Psychologische Beratung für Flüchtlinge Endlich jemand zum Reden

Geflüchtete haben oft Furchtbares erlebt, werden damit nach ihrer Ankunft in Deutschland aber häufig allein gelassen. Ein Projekt bildet Menschen zu psychosozialen Betreuern aus, die selber Fluchterfahrungen gemacht haben.

Beratungsgespräch bei Soul Talk
Krankenhaus St. Josef 

Beratungsgespräch bei Soul Talk


Salah beginnt das Gespräch auf Arabisch, mit einer einfachen Frage: "Wie geht es dir?" "Mnieha", antwortet Farid, und macht dabei mit seinen Händen abwägende Bewegungen. "Es geht."

Farid war 16 Jahre alt, da überlebte er in seiner Heimat Algerien nur knapp ein Bombenattentat - zwei seiner Freunde starben. Seitdem braucht er Medikamente, um schlafen zu können. Später hatte er sich für Regimekritiker eingesetzt und wurde dadurch selbst zum Verfolgten. Er floh nach Deutschland. Salah ist als psychosozialer Berater für das Projekt Soul Talk angestellt und Farid ist einer der Klienten, die er betreut.

Es ist das erste Projekt, das Ärzte ohne Grenzen jemals in Deutschland gestartet hat. Die Organisation ist sonst vor allem in Krisenregionen tätig. Für Soul Talk werden seit März 2017 Menschen zu psychosozialen Beratern ausgebildet, die nicht nur die Sprache der Flüchtlinge sprechen, sondern auch aus dem gleichen oder einem ähnlichen Kulturkreis kommen - und selbst eine Flucht erlebt haben.

  • Dieser Text ist Teil des Projekts "Rethink Health". Dabei veröffentlichen fünf Redaktionen weltweit über einen Zeitraum von drei Wochen im Oktober Texte zum Thema Gesundheit. Zum Beispiel zur Frage, wie wir angesichts einer sich rasant ändernden Welt gesund bleiben können, wie diese neue Welt aber auch neue Möglichkeiten der Gesundheitsversorgung bietet. Die teilnehmenden Medien sind "Der Spiegel", "El País", "The Sunday Times", "The Nation" und "The Hindu".

Das Konzept wurde eigentlich für Flüchtlingslager in Krisengebieten entwickelt, wo Ärzte ohne Grenzen normalerweise tätig wird. Doch die Organisation für medizinische Nothilfe sah hierzulande Handlungsbedarf: Weil auch in Deutschland psychologischer Beistand für Flüchtlinge kaum zugänglich ist. Ärzte ohne Grenzen rief Soul Talk ins Leben, zusammen mit dem Krankenhaus St. Josef in Schweinfurt. Angesiedelt ist es in der dortigen Erstaufnahmeeinrichtung, seit August "Anker"- Zentrum genannt.

Salah war einer der ersten drei Berater, die für Soul Talk geschult und eingestellt wurden. Er kommt aus Syrien, dort war er Englischlehrer. Die Klienten nennen ihn trotzdem "Doktor Salah", ein Zeichen der Anerkennung. Als Salah nach Deutschland kam, musste er die ersten Monate alleine in einer Flüchtlingsunterkunft verbringen, obwohl seine Frau und Kinder bereits hier lebten. Er weiß deshalb, wie schwer es ist, den Alltag in der Fremde, Sprachkurse und Behördengänge zu meistern, wenn einen Ängste, Probleme und Hoffnungslosigkeit zu erdrücken drohen. Als Familienvater verbarg er damals seine Sorgen: "Ich dachte mir, du musst stark sein." Ein Angebot wie das von Soul Talk, das hätte er damals selber gebraucht, sagt Salah.

Während Salah mit Farid spricht, beginnt ein Stockwerk gerade die Ausbildung von drei neuen Beratern. Die Schulungsblöcke dauern insgesamt gerade einmal drei Wochen, der Rest ist "training on the job" - die Berater arbeiten später eng mit Psychologinnen zusammen. Genau wie Salah sollen sie aber hier zunächst lernen, wie man zum guten Zuhörer wird, Klienten beim Problemlösen unterstützt und ihnen Techniken zu Stressbewältigung vermittelt. Und wie man es schafft, sich innerlich abzugrenzen von all den Geschichten über Not und Leid.

Gesamtteam ASG - SoulTalk
Krankenhaus St. Josef

Gesamtteam ASG - SoulTalk

Eine wichtige Aufgabe der Berater ist außerdem das, was Psychologen das Stärken von Ressourcen nennen. Sie finden gemeinsam mit den Klienten heraus, welche von deren Fähigkeiten oder Eigenschaften ihnen bei der Bewältigung von schwierigen Situationen helfen können, oder dabei, sich besser zu fühlen.

