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09. Januar 2013, 14:07 Uhr

Säurehemmer

Mediziner kritisieren sorglosen Einsatz von Magenschutzmitteln

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Trotz Stress und Medikamenten soll die Magenschleimhaut nicht bluten: Dafür bekommen viele Klinikpatienten vorsorglich einen Magenschutz. Doch Kritiker fürchten, dass die Säurehemmer häufig unnötigerweise zum Einsatz kommen. Jetzt haben Mediziner herausgefunden, für wen sich die Mittel lohnen.

Das Konzept klingt verlockend einfach: Der Patient im Krankenhaus ist Stress ausgesetzt, er bekommt Medikamente, muss Untersuchungen über sich ergehen lassen. Stress, Schmerzmittel, Eingriffe - verschiedene Faktoren können die empfindliche Magenschleimhaut angreifen und Blutungen auslösen, die schlimmstenfalls tödlich enden können. Sollte deshalb nicht einfach jeder Patient einen Magenschutz erhalten?

Zum Einsatz kommen die Wirkstoffe Omeprazol, Pantoprazol und Esomeprazol. Einige gibt es mittlerweile auch ohne Rezept in der Apotheke. Sie sind seit Jahren auf dem Markt, erprobt und grundsätzlich gut verträglich. Dennoch kritisieren Ärzte immer wieder, dass die sogenannten Protonenpumpeninhibitoren (PPI), auch Säurehemmer genannt, allzu sorglos eingesetzt würden.

Jetzt haben US-Mediziner in einer großen Beobachtungsstudie untersucht, welche Patienten von Magenschutzmitteln profitieren. Bisher gilt nur als gesichert, dass schwerkranke Patienten die Wirkstoffe in jedem Fall bekommen sollten. Zwar gibt es keine allgemeine Empfehlung, jedem Patienten PPI zu geben - doch auch in Deutschland werden die Wirkstoffe großzügig eingesetzt. Welche Risikofaktoren den Einsatz von PPI rechtfertigen, wollten Shoshana Herzig und ihre Kollegen von der Harvard University herausfinden.

Punktesystem für das Blutungsrisiko

Dazu untersuchten die Mediziner die Daten von mehr als 75.000 Patienten, die zwischen 2004 und 2007 ins Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston im US-Bundesstaat Massachusetts eingeliefert worden waren. Sie analysierten, was die 203 Patienten, bei denen es zu einer Magenblutung kam, von den nicht betroffenen unterschied - und wie viele Patienten man mit PPI behandeln müsste, um eine Magenblutung zu verhindern. Anschließend entwickelten sie ein einfaches Punktesystem, anhand dessen sich das Risiko für eine Magenblutung schätzen lässt.

Im Ergebnis erhöht sich das Blutungsrisiko für Männer, Patienten über 60 Jahren, solche mit akutem Nierenversagen oder Lebererkrankungen, einer Blutvergiftung (Sepsis), Menschen die vorsorglich mit Blutverdünnern behandelt werden oder die an einer Gerinnungsstörung leiden - und alle Patienten, die nicht in der Chirurgie, Frauenheilkunde, Neurologie oder Psychiatrie behandelt werden. Insgesamt ist das Risiko für eine Magenblutung für Patienten sehr gering.

Im Fachmagazin "Journal of General Internal Medicine" berichten die Studienautoren, in der Patientengruppe mit dem höchsten Risiko für eine Magenblutung müssten weniger als 100 Patienten mit einem Protonenpumpenhemmer behandelt werden, um eine Magenblutung zu verhindern - damit übertreffe der Nutzen den durch Nebenwirkungen drohenden Schaden zumindest in dieser Patientengruppe. Insgesamt müssten bei Anwendung des in der Studie entwickelten Punktesystems nur 13 Prozent der Krankenhauspatienten einen PPI schlucken.

Rezeptfrei bedeutet nicht nebenwirkungsfrei

Allerdings hat die Studie Schwächen, wie die Autoren zugeben: Die Daten stammen aus nur einem Krankenhaus und sind deshalb nicht ohne weiteres auf andere Kliniken übertragbar. Die Studie gehört nicht zur qualitativ hochwertigsten Form, bei der Patientengruppen mit und ohne Behandlung verglichen werden. Weil Magenblutungen insgesamt selten sind, wäre eine solche Studie sehr teuer.

Der von den US-Forschern entwickelte Risiko-Score kann vor allem für Krankenhausärzte hilfreich sein, die wissen wollen, ob sie ihren Patienten einen Magenschoner verabreichen sollen oder nicht. Für die Patienten dagegen wird es vor allem außerhalb des Krankenhauses interessant: Nach der Entlassung sollten sie gemeinsam mit dem Hausarzt überlegen, ob ein in der Klinik angesetzter Protonenpumpenhemmer weiter notwendig ist. Laut Arzneimittelreport 2012 hat sich der PPI-Verbrauch in Deutschland in nur zehn Jahren verfünffacht. Demach nimmt zwar auch die sogenannte Refluxkrankheit zu, die mit PPI behandelt wird. Allerdings nicht im gleichen Ausmaß.

Bereits 2008 beklagte das Fachblatt "Arzneimittelbrief", PPI würden zu sorglos verschrieben und dauerhaft eingenommen. Damals waren die Protonenpumpenhemmer in Deutschland nur auf Rezept erhältlich, und das Journal sprach sich gegen die Freigabe aus. Zu häufig würden Menschen behandelt, obwohl sie gar keine Magenbeschwerden hätten.

Bremse für die Magensäure

Dabei drohten bei langfristiger Einnahme Nebenwirkungen wie etwa häufigere Knochenbrüche oder schwerwiegende Magen-Darm-Infektionen mit Keimen wie dem Bakterium Clostridium difficile. Auslöser ist der Wirkmechanismus der Arzneimmittel: Die Stoffe hemmen die Magensäureproduktion um bis zu 98 Prozent. In der Folge kann Kalzium aus der Nahrung unter Umständen nicht mehr ausreichend aufgenommen werden, und Bakterien überleben im nicht mehr so sauren Magen.

Außer Frage steht die Behandlung mit den Magenschonern bei der Refluxkrankheit, die zu ausgeprägtem Sodbrennen durch aufsteigende Magensäure führt, oder bei Magengeschwüren. Allerdings sollten auch bei diesen Krankheiten die Wirkstoffe nicht automatisch dauerhaft oder gar lebenslang eingenommen werden.

Bei Patienten, die regelmäßig Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure (ASS, Aspirin) oder Ibuprofen einnehmen müssen, sind Protonenpumpenhemmer ebenso erforderlich wie bei Patienten, die im Krankenhaus operiert oder auf Intensivstationen behandelt werden. Die täglichen Behandlungskosten liegen, wenn Generika verwendet werden, für jeden Patienten bei unter 30 Cent täglich.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes wurde im letzten Absatz in der Aufzählung der Schmerzmittel, die einen Magenschutz notwendig machen, auch der Wirkstoff Metamizol genannt. Metamizol wird nicht als ebenso magenschädigend eingestuft wie ASS und Ibuprofen. Wir haben Metamizol daher aus der Aufzählung entfernt und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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