Prostatakrebs-Therapie Bestrahlen, operieren oder abwarten?

Nach der Diagnose Prostatakrebs gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Für welche Therapie sollte man sich entscheiden? Ein Urologe erklärt die wichtigsten Kriterien.

Illustration der Vorsteherdrüse: Jedes Jahr wird bei mehr als 65.000 Männern in Deutschland Prostatakrebs diagnostiziert
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Illustration der Vorsteherdrüse: Jedes Jahr wird bei mehr als 65.000 Männern in Deutschland Prostatakrebs diagnostiziert

Ein Interview von


ZUR PERSON
  • Maurice Stephan Michel
    Maurice Stephan Michel ist Direktor der Klinik für Urologie der Universitätsmedizin Mannheim. Als leitender Arzt an der Uniklinik in Zürich lernte er, mit dem Roboter urologische Eingriffe zu operieren. Später spezialisierte er sich darauf, Krebskrankheiten im Bereich der Urologie wirksam und so schonend wie möglich zu behandeln.
SPIEGEL ONLINE: Herr Michel, ich kenne drei Männer mit Prostatakrebs - der eine musste eine große Operation über sich ergehen lassen, der andere nahm Medikamente, der Dritte bekam überhaupt keine Behandlung. Da wurden doch zwei der Männer falsch behandelt!

Michel: Nein, im Gegenteil, vermutlich alle drei genau richtig. Wir passen heute die Therapie individuell an - und der betroffene Mann darf und soll mitentscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Wovon hängt ihr Therapievorschlag ab?

Michel: Von Alter und Gesundheitszustand des Patienten, vom Stadium des Krebses und von den Eigenschaften der Krebszellen. Hat der Patient noch eine Lebenserwartung von mindestens zehn Jahren, ist der Krebs klein und wächst wenig aggressiv, stehen ihm drei Optionen zur Verfügung: Operation, Strahlentherapie oder Abwarten und sich regelmäßig kontrollieren lassen. Letzteres nennen wir aktive Überwachung, "Active Surveillance".

SPIEGEL ONLINE: Abwarten? Aber der Tumor kann doch wachsen!

Michel: Das stimmt. Studien zeigen aber, dass von den Patienten mit bestimmten Tumoreigenschaften bei der aktiven Überwachung nur sehr wenige Männer mehr an dem Krebs sterben als nach Operation oder Bestrahlung. Manche Prostatakrebse wachsen nämlich so langsam, dass der Mann eher an anderen Krankheiten stirbt als an dem Tumor.

SPIEGEL ONLINE: Die beste Studie zum Überleben bei diesen Patienten dauerte aber nur fünf Jahre.

Michel: Das ist richtig. Wir vermuten aber aus anderen Studien, dass sich bei ihnen auch nach zehn und mehr Jahren das Überleben wenn überhaupt nur ganz wenig unterscheidet. In Kürze sollen größere Studien veröffentlicht werden, ich bin gespannt.

SPIEGEL ONLINE: OP oder Strahlentherapie: Was ist besser?

Michel: Beide Verfahren sind etabliert und können den Mann heilen. Bei der OP kommt der Tumor seltener wieder und vermutlich leben einige Männer damit etwas länger. Eine Bestrahlung schlage ich insbesondere dann vor, wenn der Mann aus gesundheitlichen Gründen nicht operiert werden darf oder er keine Operation möchte.

SPIEGEL ONLINE: Zwischen 50 und 90 Prozent der Männer bekommen nach OP oder Bestrahlung keine Erektion mehr, und einige sind inkontinent. Da würde ich mich doch lieber aktiv überwachen lassen.

Michel: Erstens: Das Risiko für Nebenwirkungen hängt von der Expertise des Operateurs ab. Ich würde jedem raten, den Arzt zu fragen, wie häufig es bei seinen Eingriffen zu Erektionsstörungen oder Inkontinenz kommt. Gut beraten ist man in einem zertifizierten Prostatakrebszentrum. Zweitens: Das aktive Überwachen kann psychisch ziemlich belasten. Denkt der Mann trotz guter Aufklärung ständig nur an den Krebs, entscheidet er sich besser für Operation oder Strahlentherapie. Dazu rate ich natürlich auch, wenn der Tumor voranschreitet.

SPIEGEL ONLINE: Einige Kliniken preisen fokale Therapien an. Was ist das?

Michel: Damit soll der Tumor gezielter behandelt und umliegende Gewebe geschont werden, damit es seltener zu Nebenwirkungen kommt. Beim hochfokussierten Ultraschall werden die Tumorzellen gezielt mit hoher Temperatur zerstört, bei der Elektroporation mit Stromstößen. Hyperthermie versucht dem Krebs mit Hitze zu Leibe zu rücken, Kryotherapie mit Kälte. Bei all diesen Maßnahmen ist aber noch unklar, welcher Mann davon profitiert. Wer sich dafür interessiert, sollte das nur im Rahmen von Studien machen.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit meinem Bekannten, der Medikamente gegen seinen Prostatakrebs nimmt?

Michel: Er hat vermutlich einen Tumor in einem fortgeschrittenen Stadium. Dann geben wir Arzneimittel, die die Testosteronbildung drosseln. Damit können wir das Wachstum des Tumors in der Regel für einige Jahre bremsen. Irgendwann wirken die Medikamente aber nicht mehr, und der Mann kann von einer Chemotherapie profitieren. Wenn der Tumor trotzdem weiter wächst, haben wir moderne neue Medikamente, die als Tablette eingenommen werden.