So brachte zum Beispiel Salah Farid auf die Idee, für andere Geflüchtete zu dolmetschen: Weil er gut arabisch und französisch spricht, und sich schon immer für andere eingesetzt hatte. Und er ermutigte ihn, mehr rauszugehen, denn Farid fehlen soziale Kontakte. In Algerien hat er keine Eltern mehr und keine Geschwister - hier in Deutschland kennt er keinen. Ein Zimmergenosse wurde zum Freund, doch den holte nachts die Polizei, um ihn abzuschieben. Neben den Gesprächen mit Salah haben Farid die Gruppensitzungen mit den anderen Geflüchteten geholfen, die Teil des Programms sind. "Dort habe ich gesehen, dass es vielen genauso geht wie mir. Es ist nicht gut, immer mit seinen Problemen allein zu sein", sagt Farid.

"Es geht nicht darum, Traumata aufzuarbeiten"

Nach Schätzungen von Ärzte ohne Grenzen hat die Hälfte der in den letzten Jahren nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge schwer traumatische Erfahrungen gemacht. Sie waren Gewalt und Lebensgefahr ausgesetzt - entweder in ihrer Heimat oder auf der Flucht. "Es geht uns aber nicht darum, Traumata aufzuarbeiten", sagt Hannah Zanker, eine der zwei Psychologinnen, die die Arbeit der Berater überwachen: "Es geht uns darum, im Hier und Jetzt Unterstützung zu leisten und die Klienten zu stabilisieren." Die drängendsten Probleme im Alltag der Geflüchteten sind die Einsamkeit, die Sorge um Angehörige in der Heimat, die ständige Ungewissheit, ob sie bleiben dürfen. Sie leiden unter Schlafstörungen, Ängsten und gedrückter Stimmung.

Das Projekt Soul Talk
    Soul Talk startete 2017 als gemeinsames Projekt von Ärzte ohne Grenzen und dem Krankenhaus St. Josef in Schweinfurt. Es ist ein niedrigschwelliges Angebot zur psychosozialen Betreuung von Flüchtlingen. Umgesetzt wird ein Konzept, das Ärzte ohne Grenzen für Krisenregionen entwickelt hat. In einer dreiwöchigen Schulung werden Menschen zu psychosozialen Beratern ausgebildet, die selber Fluchterfahrungen gemacht haben, und dieselben Sprachen wie die Geflüchteten sprechen. Psychologische Vorkenntnisse sind dabei nicht erforderlich, die Berater arbeiten aber stets eng mit zwei Psychologinnen zusammen und nehmen regelmäßig an Fortbildungen teil. Mittlerweile finanziert das St. Josef Krankenhaus das Projekt alleine. Ärzte ohne Grenzen erhofft sich, dass sich deutschlandweit Nachahmer für das Modellprojekt finden.

Zanker bespricht die einzelnen Fälle mit den Beratern und entscheidet, welche Geflüchteten intensivere Hilfe brauchen, etwa weil sie selbstmordgefährdet sind. Etwa zwei Klienten pro Monat kann nicht im Rahmen des Projektes geholfen werden, sie werden in die psychiatrische Klinik überwiesen. Und einmal pro Woche halten Psychiater eine Sprechstunde ab, in der Medikamente verschrieben werden können.

Denn Soul Talk ersetzt keine Therapie: "Es handelt sich vielmehr um Prävention. Die Geflüchteten sollen in ihrer schwierigen Lebenssituation so weit unterstützt werden, damit sie nicht chronisch psychisch erkranken", sagt Zanker.

Noch ist unklar, wie das Projekt auf Dauer finanziert werden soll: Mittlerweile trägt das St. Josef Hospital alleine die Kosten, durch Crowdfunding konnte eine neue Stelle geschaffen werden. Vom Bundesland Bayern gibt es bis heute keine finanzielle Unterstützung, die Räume im "Anker"-Zentrum dürfen aber mietfrei genutzt werden. Dabei ist das Projekt durchaus ein Erfolg: Mehr als 450 Geflüchtete haben bis heute mindestens ein Beratungsgespräch bei Soul Talk gehabt. Eine Befragung der Klienten hat ergeben, dass sie sehr zufrieden mit der Beratung sind, sie wünschen sich noch mehr Gespräche.

Auch die Iranerin Parisa, die wie Salah als Beraterin für Soul Talk arbeitet, hält das Projekt für gelungen. Zunächst seien die Klienten noch misstrauisch gewesen: "Sie hatten Angst, wir wollten sie im Auftrag der Behörden aushorchen, obwohl für uns die Schweigepflicht gilt." Zudem sei das Konzept der psychosozialen Beratung nicht in allen Herkunftsländern bekannt oder akzeptiert.

Inzwischen aber empfehlen die Geflüchteten Soul Talk untereinander weiter: "Am Anfang haben wir noch an die Türen geklopft und gefragt, wie es ihnen geht. Heute kommen die Menschen von sich aus zu uns", sagt Parisa. "Das macht mich stolz. Denn es zeigt: Wir haben einen guten Job gemacht."



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