Streit um Pille "Yasminelle" Frau scheitert mit Klage gegen Pharmakonzern Bayer

Weil sie nach der Einnahme der Antibabypille eine Lungenembolie erlitt, verklagte eine Frau vor sieben Jahren Bayer auf 200.000 Euro Schmerzensgeld. Ein Landgericht wies diese Forderung nun zurück.

DPA


Seit sieben Jahren kämpft die heute 34-jährige Felicitas Rohrer vor Gericht gegen Bayer. Sie macht Nebenwirkungen der von dem Konzern vertriebenen Verhütungspille "Yasminelle" für eine erlittene Lungenembolie verantwortlich. Nun wurde ihre Klage vom Landgericht Waldshut-Tiengen abgewiesen.

Die gesundheitlichen Probleme der Frau seien nicht zweifelsfrei auf die Einnahme der Antibabypille zurückzuführen, entschied das Gericht. Weil auch andere Ursachen möglich seien, habe Rohrer keinen Anspruch auf Schmerzensgeld. Zudem müsse sie einen Großteil der Kosten des Prozesses tragen.

Felicitas Rohrer 2015 bei einem Gerichtstermin.
DPA

Felicitas Rohrer 2015 bei einem Gerichtstermin.

Die frühere Tierärztin aus dem Ortenaukreis erlitt im Juni 2009 eine beidseitige Lungenembolie sowie einen Kreislaufzusammenbruch mit Herzstillstand, der beinahe zum Tod geführt hätte. Rohrer ist davon überzeugt, dass dieser Notfall als Nebenwirkung des Wirkstoffs Drospirenon auftrat, der in der Pille "Yasminelle" enthalten ist.

Weil der Hersteller ihrer Meinung nach nicht ausreichend über das Thrombose-Risiko informierte, hat sie Bayer 2011 auf mindestens 200.000 Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld verklagt. Bei einer Thrombose bildet sich ein Blutgerinnsel, das anschließend wie bei der Frau durch die Blutbahn wandern und wichtige Gefäße etwa in der Lunge verschließen kann.

"Mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Pille zurückzuführen"

Im Laufe des Verfahrens hat das Gericht einen Gutachter zu dem Fall gehört. Dieser sollte erläutern, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen der Einnahme der Pille und der Lungenembolie gab. Die lebensgefährliche Krankheit der Frau sei mit großer Wahrscheinlichkeit auf die vorherige Einnahme der Pille zurückzuführen, sagte der Mediziner. Andere Ursachen seien sehr unwahrscheinlich. Sie könnten jedoch nicht zweifelsfrei ausgeschlossen werden.

Nach dem Gutachten blieben viele Fragen offen, sagte die Richterin Claudia Jarsumbek, der Fall sei komplex und schwierig. Im Oktober rief das Gericht die Kontrahenten deshalb zu einer außergerichtlich Einigung auf. Dieser Aufforderung sei jedoch keiner der Beteiligten gefolgt, sagte die Richterin.

Um auf die Gefahren durch hormonelle Verhütung aufmerksam zu machen, hat Felicitas Rohrer gemeinsam mit drei anderen Thrombose-geschädigten Frauen die Initiative "Risiko Pille" ins Leben gerufen. Inzwischen wird bei Präparaten, die den Wirkstoff Drospirenon enthalten, deutlicher auf das Risiko hingewiesen.

Insgesamt ist die Gefahr gering, durch hormonelle Verhütung eine Thrombose zu entwickeln. Ein 2014 veröffentlichter Rote-Hand-Brief nennt folgende Zahlen zum Risiko:

Risiko tiefer Venenthrombosen und Lungenembolien bei Einnahme von Pillen mit folgenden Gestagenen (kombiniert mit Östrogen)

Gestagen Geschätze Fälle pro 10.000 Frauen pro Jahr
Nichtschwangere, die keine Pille nehmen 2
Levonorgestrel 5 bis 7
Norgestimat 5 bis 7
Norethisteron 5 bis 7
Etonogestrel 6 bis 12
Norelgestromin 6 bis 12
Drospirenon 9 bis 12
Desogestrel 9 bis 12
Gestoden 9 bis 12
Chlormadinonacetat noch unklar
Dienogest noch unklar
Nomegestrolacetat noch unklar

Typische Symptome einer Thrombose sind Schwellungen am Fußknöchel oder am Bein, die Wade kann schmerzen wie bei einem Muskelkater, manchmal verfärbt sich die Haut bläulich.

mah/irbdpa



insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
martinhaidegger 20.12.2018
1. Wichtige Informationen werden nicht genannt!
Laut Badischer Zeitung wurde nicht ein, sondern es wurden drei medizinische Gutachten eingeholt, die keine Klärung zuließen! Außerdem lagen bei der Klägerin laut Südkurier gesundheitliche Faktoren vor, die mit einem erhöhten Thromboserisiko einhergehen!
lincoln33t 20.12.2018
2. In den USA hätte sie das 10fache bekommen
Bei uns hat der Endverbraucher keine Rechte.
brux 20.12.2018
3. @ 1
Danke für die Hinweise. In solchen Fällen sollten Journalisten wirklich besser recherchieren und sich mit dem Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität vertraut machen.
biofri 20.12.2018
4. Und wie ist es mit Rauchen?
Bei vielen Antibabypillen wird ausdrücklich davor gewarnt, zu rauchen, weil dies ein zusätzlicher Risikofaktor für Embolien ist. Mich würde schon sehr interessieren, ob die Patientin Raucherin war. Alle Antibabypillen haben ein prinzipielles, wenn auch geringes Risiko, für Lungenembolie. Ich kann mich sehr gut darin erinnern, dass dies von jedem Gynäkologen gesagt wird und auch auf jedem Beipackzettel steht. Wie ein Gutachter herausfinden soll, welcher der möglichen Risikofaktoren ursächlich für eine Emolie war, ist und bleibt mir ein Rätsel.
Nania 20.12.2018
5.
Zitat von biofriBei vielen Antibabypillen wird ausdrücklich davor gewarnt, zu rauchen, weil dies ein zusätzlicher Risikofaktor für Embolien ist. Mich würde schon sehr interessieren, ob die Patientin Raucherin war. Alle Antibabypillen haben ein prinzipielles, wenn auch geringes Risiko, für Lungenembolie. Ich kann mich sehr gut darin erinnern, dass dies von jedem Gynäkologen gesagt wird und auch auf jedem Beipackzettel steht. Wie ein Gutachter herausfinden soll, welcher der möglichen Risikofaktoren ursächlich für eine Emolie war, ist und bleibt mir ein Rätsel.
Das habe ich mich schon zu Beginn der Berichterstattung gefragt. Vor allem, da Thrombosen selbst auch völlig ohne die klassischen Risikofaktoren entstehen können. Mein Vater hatte eine, war zu jung, ist Nichtraucher, verhältnismäßig sportlich, schlank, nahm bis dato keine Medikamente und dennoch... Zum Glück ist alles gut gegangen und es blieb bei "nur" einer Not-OP. Auch weiß ich nicht, wie es sein kann, dass diese Frau von dem Thromboserisiko nichts wusste. Meine Frauenärzte haben schon vor rund 15 Jahren darauf hingewiesen und in meiner Packungsbeilage stand das als ein Risikofaktor auch immer schon drin.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.