SPIEGEL ONLINE: Der Bekannte, der Medikamente nimmt, hat vorher erst eine Weile "Watchful Waiting" gemacht. Ist das das Gleiche wie aktives Überwachen?

Michel: Nein. "Watchful Waiting" oder abwartendes Beobachten kommt in Frage bei Männern, die vermutlich nicht mehr länger als zehn Jahre leben werden. Erst wenn sich der Tumor bemerkbar macht, etwa durch einen starken Anstieg von PSA im Blut, Probleme beim Wasserlassen oder Knochenschmerzen, machen wir eine Therapie mit Medikamenten. "Watchful Waiting" ist eine gute Strategie bei speziell ausgewählten Patienten, denn damit können wir dem Mann Nebenwirkungen einer Therapie zumindest für einige Jahre ersparen.

SPIEGEL ONLINE: Helfen sogenannte alternative Heilmethoden?

Michel: Nein, bei keiner ist das zuverlässig nachgewiesen. Ich rate den Männern, sich ausgewogen zu ernähren, genügend zu trinken und sich psychologische Unterstützung zu suchen. Auch der Besuch einer Selbsthilfegruppe ist informativ und kann entlasten. Man sollte nicht zu viel über den Krebs grübeln oder nächtelang im Internet darüber recherchieren. Die meisten Prostatakrebse sind heilbar oder über einen längeren Zeitraum unter Kontrolle zu halten, und der Betroffene hat noch ein ziemlich langes Leben vor sich.

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insgesamt 15 Beiträge
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nobuemi 13.06.2014
1. im Zweifel Behandeln
Ich hatte vor 12 Jahren die Entscheidung zu treffen (mit 59J). Ich bereue nicht. Die Untersuchung des Gewebes zeigte eine sehr schnell wachsende, aggresive Krebsart. Die Ultraschall Vorabuntersuchung zeigte, dass die Nerven bereits in bösartiges Gewebe eingewachsen waren. Die Nerven sind aber für die Erektion notwendig Trotzdem habe ich die OP machen lassen. Der Erfolg ist 100 %. Seither ist kein PSA mehr nachweisbar und die Gesundheit ist sicher gerettet. Und für die Erektion gabs auch eine Lösung. Die Ärzte können beraten, wenn man darüber offen sprechen mag. Ich kann nur empfehlen: nicht abwarten, das ist auch für Psyche besser!
koroview 13.06.2014
2. In kurzer Zeit
zweimal die gleiche nicht mal verschleierte Werbung für eine experimentelle Therapie. Lokale Hyperthermie mit fokussiertem Ultraschall ist nicht neu, geht aber nicht als Empfehlung in den Leitlinien ein, weil Effektivität und Nebenwirken weit schlechter als bei Operation oder Strahlentherapie sind. Gerade die Patienten, die für eine fokale Therapie in Betracht kommen, wären ebenso gute Kandidaten für active Surveillance. Die Rate der erektilen Dysfunktionen nach Strahlentherapie ist weit geringer als nach einer Operation (auch der robotisch assistierten). Die Aussage 50-90% gilt definitiv nicht für Strahlentherapie! Wenn der verehrte Kollege (ich bin Strahlentherapeut) seine Empfehlungen so formuliert, dass diejenige bestrahlt werden sollten, die er ungern operieren würde,(weil zu krank) verfehlt er die Empfehlungen seiner eigenen Fachgesellschaft. Die sieht nämlich eine gemeinsame Beratung des Patienten vor. Strahlentherapie ist keine zweite Wahl, vielmehr sollte bei Patienten bei deren Eingangsbefunden bereits fraglich ist ob eine erfolgreiche Operation gelingen kann, vorgezogen werden. Eine Pauschale Aussage, dass nach Operation die Rückfallquote geringer ist, ebenso falsch. Ihr Artikel ist leider auffällig tendenziös und irreführend. Schade.
wrissi 13.06.2014
3. Danke, koroview
mich überrascht nicht zum ersten Mal die schlampige bzw. wenig objektive Recherche des Spiegel online. Ist doch eher die BILD-Ausgabe des SPIEGEL !
JuliaG 13.06.2014
4. Mit Alternativen versuchen
Die Galvanotherapie ist in einer Studie 2007 der Uni Frankfurt, Vogl & Mayer, publiziert in "Radiologie", als sehr wirksam mit kaum Nebenwirkungen nachgewiesen. Es ist ein elektrochemisches Verfahren und folgt nicht der Statistik sondern elektrochemischen Gesetzen.
mirage122 13.06.2014
5. Individuelle Therapie-Möglichkeiten
Mein Vater lebt seit mehr als 25 Jahren mit der Diagnose Prostata-Krebs. In ein paar Tagen wird er 92 Jahre alt. Darum muss ich mich immer sehr zurück halten, wenn Herr Bosbach da so einen großen Akt aus seiner Erkrankung macht. Mein Vater wurde mit weiblichen Hormonen behandelt, was den an sich schlanken, drahtigen und sportlichen Mann plötzlich mit recht femininen Attributen ausgestattet hat. Das hat sich aber bald gegeben. Möglich, dass in jedem Fall eine individuelle und persönliche Therapie notwendig ist. Ich wünsche den Fachärzten diesbezüglich immer die richtige Entscheidung, habe da aber leider meine Zweifel. OP als "Priorität 1" ist sicherlich finanziell lukrativ, aber selten der richtige Weg.
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