. Wer also als Arzt oder Hersteller Mädchen unter 18 Jahren die Pille zur Bekämpfung von Akne empfiehlt, handelt juristisch illegal.

Auf Anfrage bestätigt Gedeon Richter, Initiativen der ÄGGF zur Sexualaufklärung, wie etwa die Infobroschüre, zu unterstützen. Gleichzeitig räumt das Unternehmen in der Stellungnahme ein, dass eine explizite Zulassung der Pille als Mittel gegen Akne bei Mädchen im Teenie-Alter nicht existiert: "Klinische Studien werden entsprechend der gesetzlichen Regelung grundsätzlich nicht bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren durchgeführt."

Verschreiben Ärzte die Pille, nur weil die jungen Mädchen sich weniger Pickel wünschen, droht schlimmstenfalls noch ein weiterer Gesetzesverstoß: Trägt eine Jugendliche aufgrund unerwünschter Nebenwirkungen der Pille gesundheitliche Schäden davon, so sei auch der Tatbestand der fahrlässigen Körperverletzung erfüllt, erklärt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Braunschweig.

Ermittlungen gegen Pharmahersteller und Arztpraxen, die die Pille als Akne-Mittel propagieren, sind bisher nicht bekannt. Dabei gibt es immer wieder Berichte von unerwünschten Nebenwirkungen. So lagen dem BfArM am 13. August 2012 insgesamt 110 Meldungen zu unerwünschten Nebenwirkungen bei Mädchen im Alter von 12 bis 15 Jahren unter der Anwendung oraler Kontrazeptiva vor. Allein die Kategorie "Gefäßerkrankungen" brachte es auf 56 Berichte, gefolgt von "Erkrankungen des Nervensystems" (21 Berichte). Das aber seien womöglich nur zehn Prozent der tatsächlich existierenden Fälle, sagt eine Sprecherin des BfArM. "Die Dunkelziffer ist leider nach wie vor sehr hoch."

Junge Mädchen wissen kaum um die Nebenwirkungen Bescheid

Der drohenden Nebenwirkungen dürften sich junge Mädchen kaum bewusst sein. Es liegt also in der Hand von seriösen Frauenärzten, ihre jungen Patientinnen verantwortungsvoll aufzuklären. Und diese müssen verstehen, was die Ärzte ihnen erklären. Zudem erschwert die ärztliche Schweigepflicht das Aufklärungsgespräch. Schon mit 16 Jahren darf eine Jugendliche darauf bestehen, ohne Wissen der Eltern die Pille zu erhalten. Eltern aber könnten dem Arzt wichtige Informationen zu bestehenden Familienerkrankungen liefern, oder ihm Hinweise geben, inwieweit ihre Kinder die Pille nur aus kosmetischen Gründen haben möchten.

Auch Pharmahersteller Bayer, dessen orale Verhütungsmittel Yasmin, Yaz und Yasminelle mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr Umsatz einbringen, stellt auf seiner Website Pille.com die Frage "Schönere Haut. Aber wie?" und liefert die Antwort: "Die Einnahme mancher Pillen kann Problemen wie fettiger Haut und fettigem Haar entgegenwirken."

Aufgrund welcher Zulassungen der Konzern die dermatologischen Vorteile der Pille bewirbt, erklärt ein Bayer-Sprecher lediglich: Alle drei Bayer-Präparate "werden von uns in Deutschland weder in der Indikation Akne noch in anderen dermatologischen Indikationen vermarktet".

Auch im Internet findet man eine massive Bewerbung der Pille als Helfer gegen Pickel. Allein das Forum Aknewelt.de führt auf seiner Homepage gleich fünf Präparate auf. Die Arzneimittelhersteller Schering und Jenapharm dürften sich über die wundersame PR für ihre dort namentlich vorgestellten Verhütungspräparate freuen. Am Ende der Medikamenten-Aufzählung schreibt die 13-jährige "Ani": "Letzte Woche hat mir meine Hausärztin nun nahegelegt, es mit der Pille zu versuchen, oder mit Aknenormin, hat jemand von euch da Erfahrungen und könnte mir Tipps geben?" Die Botschaft "Pille gegen Akne" hat sich im Netz längst verbreitet. Wer die Begriffe bei Google sucht, erhält rund 174.000 Treffer.

"Die Vermutung liegt nahe, dass Pharmakonzerne die Absatzzahlen ihrer Präparate möglichst hoch halten möchten", sagt Thomas Heinemann, Mitglied des Deutschen Ethikrats. Zur Taktik der Vermarktungsstrategien von Pharmakonzernen gehörten auch Strategien, um geltende Normen über den "Kundenwunsch" zu beeinflussen. Deshalb fordert der Mediziner: "Solchen Versuchen müssen Ärzte, ärztliche Standesvertretungen und die Zulassungsbehörden einmütig abwehren."

Alles zum Thema Pille und was man über das Verhütungsmittel wissen sollte, lesen Sie hier.

Anmerkung der Redaktion: Inzwischen hat Bayer die Informationsseite über die Effekte der Pille auf die Haut vom Netz genommen.


*Name von der Redaktion geändert

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